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Eckhard Jesse (Hrsg.): Wie gefährlich ist Extremismus?

Cover Eckhard Jesse (Hrsg.): Wie gefährlich ist Extremismus? Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. 223 Seiten. ISBN 978-3-8487-1126-0. 44,00 EUR.
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Thema

Das deutsche Jahr 2015 wird vielleicht im Rückblick der Historiker nicht ganz so extrem beurteilt, wie der Rezensent es tut. Für ihn, also dem Rezensenten, hat sich mit der PEGIDA-Bewegung und deren Ableger im vergangenen Jahr eine soziale Bewegung etabliert, die die Demokratie in diesem Lande angreift. Die z.T. offen rassistische und fremdenfeindliche Rhetorik auf den Demonstrationen der Pegidisten richtet sich nicht nur gegen die Flüchtlinge und die deutschen Gutmenschen, sondern eben auch gegen den Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes. Die Fragen, die nicht nur den Rezensenten umtreiben, sondern wohl auch die Autoren des vorliegenden Sonderbandes beschäftigen, lassen sich vielleicht so formulieren: Wie gefährlich ist der Extremismus der neuen rechtspopulistischen Bewegungen; ist eine streitbare Demokratie ein probates, der politischen Verfasstheit unseres Landes entsprechendes Instrument, um diesem Extremismus zu begegnen oder gehört er, also der Extremismus der rechtspopulistischen Bewegungen, zum „spezifischen Betriebsrisiko der Demokratie“ (Leggewie & Meier auf Seite 174 des Bandes)?

Die im Sammelband vereinten Beiträge widmen sich diesen und weiteren Fragen. Die dabei vertretenen Positionen sind durchaus divers. Eckhard Jesse verweist allerdings auch darauf, dass bei allem Dissens zumindest in zwei Punkten Konsens zwischen den Autoren zu bestehen scheint: „Zum einen ist der demokratische Verfassungsstaat durch verschiedene Formen des Extremismus mehr oder weniger stark bedroht, zum anderen kann auch der Alltag der Demokratie eine Gefahr für die Bausteine des demokratischen Verfassungsstaates bedeuten“ (S. 26).

Herausgeber und Autoren

Den Herausgeber des Sonderbandes muss man eigentlich nicht mehr vorstellen: Eckhard Jesse war bis zu seiner Emeritierung Professor für Politikwissenschaft an der TU Chemnitz. Er ist neben Uwe Backes einer der Hauptvertreter der Extremismustheorie. Uwe Backes, der im Band ebenfalls vertreten ist, arbeitet als Professor am Institut für Politikwissenschaft an der TU Dresden und ist stellvertretender Direktor des dortigen Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung. Neben Eckhard Jesse und Uwe Backes kommen im Band folgende Autoren (es sind wirklich nur Männer) in dieser Reihenfolge zu Wort: Tom Thieme (Privatdozent an der Technischen Universität Chemnitz), Tom Mannewitz (Juniorprofessor ebenfalls an der Technischen Universität Chemnitz), Steffen Kailitz (Privatdozent am Hannah-Arendt-Institut der TU Dresden), Armin Pfahl-Traughber (Professor an der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung), Claus Leggewie (Professor am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen), Horst Meier (promoviert und freier Publizist), und Lazaros Miliopoulos (Privatdozent am Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn).

Kenner und Kennerinnen der Forschungsdomäne ahnen möglicherweise bei der Lektüre der Autorennamen, dass es im vorliegenden Band auch um den Streit zwischen Jesse/Backes und Leggewie/Meier geht. Und Sie ahnen richtig; allerdings wird der Streit moderat und quasi um die Ecke herum ausgetragen.

