socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Ulrike Hoffmann-Richter, Laura Pielmaier: Die psychiatrisch-psychologische Begutachtung

Cover Ulrike Hoffmann-Richter, Laura Pielmaier: Die psychiatrisch-psychologische Begutachtung. Ein Leitfaden für die Praxis. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2015. 190 Seiten. ISBN 978-3-17-028505-7. 49,00 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Die psychiatrisch/psychologische Begutachtung steht im Spannungsfeld zwischen medizinischer Stellungnahme und juristischer Entscheidung. Immer mehr Psychiater und auch andere Ärzte übernehmen die große Herausforderung, psychiatrische Gutachten zu erstellen. Um gute Gutachten zu verfassen, ist es nicht allein ausreichend, die rechtlichen und medizinischen Grundlagen zu kennen, theoretische und methodische Kompetenzen zu haben. Ganz entscheidend ist die Erfahrung. Um diese nicht ganz allein sammeln zu müssen, kann der vorliegende Leitfaden ein gute Hilfe bieten.

Autorinnen

Frau Dr. med. Ulrike Hoffmann-Richter wurde 1958 geboren. Sie ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Sie baute den Versicherungspsychiatrischen Dienst der Schweizer Unfallversicherung (SUVA) mit auf und war dort viele Jahre Bereichsleiterin. Seit Ende 2014 ist Frau Dr. med. Ulrike Hoffmann-Richter in eigener Praxis in Luzern tätig. Sie bietet dort integrierte psychiatrische Behandlung. Ihre psychotherapeutische Hauptrichtung ist die Tiefenpsychologie. Sie ist auf Begutachtung spezialisiert und führt Begutachtungen im Bereich Sozialversicherungen (IVG, MVG, UVG, VVG) durch.

Die Co-Autorin Frau Dr. phil. Laura Pielmaier ist Dipl.-Psychologin. Sie ist in den Psychiatrischen Diensten Aargau AG tätig.

Entstehungshintergrund

Es gibt zu dem Thema der psychiatrischen/psychologischen Begutachtung viele Lehr- und Handbücher, die allgemein in die Begutachtung einführen, sowie die rechtlichen und medizinschen Grundlagen bieten bzw. die psychologische Diagnostik darstellen. Die Praxis als Ergänzung zur Theorie, Methodologie und Methodik wurde bisher jedoch zu stark vernachlässigt. Der vorliegende Leitfaden soll die „Praxis-Lücke“ schließen. Die praktische Seite der Begutachtung steht hier ganz deutlich im Vordergrund. Es soll dargestellt werden, wie bei einer Begutachtung vorzugehen ist.

Aufbau

Dem Leitfaden ist ein Geleitwort und ein Vorwort vorangestellt. Der Aufbau orientiert sich am praktischen Ablauf zur Erstellung eines Gutachtens. Er beinhaltet alle wichtigen praktischen Informationen von der Auftragsübernahme, der Vorbereitung, über die Durchführung der Untersuchung, den dabei verwendeten Instrumenten und der Auswertung bis hin zur Textfassung. Ausgewählte Instrumente und Hilfsmittel werden vorgestellt und der praktische Einsatz an Beispielen beschrieben. Besonderheiten bei interdisziplinären Gutachten werden dargestellt, Problemkonstellationen beschrieben und Lösungsansätze vorgeschlagen.

Der Leitfaden gliedert sich in acht größere Kapitel:

  1. Einführung
  2. Verfügbare diagnostische Zugänge
  3. Vor der Untersuchung
  4. Während der Untersuchung
  5. Nach der Untersuchung
  6. Textfassung
  7. Nachlese
  8. Anhang

Abschließend findet man ein ausführliches Literaturverzeichnis sowie ein Stichwortverzeichnis. Als Zusatzmaterial wird eine Worddatei angeboten, die aus dem Internet kostenfrei heruntergeladen werden kann. Sie enthält den Explorationsleitfaden aus dem Kapitel 8.1.3.

