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Reiner Sörries: Vom guten Tod

Cover Reiner Sörries: Vom guten Tod. Die aktuelle Debatte und ihre kulturgeschichtlichen Hintergründe. Butzon & Bercker (Kevelaer) 2015. 191 Seiten. ISBN 978-3-7666-1945-7. D: 17,95 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 25,90 sFr.
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Gibt es angesichts der bitteren Weisheit vom Sterben-Müssen einen guten Tod?

Woran liegt es eigentlich, dass in der öffentlichen, intellektuellen Diskussion die Frage nach einem guten Sterben und einem guten Tod so intensiv gestellt wird? Ist es nicht so, dass im anthropologischen Denken mehr die Angst vor dem Tod vorherrscht, was sich eher in der Verdrängung als in der Akzeptanz der Tatsache ausdrückt, dass der Tod als Zyklus des menschlichen Daseins zum Leben gehört? Die aufgeklärte Auffassung, dass zur Selbstbestimmung des Lebens auch die zum Sterben gehört, ist gesellschaftlich und weltanschaulich umstritten. Die existentielle, bereits in der griechischen Antike gestellte Frage nach dem guten Leben (Aristoteles) ist nicht human zu beantworten, wenn nicht gleichzeitig die nach einem guten Tod gestellt werden darf.

Entstehungshintergrund und Autor

Ein akzeptabler Zugang zu der zutiefst individuellen, jedoch auch gleichzeitig verantwortlichen gesellschaftlichen Frage nach einem guten Sterben ist möglich, wenn wir das Menschenrecht auf Würde grund legen, wie es in der globalen Ethik, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zuoberst steht: „Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“. Nehmen wir dieses unveräußerliche und unteilbare Postulat ernst, muss die Konsequenz auch heißen: Die Würde des Lebens ist nur dann vollständig zu erfassen, wenn die Würde des Todes ihr Recht erhält (Peter Bieri, Eine Art zu leben. Über die Vielfalt menschlicher Würde, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/15601.php). Im Internet-Rezensionsdienst wird zum Thema „natürliches und selbstbestimmtes Sterben“ zahlreiche Literatur vorgestellt und besprochen (Michael de Ridder, Wie wollen wir sterben?, 2010; Michael Stolberg, Die Geschichte der Palliativmedizin. Medizinische Sterbebegleitung von 1500 bis heute, 2011; Gian Domenico Borasio, Über das Sterben, 2012; Celia Spoden, Über den Tod verfügen, 2015; Sebastian Knell, Die Eroberung der Zeit. Grundzüge einer Philosophie verlängerter Lebensspannen, 2015, u.a.).

Der Direktor des Museums für Sepulkralkultur in Kassel, Theologe und Kunstgeschichtler Reiner Sörries legt ein Buch vor, mit dem er eingreift auf den aktuellen öffentlichen Diskurs zur Sterbehilfe, und zwar nicht vorrangig mit rechtlichen, philosophischen und weltanschaulichen Argumentationen, sondern indem er einen Gang durch die menschliche Kulturgeschichte unternimmt und die vielfältigen Auseinandersetzungen über Leben und Sterben in das Bewusstsein bringt. Dabei erhebt er keinesfalls den Anspruch, die „richtigen“ Kriterien für einen guten Tod zu postulieren; vielmehr macht er deutlich, „dass es für die Wertebestimmung des guten Todes keine überzeitlichen, unhinterfragbaren und quasi menschheitsimmanenten Kriterien gibt“. Er zeigt auf: „Was wir für einen guten Tod halten, ist Teil eines kulturellen Lernprozesses, der von der Welt abhängig ist, in der wir leben“, und er weist darauf hin, dass der aktuelle Diskurs um Selbstbestimmung zum Tod, trotz der unverzichtbaren, individuellen Grundlegung, gesetzlicher Vereinbarungen bedarf, die für alle Menschen in einer Gesellschaft gelten müssen. Er ist sich bewusst, dass die aktuellen, gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, mit Verweis auf die trans- und posthumanistischen Diskussionen (Otto Hansmann, Transhumanismus – Vision und Wirklichkeit. Ein problem­geschichtlicher und kritischer Versuch, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/19338.php) keine endgültigen Regelungen bedeuten können.