Aufbau und Inhalte

Eckhard Jesse eröffnet mit seinem Einleitungsbeitrag („Wie gefährlich ist Extremismus?“) den Reigen, indem er zunächst auf diverse Kritik an der Extremismusforschung eingeht und für einen Antiextremismus plädiert, in dem er ein geeignetes Gebot sieht, um extremistische Gefahren zu ermitteln. „Eine lediglich antifaschistische, eine lediglich antikommunistische sowie eine lediglich antifundamentalistische Position trägt nicht“, so Jesse (S. 11). Auch das, wie Jesse schreibt (S. 12), „vage gehaltene Paradigma der zivilen Gesellschaft“ scheint seiner Meinung nach nicht zu tragen, denn es biete „ein Einfallstor, die unter Umständen ihrerseits Prinzipien des demokratischen Verfassungsstaates widerstreiten“ (ebd.). Nun ist der Rezensent möglicherweise nicht genügend mit der Forschungsdomäne vertraut, aber etwas mehr Erklärung zum besagten Einfallstor wäre durchaus hilfreich gewesen.

Der o.g. Ecke, um die die Meinungsverschiedenheiten zwischen Jesse/Backes und Leggewie/Meier, begegnet man in Jesses Beitrag unter dem Abschnittstitel „Zwischen Kelsens Relativismus und Marcuses Absolutismus“ (S. 15ff.). Dazu muss man wissen, dass Hans Kelsen (1881 bis 1973) nicht nur ein herausragender Rechtswissenschaftler war, der 1940 wegen seiner jüdischen Herkunft zur Emigration gezwungen wurde und in die USA ging, sondern auch von Claus Leggewie und Horst Meier als wichtiger Ideengeber zitiert wird, um den von beiden vertretenen Ansatz eines aufgeklärten Republikschutzes zu begründen (S. 188ff.). Aber dazu später. Eckhard Jesse setzt sich nun engagiert mit, wie er schreibt, Kelsens „Plädoyer für Relativismus“ auseinander, dass nach Jesse (ebd.) faktisch die freiheitliche Ordnung gefährde. Mit diesem Plädoyer ist wohl Kelsens Auffassung gemeint, dass eine Demokratie auch eine auf Vernichtung der Demokratie gerichtete Bewegung dulden muss, wenn sie nicht gegen ihre ureigenen, eben demokratischen Grundprinzipien verstoßen will. Diese Auffassung wiederum steht im Zentrum der später noch zu besprechenden Vorstellungen von Leggewie/Meier. Das heißt, der o.g. Streit zwischen den Vertretern einer streitbaren Demokratie im Sinne der Extremismustheorie (Eckhard Jesse u.a.) und den Protagonisten des Republikschutzes (Claus Leggewie und Horst Meier) wird quasi auf dem Rücken eines verstorbenen Ideengebers ausgetragen. Sicher, in Jesses Beitrag gibt es noch mehr zu lesen. Die Lektüre sei also empfohlen.

Der nach dem Einleitungsbeitrag von Eckhard Jesse folgende Teil 1 des Bandes („Theoretische Grundlagen“) beginnt mit einem Aufsatz von Tom Thieme („Extremistisches Gefahrenspotenzial – Untersuchungsgegenstand, Messung und Fallbeispiele“). Thieme entwickelt einen Ansatz, um das Bedrohungs- bzw. Gefahrenspotenzial abschätzen zu können, dass von rechts- und linksextremistischen Parteien ausgehen kann. Analysiert werden beispielhaft die Nationaldemokratische Partei Deutschlands, der belgische Vlaams Belang, die ungarische Jobbik-Bewegung, die Kommunistische Partei von Böhmen und Mähren, die Kommunistische Partei Frankreichs und die Kommunistische Partei Österreichs. Der Ansatz mag interessant sein und die Verortung der Parteien auf einer zweidimensional skalierten Folie (a. Ausmaß der politischen Bedrohung bzw. Gefährdung des politischen Systems, b. Ausmaß der sozialen Bedrohung bzw. Gefährdung der individuellen Freiheit des Einzelnen) erscheint ziemlich plausibel. Ob die vom Autor explizit genannten methodischen Gütekriterien (Intersubjektivität, Reliabilität und Validität) auf den Ansatz und seinen Operationalisierungen anwendbar sind, ist dem Text leider nicht zu entnehmen.

