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Anil Batra, Gerhard Buchkremer: Tabakentwöhnung

Cover Anil Batra, Gerhard Buchkremer: Tabakentwöhnung. Ein Leitfaden für Therapeuten. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2004. 139 Seiten. ISBN 978-3-17-017614-0. 25,00 EUR, CH: 43,80 sFr.

Mit CD-ROM. Reihe: Störungsspezifische Psychotherapie.
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Autoren

Die Hauptautoren Herr Privatdozent Dr. Anil Batra und Herr Prof. Dr. Gerhard Buchkremer sind an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Tübingen tätig und beschäftigen sich seit Jahren mit der Tabakentwöhnung. Grundlage dieses Buches ist das im Jahre 1997 erschienene Selbsthilfemanual der Autoren.

Aufbau und Inhalt

Die Grundlagen des Therapieprogramms werden zu Beginn dargestellt. Die Behandlung soll in Gruppen mit sechs bis zehn Teilnehmern erfolgen und sich auf sechs wöchentliche Sitzungen verteilen. Die Autoren stellen fest: "Die Vorteile dieses Programms liegen in der strukturierten, manualisierten Vorgehensweise, die sich streng an verhaltenstherapeutischen Grundsätzen orientiert. Dieses Manual erläutert das therapeutische Vorgehen... und illustriert zudem die biologische und psychologischen Grundlage der Tabakabhängigkeit" (S. 14 ). Eine strenge Orientierung an die Verhaltenstherapie bedeutet, dass die anderen gebräuchlichen Methoden der Raucherentwöhnung als nicht gleichwertig akzeptiert werden. Die beiden Autoren sind Vertreter der Verhaltenstherapie. Es handelt sich also nur um eine Darstellung der Verhaltenstherapie bei der Raucherentwöhnung. Die folgenden Punkte werden angesprochen ( S. 14 - 28 ):

  • Tabakbedingte Gesundheitsschäden,
  • Definition der Tabakabhängigkeit,
  • Entzugssymptome,
  • Biologischen und psychosoziale Entstehungsbedingungen des Rauchens,
  • Entwöhnungsmethoden und Erfolgsaussichten,
  • Was bestimmt den Erfolg einer Raucherentwöhnung?

Die Wirkelemente der Verhaltenstherapie werden grundsätzlich erläutert:

  • Psychoedukation,
  • Abbau des Problemverhaltens und Aufbau eines Alternativverhaltens,
  • Verhaltensbeobachtung: Selbstbeobachtung und Protokollierung,
  • Situations-/Reizkontrolle,
  • Operante Verstärkung,
  • Soziale Unterstützung/Kurshelfer und soziale Kontrakte,
  • Rückfallprophylaxe, P
  • rogressive Muskelentspannung,
  • "Punkt-Schluss" versus Reduktionsmethode.

Einige Aussagen sollen beispielhaft herausgestellt werden:

  • "Bei den Verhaltenstherapien handelt es sich um die umfassendsten und wirksamsten Verfahren zur Raucherentwöhnung" ( S. 22).
  • "Die verhaltenstherapeutisch orientierte psychotherapeutische Behandlung muss also Bewältigungsfertigkeiten des Einzelnen im Hinblick auf rückfallgefährliche Situationen stärken" ( S. 26 ). Die Entzugssymptomatik wird auf einer halben Seite mit Stichworten über die Beschwerden erläutert.
  • Die Wirkungen des Nikotins im Nervensystem werden nur ganz allgemein als "angenehme psychotrope Effekten des Rauchens" beschrieben. Eine nähere Beschreibung fehlt.
  • "Punkt-Schluss-" versus Reduktionsmethode. "Die Vorteile der Punkt-Schluss-Methode überwiegen. Das vorliegende Programm arbeitet daher nach der Punkt-Schluss-Methode" (S. 27).
  • Zur Behandlung mit Hypnose und Akupunktur wird festgestellt. "Als Nachteil beider Verfahren gilt, dass sie dem Raucher keine Möglichkeit zur Bewältigung von Krisen und Versuchungssituationen in die Hand geben." Zu den sonstigen Methoden heisst es. "Oftmals kommen sog. unspezifische Wirkfaktoren, z. B. der suggestive Einfluss des Therapeuten, nicht jedoch eine wissenschaftliche Basis der Therapie zum Tragen" (S. 22).

Es werden hier einige Behauptungen aufgestellt, die weder durch die Ergebnisse von Untersuchungen, Vergleichszahlen oder eine ausführliche Diskussion belegt oder begründet werden. Über fast alle Punkte des Rauchens und der Raucherentwöhnung existiert eine ausreichende wissenschaftliche Literatur, die in dem Buch aber nicht genutzt wird. Die Forderung einer wissenschaftlichen Theorie als Grundlage ist überzogen, weil es sich um Menschen mit Gefühlen und Probleme handelt und nicht um Versuchsobjekte.

