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Brigitte Aulenbacher, Birgit Riegraf u.a.: Feministische Kapitalismuskritik

Cover Brigitte Aulenbacher, Birgit Riegraf, Susanne Völker: Feministische Kapitalismuskritik. Einstiege in bedeutende Forschungsfelder. Verlag Westfälisches Dampfboot 2015. 179 Seiten. ISBN 978-3-89691-679-2. D: 15,90 EUR, A: 16,40 EUR, CH: 22,90 sFr.
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Thema

In dem schmalen Band werden die wichtigsten Ansätze feministischer Kapitalismuskritik vorgestellt. Dies geschieht nicht additiv, sondern entlang einer thematischen Strukturierung. Die drei Forschungsbereiche: „Kapitalismus als Herrschaftszusammenhang“, „Gerechtigkeit, Arbeit und soziale Ungleichheiten“ sowie „Gesellschaft in Bewegung“ stehen im Zentrum der Debatten und sind zugleich charakteristisch für die spezifisch feministische Form der Kritik am Kapitalismus, die sich in anderen Denkansätzen nicht finden lässt. Zudem ist ein Interview (in englischer Sprache) mit Ariel Salleh, einer international bekannten australischen Ökofeministin enthalten, um die Verbindung zwischen ökologischer Wachstumskritik und feministischer Kritik am Kapitalismus darstellen zu können.

Autorinnen

Die drei Autorinnen sind ausgewiesene Expertinnen im Bereich der feministischen Kapitalismuskritik und haben dazu zahlreiche eigene Veröffentlichungen vorzuweisen.

Entstehungshintergrund

Der Band ist in der Reihe „Einstiege“ erschienen, die laut Verlagsinformation im Bereich der Geschichtsphilosophie und Gesellschaftstheorie Zugänge zu wichtigen Debatten und Theorieansätzen bieten soll. Die Autorinnen betonen, dass sie keinen umfassenden Überblick bieten wollen. Die Auswahl wird in der Einleitung ausreichend begründet.

Aufbau

In der Einleitung werden die drei Forschungsfelder kurz skizziert.

Für die nachfolgenden drei Kapitel ist jeweils eine der Autorinnen federführend.

  1. Kapitalismus als Herrschaftszusammenhang und Unterordnung des Lebens ist von Brigitte Aulenbacher verfasst und enthält das Interview mit Ariel Salleh.
  2. Für dieses Kapitel zu Gerechtigkeit, Arbeit und soziale Ungleichheiten in den Gegenwartskapitalismen zeichnet Birgit Riegraf verantwortlich.
  3. Gesellschaft in Bewegung: Gelebter Kapitalismus und umkämpfter Wandel wurde von Susanne Völker geschrieben.

Den abschließenden Ausstieg „Zum Schluss“ formulieren die drei Autorinnen gemeinsam.

In der Einleitung betonen die Autorinnen, dass es die feministische Kapitalismuskritik nicht gibt, sondern sich, in einer langen Auseinandersetzung mit unterschiedlichen kritischen Theorieansätzen, unterschiedliche, teils kontroverse Theoriestränge herausgebildet haben. Gerade diese Debatten darzustellen, ist Ziel des Buches.

