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Friedemann Hoppmann: Unter Schnapphähnen und Samaritern - Versuche eines Schulleiters

Cover Friedemann Hoppmann: Unter Schnapphähnen und Samaritern - Versuche eines Schulleiters. Moritzberg-Verlag (Hildesheim) 2015. 463 Seiten. ISBN 978-3-942542-12-8. D: 24,80 EUR, A: 25,50 EUR.
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(Auto-)Biographien sind Zeugnisse aus erster Hand

Kann es sein, dass die Erinnerungen mit den Lebensjahren wachsen? Sicherlich stellt die Erinnerung eine intellektuelle Gedächtnisleistung dar, bei der es gelingen sollte, erlebte Erfahrungen auf die Waagschale zu legen und Wahres von Falschem und Apodiktisches von Affektiertem unterscheiden zu können. Im anthropologischen Diskurs wird anamnêsis = Erinnerung als die „Wiedergewinnung des früher im Gedächtnis Gespeicherten oder von etwas, was schon einmal gewusst war“ bezeichnet und mit der mnêmê, dem Gedächtnis als eine „vergangene Sacherfahrung“ verknüpft (H. Busche und R.A.H. King, in: Otfried Höffe, Hrsg., Aristoteles-Lexikon, S. 32 und 364ff, 2005). Erinnerung, als sowohl individueller Denkakt als auch als kollektives Gedächtnis ist somit ein aktives Tun (Astrid Erll, Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen, 2011, http://www.socialnet.de/rezensionen/12634.php). In diesem Sinne ist Erinnern ein schöpferischer, ästhetischer Akt, der, wenn er als Suche nach dem eigenen Gewordensein daher kommt und auf dem Bemühen gründet, Erinnerung als kulturelle Herausforderung zu begreifen (Peter Bubmann / Hans Dickel, Hrsg., Ästhetische Bildung in der Erinnerungskultur, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/17788.php).

Entstehungshintergrund und Autor

In der Biographieforschung wird deutlich, dass das Bemühen von (meist älteren) Erwachsenen, die eigene Lebensgeschichte aufzuschreiben, im allgemeinen auf zwei unterschiedlichen Motiven beruht – zum einen auf deterministische, auf von außen auf das Individuum einwirkende Erwartungshaltungen, aus dem Leben zu erzählen und die eigenen Erinnerungen an Nachkommen, Freunde und die Öffentlichkeit weiter zu geben; zum anderen aber auch auf den intrinsischen Drang beruhend, eigenes Bedeutsames preiszugeben und gewissermaßen vor dem Vergessenwerden zu bewahren und möglicherweise sogar von der Absicht gespeist, mit oder ohne Fingerzeig Exemplarisches und Vorbildhaftes mitzuteilen.

Schaut man unter diesen Fragestellungen die Autobiographie des 1938 geborenen Friedemann Hoppmann an, zeigen sich in unterschiedlicher Intensität und Wirkhaftigkeit diese beiden Motivationen, die den heute 77jährigen ehemaligen Pädagogen und Schulleiter veranlasst haben könnten, auf 463 Seiten seine Lebenserinnerungen aufzuschreiben. Dieser Kraftakt ist an sich nicht ungewöhnlich für Pädagoginnen und Pädagogen, die bei ihrer Berufstätigkeit die Kontroverse wie den Kontrapunkt tagtäglich auf einen funktionierenden, individuellen und kollektiven Rahmen spannen müssen, einerseits die gesellschaftlichen Erwartungshaltungen und Aufgaben als Educador zu erfüllen, und gleichzeitig sich der Individualität und Bedürfnisse des Educandus bewusst zu sein (vgl. dazu auch: Alex Aßmann, Erziehung als Zumutung und Emanzipationsvorhaben. Eine kleine Einführung in die Pädagogik, 2008, www.socialnet.de/rezensionen/13846.php). Als Schulleiter potenzieren sich die Aufgaben und Herausforderungen noch: als Vorgesetzter des Kollegiums, als Verantwortlicher für die Institution, als Weisungsempfänger von Schulaufsicht und Schulpolitik. So darf man besonders gespannt darauf sein, wie diese vielfältigen, weisungsgebenden und -empfangenden Anforderungen in der Erinnerung eines Schulleiters zutage treten und ausgesprochen werden.

Aufbau und Inhalt

Friedemann Hoppmann stellt seine (berufliche) Autobiographie auf zwei Beine, die sich im Titel als „Schnapphähne“ und „Samariter“ darstellen. Als gelernter (evangel.) Religionspädagoge stützt er sich dabei auf das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, wie es im Lukas-Evangelium als Aufforderung zur Nächstenliebe erzählt wird, und gewissermaßen mit dem Kontrapunkt als Gewerkschafter, indem er das Verhalten von Schnapphähnen, Dieben und Wegelagerern, wie sie in Grimmelshausens Simplicissimus ihr Unwesen treiben, kontrastiert. Damit gibt er (sich) Raum und Eingeständnis, dass im Alltagsgeschäft eines Pädagogen Empathie und Antipathie nicht selten ganz nahe beieinander wohnen, und es als die größte Herausforderung (für einen Schulleiter) angesehen werden muss, sich „um einen ehrlichen und unvoreingenommenen Umgang mit Schülern, Eltern, Kollegen und Vorgesetzten (zu bemühen und gleichzeitig) Freude an Schulversuchen zur besseren Förderung der Kinder“ zu haben.

