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Chirine Etezadzadeh: Smart City – Stadt der Zukunft?

Cover Chirine Etezadzadeh: Smart City – Stadt der Zukunft? Die Smart City 2.0 als lebenswerte Stadt und Zukunftsmarkt. Springer Vieweg (Wiesbaden) 2015. 63 Seiten. ISBN 978-3-658-09794-3. D: 9,99 EUR, A: 10,27 EUR, CH: 11,00 sFr.
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Thema

Was bedeutet es heute, in der Stadt zu leben? Städte werden zunehmend einerseits als Lebensraum und Lebensform entdeckt. Andererseits verstecken sich inzwischen hinter dem Begriff der Stadt so viele auch disparate Lebensformen und Organisationstrukturen, dass es schwer fällt, von der Stadt zu sprechen. Meinen wir die europäische Metropole mit der für sie typischen Struktur und Darstellung ihrer selbst oder meinen wir die asiatische oder afrikanische Megacity mit ihren massenhaften Agglomerationen, die urbanes Leben nur schwer erkennbar werden lassen? Oder denken wir an mitteleuropäische Groß- und Hauptstädte mit ihrer Überschaubarkeit und ihrer urbanen Bürgerlichkeit?

In der Stadt zu leben bedeutet trotz alledem einen urbanen Lebensstil zu realisieren, der vom dörflichen unterschieden ist, meint auch, dass man mit der Stadt auch Risiken verbindet, gegen die man sich auch schützen will: Gesundheitsrisiken, Risiken im Streben nach sozialräumlicher Einbettung und Entfaltung, nach lokalen Lebenszusammenhängen, Risiken der Bedürfnisbefriedigung und Interessenrealisierung, auch Risiken der Existenzsicherung angesichts der angespannten Märkte.

Wie also kann eine Stadt aussehen, in der ein gutes Leben gelingt, auch Lebensentwürfe gelingen?

Autorin

Dr. Chirine Etazadzadeh ist Strategieberaterin mit Industrieerfahrung in namhaften internationalen Großkonzernen.

Aufbau und Inhalt

Nach einer äußerst kurzen Einleitung, in der die Autorin auf das Anwachsen der Zahl der Städte hinweist und die Stadt mit einem menschlichen Organismus vergleicht, bei dem alle Akteure wie Organe zusammenspielen müssen, um die Stadt funktionstüchtig zu machen, gliedert sich das Buch in sechs Kapitel:

  1. Die Stadt als Chancenraum
  2. Funktionsfähigkeit
  3. Urbane Produktanforderungen
  4. Gesellschaftliche Entwicklungen
  5. Digitalisierung
  6. Die Stadt der Zukunft

Anschließend fragt die Autorin, was man aus diesem Essential mitnehmen kann und es folgt eine Literaturliste.

Zu 1. Die Stadt als Chancenraum. Die Herausforderung der Stadt liegt in der Schaffung von Zugängen zu allen Bereichen der Daseinsfürsorge und zu Bereichen der Öffentlichkeit, der Infrastruktur und zu Chancen und Rechten u. ä. Gleichzeitig sind Städte auch ein Spiegelbild der Gesellschaft in ihrem Wandel und sie gewinnen immer mehr Bedeutung als Orte der gesellschaftlichen Integration und Ausgrenzung. Die mit der Urbanisierung verbundene Verbreitung einer städtischen Lebensweise, Ökonomie und Kultur macht die Stadt auch zu einem wichtigen gesellschaftlichen Faktor ihrer Entwicklung als gesunder Lebensort, an dem ein gutes Leben gelingt. Demensprechend nennt die Autorin drei Ziele der Städte:

  1. Schutz der natürlichen Umwelt und des Klimas
  2. Sicherung der Lebensqualität und der sozialen Entwicklung
  3. Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit und der wirtschaftlichen Entwicklung

Für heutige und zukünftige Generationen (8). Dies wird diskutiert und an Hand eines Schemas werden die Beziehungen noch einmal verdeutlicht.

Zu 2. Funktionsfähigkeit. Als oberstes Ziel nennt die Autorin die Funktionsfähigkeit, die maßgeblich durch die Infrastruktur einer Stadt bestimmt wird. Die Autorin konzentriert sich auf die technische Infrastruktur, also

  • die störungsfreie Sicherung der grundlegenden Versorgung,
  • die Sicherung, dass die Güter öffentlicher Daseinsfürsorge zu vertretbaren Preisen angeboten werden und
  • die Sicherung, mit den technischen Entwicklungen Schritt zu halten, die das wirtschaftliche, soziale und umweltgerechte Leben ermöglichen (11).

