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Hannelore Faulstich-Wieland (Hrsg.): Berufsorientierung und Geschlecht

Cover Hannelore Faulstich-Wieland (Hrsg.): Berufsorientierung und Geschlecht. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 188 Seiten. ISBN 978-3-7799-3283-3. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.

Veröffentlichungen der Max-Traeger-Stiftung, Band 50.
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Thema

Seit Beginn des neuen Jahrtausends wird in der Berufsbildungspolitik lebhaft die Frage diskutiert, wie Jugendliche bereits in den allgemeinbildenden Schulen auf ihre Berufswahl so vorbereitet werden können, dass sie möglichst direkt im Anschluss an ihren Schulbesuch, also ohne längere Suchprozesse, Umwege oder Warteschleifen eine Berufsausbildung oder ein Studium beginnen. Ferner sollen Ausbildungs- und Studienabbrüche aufgrund falscher Erwartungen der jungen Menschen vermieden werden. Außerdem sollen sie ihre Berufswahl möglichst mit dem jeweils regional vorhandenen Ausbildungsplatzangebot abstimmen, damit die seit einigen Jahren in der Bildungspolitik problematisierten sogenannten „Passungsprobleme“ zwischen den Ausbildungswünschen der BewerberInnen und dem Ausbildungsplatzangebot der Betriebe reduziert werden können. Diese Gründe zur bundesweiten Einführung von Berufsorientierung in den allgemeinbildenden Schulen werden vor allem von bildungsökonomischen Interessen geleitet: Zum einen wird mit diesen und anderen neuen pädagogischen Ansätzen auf die lauter werdende Sorge eines drohenden Fachkräftemangels in Folge des demografischen Wandels reagiert. Zum anderen sollen volkswirtschaftliche Kosten verringert werden, die durch Suchprozesse und Umwege sowie Studien- sowie Ausbildungsabbrüche entstehen.

Im Gegensatz zu diesen bildungsökonomischen Gründen setzen sich die AutorInnen in dem vorliegenden Sammelband aus einer geschlechterpolitischen Perspektive mit der pädagogischen Gestaltung von schulischer Berufsorientierung auseinander. Anhand diverser Forschungsergebnisse aus der Schweiz und Deutschland werden verschiedene Berufsorientierungsangebote im Hinblick auf ihre pädagogischen Möglichkeiten und Grenzen ausgeleuchtet, die Berufswahloptionen junger Frauen und Männer von geschlechterstereotypen Prägungen zu lösen. Auf diese Weise soll ihnen Chancen auf eine selbstbestimmtere Ausbildungs- oder Studienwahl eröffnet werden. Von besonderem Interesse sind deshalb in den meisten der zusammengestellten Artikel auch die fördernden Voraussetzungen und Bedingungen für eine geschlechtsuntypische Berufswahl junger Frauen und Männer. Gesellschaftlich-strukturell könnte die Erweiterung des individuellen Auswahlspektrums dazu beitragen, sowohl die geschlechtsspezifische vertikale Stratifizierung des Arbeitsmarktes als auch die Geschlechtersegregation innerhalb der Berufe abzubauen und damit die Gleichstellung von Männern und Frauen in Einkommens- und Machtverhältnissen zu fördern. Dass es bis dahin noch ein sehr weiter Weg ist, zeigen die in dem Sammelband zusammengestellten Forschungsergebnisse, doch nicht nur das, sondern auch: „Geschlechtersegregation ist noch stärker ausgeprägt als erwartet“ (Wehner u. a., 23).

Herausgeberin

Hannelore Faulstich-Wieland ist Professorin im Fachbereich Allgemeine, Interkulturelle und International Vergleichende Erziehungswissenschaft der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg. Schwerpunktmäßig forscht und lehrt sie im Bereich der Genderforschung, insbesondere zu Geschlechterverhältnissen im Bildungssystem, Koedukation, Mädchen/Frauen und Technik/Naturwissenschaften, sowie der Sozialisationsforschung.

Entstehungshintergrund

Der Sammelband ist im Rahmen der Forschungen entstanden, die in der Universität Hamburg zu „Geschlecht und Berufsorientierung“ (9) durchgeführt werden. Daraus werden erste Ergebnisse in vier der insgesamt acht Artikel vorgestellt. Im Oktober 2014 fand im Rahmen der Forschungsaktivitäten ein internationales Symposion zum Abbau von geschlechterstereotypen Ausbildungs- und Studienwahlen statt. Vier der dort präsentierten Beiträge wurden ebenfalls aufgenommen. Die Einleitung sowie die insgesamt acht in der Publikation zusammengestellten Artikel wurden angesichts des Themas zwar nicht überraschend, aber dennoch bemerkenswerter Weise von 13 Frauen und lediglich zwei Männern verfasst.