Auch Tom Mannewitz versucht sich im anschließenden Beitrag („Jenseits von ‚Islamismus‘, ‚Links-‘ und ‚Rechtsextremismus‘ – eine gefahrenorientierte Extremismustypologie“) an einer Klassifizierung bzw. Typologie. Ausgangspunkt dieses Versuches sind die nicht nur von Mannewitz geäußerten Zweifel an der „Standardtypologie“ (also die Unterscheidung in Links- und Rechtsextremismus, ergänzt um den Islamismus). Um diese Zweifel zu begründen, formuliert Mannewitz zunächst methodische und substantielle Anforderungen an eine „gefahrenorientierte Extremismustypologie“ (S. 64ff.). Diese Anforderungen sind plausibel; die anschließende sechsdimensionale Typologie des politischen Extremismus erinnert den Rezensenten aber an seinen alten Methodologielehrer, der angesichts psychologischer Klassifikationen immer wieder forderte, man solle doch bitteschön ein nachvollziehbares (also reliables und valides) Kriterium angeben, warum es gerade sechs und nicht sechsundsechzig Dimensionen bzw. Merkmale sein müssen, die das Klassifikationssystem charakterisieren.

Um nicht missverstanden zu werden: Der Rezensent wertschätzt das Bemühen von Tom Mannewitz, „die von einem politischen Phänomen ausgehenden Gefahren für den demokratischen Verfassungsstaat“ zu präzisieren und „für einen Vergleich analytisch nutzbar“ (S.81) zu machen. Ob die sechsdimensionale Typologie des politischen Extremismus tatsächlich nützlich und praktikabel ist, wird sich wohl noch zeigen müssen. Das sieht Mannewitz nicht anders (S. 82).

Der vom Rezensenten geschätzte Uwe Backes setzt sich in seinem Beitrag („Extreme Gefahr aus der Mitte?“) zunächst kritisch mit den Studien auseinander, die einen Vormarsch des Extremismus in die „Mitte der Gesellschaft“ diagnostizieren. Gemeint sind u.a. die von den Leipziger Forschern um Elmar Brähler und Oliver Decker durchgeführten „Mitte-Studien“ (z.B. Decker & Brähler, 2008; Decker, Kiess & Brähler, 2012; Decker, Kiess & Brähler, 2014; Decker, Kiess & Brähler, 2015). Dass es sich dabei um Einstellungsuntersuchungen handelt, die wenig über politisches Verhalten auszusagen vermögen (S. 92), liegt auf der Hand und muss eigentlich nicht sonderlich thematisiert werden. Auch die von Backes lobend erwähnte Rechtsextremismusskala, die auf der Basis einer von Vertretern verschiedener Forschungsrichtungen formulierten „Konsensdefinition“ entwickelt wurde (Kreis, 2007), vermag die bekannte Einstellungs-Verhaltens-Diskrepanz nicht zu überwinden.

Überdies: Aus den von Joachim Kreis (2007) mitgeteilten Berichten über die Tagungen, auf denen die Konsensdefinition erarbeitet wurde, lässt sich nicht entnehmen, auf welchen theoretischen Prämissen oder Konzeptionen diese Definition aufbaut. Die „Konsensdefinition“ ist eine Definition durch Aufzählung, ohne dass ein Kriterium angegeben wird, ob die Aufzählung von sechs Dimensionen rechtsextremer Einstellungen vollzählig, hinreichend oder nur beispielhaft erfolgt.

Der Rezensent hält die von Wilhelm Heitmeyer und Kollegen (Heitmeyer et al., 1992; Heitmeyer & Möller, 1995) vor etlichen Jahren vorgelegt Definition von Rechtsextremismus noch immer für praktikabel und nützlich (vgl. auch Frindte et al., 2015). Rechtsextremistische Orientierungen setzen sich danach aus einer Ideologie der Ungleichheit bzw. Ungleichwertigkeit und der Gewaltaffinität (bis hin zu gewalttätigem Handeln) zusammen. Beide Dimensionen werden durch Subdimensionen mit verschiedenen Facetten untergliedert und operationalisiert. Mit den Instrumentarien, die auf der Basis der o.g. Konsensdefinition entwickelt und in den anonymen Befragungen eingesetzt wurden, werden indes nur Facetten der Ideologie der Ungleichwertigkeit (im Sinne der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, Heitmeyer, 2002 bis 2012) erfasst. Ganz abgesehen davon, dass sich Mitglieder rechtsextremer und rechtspopulistischer Bewegungen auch in anonymen Befragungen kaum oder gar nicht über ihre Gewaltaffinität äußern.

