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Matthias Schnegg: Erwärmen in der Trauer

Rezensiert von Dr. med. Joachim Gneist, 20.01.2016

Cover Matthias Schnegg: Erwärmen in der Trauer ISBN 978-3-525-40232-0

Matthias Schnegg: Erwärmen in der Trauer. Psychodramatische Methoden in der Begleitung. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2014. 137 Seiten. ISBN 978-3-525-40232-0. D: 14,99 EUR, A: 15,50 EUR, CH: 20,90 sFr.
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Thema

Trauerbegleitung als schöpferischer Prozess zwischen Trauernden und Seelsorgern bzw. Therapeuten. Für den Autor bietet sich methodisch das Psychodrama J.L.Morenos (1889-1974) an. Er habe auf die Fähigkeit des Menschen vertraut, immer etwas Neues zur Geburt zu bringen, gerade auch wenn er trauert. Schnegg fokussiert Trauer aus vielen Anlässen – wo Verluste durch Tod, Krankheit, Arbeitslosigkeit, Heimat, Besitz und mehr das Leben verdüstern.

Autor

Matthias Schnegg ist Diözesan-Caritaspfarrer und Pfarrer zweier Kölner Altstadtkirchen. Er ist Mitbegründer des Hospiz in Frechen e.V., Psychodrama-Leiter und Psychotherapeut (HP). Dies ist sein drittes Buch zu diesem Thema.

Herausgeberin

Monika Müller, in deren „Edition Leidfaden“ als Basisqualifikation Trauerbegleitung im o.a. Verlag dieses Buch erscheint.

Entstehungshintergrund

Der Autor stellt den individuellen Kontakt zwischen Trauernden und Begleitern in den Vordergrund, bezieht aber vielfältige soziale und gesellschaftliche Zusammenhänge mit ein. Er begegnet der „Wirklichkeit vereinsamender Individualisierung“ mit szenischem Handeln in Einzel- und Gruppenarbeit intensiver als im Gespräch allein. Außerdem kann Schnegg dank seiner Erfahrungen als Ausbilder von Trauerbegleitern und Helfern auf psychodramatische Methoden zurückgreifen. Erläuterte und reflektierte Lehrinhalte des Psychodramas sind grundlegend für das Konzept des ganzen Buches.

Aufbau und Inhalt

Schnegg beginnt ohne Einleitung mit dem ausführlichen Fallbeispiel einer 72-Jährigen nach dem Unfalltod ihres behinderten Bruders. Der Autor versteht es, Bezugspersonen und Ich-Anteile so auf der Bühne zu inszenieren, dass Dialoge sich fast wie von selbst ergeben und der bewanderte und nicht bewanderte Leser die Geschichte nachvollziehen kann. Dabei kommen auch Bilder und Requisiten zum Einsatz. Er besetzt leere Stühle und lädt die Trauernde immer wieder zum Rollentausch ein. Das gewährt Einblick in die Arbeitsweise des Gesprächs- und Spielleiters, auch wie er der Betroffenen gezielt Feedback gibt. Durch weitere Beispiele wird das Methodenspektrum von Psychodrama sichtbar.

Trauerarbeit fängt immer mit der Kunst der Erwärmung an, symbolhaft und „in kleinschrittigen Dialogen“, bis sich Spielräume eröffnen. Sein Ziel sei, die Paradoxie aushaltbarer zu machen: „Was Ursache tiefsten Schmerzes ist, kann ebenso Ursache tiefster Dankbarkeit sein.“ (S.33) Bei jeder Art von Verlust, aber besonders bei unvorhergesehenen Todesfällen gelte es Brücken zu bauen für Abschiedsworte und Gesten von beiden Seiten. In Gruppen von Trauernden empfehle sich auch frei improvisieren zu lassen, z.B. mit der Inszenierung eines Märchens oder im Stegreifspiel.

Da können sich Gruppenteilnehmer gegenseitig spiegeln und sich selbst besser verstehen. Die Bühne sei auch dazu da, im realen Leben nicht mehr mögliche Gespräche zu führen, Zuneigung oder Groll auszudrücken. Der Autor benennt das als Surplus Reality und Forum der Katharsis.

Großen Raum gibt Schnegg in seinem Buch dem Problem, dass sich für viele Trauernde ihr soziales Netzwerk verändert hat. „Da gibt es Enttäuschungen über Menschen, auf deren Mitgefühl und praktische Mithilfe sie in gesunden Zeiten gebaut hätten. Andererseits wachsen Freundschaften zu, die in gesunden Tagen eher lockere Bekanntschaften gewesen sind.“ (S.97) Mit methodischen Hinweisen zum Sozialen Atom wird für Trauerbegleiter aufgezeigt, wie sich im näheren und weiteren Umfeld der Trauernden die Suche von Menschen gestalten lässt, um Isolation oder Selbstisolierung zu verhindern bzw. abzubauen. Behutsam unterstützt werden ehrenamtliche Helfer, die mit der eigenen Belastung im Laufe der Begleitung von Trauernden fertig werden, wenn sie sich selbst und anderen Grenzen des Aushaltbaren setzen. Was passiert beim Ausleben von Trauer, wann beschwört sie Krisen herauf und wie lässt sie sich transformieren? sind zentrale Fragen im Buch.

Diskussion

Den Leser trifft oder überfällt bisweilen das thematisch sehr reichhaltige und vom Autor methodisch ausdifferenzierte Programm. Ungekürzte Protokollausschnitte beschönigen oder glätten nichts. Leser können selber Maß nehmen, wie sie das finden.

Der Autor bereitet auf Durststrecken vor und warnt vor zu früher Beendigung der Begleitung. Weniger wird thematisiert, wodurch das wieder oder erstmalig selbständig werden in der Trauerbegleitung behindert wird. Das kann auch Begleitern passieren!

Der Stil des Autors ist manchmal sperrig und zwingt Leser innezuhalten, dem Sinn eines Satzes oder einer Wortschöpfung nachzuspüren, bevor sie weiter lesen. So kann man sich bei der Lektüre in die Mangel genommen fühlen oder ungeahnt Neues für sich entdecken – nach Morenos Motto, Handeln sei heilender als Reden.

Fazit

Erklärtes Ziel des Autors ist es, zu einer Trauerbegleitung zu ermutigen, statt tiefe Trauer zu vermeiden oder fortbestehende Trauer zu verleugnen. Vorinformierte und Unbedarfte können sich bei der Lektüre auf die verschiedenartigsten Prozesse zwischen Trauernden und ihren Begleitern einlassen. Sie können sich ausklinken oder selber miterleben, wie es der Autor am Schluss zusammenfasst: „… in der Trauer ist die Haltung des Begleitens das, was im Chaos der Trauer halten helfen kann … Ein bleibend schöpferischer Prozess, der einlädt zum weiteren Spiel des Lebens.“ (S.138)

Rezension von
Dr. med. Joachim Gneist
Psychiater, Psychotherapeut, Evang. Theologe, Sachbuch- und Roman-Autor.
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Es gibt 23 Rezensionen von Joachim Gneist.

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Zitiervorschlag
Joachim Gneist. Rezension vom 20.01.2016 zu: Matthias Schnegg: Erwärmen in der Trauer. Psychodramatische Methoden in der Begleitung. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2014. ISBN 978-3-525-40232-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19930.php, Datum des Zugriffs 28.06.2022.


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