Inhalt

Einführung. Im Einführungskapitel wird erläutert, weshalb der Fokus dieses Leitfadens auf der Explizierung der Praxis und dem Einsatz von formalisierten Instrumenten liegt und wie die Autorinnen dazu gekommen sind.Weiterhin wird dort die Ziele des Leitfadens ausgeführt und die Bedeutung der Praxis hervorgehoben. Ein Schwerpunkt des Buches liegt auf den formalisierten Instrumenten. Der Ansatz der integrierten Diagnostik ist für die Praxis der Begutachtung sinnvoll und notwendig.Die Einleitung schließt mit der Erläuterung notwendiger Sprachregelungen und Verbalisierungen.

Verfügbare diagnostische Zugänge. Es wird keine Auflistung mit dem Anspruch auf Vollständigkeit gegeben sondern praktisch nützlichen Beispiele von Varianten, Methoden und formalisierten Instrumenten vorgestellt, die zur Verfügung stehen. Weiterhin werden viele Literaturstellen zitiert und ein Überblick gegeben, wo mach sich die notwendigen Informationen im Bedarfsfall beschaffen kann. Es werden verschiedene Verfahrensgruppen und deren Anwendungsbereiche vorgestellt. Ein Unterkapitel befasst sich speziell mit dem Einsatz von formalisierten Instrumenten in der Begutachtung.

Vor der Untersuchung. Eine gute Vorbereitung hilft dabei, eine gezielte Untersuchung durchführen zu können. Der Gutachtenauftrag sollte zuerst redefiniert, die bereits erhobenen Daten analysiert und geordnet, Lücken und Unklarheiten identifiziert und die relevanten Informationen zum Exploranden zusammengetragen und bei Bedarf Ergänz werden. Es müssen die Ausgangsbedingungen optimiert werden. Dabei sind sprachliche Verständigung, intellektuelle Voraussetzungen und die bisherigen Erfahrungen mit Versicherungen und Begutachtungen der Exploranden zu berücksichtigen. Zudem muss die eigene Rolle reflektiert werden. Eine gründliche Vorbereitung anhand der Akten sollte erfolgen. Die gewählten Methoden sollten bekannt sein und routiniert angewendet werden können. Am Ende der Vorbereitung sollten Arbeitshypothesen formuliert, offene Fragen und Diskrepanzen identifiziert sein und die notwendigen Unterlagen bereit gelegt werden.

Während der Untersuchung. Wichtig ist ein hohes Maß an Flexibilität, da trotz optimaler Vorbereitung Überraschungen während der Untersuchung auftreten können. Die Dokumentation während der Untersuchung sollte in dem ausgearbeiteten Explorationsleitfaden erfolgen. Schlüsselsätze sollten im Wortlaut notiert werden. Es werden mehrere Gesprächsetappen im Rahmen der Exploration aufeinanderfolgen. Mit einer Einleitung sollte eine angenehme Atmosphäre geschaffen werden, die Begrüßung dient der ersten Kontaktaufnahme. Zur Einleitung gehört ebenfalls die Information über den Zweck der Untersuchung und deren Ablauf, sowie der Hinweis auf die Schweigepflicht. Anschließend sollte eine offene Frage nach dem Befinden erfolgen. Im Hauptteil der Untersuchung sollten alle grundsätzlich relevanten Themen erhoben werden. Eine alle Etappen begleitende Aufgabe ist es, Diskrepanzen abzuarbeiten. Pausen sollten mit eingeplant werden, können aber auch spontan notwendig werden. Gegebenenfalls können weitere Explorationstermine vereinbart werden. Es können auch Gespräche mit Begleitpersonen erfolgen möglichst in Gegenwart des Exploranden. In der Abschlussbesprechung wird eine vorläufige Zusammenfassung gegeben, der weitere formale Ablauf besprochen. Der Zeitpunkt des Einsatzes von formalisierten Instrumenten sollte gut überlegt sein. Das Vorgehen ist bei vielen formalisierten Instrumenten vorgegeben und standardisiert. Auf die verschiedensten Problemkonstellationen wird auch anhand von Fallbeispielen eingegangen. Ein eigenes Unterkapitel ist der Selbstreflexion gewidmet. Es werden außerdem Besonderheiten bei interdisziplinären Gutachten beschrieben.