Zu Abschnitt A

Im ersten Abschnittbehandelt Brigitte Aulenbacher zunächst die Frage, worin sich der Kapitalismus als moderne Gesellschaftsformation von anderen, vorangegangen unterscheidet. Sie plädiert dafür, die Analyse nicht auf die bekannten ökonomischen Merkmale zu beschränken, weil dadurch andere Herrschaftszusammenhänge verdeckt bleiben, die gerade für die Geschlechterordnung wichtig sind: die Trennung von Privatheit und Öffentlichkeit, die patriarchalen Wurzeln „moderner Gesellschaften“, in denen Frauen sich bürgerliche Rechte erst spät und gegen heftigen Widerstand erkämpfen konnten und die nationalstaatliche Organisation dieser Gesellschaften, die Teilhabe und Anerkennung von Migrant_innen strukturieren. Insbesondere die mit der Trennung von Arbeit und Leben verbundene Ver-„heim“-lichung der (unbezahlten) Reproduktionsarbeit wurde zu einem ersten wichtigen Kritikpunkt feministischer Theoretikerinnen an den klassischen, v.a. auch marxistischen Theorien zur Entstehung und Struktur des Kapitalismus,. Diese in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts entwickelten Ansätze werden ausführlich dargestellt und v.a. als Ausgangspunkt der aktuellen Debatte um die Unterordnung der existentiellen Fragen der „Lebenssorge“ (Cornelia Klinger) rekonstruiert. Damit kann auch der Wandel der Unterordnungsformen der Sorgearbeit im Zuge der Veränderung kapitalistischer Verhältnisse anschaulich gemacht werden. Weniger stringent wurde nach Meinung der Autorin die Frage der androzentrischen Herrschaftslogik weitergeführt. Aktuell wird hier erforscht, inwieweit sich im Finanzkapitalismus eine neue Form „hegemonialer Männlichkeit“ transnational etabliert (Connell, Young, Hearns).

In einem weiteren Unterkapitel steht die „Sorglosigkeit des Kapitalismus“ im Mittelpunkt: Die Frage, wie Care und Care-Work organisiert wird und welche kapitalismuskritischen Aspekte sich in den feministischen Forschungen dazu finden lassen. Wie verändern sich „Sorgeregime“, d.h. die Verteilung und Verantwortung für Versorgung, Fürsorge und Vorsorge zwischen Staat, privaten Haushalten und Markt und was bedeutet dies für die Qualität der Sorgearbeit und diejenigen, die diese Arbeit machen? Hier werden ganz aktuelle, internationale Forschungsergebnisse kompakt dargestellt, insbesondere auch die Folgen globaler „Sorgeketten“, in denen migrantische Frauen, die keinen oder begrenzten Zugang zu den nationalen Arbeitsmärkten des globalen Nordens haben, die inländischen Frauen entlasten. Die Care-Debatte mündet in die grundsätzliche Frage nach dem Verhältnis von Ökonomie und Gesellschaft und möglichen Modellen „sorgenden Wirtschaftens“.

Das Interview mit Ariel Salleh konzentriert sich auf den Ansatz des sog. Ökofeminismus, der unter Feministinnen durchaus kontrovers gesehen wird. V.a. der Verdacht, dass der Naturbezug zur weiteren „Naturalisierung“ von Frauen beitragen könnte, steht im Vordergrund. Wie und warum die Ausbeutung von Frauen und die Ausbeutung von Natur miteinander verbunden sind, bleibt jedoch eine Frage, der man nicht ausweichen kann und die nicht nur theoretische, sondern eben auch konkret politische Antworten erfordert: Wenn etwas, wie Salleh verdeutlicht, das liberale Modell der Chancengleichheit als ein ökologisch verheerendes und zudem eurozentrisches Modell erkennbar wird.

Zu Abschnitt B

Im 2. Abschnitt des Buches setzt sich Birgit Riegraf mit Fragen der Gerechtigkeit, Arbeit und sozialen Ungleichheiten im Gegenwartskapitalismus auseinander. Hier konstatiert sie sowohl in der sozialphilosophischen Debatte allgemein, wie auch in feministischen Diskursen aktuell lebhaftes Interesse. Dies gilt für Fragen nach der Definition von Gerechtigkeit, wie auch für Fragen zu den Folgen der Umgestaltung vieler Wohlfahrtsstaaten für Gerechtigkeit und Teilhabe. Zum theoretischen Ausgangspunkt macht sie die Kontroverse zwischen Nancy Fraser und Axel Honneth – Umverteilung versus Anerkennungdie sie kompakt und verständlich zusammenfasst. und mit aktuellen Weiterentwicklungen der kritischen Einwände eines nur auf Anerkennung beruhenden Gerechtigkeitskonzepts beschließt.

