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Markus Heinrichs, Tobias Stächele u.a.: Stress und Stressbewältigung

Cover Markus Heinrichs, Tobias Stächele, Gregor Domes: Stress und Stressbewältigung. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2015. 101 Seiten. ISBN 978-3-8017-2252-4. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Autoren

  • Prof. Dr. Markus Heinrichs, Jahrgang 1968, ist seit 2009 Ordinarius für Psychologie und Leiter der Abteilung Biologische und Differentielle Psychologie der Universität Freiburg.
  • Dr. Tobias Stächele, Jahrgang 1972, ist seit 2010 wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung Biologische und Differentielle Psychologie der Universität Freiburg.
  • PD Dr. Gregor Domes, Jahrgang 1972, ist Akademischer Oberrat in der Abteilung Biologische und Differentielle Psychologie der Universität Freiburg.

Entstehungshintergrund

Stress bezeichnet in der Physik die mechanische Spannung, die auf einem Material lastet. Hans Selyes von der McGill University in Montreal, Canada, führte diesen Begriff 1936 in die Medizin und Psychologie ein. Seitdem hat der Begriff eine steile „Karriere“ gemacht und ist heute in aller Munde. Derzeit diskutiert die Politik sogar eine betriebliche „Anti-Stress-Verordnung“. Wollen wir keinen Stress mehr haben, wie viele Menschen fordern? Wenn dann noch bekannte Personen ihren Rücktritt mit zu viel Stress begründen, wie der Fußballtrainer Ralf Ragnick 2012, dann glaubt jeder, dass Stress eine der größten Gesundheitsgefahren ist. Oder gilt, was Hans Selyes 1982, in dem Jahr, in dem er starb, formulierte: „Die Abwesenheit von Stress ist Tod – nur Tote haben keinen Stress!“ Was ist richtig?

Aufbau

Ein kurzes Büchlein mit gerade einmal 90 Seiten Text sowie eine gelbe („Leitfragen“) und rote Karte („Therapeutische Ansatzpunkte“) im Umschlag – da kann keine vollständige Darstellung von allen Stresstheorien und Stressbewältigungsmethoden erwartet werden. Trotzdem haben die Autoren den Anspruch, das Phänomen „Stress“ in seiner diagnostischen und therapeutischen Relevanz zu erschließen. Einen besonderen Fokus legen sie hierbei auf das Gesamtverständnis der zugrunde liegenden biopsychosozialen Zusammenhänge. Hierzu werden in vier inhaltlichen Kapiteln zuzüglich eines Fazits die wichtigsten Aspekte dargestellt.

Inhalte

Nach einer kurzen Einführung folgt Kapitel 1 „Beschreibung von Stress und stressassoziierter Symptomatik“. Kurz und prägnant werden Stressdefinitionen genannt sowie die diagnostische und epidemiologische Einordnung gegeben. Ausführlicher wird die Differentialdiagnostik beschrieben von den Angststörungen bis zu medizinischen Erkrankungen.

In Kapitel 2 werden „Stresstheorien und -modelle“ dargestellt. Unter anderem das Allgemeine Anpassungssyndrom nach Hans Selye, das transaktionale Modell nach Lazarus & Folkman sowie das Allostatic Load-Modell von McEwen, in dem psychologische und biologische Elemente verbunden sind. Interessant ist auch die Darstellung von „Stress im Arbeitskontext“ und ausführlicher die der protektiven Faktoren; insbesondere Banduras Selbstwirksamkeitserwartung.

Kapitel 3 umfasst „Diagnostik und Indikatoren“, die mit dem Erstgespräch und der Anamnese beginnen. Es folgt das kurze Referieren psychometrischer Fragebogen und ein sehr kurzer Abriss der psychobiologischen Stressdiagnostik.

Die Hälfte des Büchleins ist Kapitel 4 „Behandlung und therapeutische Unterstützung“ gewidmet. Es wird mit zwei Fallbeispielen eingeleitet. Behandlungsanlässe, Indikation zur Behandlung und die Therapiebeziehung folgen. Ausführlicher werden die Behandlungsmethoden geschildert, wobei dieses auch tabellarisch erfolgt. Kapitel 4.5 widmet sich den „Behandlungsschwerpunkten und Therapiezielen“, auch mit einem Fallbeispiel verdeutlicht. Die ausführlichsten Schilderungen befassen sich mit den „Behandlungsmodulen“, von denen sieben detailliert vorgestellt werden. Abgeschlossen wird dieses Kapitel mit den Problemen bei der Behandlung sowie der Effektivität und Prognose.

Ganz am Schluss gibt es mit Kapitel 5 ein kurzes Fazit.

Diskussion

Es ist eine Darstellung, die stark aus einem medizinischen Blickwinkel geschrieben worden ist, was angesichts der Tätigkeit der drei Autoren in der „Psychotherapeutischen Hochschulambulanz für stressbedingte Erkrankungen“ auch nachvollziehbar ist. Erfreulich ist aber, dass über den medizinischen Tellerrand hinweggesehen wird. Das Phänomen „Stress“ wird in seinen biologischen, sozialen und psychologischen Dimensionen analysiert, wobei immer auch deren Zusammenwirken und interdependenten Zusammenhänge im Auge behalten werden. Trotz der Kürze ist die Publikation prägnant und geht tief genug. Sie unterscheidet sich wohltuend von den vielen Ratgebern zu Stress.

Fazit

Es ist eine Publikation, die es auf wenig Raum schafft, das Phänomen „Stress“ umfassend in seinen unterschiedlichen Attribuierungen darzustellen. Darüber hinaus wird nicht nur das Verständnis von „Stress“ und den damit einhergehenden körperlichen, psychischen und physiologischen Veränderungen geweckt. Sondern es werden auch Modelle der Behandlung einer stressassoziierten Symptomatik entwickelt. Insofern wendet sich diese Publikation vor allem an Fachleute wie Psychotherapeuten, Psychologen und Ärzte. Aufgrund seiner durchaus leicht verständlichen Sprache sei es aber auch jenen Personen angeraten, die oft als erste mit dem Stressphänomen in Erstkontakt kommen. Zu denken ist an Führungskräfte und Personalverantwortliche, die hiermit eine stressassoziierte Symptomatik früher bei ihren Mitarbeitern erkennen können. Gelingt es hiermit, auch bei nur wenigen Menschen früher und zielgerichteter zu intervenieren, könnte viel Leid vermieden werden. Dies lohnt sich für Betriebe auch kostenrechnerisch: Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Erkrankungen stehen mit 16,6 % der Ausfalltage an zweiter Stelle aller Arbeitserkrankungen, so die neueste DAK-Gesundheitsstudie.


Rezensent
Prof. Dr. Rüdiger Falk
em. Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Human Resource Management und Berufsbildung sowie Sportmanagement an der Hochschule Koblenz
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Zitiervorschlag
Rüdiger Falk. Rezension vom 29.12.2015 zu: Markus Heinrichs, Tobias Stächele, Gregor Domes: Stress und Stressbewältigung. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2015. ISBN 978-3-8017-2252-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19901.php, Datum des Zugriffs 17.08.2019.


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ISSN 2190-9245

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