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Peter Schiffer: „In Ruhe krank sein dürfen“

Cover Peter Schiffer: „In Ruhe krank sein dürfen“. Obdachlose Abhängige illegaler Drogen in einer Krankenwohnung. VWB - Verlag für Wissenschaft und Bildung (Berlin) 2014. 548 Seiten. ISBN 978-3-86135-262-4. D: 38,00 EUR, A: 39,10 EUR, CH: 50,90 sFr.
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Autor

Br. Dr. Peter Schiffer OSCam, Jahrgang 1965, Ordensbruder in der römisch-katholischen Ordensgemeinschaft der Kamillianer (Ministri Infirmis), Pflegewissenschaftler, promovierte am Lehrstuhl für Pflegewissenschaft an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar (PTHV) zum Doktor rerum curae (Dr. rer. cur.), MScN PTHV, Dipl. Pflegewirt (FH) KatHo Köln, Lehrer für Pflegeberufe (Weiterb.), Missio Canonica, Gesundheits- und Krankenpfleger.

Thema

Es handelt sich um eine pflegewissenschaftliche Dissertationsschrift an den Disziplinschnittstellen von Sozialer Arbeit, Diakonie-/Caritaswissenschaft und Pflegewissenschaft, die sich mit einer neu etablierten Krankenwohnung, dem Notel-Kosmidion und deren Nutzern im Sinne einer summativen und formativen Evaluation, auseinandersetzt. Die Krankenwohnung wurde für obdachlose, von illegalen Drogen abhängige Frauen und Männer eingerichtet, die nicht krankenhauspflichtig erkrankt sind. Die Krankenwohnung befindet sich in Köln und liegt beim Hauptbahnhof im Ursulaviertel, in unmittelbarer Nähe zur Basilika St. Ursula.

Schiffer legt eine differenzierte ethnografische, medizin-pflegerische und sozialarbeiterisch erklärende Beschreibung der Lebens- und Krankheitsbewältigungssituation von nicht krankhauspflichtigen obdachlosen Abhängigen illegaler Drogen vor.

Aufbau

Die Monografie umfasst insgesamt 558 Seiten und ist in 14 Kapitel gegliedert und hat einen kostenfreien Anhang zum Download.

Inhalt

Schiffers zentrale Forschungsfrage lautet: Wie bewältigen obdachlose, von illegalen Drogen abhängige Frauen und Männer Krankheit und Kranksein in der Krankenwohnung Kosmidion? Darüber hinaus wird folgenden Fragestellungen nachgegangen:

  1. Wer sind die Kranken in der Krankenwohnung?
  2. Was sind die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Einrichtungen, die für und mit Menschen in der Lebenslage krank, obdachlos und abhängig von illegalen Drogen arbeiten?
  3. Was sind hilfreiche Unterstützungen für Menschen in der Lebenslage krank, obdachlos und abhängig von illegalen Drogen? Schiffer stellt fest, dass die Krankenwohnung Kosmidion für die Nutzer, Träger, Kooperationspartner und den indirekten Nutznießer (die Stadt Köln) eine sinnstiftende, heilende, heilsame, sozial kompensierende, Residualien bearbeitende und hilfreiche Einrichtung ist. Die Kranken haben eine sichere und geschützte Stätte, in der sie in ihrer schon desaffiliierten Lebenssituation krank sein und ihre Krankheit bewältigen können.

Mit einem qualitativ explorativem Untersuchungsdesign, im Forschungsstil der Grounded Theory Methodology in der Variante von Strauss und Corbin und der ethnografischen Feldforschung nach Girtler erhebt Schiffer über einen Zeitraum von drei Jahren und zwei Monaten durch beschreibend statistische Daten der Nutzer, ero-epische Gespräche, freie teilnehmende Beobachtungen, Krankenunterlagen und nationalen Felderkundungen Daten, die es ihm ermöglichen, eigens entwickelte theoretische Erklärungsmodelle hervorzubringen. „In Ruhe krank sein dürfen“ identifiziert Schiffer als Kernkategorie in Bezug auf die Hauptforschungsfrage, wie obdachlose, von illegalen Drogen abhängige Menschen Krankheit und Kranksein in der Krankenwohnung Notel-Kosmidion bewältigen. Darüber hinaus resultieren zwei theoretische Erklärungsmodelle aus der durchgeführten Studie, die es gestatten, Lebensverläufe und Situationen der Zielgruppe zu verstehen:

  1. Ein Zonenmodell der Exklusivierung bis Inkludierung, welches im Kontext von dialektischen Dimensionen von Ex- wie Inklusionen ein heuristisches Modell zur Einschätzung der Kranken bietet, sowie
  2. ein kleiner und großer Straßendrogenkreislauf, den Schiffer in Fortführung seiner theoriegenerierenden Analysearbeit und unter Heranziehung empirischer Befunde herausarbeitet.

Fazit

In der deutschen Pflegewissenschaft blieb bisher das gelebte Leben von kranken, obdachlosen und von illegalen Drogen abhängigen Menschen weitgehend unbeachtet. Infolgedessen zählt Schiffers Untersuchung zu den ersten großen Arbeiten, die sich aus pflegewissenschaftlicher Perspektive mit dieser Zielgruppe beschäftigen. Detailreich setzt der Autor sich mit den Bedürfnissen und Bedarfen dieses Personenkreises auseinander, was zu einem besseren Verständnis der Lebenswelt von drogenabhängigen und obdachlosen Menschen im Setting einer Krankenwohnung und darüber hinaus für alle Settings von Pflege, Sozialer Arbeit und Diakonie/Caritas beiträgt. Hierzu entwickelt Schiffer unterschiedliche theoretische Modelle, die es gestatten, Erklärungen zum Verständnis der biografischen und sozialen Lebenssituation zu erlangen.

Schiffer betritt Neuland. Seine Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen obdachloser, kranker und von illegalen Drogen abhängiger Menschen stellt eine Rarität dar, da er sich mit einer Gruppe von Menschen beschäftigt, die im Gegensatz zu anderen hilfebedürftigen Personengruppen am äußersten Rand der Gesellschaft leben. Entstanden ist eine als äußerst lesenswert zu bezeichnende wissenschaftliche Publikation, die es dem Leser ermöglicht, in die Lebenswelt der von Schiffer untersuchten Ethnie einzutauchen und Konsequenzen für die unterschiedlichen Settings von Pflege, Sozialer Arbeit und Diakonie/Caritas zu ziehen.


Rezensent
Michael Krisch
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Zitiervorschlag
Michael Krisch. Rezension vom 26.02.2016 zu: Peter Schiffer: „In Ruhe krank sein dürfen“. Obdachlose Abhängige illegaler Drogen in einer Krankenwohnung. VWB - Verlag für Wissenschaft und Bildung (Berlin) 2014. ISBN 978-3-86135-262-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19894.php, Datum des Zugriffs 19.10.2019.


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