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Hans-Willi Weis: Der Intellektuelle als Yogi

Cover Hans-Willi Weis: Der Intellektuelle als Yogi. Für eine neue Kunst der Aufmerksamkeit im digitalen Zeitalter. transcript (Bielefeld) 2015. 296 Seiten. ISBN 978-3-8376-3175-3. D: 24,99 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 34,70 sFr.
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Einrenkungsversuche an gedankliche Verrenkungen

Damit die Dinge zusammen kommen – das ist vielleicht eine der Erwartungshaltungen, wenn es um die Frage geht, was ein Intellektueller ist. Mit dem lateinischen Begriff intellegere wird zum Ausdruck gebracht, dass ein Mensch, der in der Lage ist, etwas einzusehen, zu erkennen, zu verstehen und auszuwählen, über Intellekt verfügt und etwa „das Wesen des Geistigen in der Vorstellung und nicht im Willen“ erkennt, als Intellektueller bezeichnet werden kann (Martin Gessmann, Philosophisches Wörterbuch, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/8464.php). Über Intellekt, Verstand und Vernunft als spezifisch menschliches Denkvermögen haben Philosophen immer wieder reflektiert, und sie tun es bis heute. Der antike griechische Philosoph Aristoteles sah im „nous“ das Prinzip, „womit die Seele denkt und Annahmen macht“ ( N. Kubota, in: Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, Alfred Kröner-Verlag, Stuttgart 2005, S. 381ff). Der Jenenser Philosoph Wolfgang Welsch widerspricht dieser Auffassung, indem er erklärt, dass Geist sich evolutionär entwickelt habe und nicht als das Alleinstellungsmerkmal des Humanum angesehen werden könne. Er leitet damit einen Perspektivenwechsel im philosophischen Denken ein mit der Frage, ob es wirklich stimme, dass menschliches Denken und Tun auf „einer grundsätzlichen Andersheit der menschlichen Seinsweise gegenüber allem Weltlichen“ beruhe, Menschen also alles nur nach menschlichem Maß erfahren, erkennen und bestimmen könnten ( Wolfgang Welsch, Homo mundanus. Jenseits der anthropischen Denkform der Moderne, 2012, http:://www.socialnet.de/rezensionen/14323.php ). Wir befinden uns also auf dem schwankenden Seil von Denkakten, die sich für den Intellektuellen als Herausforderung, Wagnis und Abenteuer darstellen.

Entstehungshintergrund und Autor

„Unabhängigkeit des Denkens“, die Wunschvorstellung des zôon politikon, wird im historischen, philosophischen und aktuell gesellschaftspolitischen Diskurs, lokal und global, eher als Ausnahme denn als Regel verstanden. Wie menschliches Denken, als Erkenntnis(gewinn) sich vollzieht und gewertet wird, ist ohne Zweifel einer Nachfrage wert. Über Denken lässt sich trefflich streiten, vor allem deshalb, weil in der philosophischen und psychologischen Diktion Denken nur dann Bedeutung gewinnt, wenn es Grundlage des individuellen Bewusstseins ist, sich sowohl als kontinuierlicher wie auch wandelbarer Prozess darstellt und als unabhängiges Denken zeigt (Karl Heinz Bohrer, Selbstdenker und Systemdenker. Über agonales Denken, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/14323.php).

So stellen sich Denkversuche und -anlässe nicht selten entweder als Selbstverständlichkeiten oder als Zumutungen dar. Der Baden-Württembergische Philosoph und Kulturwissenschaftler Hans-Willi Weis ist ein (Quer-)Denker, dem es gelingt, mit selbstverständlichen wie provokanten Thesen Leserinnen und Leser zum Selbst- und Nachdenken zu bringen. Mit einer Tour d´Horizon greift er in die intellektuellen Zeitgeistdiskurse ein, indem er Verbindungen herstellt zu einem Yogi, einem Denker also, der sich durch transzendentale Meditation bemüht, zum eigenen Bewusstsein zu gelangen. Und was soll herauskommen? Natürlich das, was die anthropologischen Philosophen „eu zên“ nennen, gut leben, die Fähigkeit, das Gute und Humane in sich selbst zu erleben, um es auch in anderen Menschen zu erkennen, und vor allem Eindeutigkeit und Aufmerksamkeit zu finden und weiter zu geben.

Aufbau und Inhalt

Bei dieser Suche nach sich selbst (in sich und im anderen) liegen Stoppstraßen, Stolpersteine und Fallgruben auf dem Weg, die es gilt zu erkennen und zu umgehen. Eine dieser Hindernisse sieht Weis im digitalen Zeitalter, in dem mit den allseits verfügbaren Werkzeugen der Ablenkung und permanenten Verfügbarkeit der Mensch aus sich selbst heraus tritt - und neben sich steht, so als ob er nicht er selbst wäre. In 95 Reflexionen und realistischen, tatsächlich existierenden Szenendarstellungen vermittelt er keine Rezepte und Handlungsanweisungen, sondern (lediglich) Denkanstöße, die vielleicht – und nur aus eigener Kraft – einen eigenen Perspektivenwechsel bewirken können, der schließlich zu einem globalen Wandlungsprozess führen könnte, wie ihn die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ (1995) als Appell formuliert hat: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“.

Es sind kurze Denkstücke, die gewissermaßen entlang unseres alltäglichen Denkens und Tuns verlaufen, absichtlich wie unabsichtlich gedacht und getan werden, und manchmal beim Nachdenken über sich selbst und dem, wie wir geworden sind, was wir sind, als Philosophie daher kommen; wie etwa die Vorstellung von Gott und seiner oder keiner Existenz in uns, das Erstaunen in uns, intellektuell zu sein und zu denken, sich daran zu messen, was Herr Keuner (Bertolt Brecht) damit meint, wenn er sagt: „Weise am Weisen ist die Haltung“, beim Umgang mit der „Phrasendreschmaschine“.