Nach der Untersuchung. Die Vervollständigung der Notizen sollte so zeitnah wie möglich erfolgen. War während der Exploration ein Dolmetscher zugegen, sollte direkt im Anschluss ein Nachgespräch mit diesem erfolgen. Mit der Auswertung der Exploration können erneut Diskrepanzen auftreten, die geprüft werden müssen. Es gibt formalisierte Instrumente, die erst nach der Untersuchung zum Einsatz kommen. Die formalisierten Instrumente sowie Zusatzuntersuchungen müssen ausgewertet und interpretiert werden. Im Rahmen der Selbstreflexion sollte die Gefühlsarbeit während der Untersuchung rekonstruiert werden ebenso wie die Aufarbeitung der Gefühlsarbeit nach der Untersuchung. Beim Verfassen der Beurteilung sollte beachtet werden, dass der Text ein- bis mehrmals überarbeitet werden muss. Handelt es sich um ein interdisziplinäres Gutachten ist eine Nachbesprechung mit den Kollegen anderer Fachrichtungen unerlässlich.

Textfassung. Das Gutachten sollte grundsätzlich nach Aktenauszug, Untersuchung, Befund- und Beurteilung, sowie Beantwortung der Fragen gegliedert sein. Für darüber hinausgehende Details sollte sich am Auftrag und an der Fragestellung orientiert werden. Auch das Verfassen des Gutachtens erfolgt in Etappen.

Nachlese. Als Teil der Nachlese sollte sich der Gutachter die Frage stellen, was er bei der Verfassung des Gutachtens gelernt hat. Nachspiele (nach Beendigung der Untersuchung) können auf verschiedene Art und Weise bedeutsam sein und noch ergänzende Informationen liefern.

Anhang. Hier werden Hilfsmittel vorgestellt: Die Erstellung sogenannter Mindmaps, einer Technik zur Erweiterung der menschlichen Gedächtniskapazität und zur Förderung des kreativen Denkens. Zur Systematisierung der Information lohnt es in einigen Fällen die Ereignisse entlang einer Zeitachse, auf einem sogenannten Life-Chart darzustellen. Ein Untersuchungsleitfaden kann helfen, in der Untersuchung strukturiert und fokussiert vorzugehen. In einer übersichtlichen Tabelle finden sich Hinweise zum funktionsorientierten Interview. Es werden weiterhin Beispielfragen zur Analyse motivationaler und volitionaler Merkmale in Anlehnung an das Rubikon-Modell von Heckhausen vorgestellt. Man findet eine ausführliche Gliederung des Gutachtens, sowie eine Übersicht ausgewählter formalisierter Instrumente.

Diskussion

Sehr nützlich sind die Fallbeispiele, anhand derer die Erklärungen erfolgen. Es gibt Empfehlungen, Fragelisten und Hinweise, die speziell hervorgehoben sind.

Das Buch liefert einen konkreten praxisnahen Einstieg in die große Aufgabe ein psychiatrisch-psychologisches Gutachten zu erstellen. Man findet ausreichend Hinweise auf weiterführenden Literatur, sodass im Rahmen dieses Buches auf ausführliche Grundlageninformationen bewusst verzichtet werden konnte.

Fazit

Der Leitfaden stellt eine Einführung in die psychiatrisch-psychologische Begutachtung dar und gibt dafür eine praktische Anleitung. Der Focus liegt auf der Veranschaulichung der praktischen Tätigkeit mit dem Einsatz von formalisierten Instrumenten.


Rezensentin
Dr. med. Sandra Krüger
E-Mail Mailformular


Alle 13 Rezensionen von Sandra Krüger anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Sandra Krüger. Rezension vom 29.01.2016 zu: Ulrike Hoffmann-Richter, Laura Pielmaier: Die psychiatrisch-psychologische Begutachtung. Ein Leitfaden für die Praxis. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2015. ISBN 978-3-17-028505-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19879.php, Datum des Zugriffs 17.11.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung