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Matthias Drilling: Young urban poor. Abstiegsprozesse [...]

Rezensiert von Prof. Dr. Christian Reutlinger, 25.01.2005

Cover Matthias Drilling: Young urban poor. Abstiegsprozesse [...] ISBN 978-3-531-14258-6

Matthias Drilling: Young urban poor. Abstiegsprozesse in den Zentren der Sozialstaaten. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2004. 339 Seiten. ISBN 978-3-531-14258-6. 29,90 EUR. CH: 52,20 sFr.
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Hintergrund und Thema des Buches

Mit der Begrifflichkeit 'young urban poor' will der Autor auf dreierlei aufmerksam machen:

  • Erstens sind gegenwärtig zunehmend auch jüngere Menschen von dauerhaften Verarmungsprozessen betroffen. Mit der "Infantilisierung der Armut" ist von einem breiteren Armutsverständnis, das über die rein ökonomische Erklärung hinausgeht, auszugehen.
  • Zweitens wird durch die Verarmungsprozesse die Integrationsfähigkeit der Städte auf den Prüfstand gestellt. "In den Zentren der Sozialstaaten entsteht eine Stadtkultur, die sich auch dadurch auszeichnet, dass z.B. Bereiche der Privatwirtschaft auf einer Verfügbarkeit von Billigst-Arbeitskräften ihre Unternehmensstrategie entwerfen, oder die jungen Erwachsenen ihre Abhängigkeit von den sozialen Sicherungssystemen derart kultiviert, dass sie kaum mehr für einen Prozess vertikaler Mobilität zu gewinnen sind" (S. 303).
  • Drittens findet vor dem Hintergrund städtischer Differenzierungsprozesse soziale Polarisierung statt. Jedoch ist die räumliche Struktur nicht einfach eine Übersetzung der sozialen Position ihrer Einwohner/innen. Diese Überlegungen bilden den Rahmen der Arbeit: Mit der Analyse von Handlungsfähigkeit und realen Handlungen wird im vorliegenden Buch eine beschreibbare Struktur menschlicher Handlungen in ihren räumlichen Bezügen aufgezeigt.

Die Studie reiht sich in eine Tradition von Armutsstudien ein, welche die "Situation sozialer städtischer Gruppen handlungstheoretisch analysieren und dabei Städte als empirische Orte und 'Sozial-Landschaften' bzw. 'soziale Landschaften' auffassen" (S. 17). Diese sozialen Landschaften werden von allen Bevölkerungsgruppen mitkonstituiert, auch von solchen, die mitunter vernachlässigt werden (Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene und alte Menschen). 'Räume' und damit auch Städte werden gesellschaftlich produziert und reproduziert. Young urban poor: "Es ist die Dialektik von Konsequenzen der Individualisierung bei jungen Erwachsenen und der Modernisierung im städtischen Raum, vor deren Hintergrund Bewältigungsstrategien entwickelt und dabei der Stadt-Raum konstituiert wird" (ebd.).

Der Autor

Dr. Matthias Drilling arbeitet als Dozent an der Hochschule für Pädagogik und Soziale Arbeit in Basel. Gleichzeitig ist er stellvertretender Leiter des Basler Instituts für Sozialforschung und Sozialplanung.

Aufbau, Inhalte und Gliederung

Im Zentrum des vorliegenden Buches 'young urban poor' stehen Junge Erwachsene, die in europäischen Städten auf Sozialhilfe angewiesen sind. Es gelingt dem Autor, dieses komplexe und vielschichtige Thema auch entsprechend in den verschiedensten theoretischen Bezügen zu verorten. Gleichzeitig wird eine eigenständige Perspektive, die die Grundlage der fundierten empirischen Untersuchungen der 18- bis 25-jährigen Sozialhilfebezieher in der Stadt Basel bildet, herausgearbeitet. Der Zugang zur Handlungsfähigkeit junger Erwachsener in der städtischen Sozialhilfe wird über die Erkenntnisse der Forschung über soziale Ungleichheit und Armut (insbes. die Arbeiten von Beck, Sen und Bourdieu), der Forschung über Armut bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen sowie der Forschung über Differenzierungsprozesse in der Stadt gefunden. "Erst die Zusammenschau verschiedener Forschungsstände ermöglicht, eine Gruppierung wie die der 'young urban poor' zu konstruieren" (S. 19). Das 339-seitige Buch enthält eine Vielzahl von interessanten Tabellen und illustrativen Abbildungen (dabei sind insbesondere die zusammenfassenden Tabellen hilfreich zur Übersicht der einzelnen Theorien und Ansätze). Das Buch gliedert sich in neun Hauptkapitel.

  1. Im einführenden Kapitel werden die zentralen Zugänge zu den Handlungsspielräumen der 'young urban poor' dargestellt, sowie Leser/Leserin in die Thematik eingeführt.
  2. Trotz steigender Quoten städtischer Armut von jungen Menschen gibt es im deutschsprachigen Raum kaum empirische Studien zu dieser Altersgruppe! - Im Kapitel zwei "'young urban poor": (noch) kein Thema" wird der gegenwärtige Stand der Forschung über soziale Ungleichheit und Armut aus dem Blickwinkel junger Erwachsener dargelegt. Die Ausführungen werden im Sinne eines Fazits pointiert auf den Punkt gebracht. (Grundlage bildet eine ausführliche Recherche zum Thema im schweizerischen Kontext, welche unter www.jugendarmut.ch nachgelesen werden kann).
  3. Ausgehend von den Arbeiten der 'Münchner Schule" (insb. Ulrich Beck) wird im dritten Kapitel "Theoretische Erklärungen des Modernisierungsrisikos Armut" ein Analyserahmen der Handlungsspielräume junger Erwachsener entwickelt und begründet. Hierbei wird insbesondere der "Capability-Ansatz" von Amartya Sen mit der Lebensstilforschung von Pierre Bourdieu und den Studien zum Sozialkapital von Putman, Coleman und Esser verknüpft. Armut wird aus der erarbeiteten Perspektive als Verlust von Handlungsfähigkeit ('capability deprivation') aufgefasst. Die Handlungsfähigkeit der 'young urban poor' resultiert aus der Ausstattung mit kulturellem, sozialem und ökonomischen Kapital - letzteres bildet keineswegs die zentrale Determinante, sondern wirkt im Gegensatz zu den beiden anderen Kapitalien eher indirekt (über die Ausstattung der Eltern). Bei einer Unterausstattung hat dies auch andere Bewältigungsstrategien zur Folge.
  4. Die "Verarmungsprozesse ('capability deprivation') in städtischen Räumen" stehen im Zentrum des vierten Kapitel. Der Autor nimmt dabei eine handlungszentrierte Perspektive von Raum- bzw. Stadtforschung ein - Städte werden aus dieser Perspektive über die Handlungen der Menschen in räumlichen Bezügen produziert und reproduziert. Das Leben unter bestimmten räumlichen Bezügen (bzw. städtischen Bezügen) hat eine symbolische Bedeutung und wirkt auf die Handlungsentscheidungen der Menschen zurück: Indem der aktuelle Stand der interdisziplinären Diskussion zu Stadtentwicklung und die Folgen der städtischen Modernisierung für die Menschen aufgearbeitet werden, wird der bisher ausgearbeitete Zugang zu den Handlungsspielräumen junger Erwachsener angereichert. "Soziales, kulturelles und ökonomisches Kapital determinieren die Handlungsfähigkeit einer Person und gestalten über die Handlungen die städtischen Lebensräume. Städtische Lebensräume strukturieren sich nach sozialem, kulturellem und ökonomischem Kapital und wirken damit auf die Handlungsfähigkeit ihrer Bewohnerinnen und Bewohner zurück" (S. 109). Neben der Aufarbeitung der Stadt- und Raumdiskussion werden in dem Kapitel weiter die Erkenntnisse der Folgen der Individualisierung für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene dargestellt und somit der Zugang zu den Handlungsspielräumen junger Erwachsener ergänzt.
  5. Mittels der beiden im vorherigen Kapitel aufgezeigten Perspektiven gelingt es im fünften Kapitel einen Analyserahmen zu formulieren, mit dem die Handlungsfähigkeit der 'young urban poor' beschrieben und erklärt werden kann. Hintergrund bildet die Erkenntnis, dass bei der Thematisierung von Armut junger Erwachsener die spezifische Übergangssituation (vom Kind zum Erwachsenen) mit allen damit zusammenhängenden Folgen für die Wahl der Indikatoren und der prozessualen Betrachtung zu berücksichtigen ist.
  6. "Die 'young urban poor' sind junge Menschen, die auf unterschiedliche Weise bedürftig geworden sind und auch verschiedene Sichtweisen auf die Stadt haben. Insbesondere unterscheidet sich ihre Ausstattung mit ökonomischem, kulturellem und sozialem Kapital und daraus abgeleitet auch ihr Weg durch die und aus der Sozialhilfe" (S. 20). Diese Unterschiede stehen im Zentrum des sechsten Kapitels "Die 18- bis 25-jährigen Sozialhilfe beziehenden jungen Erwachsenen in Basel".
  7. Kapitel sieben "Handlungsfähigkeit junger Erwachsener bei Eintritt in die Sozialhilfe: Die Typologie" widmet sich methodischen Überlegungen zu Faktoren- und Clusteranalyse. Daran an schließt die Typologie 'young urban poor'. Die sich aus clusteranalytischen Interpretationen der Ausstattung mit den verschiedenen Kapitalien ergebenden fünf Eintrittstypen (vgl. Kapitel 8) in die Sozialhilfe lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:
    • Pioniere der Post-Individualisierung (Eintrittstyp) mit individuell gerahmten Integrationsprozessen in Mangellagen (Verlaufstyp) in einer bedeutungslosen Stadt (Funktion der Stadt),
    • Anpassungsorientierte junge Erwachsene mit unsicheren und diskontinuierlichen Assimilationsprozessen in der geteilten Stadt,
    • junge Erwachsene im Moratorium mit psychosozialen Krisen und der Chronifizierung psychischer Erkrankungen in der sozialpädagogischen Stadt,
    • geduldete Ausländer/innen mit rechtlich legitimierten Exklusionsprozessen in der segregierten Stadt sowie
    • autonomiebestrebte zugezogene Schweizer/innen mit kontingenten Prozessen (Stabilisierung oder gesundheitliche Deprivation) in der Stadt als zentralem Ort.
  8. Abgerundet wird das Buch mit einem Fazit: "'Young urban poor' - Abstiegsprozesse in den Zentren des Sozialstaates" (Kapitel 9).