Aufbau und Inhalt

Im Folgenden werden die Einleitung sowie die acht Beiträge kurz vorgestellt:

Berufsorientierung und Geschlecht. Eine Einleitung“. Als Herausgeberin des Sammelbandes skizziert Hannelore Faulstich-Wieland einführend den bildungs- und geschlechterpolitischen Kontext, in den die seit 2004 nachzuverfolgenden Aktivitäten zur schulischen Berufsorientierung einzuordnen sind. Anhand ausgewählter Statistiken begründet sie ihr Forschungsinteresse und ebenso mit dem Sammelband verfolgte Anliegen, geschlechterstereotype Ausbildungs- und Studienwahlen mittels geschlechtersensibler schulischer Berufsorientierung abzubauen. In allen Artikeln liegt deshalb ein besonderer Fokus auf den Bedingungen bzw. Voraussetzungen, die eine geschlechtsuntypische Berufswahl begünstigen können. Mit Blick darauf stellt Hannelore Faulstich-Wieland die einzelnen Beiträge kurz vor und problematisiert abschließend „Perspektiven für eine gendersensible Berufsorientierung“ (19).

Geschlechterungleichheiten in Ausbildungs- und Berufsverläufen junger Erwachsener in der Schweiz“. Nina Wehner, Karin Schwiter, Sandra Hupka-Brunner und Andrea Maihofer referieren Forschungsergebnisse aus einer als Längsschnitt angelegten Mix-Methods-Untersuchung. Dazu wurden quantitative Verlaufsdaten der Schweizerischen TREE-Studie herangezogen, die mittels berufsbiografischer Interviews mit 33 jungen Erwachsenen vertieft wurden, die entweder in geschlechtstypischen oder -untypischen Berufsgruppen tätig waren. Die Ergebnisse verweisen erstens auf das große Beharrungsvermögen geschlechtsspezifischer Berufswahl gegen alle zahlreichst unternommenen geschlechterpolitischen und pädagogischen Bemühungen. Zweitens zeigen sie, dass diejenigen, die sich für einen geschlechtsuntypischen Beruf entschieden haben, über deutlich höhere personale, soziale, ökonomische und kulturelle Ressourcen verfügen als jene in für ihr Geschlecht typischen Berufen. Drittens beeinflussen die Lebenspläne der jungen Menschen im Hinblick auf eine mögliche Familienplanung die Berufswahl entscheidend. Auf der Folie ihrer empirischen Ergebnisse formulieren die Autorinnen abschließend „konkrete Handlungsempfehlungen“, die sich nicht nur auf die pädagogische Gestaltung schulischer Berufsorientierung, sondern darüber hinaus auf die strukturellen Bedingungen im gesamten Ausbildungs- und Erwerbsarbeitssystems beziehen.

Wenn Frauen in MINT-Studiengängen fehlen“. Elena Makarova, Belinda Aeschlimann und Walter Herzog gingen in ihrer quantitativen Befragung von 3032 SchülerInnen aus Schweizer Gymnasien der Frage nach, in welchem Maße der Unterricht in Chemie, Physik und Mathematik das Studienwahlverhalten der Jugendlichen beeinflusst. Im Einzelnen interessierte sie in diesen drei Fächern erstens die didaktische Unterrichtsgestaltung, zweitens die Geschlechterdarstellung in Schulbüchern und drittens das geschlechterbezogene Image. Die Forschungsergebnisse zeigen, wie stark die drei Fächer in den Schulbüchern als männliche Domänen präsentiert werden und ihr Image dementsprechend auch von den SchülerInnen wahrgenommen wird. Obwohl sich erhebliche Unterschiede zwischen den Wahrnehmungen der Unterrichtsgestaltung von Mädchen und Jungen zeigten, ergaben sich geschlechtsübergreifend positive Zusammenhänge zur Wahl eines MINT-Studiengangs, wenn der Unterricht (1) über Berufsmöglichkeiten informierte, (2) konkrete Alltags- oder Praxisbezüge aufwies und von dem Bemühen geleitet wurde, dass (3) die SchülerInnen alles verstehen konnten und (4) individuell gefördert wurden.

