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Saskia Sassen: Ausgrenzungen

Cover Saskia Sassen: Ausgrenzungen. Brutalität und Komplexität in der globalen Wirtschaft. S. Fischer Verlag (Frankfurt am Main) 2015. 320 Seiten. ISBN 978-3-10-002402-2. D: 24,99 EUR, A: 25,70 EUR.
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Thema

Die Weltwirtschaft hat sich in den letzten 100 Jahren zu einem komplexen und globalisierten System menschlichen Miteinanders entwickelt. Gerade in den letzten 20 Jahren ist eine rasante computertechnische Entwicklung zu beobachten, die größer werdende Bereiche des wirtschaftlichen Lebens dem direkten Einfluß der Politik entzieht. Mit dieser Entwicklung geht auch eine zunehmende Ungleichverteilung der Waren und Werte einher. In der Makroökonomie versucht man, diese komplexen und globalisierten Wirtschaftsabläufe zu verstehen und Handlungsoptionen für die Politik zu entwickeln. Dabei haben sich Denkrichtungen entwickelt, die entgegengesetzten Ansätzen folgen. Zwei prominente Theorien sind der Keynsianismus, der von John Meynard Keynes in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts begründet wurde und der Monetarismus, der auf Milton Friedman zurück geht und in den 1970ern entwickelt wurde. Während der Keynsianismus eine nachfrageorientierte Wirtschaftstheorie darstellt, ist der Monetarismus der komplette Gegenentwurf und stellt auf eine angebotsorientierte Wirtschaftstheorie ab. Die Vertreter dieser Theorien stehen sich unversöhnlich gegenüber. Der Theoriestreit nimmt mit unter ideologische Formen an.

In diesem Streit bezieht Saskia Sassen mit ihrem Buch „Ausgrenzungen“ eindeutig Position. So kann man das Buch als eine Fundamentalkritik am Neokapitalismus bezeichnen.

Autorin

Saskia Sassen ist eine in der Sozial- und Wirtschaftswissenschaft renommierte Wissenschaftlerin und Autorin, deren Bücher in mehr als 20 Sprachen übersetzt wurden. Sie hält zahlreiche Auszeichnungen und Ehrentitel. In Ihrer wissenschaftlichen Arbeit beschäftigt sie sich mit den sozialen, ökonomischen und politischen Dimensionen der Globalisierung, der Immigration, den globalen Städten, den neuen Internettechnologien und mit den Veränderungen von Staaten unter transnationalen Bedingungen.

Aufbau

Nach einer längeren Einleitung entfaltet die Autorin ihr Thema in vier Kapiteln und schließt mit einer 14seitigen Zusammenfassung. Die vier Kapitelüberschriften des Buches geben auch die Themen wieder, die ihr als Argumentationsgrundlage dienen.

  • Einleitung: Brutales Aussortieren
  • Kapitel 1: Schrumpfende Wirtschaft, wachsende Ausgrenzung
  • Kapitel 2: Der neue globale Markt für Land
  • Kapitel 3: Die Finanzwirtschaft und ihre Fähigkeiten
  • Kapitel 4: Totes Land, totes Wasser
  • Zusammenfassung: An den Rändern des Systems

Es folgt ein umfangreicher Teil mit Anmerkungen und einer noch umfangreicheren Bibliographie. Dankenswerterweise ist dem Buch ein Register gegeben worden, das es der Leserin/dem Leser ermöglicht, auch punktuell nach Stichworten das Buch zu lesen. Zahlreiche Tabellen und Grafiken machen die angesprochenen Zusammenhänge deutlich und fördern das Verständnis.

Inhalt

Die zentrale Hypothese des Buches ist: „Der Übergang vom Keynsianismus zu einem globalen Zeitalter mit Privatisierung, Deregulation und offenen Grenzen für manche ist mit einer Dynamik verknüpft, die immer mehr Menschen aus dem System hinausdrängt.“ (S. 247) Diese Ausgrenzung findet auf wirtschaftlichem, gesellschaftlichem und ökologischem Gebiet statt.