Diese technischen und sozialen Ziele werden in einer Graphik noch einmal als Beziehungsgeflecht verdeutlicht. Die Autorin fragt dann nach den Folgen fehlender Infrastruktur wie fehlende Mobilitätsinfrastruktur und fehlender Zugang zu Arbeitsplätzen. – Ganz bestimmte Infrastrukturen sind unabdingbar für die Funktionsfähigkeit der Stadt; ihr Fehlen führt dann auch zu einem kritischen Punkt. Dies wird von der Autorin entfaltet und mit Beispielen veranschaulicht. Schließlich geht es um Resilienz als eine Fähigkeit, akute oder potentielle widrige Umstände abzuwehren. Resilienz ist eine zentrale Voraussetzung für Nachhaltigkeit.

Zu 3. Urbane Produktanforderungen. Wie also müssen Produkte gestaltet sein, die bezogen auf Umwelt, Klima und andere Ressourcen keine negativen Auswirkungen haben? Die Autorin stellt dabei ein Modell eines urbanen Gestaltungsansatzes vor, das einen Produktzyklus von der Produktentwicklung über die Rohstoffgewinnung, die Produktentstehung, die Transportwege, die Produktvermarktung, die Nutzung die Entsorgung und Verwertung des Produkts beschreibt. Weiter geht die Autorin auf die urbane Produktentwicklung ein, beschreibt dabei welche Faktoren für die Produktgesamtheit maßgeblich sind und fragt, wie die Produkte im Sinne einer Nachhaltigkeitsstrategie verallgemeinert werden können.

Zu 4. Gesellschaftliche Entwicklungen. Die Autorin geht auf einige Megatrends ein, die die Stadt in Zukunft prägen werden. Dazu gehören die Ökologie, die Ökonomie und die Politik. Ökologisch geht es um die Begrenztheit der Ressourcen; im ökonomischen Bereich geht es einmal um die Frage, wie das Wirtschaften auch Lebensgrundlagen zerstört. Zum anderen wächst die Erkenntnis einer zunehmenden Polarisierung des Wohlstandes. Weiter geht es um die Folgen der Globalisierung. Damit setzt sich die Autorin ausführlich auseinander. – Unter dem Stichwort „Soziokulturelle Trends“ diskutiert die Autorin die Befürchtung einer zunehmenden Ökonomisierung der Lebenswelt, die auch anstrengend ist, weil man die Lebensqualität nicht nur optimieren, sondern maximieren möchte. Daraus erwachsen auch Bedarfe wie Vereinfachung und Entlastung. – Sharing und Vertrauen sind Grundlagen für eine veränderte Nutzung von Produkten. Auf der Basis des Internets wird es möglich, Produkte und ihre Nutzung zu teilen. Das setzt aber auch Vertrauen voraus. Dies diskutiert die Autorin ausführlich; sie sieht darin ein Modell zukünftigen Lebens in der Stadt.

Zu 5. Digitalisierung. Die Digitalisierung hat an Bedeutung zugenommen; die Technik hinkt hinter der Bedeutung der digitalen Kommunikation hinter her. Die Autorin nennt eine Reihe von Beispielen aus dem Alltag, wo deutlich wird, wie sehr das Internet unser alltägliches Leben bestimmt. Und die Autorin analysiert die Entwicklung des Internets aus der Sicht der Nutzer ausführlich, bevor sie auf die Frage eingeht, was die Digitalisierung für eine nachhaltige Stadt bedeutet. Schließlich schafft das Internet Möglichkeiten, zu anderen Entscheidungsgrundlagen innerhalb der Stadtpolitik zu kommen. Denn die Stadt benötigt eine effektive Infrastruktur in den Bereichen Energie, Sicherheit, Verkehr, aber auch im Gesundheits- und Bildungswesen. Die Autorin nennt Bespiele, Bereiche, in denen das Internet zu einem effizienteren Einsatz von Ressourcen verhilft.

Die Autorin stellt ein Modell vor, in dem deutlich wird, wie die Funktionsfähigkeit der Stadt, die Verfolgung von Metazielen, die gesellschaftliche Entwicklung, die Digitalisierung und der technische und gesellschaftliche Fortschritt im Dreieck von Resilienz, Produktentwicklung und anderen Bereichen der Reproduktion miteinander kommunizieren.