Im Folgenden stehen die Veränderungen der Wohlfahrtsstaaten von einem fürsorgenden zu einem aktivierenden Sozialstaat im Mittelpunkt. Gerechtigkeitslücken zu Ungunsten von Frauen enthielt bereits der fürsorgende Sozialstaat, da die Gewährleistung der Mehrzahl der Transferleistungen an die Beteiligung im Erwerbsleben gebunden war. Die Leistung unbezahlter privater Sorgearbeit dagegen bot keinen eigenständigen Zugang zu sozialer Absicherung. Das sog. „Ernährermodell“ privilegierte das Kleinfamilienmodell und wertete andere Lebensmodelle sozialpolitisch ab. Aktuell wird immer deutlicher vorausgesetzt, dass jede/r Erwachsene seine soziale Absicherung individuell über Erwerbstätigkeit herstellt. Staatliche Transfers gelten dagegen nicht mehr als Grundlage von Verteilungsgerechtigkeit, sondern als leistungseinschränkende Regulierung. Alle nicht-marktvermittelten Leistungen fallen damit aus der politischen Definition von Leistung heraus und vergrößern die gesellschaftliche Missachtung sorgender Tätigkeiten. Das Leitbild des anerkannten Gesellschaftsmitglieds entspricht mehr denn je den Lebensformen westlicher weißer Männer.

Die Fragen nach Veränderungen in den Arbeits- und Geschlechterarrangements stehen im nächsten Kapitel im Mittelpunkt. Die von feministischer Seite aufgegriffenen Ansätze der Arbeitsforschung werden – auch in ihren durchaus kontroversen Einschätzungen – dargestellt: hat die Integration von Frauen in die Erwerbsarbeit Herrschaft stabilisierende Wirkung (Fraser, Wetterer) oder bieten neue Formen der Erwerbsarbeit auch „riskante Chancen“ für Frauen (Nickel)? Und was bedeutet es für „Männlichkeiten“, wenn das sog. Normalarbeitsverhältnis auch für Männer unsicher wird? Und was bedeuten aktivere Formen der Vaterschaft für die Konstruktion von Geschlechterrollen?

Abgeschlossen wird dieser zweite Teil mit einer globalen Perspektive auf Geschlechterungleichheiten. Wie diese Ungleichheiten miteinander verknüpft sind, war schon im sog. Bielefelder Ansatz (von Werlhof, Mies, Bennholdt-Thomsen) der 1970er Jahre eine Kernfrage. Mit der Grundthese, dass Kapitalismus immer auf die Ausbeutung unbezahlter Arbeit jenseits des Marktes angewiesen ist - im Weltmaßstab in Form kolonialer Ausbeutung, im Nationalstaat durch unbezahlte private Sorgearbeit – folgen sie Rosa Luxemburg. Dies gilt auch für den aktuellen Ansatz der „Landnahme“ von Klaus Dörre, Martin Ehrlicher und Tine Haubner. Eine globale Perspektive braucht jedoch immer auch die Perspektive auf den spezifischen Nationalstaat und seine sozialpolitische Verfasstheit, das zeigt sich besonders deutlich an den „care chains“, den internationalen Versorgungsketten in der privaten Pflege zwischen Ländern der Peripherie und dem globalen Norden.