Um diese Hypothese zu belegen, betrachtet die Autorin die Ränder der herrschenden Systeme. Sie meint, dass gerade hier die systemischen Auswirkungen besonders gut zu beobachten sind und größere Trends erkennbar werden. Diese Trends bezeichnet sie als „begrifflich unterirdisch“, weil sie mit unseren derzeitigen Bedeutungskategorien nicht ohne weiteres sichtbar zu machen sind. Diese Trends sind:

  • ein enthemmtes Profitstreben und
  • die Gleichgültigkeit gegenüber der Umwelt.

In vier Kapiteln versucht sie diese Hypothese zu belegen. Dazu untersucht sie im Kapitel 1 die Konstruktion der Volkswirtschaften der gefestigten und hochentwickelten Länder Europas, Amerikas und Asiens. Sie stellt fest, dass diese Volkswirtschaften es mit einer sinkenden Anzahl von Firmen und Arbeitskräften und mit weniger Konsumentenhaushalten zu tun haben. Dies nimmt sie als Hinweise darauf, dass diese Volkswirtschaften immer mehr Menschen ausgrenzen und zwar all jene, die der Logik der Wirtschaft nicht mehr entsprechen. Dies geht mit einer zunehmenden Entmachtung der nationalen Regierungen einher, die infolge eigener hoher Staatsverschuldungen, dem Diktat übernationaler Machtorganisationen (z.B. IWF und Weltbank) folgen müssen.

Im Kapitel 2 widmet sich die Autorin dem neuen globalen Markt für Land. Der Bedarf nach Land zur industriellen Produktion von Nutzpflanzen und zur Produktion von Lebensmitteln, läßt Landflächen zu einem interessanten Produkt im Welthandel werden. Von dieser Entwicklung sind besonders Kleinbauern und Kleinunternehmer im Umfeld der so fremd bewirtschafteten Flächen betroffen. Sie leiden unmittelbar unter den Nebenwirkungen der industriellen Landwirtschaft auf diesen Flächen. Es wird gezeigt, wie über die Staatsverschuldung die Geschwindigkeit des Landerwerbs in Afrika, Asien und Lateinamerika nach 2008 erheblich an Fahrt gewonnen hat. Dies hat die unangenehme Folge, dass Länder, in denen diese fremdverpachteten Flächen liegen, ihre staatlicher Souveränität mehr und mehr verlieren.

Die globale Finanzwirtschaft wird im Kapitel 3 am Beispiel der Subprime-Hypotheken analysiert. Es wird gezeigt, wie aus einem staatlichen Projekt zur Förderungen des Hauserwerbs für Menschen mit kleinem Einkommen ein Finanzprodukt wurde, das nur noch der Befriedigung der Bedürfnisse der Hochfinanz diente. Um dies zu erreichen mußte ein komplexes Instrumentarium entwickelt werden, das jedoch zu brutal-elementaren Auswirkungen für viele führte. Für die Hausbesitzer hieß dies, daß von ihnen 13 Millionen in die Zwangsvollstreckung gingen.

Das dieses Spannungsverhältnis zwischen systemisch-globalen Konstruktionen und elementaren, lokalen Folgen auch in anderen Sektoren außer der Finanzwirtschaft zu beobachten ist, zeigt Kapitel 4 am Beispiel des Frackings.

Sassen erkennt in all diese globalen und ausgrenzenden Erscheinungen zwei Prinzipien. Zum einen sind es die sogenannte „räuberische Formationen“. Darunter versteht sie die Akkumulation von machtvollen Akteuren, Technologien, Märkten und Regierungen. Dabei werden in solchen „räuberischen Formationen“ nur jene Elemente genutzt, die dem ungehemmten Profitsterben dienen. Als zweites Prinzip sieht sie die heutige Komplexität als entscheidend wirksam an. Sie führt dazu, daß der Finanzmarkt kaum zu kontrollieren ist, da er die Grenzen verschiedener Wirtschaftssektoren überschreitet und gravierende Auswirkungen weit über die Finanzwelt hat. Gleiches gilt für die globale Ausweitung der Umweltzerstörung.