Kurz und gut: Uwe Backes hat ja recht, wenn er meint: „Einstellungsuntersuchungen sind für sich allein genommen ungeeignet, um ein realistisches Gefährdungsbild zu erstellen – gleichgültig ob ‚aus der Mitte‘ oder ‚von den Rändern‘“ (S. 99). Um dennoch einen „Monitor“ zu haben, um ein „realistisches Lagebild“ über systemgefährdende Extremismuspotenziale erhalten zu können, erscheinen nach Backes drei Analyseebenen bedeutsam: „a) extremistische Akteure, b) die ihrem Erfolg entgegenstehenden Sicherheitsmechanismen und c) die Höhe des Schadens, wenn diese versagen“ (S. 99). Alles Weitere lese man im Beitrag.

Im Teil 2 des Bandes („Extremistische Gefahren in Europa“) finden sich zwei Beiträge: Steffen Kailitz („Gefahren durch Extremismus, Gefahren im Umgang mit Extremismus – Beobachtungen aus der Hochphase des ‚Zeitalters der Extreme‘ – 1919-1939“) untersucht auf der Grundlage einer Vollerhebung der Demokratien der Zwischenkriegszeit, „welche Bedeutung Gefahren durch extremistische Strömungen und welche Bedeutung Gefahren mit dem Extremismus bei der Beobachtung konkreter Demokratiezusammenbrüche zukommt“ (S. 115). Dieser Beitrag dürfte nicht nur für geschichtsaffine Leserinnen und Leser interessant sein, kommt Kailitz doch zu einer Schlussfolgerung, die sich durchaus auch auf gegenwärtige Demokratien beziehen lässt: „Demokratien sind in erster Linie durch ambivalente Kräfte von rechts gefährdet“ (S. 126).

Armin Pfahl-Traughber untersucht anschließend „Die Gefahr des Extremismus durch links- und rechtsextremistische Parteien“ (S. 137ff.) in Deutschland, Frankreich, Griechenland, Italien, Schweden, Spanien, Tschechien und Ungarn. Dass die Partei „Die Linke“ in Deutschland „offen extremistische Strukturen als legitimen Ausdruck ihrer Organisation ansieht“ hätte der Rezensent – nebenbei gesagt – schon quellenmäßig stärker belegt gelesen. Insgesamt kommt Pfahl-Traughber zum Schluss, dass auch in Ländern, die (wie Frankreich und Schweden), für eine besonders demokratische Prägung ihrer politischen Kultur stehen, extremistische Bestrebungen selbst in der Mehrheitsgesellschaft und nicht nur in Krisenländern politische Akzeptanz finden. Der Rezensent hofft, dass Pfahl-Traughbers Satz, dem stehe „allerdings die Dominanz der demokratischen Kräfte entgegen“ (S. 157), in Deutschland und den anderen europäischen Ländern nicht nur ein whistling in the dark ist.

Teil 3 des Bandes behandelt „Gefahren im Umgang mit Extremismus“. Hier findet sich der schon mehrfach erwähnte Beitrag von Claus Leggewie und Horst Meier („Vom Betriebsrisiko der Demokratie – Versuch, die deutsche Extremismusdebatte vom Kopf auf die Füße zu stellen“). Dass sich beide Autoren zu Beginn ihres Textes als ehemalige Maoisten outen, findet der Rezensent sehr sympathisch. Aber natürlich spielt das nur am Rande des Beitrages eine Rolle. Vorrangig geht es den Autoren darum, darauf aufmerksam zu machen, dass eine lebendige Demokratie nicht nur auf Sicherheit (durch eine „streitbare Demokratie“), sondern auch und vornehmlich auf Freiheit fokussiert werden muss. „Das heißt, bei der Verteidigung von Demokratie sind Gefahren niemals allein auf eine abstrakte Ordnung, sondern zugleich stets auf die Freiheit zu beziehen“ (S. 168f., Hervorh. im Original). Um dieses Argument zu entfalten, unterscheiden die Autoren zwischen systemimmanenten und systemsprengenden Gefahren: Systemimmanent sind jene Gefahren, die sich aus der Funktion der Demokratie ergeben können und nicht beseitigt werden dürfen; systemsprengend sind die Gefahren, die die Demokratie beeinträchtigen, u.U. zerstören können und deshalb bekämpft werden müssen (S. 169).