Zu Abschnitt C

Im dritten Teil stellt Susanne Völker die alltägliche Praxis von Frauen und Männern unter kapitalistischen Bedingungen in den Mittelpunkt. Dabei steht v.a. im Fokus, wie sie mit den prekär werdenden Arbeits- und Lebensbedingungen umgehen und welche Chancen der Transformation bestehender Geschlechterverhältnisse erkennbar werden. Ausführlich dargestellt werden der „praxeologische“ Ansatz von Bourdieu und die Handlungstheorie von de Certeau, ebenso wie der einflussreiche Ansatz von Judith Butler. Hiermit soll v.a. auch erreicht werden, die wirkmächtige kapitalistische Logik nicht als einzige Handlungslogik zu verabsolutieren, sondern andere Handlungslogiken denkbar zu machen. Im Weiteren werden zeitdiagnostische Konzepte der Prekarisierung und empirische Ergebnisse zu neuen Geschlechterarrangements in ungesicherten Lebensverhältnissen vorgestellt, immer unter der Perspektive, welches Veränderungspotential darin enthalten sein kann. Zuletzt wird noch die grundlegende Frage der „Angewiesenheit“ thematisiert, die zugleich auch Fragen nach der Neudefinition des Politischen und der politischen Aktion aufwerfen. Neben theoretischen Überlegungen von Judith Butler steht hier das konkrete Beispiel spanischer Aktivistinnen im Mittelpunkt.

Zum Schluss fassen alle drei Autorinnen noch einmal zusammen, was ihrer Meinung nach die Beschäftigung mit feministischer Kapitalismuskritik an intellektuellem Ertrag bringen kann. Dabei betonen sie die Vielfalt der Ansätze, die jeweils unterschiedliche Ausschnitte der kapitalistischen Gesellschaftsform beleuchten. Für alle drei Teile werden nochmals kurze Zusammenfassungen der wichtigsten Thesen gemacht, auf die Streitpunkte aber auch die Gemeinsamkeiten der verschiedenen Ansätze hingewiesen. Schließlich beziehen sie durchaus selbstbewusst und selbstkritisch Position zur Stellung feministischer Kapitalismuskritiken im Vergleich zu anderen kritischen Forschungssträngen bzw. zu anderen (queer)feministischen Ansätzen. Das kritische Potential soll ihrer Meinung nach nicht auf das Nachdenken begrenzt werden, sondern durchaus auch in aktive politische Einmischung münden.

Diskussion

Die einzelnen Abschnitte sind übersichtlich aufgebaut: Es gibt eine kompakte Einleitung, die die Auswahl der Themen erläutert und ein abschließendes Fazit, indem die Relevanz der Fragen, offene Punkte und weiterführende Entwicklungen zusammengefasst werden. In der Regel folgen sie der Chronologie der theoretischen Entwicklung, so dass Weiterungen, Veränderungen und Neujustierungen nachvollziehbar werden. Zudem bietet sich so die Möglichkeit, zu verfolgen, ob und wie ausreichend die empirischen Veränderungen des Kapitalismus erfasst werden. Zahlreiche Querverweise zu den einzelnen Unterkapiteln erleichtern es, theoretische und thematische Zusammenhänge über die Einzelthemen hinaus zu verfolgen. Die Leser_innen erhalten Zugang zu den wichtigsten theoretischen Grundlagen und zum aktuellen Stand der Debatten in den einzelnen Themenbereichen und zwar im internationalen Zusammenhang. Die Literaturliste ist damit ein Fundus an Verweisen für die Weiterarbeit. Ganz deutlich wird, wie kritisch reflektiert sich feministische Forschung auf allgemeine sozialwissenschaftliche Analysen bezieht und daraus eigenständige Positionen entwickelt. Dies in so knapper Form zu leisten, ist eine wirklich bemerkenswerte Leistung.

Fazit

Der Band hält, was er verspricht: einen Einstieg in einen sehr differenzierten Forschungsstrang. Er setzt allerdings Grundkenntnisse in feministischen Ansätzen voraus und ist daher v,a. für Studierende in Masterstudiengängen geeignet.


Rezensentin
Prof. Dr. Angelika Diezinger
Homepage www.hs-esslingen.de/de/mitarbeiter/angelika-diezing ...


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Zitiervorschlag
Angelika Diezinger. Rezension vom 08.02.2016 zu: Brigitte Aulenbacher, Birgit Riegraf, Susanne Völker: Feministische Kapitalismuskritik. Einstiege in bedeutende Forschungsfelder. Verlag Westfälisches Dampfboot 2015. ISBN 978-3-89691-679-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19902.php, Datum des Zugriffs 10.12.2019.


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