Die Autorin schließt ihr Buch mit dem Plädoyer für eine begriffliche Sichtbarmachung der von ihr skizzierten Phänomene. Sie klar zu benennen heißt sie wahrzunehmen und zum Gegenstand der Diskussion machen zu können. Ganz im Gegensatz zum derzeitigen Zustand.

Diskussion

Das Buch von Saskia Sassen läßt die Leserin/den Leser etwas ratlos werden. In langen Passagen beschreibt sie die dargestellten Phänomene und versucht, die Entwicklungen, die sie verantwortlich macht, offenzulegen. Was ihr jedoch nicht gelingt, ist sie zu erklären. Die Mechanismen, die sie mit neuen Begriffen versucht zu benennen bleiben unklar. Doch wenn man von ihren Hypothesen ausgeht, dann ist es auch nicht unbedingt ihr Ziel, Mechanismen zu erklären. Vielmehr begnügt sie sich damit, ihre Hypothesen zu belegen. Das kann man ihr als gelungen bescheinigen.

Leider fehlt der Hoffnungsschimmer, das diese Mechanismen durchbrochen werden können. Gewonnen wäre schon viel damit, wenn sie erklären könnte, wie beispielsweise diese „räuberischen Formationen“ funktionieren oder auch nur, was man sich genau darunter vorzustellen hat. Das bleibt sie leider schuldig.

Das Lesen des Buches ist mühsam, da sie in der Darstellung sehr akribisch ist. Diese Aneinanderreihung von Details verlangt von der Leserin/dem Leser Durchhaltevermögen oder hohes Interesse.

Nicht zu übersehen ist ihr Denken in makroökonomischen Lagern, wenn sie die Zeit des Keynsianismus lobt und dabei übersieht, dass er als wirtschaftpolitisches Erklärungs- und Steuerungsmodell auch an seine Grenzen gekommen ist.

Die Stärke des Buches liegt in seiner deskriptiven Qualität der besprochenen Phänomene. Die daraus abgeleitete Problemidentifikation kann helfen, die ökonomischen Entwicklungen zu sehen. Leider ist die analytische Tiefe dieser Beschreibungen nicht über der Oberfläche hinaus gekommen. Das jedoch ist wohl auch nicht der Zweck des Buches gewesen. Es soll aufrütteln und Problembewusstsein herstellen. Dazu bietet es eine Menge Information.

Fazit

Saskia Sassen benennt in ihrem Buch makroökonomische Phänomene, die auf immanente Mechanismen hinweisen. Immer Menschen werden weltweit mehr und mehr aus dem Wirtschaftsleben ausgrenzen. Diese Phänomene stellt sie an Beispielen der Finanzwirtschaft, des Landgrabbings, der Schuldenkrise und der Rohstoffgewinnung dar. Die Mechanismen sind von neuer Qualität, und sie lassen sich mit bisherigem Vokabular nur unzureichend in Worte fassen. Die detaillierte Beschreibung dieser Phänomene fördert eine Problemeinsicht bei der Leserin/dem Leser. Dabei folgt die Autorin ihrer Hypothese, dass die derzeitige wirtschaftlich Entwicklung auf ungehemmtes Profitstreben abgestellt ist und dies mit einer völligen Gleichgültigkeit gegenüber der Umwelt einher geht. Darin liegt sicherlich der Wert des Buches. Die Erklärung, welche Mechanismen sich dahinter verbergen, spart sich die Autorin für ein anderes Buch auf.


Rezensent
Dipl.-Kfm. Werner Thomas
Krankenpfleger, Diakon
Homepage www.adservio.de
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Zitiervorschlag
Werner Thomas. Rezension vom 29.03.2016 zu: Saskia Sassen: Ausgrenzungen. Brutalität und Komplexität in der globalen Wirtschaft. S. Fischer Verlag (Frankfurt am Main) 2015. ISBN 978-3-10-002402-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19904.php, Datum des Zugriffs 23.01.2019.


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