Mit den systemimmanenten Gefahren sind immer auch Risiken (Leggewie und Meier sprechen hier von „Betriebsrisiken“) verbunden, die eine Demokratie, will sie sich nicht selbst in Frage stellen, aushalten und austarieren muss: „Die Demokratie lebt mit und von jenen Gefahren der Freiheit, die sie naturgemäß entbindet. Ein wohlkalkuliertes Risiko gehört zum Wesen der Demokratie“ (S. 171). Ein solches Risiko steckt zum Beispiel im verfassungsmäßig garantierten Recht auf freie Meinungsäußerung oder im Versammlungsrecht, das eben auch „für unsicher gehaltene Kantonisten“ (S. 174) Gültigkeit besitzt. Was staatliche Sicherheitspolitik in einer Demokratie in solchen und ähnlichen Fällen nicht darf, liegt für Leggewie und Meier quasi auf der Hand: „Sie darf die öffentlichen Kommunikationsprozesse nicht stören, sie darf den politischen Meinungskampf nicht gängeln, dämpfen oder gar abwürgen“ (S. 175). Und so sollten Leserinnen und Leser sich nicht wundern, wenn die Autoren den erneuten Versuch, die NPD verbieten zu lassen, sehr kritisch sehen. Die Vorwürfe, die gegen die NPD erhoben werden, und die Fakten, die diese Vorwürfe stützen sollen, zusammenfassend, schreiben Leggewie und Meier: „Konspiration mit dem NSU? Fehlanzeige. Aktionsplattform für fremdenfeindliche Gewalttäter? Fehlanzeige. Kampf um die Straße? Fehlanzeige. Kampf um die Köpfe und Parlamente? Fehlanzeige“ (S. 180).

Nein, verehrte Kollegen, das sieht der Rezensent aus seiner – zugegebenermaßen thüringisch geprägten – Kleinstaaten-Brille ganz anders. Dass im Münchner NSU-Prozess auch ein ehemaliges Führungsmitglied der NPD auf der Anklagebank sitzt, dass zumindest die Thüringer NPD in der Vergangenheit auch den gewalttätigen Fremdenfeinde reale und virtuelle Plattformen anzubieten hatte, dass der Kampf um die Straße nicht nur im beschaulichen Jena geführt wurde (und weiterhin geführt wird) – all das sind keinesfalls Fehlanzeigen.

Aber ja, der Rezensent stimmt den Autoren voll und ganz zu, wenn sie argumentieren, dass der Staat nicht in Kommunikationszusammenhänge reglementierend eingreifen und an sich legales Verhalten nicht mit rechtlichen Sanktionen belegen darf (S. 185). Aber ja, es geht nicht um den Kampf gegen anstößiges Gedankengut und schon gar nicht um den Kampf gegen Gesinnungen. Und ja, es geht um Republikschutz (im Sinne der Autoren) und darum, politisch motivierte Gewalttaten oder deren konkrete Androhung ebenso zu bekämpfen wie nachweislich gefährliche Hasspropaganda (S. 186). Auch die in Anlehnung an Hans Kelsen gezogene Grenzlinie zwischen der „Verbreitung gewisser Ideen und der Vorbereitung eines revolutionären Umsturzes“ (Originalzitat Kelsen auf Seite 188), um antidemokratische Bewegungen und Organisationen zu bewerten, ist plausibel, sinnvoll und in einer Demokratie uneingeschränkt zu beachten. Insofern ist der Rezensent rational ganz auf der Seite der Autoren, wenn sie statt für eine streitbare für eine liberale Demokratie plädieren.

Angesichts wütender NPD-Demonstranten oder randalierender Thügida-Anhänger fällt dem (seit 1989 demonstrationserprobten) Rezensenten aber die emotionale Einsicht in die demokratische Notwendigkeit nicht leicht.