Undoing Circumscription? Berufsbezogene Interessen und Kenntnisse von Schülerinnen und Schüler im 8. Jahrgang“. Barbara Scholand stellt unter Mitarbeit von Vanessa Carroccia Ergebnisse aus einer ersten Welle vor, die im Rahmen einer längsschnittlich angelegten Befragung von SchülerInnen in den 8. Klassen in zwei Hamburger Stadtteilschulen erhoben wurden. Sie untersuchten, ob die Jugendlichen bei ihrer Berufswahl „eine geschlechterstereotype Eingrenzung ihrer Interessen – also ein doing circumscription“ (59) vornehmen, oder ob sich mehr Hinweise für „undoing circumscription“, also geschlechterübergreifende Gemeinsamkeiten finden lassen. Als theoretische Basis beziehen sich die Forscherinnen auf die Berufswahltheorie von Linda Gottfredson, in der neben der geschlechtsspezifischen Prägung auch das Image und Anforderungsniveau des jeweiligen Berufs einflussreich sind und die Berufspräferenzen entscheidend mitbestimmen. Zumindest in ihrer ersten Befragungswelle konnten sie keine eindeutigen Antworten auf ihre Frage finden, „ob nun das doing oder das undoing circumscription überwiegt“ (80). Denn: „Zweifelsohne spielt die geschlechtsspezifische Codierung eines Berufs für die Jugendlichen eine Rolle, aber Prestige und Anforderungsniveau sind nicht weniger wichtig“ (ebd.).

Auszubildende in geschlechtsuntypischen Berufen“. Hannelore Faulstich-Wieland präsentiert Ergebnisse aus narrativen Interviews mit neun jungen Frauen und14 jungen Männern, die alle eine Ausbildung in einem geschlechtsuntypischen Beruf absolvierten. Das Forschungsinteresse galt (1) der Frage nach den Beweggründen der Auszubildenden für die getroffene Berufswahl sowie dem Einfluss, den (2) die schulische Berufsorientierung und (3) andere Faktoren darauf hatten. Dazu präsentiert Hannelore Faulstich-Wieland Direktzitate aus den Erzählungen der jungen Frauen und Männer, die auf zahlreiche Gemeinsamkeiten, aber auch deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede in deren Erfahrungen verweisen. Junge Frauen schildern erheblich größere Schwierigkeiten als junge Männer, eine Ausbildung in einem sogenannten „Männerberuf“ zu absolvieren. Die schulische Berufsorientierung erreicht unabhängig von der jeweiligen Geschlechtszugehörigkeit jedoch viele Jugendlichen nicht. Dennoch zeigen die Interviews, „dass pädagogische Unterstützungen sinnvoll wären“ (113).

Geschlechtsuntypische Berufswahlen“. Sylvia Rahn und Emanuel Hartkopf haben die Daten einer regionalen, längsschnittlichen Vollerhebung der Berufsorientierungsprozesse eines gesamten Jahrgangs in 8. Klassen in Haupt-, Real- und Gesamtschulen sowie Gymnasien bis zum Übergang in eine weiterführende Schule oder eine Berufsausbildung analysiert. Trotz der großen Gesamtstichprobe im Rahmen des regionalen Berufsorientierungspanels konnten sie lediglich mit einer kleinen Fallzahl arbeiten, weil nur wenige Jugendliche sich für einen geschlechtsuntypischen Beruf entschieden hatten. Als theoretische Basis wählten sie wie auch Barbara Scholand und Vanessa Carroccia (siehe oben) die Berufswahltheorie von Linda Gottfredson und kamen zu dem Ergebnis, „dass das Image und Prestige der Berufe als wichtige intermediäre Variablen bei der Erklärung geschlechtsuntypischer Berufswahlen zu berücksichtigen wären“ (127). Zudem tendierten eher junge Männer als junge Frauen dazu, in einer Entscheidung für einen geschlechtsuntypischen Beruf Auswege aus ihrer misslungenen Berufsorientierung und den damit verbundenen Berufswahlschwierigkeiten zu suchen. Aus diesem Ergebnis ziehen die ForscherInnen die Konsequenz, dass „in solchen Fällen … die effektive Förderung der Berufswahlkompetenz der betroffenen Jugendlichen möglicherweise nicht dazu führen (würde, R. E.), dass mehr, sondern dass noch weniger geschlechtsuntypische Berufsausbildungen aufgenommen würden als dies derzeit der Fall ist“ (129).

