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Barbara Brachmann: Behinderung und Anerkennung

Cover Barbara Brachmann: Behinderung und Anerkennung. Alteritäts- und anerkennungsethische Grundlagen für Umsetzungsprozesse der UN-Behindertenrechtskonvention in Wohneinrichtungen der Behindertenhilfe. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2015. 224 Seiten. ISBN 978-3-7815-2064-6. D: 39,00 EUR, A: 40,10 EUR.
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Autorin

Die Autorin Barbara Brachmann ist Diplom-Sozialpädagogin. Sie hat in verschiedenen behindertenpädagogischen Praxisfeldern insbesondere mit Menschen mit geistiger Behinderung gearbeitet. Die vorliegende Arbeit wurde von der humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität Köln als Dissertation angenommen.

Adressat*innen

Die Arbeit richtet sich an alle an der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) Arbeitenden sowie an in Ausbildung und Fortbildung in diesem Bereich Tätigen. Ihr Ziel ist es, auf der Basis eines anerkennungstheoretischen und alteritätsethischen Fundaments Handlungsempfehlungen für die Praxis zu geben und zugleich die Professionalisierung der Behindertenhilfe voranzutreiben.

Aufbau und Inhalte

1. Einleitung: Problemstellung und Perspektiven

Die Dissertation verfolgt das Ziel, die in der UN-BRK geforderte Anerkennung von Menschen mit Behinderungen näher zu bestimmen und hierfür eine anerkennungstheoretische und -ethische Basis zu schaffen (10). Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie sich die teilweise sehr abstrakten theoretischen Grundlagen in gehaltvolle Handlungsempfehlungen für die Praxis umsetzen lassen. Nach einer Darstellung der UN-BRK setzt sich die Verfasserin mit unterschiedlichen Theorien der Anerkennung auseinander. Im Mittelpunkt stehen dabei die Anerkennungstheorie Honneths und die Phänomenologie Levinas`, aus deren Diskussion Brachmann eine alteritätsethische Lesart von Anerkennung als Basis für ihre praktischen Empfehlungen entwickelt. Letztere beziehen sich insbesondere auf Wohneinrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung.

2. Menschen mit Behinderung und die UN-BRK

Der UN-BRK liegt ein menschenrechtsorientierter Behinderungsbegriff zugrunde, den man als Weiterentwicklung des sozialen Modells von Behinderung bezeichnen kann, das im Unterschied zum medizinisch/individualtheoretischen Modell nicht die individuellen Defizite betont, sondern Behinderung als Resultat von Diskriminierung und Unterdrückung versteht. Im Mittelpunkt des menschenrechtlichen Modells steht die Menschenwürde. Menschen mit Behinderung werden nicht als bedürftige Objekte von Wohlfahrts- und Fürsorgepolitik, sondern als Bürgerrechtssubjekte verstanden. Im Sinne des diversity-Ansatzes wird Behinderung darüber hinaus nicht nur als Bestandteil menschlichen Lebens bejaht, sondern als Quelle möglicher kultureller Bereicherung gesehen.

Diesem Behinderungsverständnis gemäß verlangt die Konvention ausdrücklich Achtung, Respekt und Wertschätzung gegenüber Menschen mit Behinderungen durch wirksame rechtliche Anerkennung und entsprechende gesellschaftliche Bewusstseinsbildung.

3. Anerkennung

Anerkennung bedeutet im behinderten pädagogischen Diskurs, „dass wir anderen Menschen neben uns einen Daseinsraum eröffnen und ihnen mit Achtung begegnen“ (Dederich 2011, zit. n. Brachmann S. 27). Darüber hinaus muss den anderen Menschen ein positiver Wert zugeschrieben werden. Im Unterschied zu Honneth, demzufolge Anerkennung als symmetrisch und reziprok zu charakterisieren ist, wird in der Behindertenpädagogik Anerkennung nicht notwendigerweise als Wechselseitigkeit gedacht, weil dies Menschen ausschließen würde, die nicht zu einer reziproken Beziehung in der Lage sind.

Honneths Theorie der Anerkennung soll im Folgenden näher dargestellt werden. Er entwirft drei Grundformen gesellschaftlicher Anerkennung als Voraussetzung für Identitätsbildung und Selbstverwirklichung: Liebe, Recht und Solidarität. Liebe als elementarste Form entsteht in den Primärbeziehungen. Sie verhilft dem Subjekt dazu, Selbstvertrauen als wesentliche Voraussetzung für Selbstverwirklichung zu entwickeln. Positive rechtliche Anerkennungserfahrungen im gesellschaftlichen Kontext stellen die Grundlage für Selbstachtung und Autonomie dar. Soziale Wertschätzung als dritte Kategorie ermöglicht es dem Menschen, sich in seinen Leistungen und Fähigkeiten als wertvolles Mitglied der Gesellschaft zu erfahren.