Um solche Einsichten geht es mehr oder weniger auch im abschließenden Beitrag des Bandes. Lazaros Miliopoulos behandelt in diesem Text „Moralische Probleme beim Umgang mit Extremismus in Deutschland“ und fragt u.a. nach den moralischen und ethischen Gründen für die Ausgrenzung Andersdenkender, nach den Geboten im Umgang mit Extremisten und nach den Gefahren einer praktischen „streitbaren Demokratie“ in Deutschland. Es gebe, so Miliopoulos u.a., in Deutschland eine bereits endemisch gewordene antirechtsextreme Ausgrenzungsbereitschaft (S. 214). Das mag sein.

Dem Rezensenten fällt diesbezüglich kein anderes Gegenargument ein, als auf den Umfang politisch motivierter Straftaten mit extremistischem Hintergrund zu verweisen: Im Verfassungsschutzbericht für das Jahr 2014 (der aus 2015 liegt noch nicht vor) werden für dieses Jahr 16.559 politisch motivierte Straftaten-rechts und 4.424 politisch motivierte Straftaten-links genannt (Verfassungsschutzbericht 2014, S. 26). Vielleicht liegen in diesem Ungleichgewicht die Gründe für die von Lazaros Miliopoulos beklagte Ausgrenzungsbereitschaft.

Fazit

Der Sonderband der Zeitschrift für Politikwissenschaft ist teuer; die Beiträge hingegen sind lesenswert und aufschlussreich; die Argumente, die in vermeintlichen Streitfällen (etwa im Streit um den „Extremismus der Mitte“ oder im Streit um die streitbare versus liberale Demokratie) vorgetragen werden, sind allemal klug. Man muss ja nicht mit allen Auffassungen, die die Autoren äußern, einverstanden sein. Ganz im Gegenteil. Der Meinungsstreit über den Extremismus muss weitergehen. Das sind auch die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Demokratie schuldig.

Zitierte Literatur

  • Decker, O. & Brähler, E. (2008). Bewegung in der Mitte. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2008. Berlin: Friedrich-Ebert-Stiftung.
  • Decker, O., Kiess, J. & Brähler, E. (2012). Die Mitte im Umbruch. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2012. Bonn: Dietz.
  • Decker, O., Kiess, J. & Brähler, E. (2014). Die stabilisierte Mitte – Rechtsextreme Einstellung in Deutschland 2014. Leipzig: Universität Leipzig.
  • Decker, O., Kiess, J., Brähler, Elmar (Hrsg.). (2015). Rechtsextremismus der Mitte und sekundärer Autoritarismus. Gießen: Psychosozial-Verlag.
  • Frindte, W., Geschke, D. Haußecker, N. & Schmidtke, F. (Hrsg.) (2015). Rechtsextremismus und „Nationalsozialistischer Untergrund“. Wiesbaden: Springer VS.
  • Heitmeyer, W. (2002 bis 2012). Deutsche Zustände Folge 1 bis 10. Frankfurt am Main bzw. Berlin: Suhrkamp.
  • Heitmeyer, W., Buhse, H., Liebe-Freund, J., Möller, K., Müller, J., Ritz, H., Siller, G. & Vossen, J. (1992). Die Bielefelder Rechtsextremismus-Studie. Erste Langzeituntersuchung zur politischen Sozialisation männlicher Jugendlicher. Weinheim und München: Juventa.
  • Heitmeyer, W. & Möller, J. (1995). Fremdenfeindliche Gewalt junger Menschen. Biografische Hintergründe, soziale Situationskontexte und die Bedeutung strafrechtlicher Sanktionen. Godesberg: Forum Verlag.
  • Kreis, J. (2007). Zur Messung von rechtsextremer Einstellung: Probleme und Kontroversen am Beispiel zweier Studien. Arbeitshefte aus dem Otto-Stammer-Zentrum Berlin, Nr. 12.

Rezension von
Prof. Dr. Wolfgang Frindte
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Institut für Kommunikationswissenschaft - Abteilung Kommunikationspsychologie
Homepage www.ifkw.uni-jena.de
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Zitiervorschlag
Wolfgang Frindte. Rezension vom 03.05.2016 zu: Eckhard Jesse (Hrsg.): Wie gefährlich ist Extremismus? Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. ISBN 978-3-8487-1126-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19880.php, Datum des Zugriffs 10.08.2020.


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