Die praktische Umsetzung des Therapieprogramms mit einer detaillierten Beschreibung der Therapieeinheiten wird auf 75 Seiten vorgestellt ( S. 29 -103).

  1. Für die 1. Stunde sind zu verteilende Materialien vorbereitet: Motivationskarte, Strichliste, Situationsfragebogen. Tageskarte, Rauchalternativen und Motivationswaage.
  2. In der 2. Stunde soll der erste Nichtrauchertag schriftlich festgelegt und vor den anderen Teilnehmern benannt werden. In dieser Stunde erfolgt ebenfalls die Empfehlung und Anleitung zur Anwendung der medikamentösen Unterstützung. "Die medikamentöse Behandlung zielt auf eine Unterdrückung der Entzugssymptomatik, des Rauchverlangens und der Gewichtszunahme... Mit Ausnahme der sehr leichten Raucher sollten alle Raucher durch eine medikamentöse Hilfe unterstützt werden... Jeder Teilnehmer sollte eine individuelle Empfehlung zur Verwendung von Nikotinersatzmitteln bzw. Bupropion (Zyban ) erhalten."( S. 62,64 ).
  3. In der 3. Stunde erfolgt die Abstinenzkontrolle oder das Besprechen der Erfolges / Misserfolges und bei Scheitern des Abstinenzvorhabens, das Festlegen eines weiteren Nichtrauchertages. Dann soll gemeinsam ein neuer Nichtraucher-Tag festgelegt werden. "In Einzelfällen - bei Teilnehmern mit großen Schwierigkeiten, einen ersten Nichtrauchertag durchzuhalten... - kann es sinnvoll sein, den alternativen Weg der sukzessiven Konsumreduktion mit dem Ziel der Abstinenz zu erwägen" (?! S. 69). Weiterhin sind vorgesehen: Einführung operanter Verstärker, Abschluss von Vereinbarungen, Belohnungen als Motivationsverstärker, Einbeziehung eines Kurshelfer sowie die Adaptation der medikamentösen Unterstützung bzw. Besprechung von Nebenwirkungen und Aufbau einer gesunden, wenig belastenden, kalorienarmer Ernährung.
  4. In der 4. Stunde werden die Themen behandelt: Motivationserhöhung, Rückbesinnung auf die ursprüngliche Motivation, Intensivierung der operanten Verstärkung, Rückfälle mit ausführlicher Besprechung von rückfallkritischen Situationen, Anleitung zum Entspannungstraining, Ermutigung zur langfristigen Anwendung medikamentöser Unterstützung.
  5. Die 5. Stunde beinhaltet die Bausteine: Rückmeldung über die erreichten Ziele, Einsatz operanter Verstärker, Fortführung der Vereinbarungen, des Muskelentspannungstrainings, der Alternativverhaltensweisen und der medikamentösen Unterstützung, Interventionen bei Weiterrauchen,Informationen über die Rückfalldynamik, Ausarbeitung eines Krisenplanes.
  6. Die letzte und 6. Stunde dient der Fortführung der angegebenen Aktivitäten.

Dann werden noch kurz auf vier Seiten einige Probleme in der Raucherentwöhnung diskutiert: Umgang mit Rückfälligkeit, Ablehnung der medikamentösen Unterstützung, Angst vor der Gewichtszunahme, Mangelnder Einsatz von Belohnungen, Ablehnung von sozialen Kontrakten und das Scheitern der Selbstbeobachtung. "Das Scheitern der Selbstbeobachtungsphase kann als früher Hinweis auf eine mangelnde Motivation des Rauchers an einer Entwöhnungsbehandlung gewertet werden" (S.107 ). Die Aussage wäre zu begründen. Auch hierüber existiert eine ausreichende wissenschaftliche Literatur, auf die nicht eingegangen wird.

Abschließend folgt ein Anhang von 20 Seiten über die Verwendung der verschiedenen Präparate der Nikotinsubstitution und Zyban. Es handelt sich um Auszüge aus den industriellen Gebrauchsinformationen und sind an die "Liebe/r entwöhnungswillige/r Raucher/in" gerichtet. Die Aufführung des verschreibungspflichtigen Zyban, das einige erhebliche spezielle Nebenwirkungen hat, dürfte sehr problematisch sein. Über die Erfolgsquoten der einzelnen Präparate werden keine Zahlen genannt. Dann werden auf acht Seiten kurze "Erläuterungen zu den Materialien, die auf dem Buch beigefügten CD-ROM enthalten sind, gebracht.

Im Text fehlen Literaturhinweise bzw. eine Literaturliste am Ende.

Diskussion

Es handelt sich hier um eine strenge Orientierung an die Verhaltenstherapie. Andere Therapieformen werden negativiert. Die Aussage, dass die Verhaltenstherapien die umfassendsten und wirksamsten Verfahren sind, müsste belegt werden.