Rahmenbedingungen und Umsetzung der schulischen Berufsorientierung in Hamburg“. Der Frage, welche Rolle das „Geschlecht“ in der schulischen Berufsorientierung in Hamburg spielt, sind Hannelore Faulstich-Wieland und Barbara Scholand mit einem Mixed-Methods-Forschungsdesign nachgegangen. Erstens haben sie die gesetzlichen Grundlagen sowie die Curricula und sonstigen Bedingungen analysiert, die von Seiten der Schulbehörde und weiterer relevanter Akteure der Hamburger Jugend- und Berufsausbildungspolitik für die Berufsorientierung geschaffen wurden. Im Sinne eines Fazits sehen die Forscherinnen darin gute Ansätze für eine geschlechtersensible Berufsorientierung. Zweitens haben sie mittels ethnografischer Beobachtungen im Berufsorientierungsunterricht erforscht, inwieweit dort eine geschlechtergerechte Sprache praktiziert wird. Die vorgestellten Ergebnisse stimmen kritisch, denn „es findet sich keine gendersensible Sprachverwendung“ (145).

Filme über Berufe mit ausgewogenem Geschlechterverhältnis“. Da im Rahmen des schulischen Berufsorientierungsunterrichts Lehrkräfte häufig auf Filme zu ausgewählten Berufen zurückgreifen, interessierte Tatjana Beer vor allem die Frage, wie Filme gestaltet sein sollten, um entweder beide Geschlechter gleichermaßen anzusprechen oder die Berufe geschlechtsneutral zu präsentieren. Deshalb analysierte sie sieben Filme zu Berufen, die in Hamburg zu den am stärksten besetzten Ausbildungsberufen gehören und fand zumindest in fünf Filmen gute Ansätze, wie Berufsfilme so gestaltet werden können, dass sie entweder beide Geschlechter gleichermaßen oder weder gezielt Jungen noch Mädchen ansprechen. Diese Hinweise könnten bei der Produktion weiterer Berufsfilme aufgegriffen und beachtet werden.

Gendersensibilität in der Berufsorientierung durch Individualisierung“. Der Sammelband schließt mit dem Beitrag von Bärbel Kracke und Katja Driesel-Lange. Sie stellen keine empirischen Ergebnisse, sondern ihre konzeptionellen Überlegungen zur Gestaltung geschlechtersensibler schulischer Berufsorientierung vor. Diese basieren auf drei pädagogischen Grundprinzipien, die sie aus der Literatur entnommen haben: Erstens setzt die Gestaltung gendersensibler Berufsorientierung die Individualisierung des Unterrichts voraus, mittels derer die individuellen Kompetenzen, Ressourcen, Bedürfnisse und Wünsche der SchülerInnen sowie ihre Lebenswelten insgesamt berücksichtigt werden sollten. Zweitens müssten die SchülerInnen ausdrücklich dazu angeregt werden, sich mit verschiedenen Geschlechterrollen auseinanderzusetzen. Drittens seien die Lehr- und sonstigen pädagogischen Fachkräfte und BeraterInnen, die in der Berufsorientierung tätig sind, so zu qualifizieren, dass sie gendersensiblen Unterricht gestalten können. Um diese pädagogisch-didaktischen Prinzipien mit Leben zu füllen, skizzieren sie das Thüringer Berufsorientierungsmodell als ein gutes Beispiel für die Individualisierung von Berufsorientierungsangeboten. Abschließend präsentieren sie einen Workshop, den sie zur Weiterbildung von Lehr- und anderen pädagogischen Fachkräften in der Berufsorientierung entwickelt haben.

Diskussion

Um die zahlreich vorhandenen Angebote zur Berufsorientierung geschlechtersensibler gestalten und ihre Konsequenzen für die Berufswahl der Jugendlichen einschätzen zu können, enthält der von Hannelore Faulstich-Wieland herausgegebene Sammelband einen ‚bunten Strauß‘ theoretischer Reflexionen, empirischer Befunde und konzeptioneller Überlegungen aus der Schweiz und Deutschland. Sie liefern einen breiten und meines Erachtens überaus inspirierenden Fundus sowohl für die bildungspolitische als auch pädagogisch-praktische (Weiter)Entwicklung der Berufsorientierung hin zu geschlechtersensibel gestalteten Angeboten. Insbesondere die relevanten bildungspolitischen AkteurInnen sowie die in der Berufsorientierung tätigen Lehr- und sonstigen pädagogischen Fachkräfte können aus meiner Sicht dazu angeregt werden, die Angebote und ihren Unterricht selbstkritisch zu überdenken und zu modifizieren. Allerdings eröffnen die vorgestellten Forschungsergebnisse auch ernüchternde Perspektiven auf die zumindest gegenwärtig noch überaus begrenzten Möglichkeiten, mittels schulischer Berufsorientierung geschlechterstereotype Ausbildungs- und Studienwahlentscheidungen beeinflussen zu können. Vor allem die medial und bildungspolitisch stark umworbenen „Girls´ Days“ und „Boys´ Days“ kommen dabei schlecht weg.