Von besonderer Bedeutung für die Arbeit der Verfasserin ist die Phänomenologie von Levinas, der ein radikales Verständnis von „Alterität“ (Andersheit) entwickelt hat. Er lehnt es ab, den Anderen in eigene Schemata zu überführen und ihn dadurch seiner Individualität zu berauben. Er verlangt, das konkrete Sosein des Individuums in seiner spezifischen Besonderheit zu berücksichtigen und schafft dadurch eine Nähe zur Sonderpädagogik.

Für Brachmann ist es wichtig, die unterschiedlichen Anerkennungstheorien von Honneth und Levinas zusammenzuführen und dabei insbesondere die Dimensionen Verantwortung (Levinas), Anerkennung und Gerechtigkeit zu berücksichtigen. Als Konsequenzen für die Behindertenpädagogik sieht sie mit Dederich, sich dem Anderen in seiner Andersheit zu nähern (110) ohne ihn zu vereinnahmen. Dies verlangt einen Bewusstseinswandel, der den Anderen nicht auf bestimmte identitätskonstitutive Merkmale festlegt, sondern sich immer seiner Andersheit bewusst bleibt. Damit verbunden ist die Ablehnung eines Behinderungsverständnisses, dass Normalitätserwartungen folgt. Anerkennung in Form solidarischer Wertschätzung darf nicht an einzelne Eigenschaften geknüpft werden, weil damit die Nichtanerkennung beziehungsweise die Herabwürdigung individueller oder kollektiver Lebensweisen verbunden wäre. „Anerkennung bedeutet demnach, dem anderen prinzipiell positiv und gleichzeitig ‚freilassend‘ gegenüber zu treten und die Begegnung mit ihm gerade nicht auf Kategorien, moralischen Prinzipien oder Regeln basierend zu entfalten“ (208).

4. Professionelles Handeln in der Behindertenpädagogik

Die behindertenpädagogische Profession ist durch einige Widersprüche und Dilemmata wie z.B. „die ‚doppelte‘ Funktion, ‚Behinderung‘ als Konstrukt selbst hervorzubringen und gleichzeitig gegen ‚Verbesonderung‘ anzukämpfen“ (229) gekennzeichnet. Die alteritätsethische Lesart der Anerkennung kann einen Beitrag zu deren Aufhebung leisten.

Voraussetzung für die Professionalisierung sonderpädagogischen Handelns ist eine Analyse gesellschaftlicher Entwicklungstendenzen. Diese sind vor allem durch Individualisierungsprozesse gekennzeichnet, die nach Ulrich Beck Herauslösung aus traditionellen Abhängigkeiten, zugleich aber auch größere Verantwortung für das eigene Leben und damit verbunden Ab-und Umbau des Sozialstaates bedeuten.

Individualisierung hat zwar einerseits durch die Betonung von Autonomie und Selbstbestimmung die Handlungsmöglichkeiten von Menschen mit Behinderungen erweitert, andererseits aber für diejenigen mit komplexer (schwerer geistiger) Behinderung zur Vernachlässigung der Dimension des Angewiesenseins auf andere geführt. Gerechtigkeit für letztere lässt sich aber nur realisieren, wenn man sich auf Menschlichkeit, das Angewiesensein aufeinander, besinnt und danach die Beziehungen gestaltet.

Aus alteritätsethischer Sicht, die nicht so sehr allgemeine ethische Prinzipien, sondern die Besonderheit des anderen berücksichtigt, müssen die Formen der Anerkennung folgende Implikationen berücksichtigen: Emotionale Zuwendung und Empathie als Basis für die Entwicklung eines Selbstwertgefühls bedeutet, dass Menschen mit komplexer Behinderung nicht als „defizitär“ oder „problematisch“ betrachtet werden dürfen, sondern ihnen ein positiver Wert zugeschrieben wird. Im Umgang mit ihnen ist von den Professionellen ein angemessenes Verhältnis von Nähe und Distanz zu entwickeln, um Autonomie und Selbstbestimmung nicht durch Machtmissbrauch zu gefährden. Für die rechtliche Anerkennung ist die tatsächliche Umsetzung der UN-BRK wichtig. Menschen mit Behinderung müssen auch durch Bildung in die Lage versetzt werden, diese Rechte (insbesondere Selbstbestimmung) auszuschöpfen. Solidarische Wertschätzung bedeutet, den anderen in seinem Sosein als Bereicherung der Gesellschaft anzuerkennen – ohne Verbindung mit dem Leistungsbegriff wie bei Honneth.

Die Empfehlungen zur Umsetzung der UN-BRK und der alteritätsethischen Anerkennung müssen sich sowohl auf die professionelle Handlungspraxis als auf die organisatorische Ebene der Einrichtungen beziehen. Weitestgehende Forderung auf institutioneller Ebene ist die De-Institutionalisierung, auf die die Verfasserin nicht näher eingeht. Sie beschränkt sich vielmehr auf Veränderungen in Wohnheimen, um die Gefahren totaler Institutionen, die Ziele der UN-BRK konterkarieren, weitgehend zu vermeiden.