In diese verhaltenstherapeutischen Vorgaben sind aber andere Therapiebestandteile integriert, ohne dass das ursprüngliche Konzept angepasst wurde, z. B. die sofortige Abstinenz. Bei einer Abstinenz treten Entzugsbeschwerden auf, die nicht aufgefangen werden können, weil die Gruppe sich erst wieder eine Woche später trifft (Shiffman u.a. in Nicotine & Tobacco Research 2004, 6, 599 - 614). Innerhalb der ersten acht Tage wird die Mehrzahl der Exraucher aber rückfällig (Hughes u.a. in Addiction 2004, 99, 29-38 ). Diese Beschwerden sind ein zentraler Faktor bei der Entwöhnung. "Eine der am häufigsten genannten Befürchtungen der Teilnehmer eines Raucherentwöhnungkurses ist eine mögliche Gewichtszunahme." Die entscheidenden Faktoren für das Rauchen sind die angenehmen Genuss-Lust-Gefühle des Nikotins, die als sog. Craving auch bei einem Rückfall wirksam werden. Diese Punkte werden nicht ausführlich dargestellt.

Diese Probleme sollen dann die Medikamente lösen, die sehr eindringlich empfohlen werden.

In dem vorgestellten Konzept wird nicht klar, welche Therapieform eigentlich führend ist: die Psychotherapie oder die Medikamententherapie. Daraus dürfte sich für den Patienten eine unklare Zielrichtung ergeben: Soll er den Anweisungen folgen oder sich auf die Wirkung der Medikamente verlassen ? Abgesehen davon kommen dadurch doppelte Kosten auf den Raucher zu. Weiterhin werden für diese Therapieform keine Zahlen genannt, z.B. die Quote der Abbrecher in den sechs Wochen, die Zahl der Teilnehmer, die Medikamente zusätzlich nehmen, die Erfolgsquote am Ende der Therapie, die Rückfallquote nach einem Jahr usw.

Zielgruppe

Das Entwöhnungsprogramm richtet sich an Mediziner, Psychologen und Pädagogen. Sind die anderen psychosozialen Berufsgruppen in der Suchttherapie, z. B. Sozialarbeiter, ausgeschlossen? Die Problematiken der Einnahme von Medikamenten dürften nur für Ärzte verständlich sein. Empfehlungen von nichtärztlichen Berufsgruppen für den Einsatz dürften sehr problematisch sein und sollten sich nur auf allgemeine Hinweise beschränken. Wenn der Raucher diese frei in der Apotheke kauft, trägt er selbst das Risiko.

Fazit

Der Untertitel lautet "Ein Leitfaden für Therapeuten", bedeutet das, dass es sich ein Lehrbuch für Therapeuten ? Da keine Literaturangaben, keine Vergleiche, keine Erfolgsquoten aufgeführt werden, dürfte es als Lehrbuch nicht einzusetzen sein. Ebenso fehlen ausführliche Diskussionen über die vorgeschlagenen Massnahmen. Dieses Buch allein dürfte für die Durchführung einer guten Raucherentwöhnung nicht ausreichen. Da es nur die Techniken der Verhaltenstherapie vermittelt, ist das Buch nur geeignet für Nikotintherapeuten, die diese Therapieform kennen lernen oder benutzen wollen.

Eine moderne Rauchertherapie muss - nach Meinung des Rezensenten - offen sein für alle Angebote, die den subjektiv verschiedenen Rauchern helfen, von der Nikotinsucht los zu kommen. Einseitige Beschränkungen auf einzelne Therapien - mit Begründungen wie wissenschaftlich begründet oder evidenzbasiert usw.- sind für den individuellen Raucher nachteilig bzw. helfen ihm nicht. Die Hilfen sollten auf den entwöhnungswilligen Raucher ausgerichtet sein und nicht einer wissenschaftlichen Methode folgen.

Der Raucher kämpft mit seinen subjektiven Gefühlen der Genuss-Lust, die ihm das Nikotin verschafft. Die Wirkungen muss der Therapeut genau wissen und verstehen. Diese Auseinandersetzung der individuellen Persönlichkeit muss vom Therapeut erfasst und geklärt werden, sodass der Raucher sich selbst entscheiden kann, ob er auf diese angenehmen Wirkungen verzichten kann oder will. In dem Buch fehlt die Klärung der Frage nach der Motivation des Nikotinkonsums. Was hat der Raucher davon? Warum raucht er? Diese Klärung bezieht sich auf das Craving und ist auch entscheidend für die Motivation zu einem Rückfall.


Rezension von
Prof. Dr. med. Klaus-Dietrich Stumpfe
Arzt für Psychiatrie
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften, Lehrgebiet: Sozialmedizin und Sozialpsychiatrie


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Zitiervorschlag
Klaus-Dietrich Stumpfe. Rezension vom 16.11.2004 zu: Anil Batra, Gerhard Buchkremer: Tabakentwöhnung. Ein Leitfaden für Therapeuten. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2004. ISBN 978-3-17-017614-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1992.php, Datum des Zugriffs 07.12.2021.


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