Es ist weiter die Auseinandersetzung mit dem „Vorbild“ des Yogi und dem Dilemma, die Wirklichkeit als Wahrheit oder Lüge wahr zu nehmen (Heinz von Foerster), was sich als Gleichnis zeigt: „Wenn du dich bewegst, musst du wissen, wohin. Wenn du dich nicht bewegst, musst du wissen, warum“, den Sprung (oder den Schleichschritt) hin zu zenbuddhistischen Gedankengängen, die Auseinandersetzung mit der „Zweckdienerei als Mutter aller Missverständnisse“, das Durchschauen, Nutzen und Verwerfen der Zauberformel „Gelassenheit“, die defätistisch oder auch komödiantisch daher kommenden Auseinandersetzungen mit den selbst ernannten oder anerkannten Intellektuellen. Und immer wieder die Blaupause zu den Intellektuellenidealen, wie er sie zu Anfang seines Ritts durch das Dasein bereits etabliert: Im Club der toten Denker stehen Ersatzhandeln und Selbstbesinnung ganz nahe beieinander.

Es geht um Überlebens-, Überraschungs- und (hoppla) auch „Unterbrechungskünstler“, in dem sich Wagnis und Erfahrung von „Andersheit“ bündeln, um „intellektuelle Plaudertaschen“, um Provokateure und Untote, um Formen und Formlosigkeiten, um Scheinbares, Unscheinbares, Wichtiges und Geringfügiges, um nachhallende wie echolose Aufforderungen: „Du musst dein Leben ändern!“, um Verständnisse, Eingeständnisse und Missverständnisse über von anderen Gedachtes, über die Zustimmung wie Verwerfung von Reflexionen, wie sie von Nachhabermasianern, Nachderridianern und Nachheideggerianer als Text- und Diskursschau reflektiert und diktiert werden. Und immer wieder leuchten oder irrlichtern da auch Denkakte auf, die zur „Kunst des Verweilens“ (Han Byung-Chul), des Innehaltens und die Herausforderung zur yogischen Übung „nicht denken und sprechen, nur atmen“ aufrufen.

Im 84. Beitrag schlägt Hans-Willi Weis den Bogen vom Yogi hin zum Rat; „Tiefer stapeln oder eurodaoistische Basisarbeit“, mit der Entdeckung von der Nähe der Ideologien; immer wieder der Bezug zur Meditation, die es ermöglichen soll (und kann?), in den „wünschenswerten und guten Bewusstseinszustand einzutreten und dessen ‚Güte‘ und Wünschbarkeit selbst zu erfahren“. Dazu ist „intellektuelle Redlichkeit“ notwendig, die sich etwa im „aufrechten Gang“ (Kurt Bayertz, Der aufrechte Gang. Eine Geschichte des anthropologischen Denkens, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/17706.php) zeigt und, wenn man nicht auf dem Boden bleibt, sondern sich in den Sphären des Nirgendwo verirrt, in die Gefahr gerät, den Yogi als die alleinig seligmachende Alternative zum Nichts zu stilisieren. Deshalb ist Weis´ „Plädoyer für den Yogi auf Normalniveau“ (92) hilfreich. Da geht es nämlich ans Eingemachte und Gewohnte, Liebgewonnene und scheinbar Selbstverständliche, und um die Positionsbestimmungen und Haltungsvergewisserungen, „Realo“ oder „Fundi“ zu sein. Es sind Richtungen, die den „Weg vom Vordenkertum zur Aufmerksamkeitskunst“ abstecken und verweisen auf die Herausforderung, „sich in Gewahrsein üben“.

Fazit

In den Paraphrasen, Junktims und Provokationen, in denen der Philosoph Hans-Willi Weis Selbstverständlichkeiten und alltägliche und intellektuelle Gewohnheiten be- und erfragt, sind immanent immer die Fragen nach einer neuen Aufmerksamkeit im digitalen Zeitalter eingebettet. Es werden Alternativen zum Zustand einer „entwirklichten“ und „entfremdeten“ Weltsicht (Michael Hampe) aufgezeigt; und was kommt zutage? Gewahrsein! Der Autor titelt den 95. und letzten Text mit „Coda“. Dem Rezensenten sei es erlaubt, auf die Mehrdeutigkeiten des Begriffs zu verweisen und (fulminant und nicht hinterhältig) zu fragen, ob der damit die italienische Bedeutung von „Schlusssatz“ meint, ein in der Computertechnik benutztes Zeichen für Software ausdrückt, ein in der Seismologie benutztes Signal für Erdbebenwellen einführt, eine in den Sprachwissenschaften gängige Theorie ansprechen will, oder gar, sein Glas vor oder nach einer yogischen Eindeutigkeitsübung erhebend, ein Wohl auf die weiße Rebsorte Coda di Volpe ausspricht. Dies ist keine Retourkutsche auf Weis´ Säbelwetzen gegen die intellektuelle, philosophische Denke, sondern der Versuch, auf die Vieldeutigkeiten zu verweisen, die der Autor zum Schluss mit dem Vers aus einem Hörstück (The Schwarzenbachs) zum Besten gibt:

Mach die Augen zu
Lass das Netz in Ruh
Keine Pixelgitter
Und kein Link zu Twitter
Dieses Licht bist du.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 26.11.2015 zu: Hans-Willi Weis: Der Intellektuelle als Yogi. Für eine neue Kunst der Aufmerksamkeit im digitalen Zeitalter. transcript (Bielefeld) 2015. ISBN 978-3-8376-3175-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19886.php, Datum des Zugriffs 23.09.2019.


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