Zu 6. Die Stadt der Zukunft. Technologische Neuerungen werden einen großen Teil des modernen Lebens in einer nachhaltigen und digitalisierten Stadt einnehmen, die die Autorin Smart City nennt. Und diese Neuerungen erhöhen auch den Strombedarf. Wie also muss auch der Energiesektor aufgestellt sein? Die Smart City bedarf einer Energiewende. Diese Wende wird ausführlich beschrieben und diskutiert. An Hand eines komplexen Modells werden sieben Befähigungsebenen beschrieben: natürliche Grundlagen, städtische Akteure und deren Beiträge, integrierte Stadtverwaltung und Urban Governance, Ziele und Visionen, Infrastrukturen, Schicht der Informations- und Kommunikationstechnologie, Resilienz. Diese Befähigungsebenen werden ausführlich beschrieben und erörtert. Weiter werden eine Reihe von Anforderungen an Unternehmen, aber auch an Akteure und Stadtbewohner formuliert, die notwendige Voraussetzungen für die Smart City sind.

Was kann man aus diesem Essential mitnehmen? Die Autorin nennt fünf Punkte:

  1. Städte sind in erster Linie Menschen und benötigen die natürliche Umwelt als Existenzgrundlage.
  2. Funktionalität und Resilienz sind die höchsten städtischen Ziele.
  3. Technischer Fortschritt und eine urbane Energiewende sind unerlässlich.
  4. Bildung ist eine notwendige Bedingung.
  5. Die Smart City 2.0 kann lebenswert sein und ist ein Zukunftsmarkt mit neuen Anforderungen.

Diskussion

Die Autorin nennt dieses kleine Bändchen Essentials, etwas, was grundlegend ist, was unabdingbar und unentbehrlich ist. Es wird auch deutlich, wie sehr ihr an einer Veränderung des Denkens und der Einstellungen liegt, die notwendige Voraussetzungen für einen Wandel der Stadt zu einer Smart City sind. Will man die Stadt als Raum für die Entfaltung von Chancen, und Interessen und für die Befriedigung von Bedürfnissen der Städter verstehen, wird deutlich, wie schwierig es ist, Städte als lebenswert, als Garanten eines guten Lebens zu sehen.

Was also ist für einen langen und komplexen Transformationsprozess erforderlich, in dem sich die Gesellschaft verändert, in deren Strukturen und Denkmuster Städte eingebunden sind? Schließlich ist die Stadt nicht alleine Akteur und Stadtentwicklung unterliegt gesamtgesellschaftlichen Prozessen. Das wird zwar in Ansätzen manchmal auch deutlich, aber dieser Rahmen wird weitgehend auf die Ökologie, die Ökonomie und die Politik konzentriert und dort auch als städtische Ökologie, Ökonomie und Politik verstanden und weniger auf einer gesamtgesellschaftlichen Ebene diskutiert.

Fazit

Das Buch gibt einen Einblick in das, was heute Stadt ausmacht, was verändert werden sollte, damit die Stadt weiterhin ein Lebensraum bleibt, der ein gutes Leben gewährleistet und auch was diesen Lebensraum bedroht. Der Fokus liegt auf den intrastrukturellen Anforderungen, speziell auf der Frage, wie eine Energiewende aussehen muss, damit Nachhaltigkeit in einer digitalisierten Welt garantiert werden kann.

Und die Autorin verbindet damit auch praktisch-politische Fragen und gibt Antworten auf diese Fragen. Das Buch regt zum Nachdenken an und ist zugleich eine Problemanalyse mit Lösungsansätzen.

Summery

The book gives an insight in that what we call city, but also what must be changed, so that the city is further on a space in which a good life can succeed, in which people like to live. The focus lies in the infrastructural challenges, especially in the question of the change in the concept of energy, so that sustainability in a digitalised world is possible.

The author connects this analysis with political-practical questions and gives answers to it. The book gives food for thoughts and is an analysis of problems and approaches for solving as well.


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor für Soziologie mit den Schwerpunkten Soziale Probleme, Kommunale Sozialpolitik, Stadtsoziologie, insbesondere Soziale Probleme der Stadtentwicklung, Segregationsprozesse, Stadtumbau
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 25.02.2016 zu: Chirine Etezadzadeh: Smart City – Stadt der Zukunft? Die Smart City 2.0 als lebenswerte Stadt und Zukunftsmarkt. Springer Vieweg (Wiesbaden) 2015. ISBN 978-3-658-09794-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19924.php, Datum des Zugriffs 17.10.2018.


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