Trotz dieser insgesamt positiven Würdigung habe ich auch drei kritische Anmerkungen:

  • Erstens beziehen sich die meisten AutorInnen auf die Berufswahltheorie von Linda Gottfredson, so dass einige redundante Ausführungen nicht zu vermeiden waren.
  • Zweitens war für mich überraschend, dass in allen Beiträgen die zweigeschlechtliche Geschlechterordnung unhinterfragt vorausgesetzt wird. So bleiben kritische Ansätze aus der Geschlechterforschung – insbesondere basierend auf Judith Butler – unerwähnt. Doch nicht nur relevante Geschlechtertheorien zur Infragestellung bzw. Dekonstruktion der Zweigeschlechtlichkeit, sondern auch dazu vorliegende, identitätstheoretisch fundierte Forschungsergebnisse, wie die des Deutschen Jugendinstituts zu „Coming-out-Verläufe und Diskriminierungserfahrungen von lesbischen, schwulen, bisexuellen und trans* Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland“ werden vernachlässigt.
  • Drittens werden lediglich in dem Beitrag von Nina Wehner, Karin Schwiter, Sandra Hupka-Brunner und Andrea Maihofer ausdrücklich die gesellschaftlich-strukturellen Verhältnisse der vergeschlechtlichen Stratifizierung von Erwerbs- und Familienarbeit problematisiert und empirisch entsprechend berücksichtigt. In den anderen Artikeln dominiert der Fokus auf das individuelle Ausbildungs- und Studienwahlverhalten junger Menschen und Fragen der pädagogischen Förderung einer geschlechtsuntypischen Berufswahl. Mit dieser Engführung drohen geschlechtsspezifische Ungleichheiten am Arbeitsmarkt vernachlässigt zu werden. Schließlich zeichnen sich – trotz aller geschlechterpolitischen Bemühungen für mehr Gleichstellung in der Vergangenheit – immer noch „Berufe mit hohen Frauenanteilen … durch tiefere Entlohnung, geringere Aufstiegsoptionen, eingeschränkte berufsinterne Ausbildungsmöglichkeiten und geringeren Sozialstatus sowie insgesamt schlechtere Arbeitsbedingungen aus als vergleichbare Berufe mit hohen Männeranteilen“ (Wehner u. a., 24). Des Weiteren stützt die gegenwärtige Organisation von Erwerbsarbeit mit ihrem Karriere- und Entlohnungssystem die geschlechtsspezifische Teilung von Erwerbs- und Familienarbeit. Mit schulischer Berufsorientierung alleine wird mithin kaum realisierbar sein, dass Fragen der Familienplanung nicht länger allein für die Berufswahl von Frauen, sondern gleichermaßen auch für jene der Männer relevant sind. Deshalb hätte ich mir in allen Beiträgen eine stärkere Problematisierung der gesellschaftlichen Geschlechterordnung gewünscht. Bezogen auf die Gestaltung von Berufsorientierungsangeboten wäre dann für junge Frauen und Männer mehr die Ermöglichung vielfältigerer Lebensentwürfe und nicht nur die Förderung ihrer geschlechtsuntypischen Berufswahl ins Blickfeld gekommen (vgl. auch Wehner u. a., 37).

Fazit

Trotz der angeführten drei Kritikpunkte empfehle ich den Sammelband allen Lehr- und sonstigen pädagogischen Fachkräften, die in der Berufsorientierung tätig sind. Auch für bildungspolitische AkteurInnen, die auf kommunaler, Landes- oder Bundesebene an der institutionellen Gestaltung von Berufsorientierungsangeboten mitwirken, sind die dort zusammengestellten theoretischen Reflexionen, empirischen Befunde und konzeptionellen Überlegungen aus der Schweiz und Deutschland überaus relevant. Denn auf ihrer Basis können die zahlreich vorhandenen Berufsorientierungsangebote sowohl von Seiten der Bildungspolitik als auch in der pädagogischen Praxis so weiterentwickelt werden, dass sie zukünftig geschlechtersensibler gestaltetet werden und damit zu mehr Gleichstellung der Geschlechter beitragen können.


Rezensentin
Prof. Dr. Ruth Enggruber
Hochschule Düsseldorf, FB Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Ruth Enggruber. Rezension vom 28.04.2016 zu: Hannelore Faulstich-Wieland (Hrsg.): Berufsorientierung und Geschlecht. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. ISBN 978-3-7799-3283-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19918.php, Datum des Zugriffs 21.08.2019.


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ISSN 2190-9245

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