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Anne Schröter: Wege aus der Bedürftigkeit

Cover Anne Schröter: Wege aus der Bedürftigkeit. Strategien von Aufstocker-Familien für einen Ausstieg aus dem ALG II-Bezug. Springer VS (Wiesbaden) 2015. 306 Seiten. ISBN 978-3-658-09826-1. D: 34,99 EUR, A: 35,97 EUR, CH: 37,00 sFr.
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Autorin

Anne Schröter ist Soziologin und als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut Arbeit und Wirtschaft an der Universität Bremen beschäftigt.

Thema und Entstehungshintergrund

Seit Jahren bewegt sich die Zahl der sogenannten Aufstocker auf anhaltend hohem Niveau: Bundesweit beziehen gut 1,3 Mio. erwerbstätige Arbeitslosengeld II-Bezieher/innen (das entspricht etwa 30% der erwerbsfähigen Leistungsbezieher) neben ihrer Berufstätigkeit Leistungen aus der Grundsicherung.

Im Rahmen einer qualitativen Interviewstudie analysiert Anne Schröter, welche Strategien Familien entwickeln, um die Bedürftigkeit im Sinne des SGB II zu überwinden. Im Fokus stehen die sogenannten Aufstocker-Familien, die trotz eigenen Einkommens auf zusätzliche ALG II-Leistungen angewiesen sind. Mit der Analyse von Handlungsstrategien der Familien soll empirisch aufgezeigt werden, welche Bedeutung die Familien dem Ausstieg aus der Bedürftigkeit beimessen und mit welchen Herausforderungen sie sich dabei konfrontiert sehen. Unter Einbeziehung institutioneller Handlungsbedingungen wird ferner herausgestellt, wie Familien auf Forderungen des Jobcenters einerseits und Anreize der Familienpolitik andererseits reagieren.

Bei der vorliegenden Studie handelt es sich um die Dissertation der Autorin (Universität Bremen).

Aufbau und Inhalt

Als zentrales Erkenntnisinteresse und Ziel ihrer Studie benennt Anne Schröter, „die Handlungsstrategien dieser Aufstocker-Familien mit Blick auf einen Ausstieg aus der Bedürftigkeit zu identifizieren und zu erklären“.

Dabei liegt der (empirische) Schwerpunkt auf den Ausstiegsstrategien der befragten ALG II-Bezieher/innen. Im Rahmen der Studie wurden problemzentrierte, qualitative Interviews mit 20 Aufstocker-Familien aus dem Stadtbereich Bremen geführt; diese werden in Kurzportraits anschaulich vorgestellt.

Durch die Zuordnung der Bedarfsgemeinschaften zu „Handlungsstrategietypen“ soll eine Systematisierung von deren Handlungsstrategien erreicht werden. Unterschieden werden folgende Handlungsstrategietypen:

  • der „aktiv planende“,
  • der „strategiesuchende“,
  • der „statuskonservative“,
  • der „resignative“ und
  • der „determinierte“ Typus.

Alle befragten Familien werden schließlich anhand bestimmter Charakteristika einem dieser Handlungsstrategietypen zugeordnet.

Ergänzt werden die typologisierten Handlungsstrategien durch vier „dynamische Handlungsfelder“, die für das Handeln der Aufstocker-Familien von besonderer Relevanz sind. Benannt werden die Handlungsfelder

  1. „innerfamiliäre Entscheidungen“,
  2. „Erwerbsarbeit“,
  3. „Nutzung des Rechtskontexts“ und
  4. „Gestaltung der Arbeitsmarktchancen“.

Diese Handlungsfelder sollen die Komplexität der Handlungsbedingungen verdeutlichen und zur Erklärung der Bedürftigkeitsursachen beitragen; zum anderen soll damit die Frage nach den Bedingungen für eine Veränderung im Sinne eines Ausstiegs aus der Bedürftigkeit oder möglicher Hindernisse beantwortet werden.

In einem abschließenden Kapitel werden die Handlungstypen und die Handlungsfelder zu einem „Modell dynamischer Handlungsfelder“ zusammengeführt.

Diskussion und Fazit

Als Darstellung und Analyse der Ausstiegsoptionen und -strategien von Aufstocker-Familien aus der Hilfebedürftigkeit ist die Studie durchaus empfehlenswert. Sie macht insbesondere deutlich, wie unterschiedlich die Bewertungen der jeweiligen Situation, die Motivationslagen und die Zielorientierungen zur Beendigung der Hilfebedürftigkeit und die eingeschlagenen Wege zur Zielverfolgung sind, und sie zeigt, wie sich die unterschiedlichen innerfamiliären Konstellationen und Rollenstereotype auswirken (können).

Anne Schröter beansprucht mit ihren Schilderungen nicht nur eine typologisierende Darstellung unterschiedlicher Handlungsoptionen von Aufstocker-Familien, sondern begreift ihre Untersuchung auch als einen Beitrag zur arbeitsmarkt- und gesellschaftspolitischen Debatte um fördernde und hemmende Faktoren zur Beendigung der Hilfebedürftigkeit von Aufstocker-Familien.

Letztlich wird allerdings nicht recht deutlich, wie sich die vier Handlungstypen – ihrerseits sowohl Ursache für den aktuellen Status der Bedürftigkeit wie auch Resultat der jeweiligen lebensgeschichtlichen Erfahrungen – zu den Rahmen-/Handlungsbedingungen und den jeweils gewählten Ausstiegsstrategien verhalten.

Zudem wird der Frage nach der Situation/Entwicklung auf dem regionalen Arbeitsmarkt (die ja eine entscheidende Bedingung für die Realisierung von Ausstiegsstrategien darstellt) kaum Gewicht beigemessen.

Trotz dieser Einschränkung liefert die Autorin insgesamt eine differenzierte Analyse der Handlungsoptionen und -strategien von Aufstocker-Familien, die das Buch für die Lektüre empfehlenswert macht.


Rezension von
Dr. Gertrud Kühnlein
Ehem. wissenschaftliche Mitarbeiterin der Sozialforschungsstelle Dortmund/Technische Universität Dortmund
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Zitiervorschlag
Gertrud Kühnlein. Rezension vom 11.02.2016 zu: Anne Schröter: Wege aus der Bedürftigkeit. Strategien von Aufstocker-Familien für einen Ausstieg aus dem ALG II-Bezug. Springer VS (Wiesbaden) 2015. ISBN 978-3-658-09826-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19926.php, Datum des Zugriffs 25.06.2021.


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