Aufbau und Inhalt

Es sind 16 Kapitel, in denen er historisch und anthropologisch seinen Gang durch die Kulturgeschichte der Menschheit unternimmt:

  1. Im ersten Kapitel rekurriert er mit dem Zitat „Etwas Besseres als den Tod findest du überall!“ auf Einstellungen und Mentalitäten, wie sie sich etwa im Märchen von den Bremer Stadtmusikanten verdeutlichen;
  2. im zweiten zeigt er Einstellungen auf, wie sie sich in der menschlichen Evolution entwickelt haben: „Der Tod als Baustein der Evolution“;
  3. mit dem biblischen Zitat „Es hat Gott gefallen…“, diskutiert er im dritten Kapitel die weltanschaulichen Aspekte;
  4. im vierten verdeutlicht er den Perspektivenwechsel, wie sich „der gute und jähe Tod“ im Mittelalter dargestellt hat;
  5. der Gedanke vom „sanften und seligen Tod“ wird in der Reformation lebendig;
  6. und im katholischen Barock wird das Anschauungsmittel vom „scheußlichen Gerippe“ als Glaubenslehre benutzt,
  7. während im siebten Kapitel „Bruder Tod“ als Aufklärung wirksam wird.
  8. Im achten Kapitel wird die Frage nach dem „Selbstmord“ als Negativform vom guten Tod thematisiert.
  9. Im neunten Kapitel kommt der „Opfertod“ als Motiv des Sterbens für andere ins Spiel.
  10. Im zehnten Kapitel werden die Empfindungen und Einstellungen im 19. Jahrhundert von „Todesangst, Todestrieb und Todeslust“ diskutiert;
  11. während im 20. Jahrhundert die „Skandalisierung des Todes“ vorherrscht.
  12. Im zwölften Kapitel schließlich geht es um die Pervertierung von „Euthanasia und Euthanasie“ im Nationalsozialismus.
  13. Mit dem 13. Kapitel fordert der Autor dazu auf, Sterben zu lernen;
  14. während im 14. Kapitel die „Autonomie des Menschen oder die Debatte um die Sterbehilfe“ thematisiert wird.
  15. Das 15. Kapitel greift mit der Feststellung und gleichzeitig der Frage: „Und der Tod wird nicht mehr sein – in Zukunft?“ die durchaus ernsthaften und wissenschaftlichen Entwicklungen vom „ewigen Leben“, zumindest aber vom längeren Leben, auf,
  16. um im 16. und letzten Kapitel einige vorläufige Gedanken zu formulieren. Darin nämlich kommt der Autor zu dem Ergebnis, dass, wie der Blick in die Kulturgeschichte der Menschheit zeigt, die Auffassungen von Leben und Tod einem dauernden Wandel ausgesetzt waren und sind. Bei den weltanschaulichen Zugängen sind es die Versprechen, dass für ein gutes, religiöses Leben im Diesseits Lohn im Jenseits gibt.

Fazit

Reiner Sörries fordert mit seinem skizzierten Gang durch die Kulturgeschichte der Menschen heraus, den aktuellen, gesellschaftlichen Diskurs um das Recht auf Selbstbestimmung auch beim Sterben mit dem erweiterten, historischen, evolutionären und anthropologischen Blick zu betrachten und die verschiedenen Denk- und Handlungsmodelle zur Sterbehilfe kritischer und lebensweltlicher zu reflektieren, um als zôon politikon, als politisch denkendes und handelndes Lebewesen verantwortungsvoll mitentscheiden zu können, Hier und Heute!


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 15.12.2015 zu: Reiner Sörries: Vom guten Tod. Die aktuelle Debatte und ihre kulturgeschichtlichen Hintergründe. Butzon & Bercker (Kevelaer) 2015. ISBN 978-3-7666-1945-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19925.php, Datum des Zugriffs 16.09.2021.


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