Eine zentrale praxisbezogene Forderung ist die kritische Reflexion des Rollenverhaltens als Basis für die Weiterentwicklung des professionellen Selbstverständnisses. Hierzu ist auch die Auseinandersetzung mit den alteritäts- und anerkennungstheoretischen Grundlagen erforderlich. Für die Leitungen resultiert daraus die Forderung, einfühlsam mit den Mitarbeiter*innen umzugehen und ihnen die Ängste vor dem Umgang mit Theorie und der Überprüfung des eigenen Verhaltens zu nehmen.

Zentrale Bereiche für die Umsetzung anerkennungstheoretischer Prinzipien sind „unabhängige Lebensführung und -Gestaltung“, „Privatheit und Individualität“ sowie „Schutz vor Machtmissbrauch und (subtiler) Gewalt“. Als Beispiele für Handlungsempfehlungen in diesen Bereichen seien hier nur die Forderung nach flexibleren Essenszeiten für die Bewohner*innen, deren Beteiligung an Einkäufen sowohl von Nahrungsmitteln als auch von Kleidung, das Ausleben von Sexualität und die Bestimmung über Genussmittel wie Zigaretten oder alkoholische Getränke genannt. Für Schutz vor (subtiler) Gewalt ist als präventive Maßnahme ein „Trialog“, d.h. ein Austausch zwischen Bewohner*innen, Mitarbeiter*innen und der Organisation wichtig, der auch subtile Gewaltformen wie Spott, abwertende Bemerkungen und abweisendes Verhalten thematisiert.

Besonders wichtig sind Maßnahmen zur Stärkung von Menschen mit komplexer Behinderung, weil die Stärkung des Selbstbewusstseins Voraussetzung für die Wahrnehmung von Rechten und die aktive Teilnahme auch am politischen Geschehen und z.B. die Mitwirkung in Heimbeiräten zur Vertretung eigener Interessen ist.

5. Zusammenfassung und Ausblick

Im abschließenden Kapitel fasst Brachmann die wesentlichen Erkenntnisse der Arbeit prägnant zusammen und thematisiert abschließend offene Fragen, zu denen auch die Vermittlung der alteritätsethischen Prinzipien von Anerkennung in Leichter Sprache an Menschen mit komplexer Behinderung zählt. Besonders wichtig sind auch empirische Untersuchungen über die Annahme und Umsetzung von Anerkennung in den Behinderteneinrichtungen und die Entwicklung eines wertorientierten Qualitätsmanagements auf der Basis der alteritätsethischen Anerkennungstheorie sowie die Weiterbildung von Mitarbeiter*innen der Wohnheime auf dieser Basis.

Diskussion

Die bisher unzureichende Umsetzung der UN-BRK hat zahlreiche Ursachen wie z.B. mangelhafte finanzielle Unterstützung der inklusiv arbeitenden Einrichtungen. Diese ist umso notwendiger, wenn Menschen mit Behinderungen in Wohneinrichtungen nicht nur als Objekte behandelt werden sollen, sondern ihnen durch intensive Beziehungsarbeit die Chance zur Entwicklung eines positiven Selbstwertgefühls als Basis für Autonomie und Selbstverwirklichung gegeben werden soll. Der Autorin ist es gelungen, die philosophischen Hintergründe eines entsprechenden professionellen Selbstverständnisses herauszuarbeiten und auf dieser Basis Vorschläge zur praktischen Umsetzung zu machen.

Die philosophischen Grundlagen müssen jedoch nach Ansicht des Rezensenten durch humanwissenschaftliche Erkenntnisse erweitert werden. Als Beispiel sei hier nur die Salutogenese von Aaron Antonowsky genannt, die in der pädagogischen Umsetzung Ansätze entwickelt hat, deren zentrale Elemente Achtung, Akzeptanz und Ermutigung sind.

Fazit

Der Band entwickelt mithilfe anerkennungstheoretischer und alteritätsethischer Konzepte von Honneth und Levinas eine ethisch- philosophische Basis für die Umsetzung der in der UN-BRK geforderten Anerkennung von Menschen mit Behinderungen. Auf dieser Basis werden konkrete Vorschläge für die Umsetzung in der Praxis gemacht.

Auch wenn die Lektüre wegen der von Brachmann selbst als manchmal sehr theoretisch bezeichneten Ansätze nicht immer einfach ist, gelingt es der Verfasserin, ein überzeugendes Konzept für die weitere Professionalisierung der Behindertenhilfe zu entwickeln, das Eingang in die Aus-und Fortbildung von Mitarbeiter*innen finden sollte.


Rezensent
Prof. i.R. Manfred Baberg
Hochschule Emden/Leer, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit. Arbeitsgebiete u.a. Behindertenarbeit und Integrationspädagogik in den Studiengängen Soziale Arbeit/Sozialpädagogik und Integrative Frühpädagogik
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Zitiervorschlag
Manfred Baberg. Rezension vom 15.02.2016 zu: Barbara Brachmann: Behinderung und Anerkennung. Alteritäts- und anerkennungsethische Grundlagen für Umsetzungsprozesse der UN-Behindertenrechtskonvention in Wohneinrichtungen der Behindertenhilfe. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2015. ISBN 978-3-7815-2064-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19921.php, Datum des Zugriffs 17.10.2018.


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