Zielgruppen

Entsprechend dem im vorliegenden Buch gewählten breiten Zugang zu den Handlungsspielräumen junger Erwachsener in der Stadt ist denn auch die Breite möglicher Leser/innen. So bildet das Buch ein Fundus für theoretisch interessierte Leser/innen im Bereich der Stadtforschung, Armutsforschung oder Jugend und junge Erwachsenenforschung, um nur einige Bereiche zu nennen. Gleichzeitig ist insbesondere die empirische Umsetzung spannend für methodisch interessierte Leser/innen. Weiterhin kann die Studie aber auch spezifische Diskussionen wie etwa die konkrete empirische Umsetzung der handlungszentrierten Sozialgeographie, die schweizerische Armutsforschung, aber auch die Diskussion um sozialstaatlichen Umbau befruchten. Kurzum gibt es die Zielgruppe des Buches nicht - vielmehr empfiehlt es sich allen, die sich angesprochen fühlen.

Fazit

Handelt es sich bei den 'young urban poor' um eine 'new urban underclass'? Diese Frage zieht sich durch das ganze Buch. Matthias Drilling findet darauf eine Antwort, die hier nicht vorweggenommen werden soll.

In dem Band gelingt es dem Autor auf eine eindrückliche und differenzierte Weise das (neue) soziale Phänomen der 'young urban poor', die Bedeutung der Stadt für junge Erwachsene, ihre Handlungsspielräume und Bewältigungsstrategien, darzustellen und den Leser/die Leserin für die Komplexität der Thematik zu sensibilisieren. Die Ergebnisse weisen trotz aller institutioneller Rahmungen auf einen sozialen Abstiegsprozess hin, der junge Menschen gleichermaßen betrifft. Damit stehen wir einer Herausforderung gegenüber, "dass eine (für die Schweiz noch genauer zu quantifizierende) Zahl von jungen Erwachsenen als finanziell, sozial und/oder kulturell arm zu bezeichnen ist und diese Armut dauerhaft ist, allerdings nicht immer in Form von Sozialhilfebedürftigkeit ihren Ausdruck findet (z.B. weil sich Antragsberechtigte keine größeren Vorteile durch die Unterstützung versprechen)" (S. 317).

Damit befinden sich die sozialstaatlichen Institutionen, namentlich die Sozialhilfe, an ihren Grenzen. Die Frage, die sich vor dem Hintergrund der vorliegenden Untersuchungen stellt, lautet: Wie können Veränderungsprozesse initiiert werden, um für junge Menschen weiterhin integrierende Strukturen schaffen zu können?

Rezension von
Prof. Dr. Christian Reutlinger
Ostschweizer Fachhochschule
Institut für Soziale Arbeit und Räume IFSAR
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Es gibt 24 Rezensionen von Christian Reutlinger.

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Zitiervorschlag
Christian Reutlinger. Rezension vom 25.01.2005 zu: Matthias Drilling: Young urban poor. Abstiegsprozesse in den Zentren der Sozialstaaten. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2004. ISBN 978-3-531-14258-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1989.php, Datum des Zugriffs 22.05.2022.


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