Friedemann Hoppmann beginnt seine „Versuche eines Schulleiters“, indem er chronologisch im ersten Kapitel über seine Ideale spricht, als er am 16. April 1966 als Junglehrer in der Volksschule IV in Hildesheim seinen Dienst antrat, in einem Kollegium, das in der Mehrheit die durchaus bequeme, aber auch überlebenskündende und -erfahrene Praxis vertrat: das Bewährte erhalten, neue Ideen und Reformen erst einmal hinhalten! Bereits da entwickelte der Junglehrer Hoppmann eine Fähigkeit, die ihn auch später als Schulleiter auszeichnete: Er suchte die Zusammenarbeit mit Kollegen und Gleichgesinnten, im Dialog und Disput. Das Lehrerbild zwischen Autoritätsperson, „Alleswisser“ und Kumpel wurde auch geprägt durch die beharrenden Kräfte von Anpassung an die bestehenden gesellschaftlichen Strukturen und Mentalitäten und gleichzeitig durch die Veränderungs- und revolutionären Kräfte, wie sie von den 68ern als „Muff von 1000 Jahren“ bestimmend wurden. Wenn ab 1965 die Veränderungen und Versuche, das dreigliedrige, traditionelle Schulsystem durch die Einführung der Orientierungsstufe als weniger abrupte Übergangsphase von der Grundschule zu den weiterführenden Schulformen und der Etablierung von vorerst sieben Integrierten „Pilot“- Gesamtschulen aufzuweichen, von Hoppmann gekennzeichnet wird, dass die Modell- und Schulversuche „wie Pilze aus dem Boden schossen“, möchte der Rezensent gerne das Bild von den Lilien benutzen; denn ohne Zweifel haben die Veränderungsprozesse dazu geführt, dass das scheinbar festgemauerte traditionelle Schulsystem Risse und ebenfalls zu Revisionen und Wandlungsprozessen gezwungen wurde.

Die beruflichen Herausforderungen verknüpft Hoppmann mit den persönlichen und familiären Entwicklungen: Heirat, Geburt von Zwillingen, Wohnungswechsel, wie auch mit der beruflichen Weiterbildung, dem Engagement in der Lehrergewerkschaft GEW, dort bald im starken Ortsverband Vorsitzender – und dann Schulleiter einer Hauptschule in Hildesheim, die als nahegelegene Schule zur neu gegründeten aus der Pädagogischen Hochschule Alfeld/Leine entstandenen Universität mit dem damaligen Schwerpunkt des Lehramtsstudiums als „Lehr“- Schule für die Lehramtsstudierenden dienen sollte. Da kam auf Schulleiter, Kollegium und Schüler einiges Neues zu: Unterrichtsmitschau, Medienunterricht, Unterrichtsexperimente, Einführung der 10. Klasse in der Hauptschule, usw. Die einzelnen Überschriften in der Biographie verdeutlichen die Perspektiven und Widerstände, die Hoppmann und sein Kollegium zu bewältigen hatte: „Stöcke zwischen die Beine werfen“ – „Wohin aber gehen wir…“ – „Die Angst des Lehrers vor der Disziplinlosigkeit“ – „Verschwörer und Verräter und wir, die Guten“…

Die von Oben verfügte Auflösung „seiner“ Schule aus vorwiegend demographischen (und möglicherweise auch aus parteipolitischen) Gründen führte dazu, dass Hoppmann als Schulleiter der Brinker-Schule in Hannover-Langenhagen, einer Grund-, Hauptschule mit Orientierungsstufe, zum Schuljahr 1985 bestellt wurde. Neue Schule, neuer Ort, neue Herausforderung! Die Zeiten des Aufbruchs hin zu unbekannten pädagogischen Ufern, mit den jungen Ansprüchen, dass es vor allem die Pädagoginnen und Pädagogen seien, die mit Hilfe der Schule die Gesellschaft verändern könnten, wurden von den gesellschaftlichen Wirklichkeiten und machtvollen Beständigkeiten eingeholt, und – im Gegensatz zu den Vertrautheiten in Hildesheim – türmten sich dort Berge auf, traten Schluchten hervor und taten Brüche und Verwerfungen zutage, die Friedemann Hoppmann als 8. Gebot markiert und mit der Luther-Auslegung als Mobbing erlebt: „Merkt ihr noch nicht, dass alles, was zum Munde eingeht, das geht in den Bauch und wird durch den natürlichen Gang ausgeworfen? Was aber zum Munde herausgeht, das kommt aus dem Herzen, und das verunreinigt den Menschen. Denn aus dem Herzen kommen arge Gedanken: Mord, Ehebruch, Hurerei, Dieberei, falsch Zeugnis, Lästerung“. Es ist auch einer der Hoppmannschen Tugenden (oder Schwächen?), auf Verleumdungen, bösen Nachreden und Angriffen unter die Gürtellinie nicht mit der Faust zu reagieren und der Versuchung zu unterliegen, „Gleiches mit Gleichem zu vergelten“, sondern in der verbalen und empathischen Auseinandersetzung gewissermaßen zu einer Balance zu kommen!

Ob es diese eher negativ und wenig erfolgreich erscheinenden Situationen in der zweiten Schulleiterstation waren, oder die Hoffnung, in seiner Familien- und Heimatstadt Hildesheim einen festeren Boden unter die Füße zu bekommen, vielleicht auch die Verlockung, als bisheriger Leiter von Schulen des mittleren und gehobenen Bereichs, also von Grund-, Haupt- und Realschulen, in die Sphären der „Höheren“ Schulen auch besoldungsmäßig zu gelangen, jedenfalls bot sich die Chance, dass er sich um die neu zu besetzende Schulleiterstelle an der Integrierten Gesamtschule Hildesheim, der Robert-Bosch-Gesamtschule (RBG), auch auf Zuspruch durch eine große Mehrheit des Kollegiums, bewerben konnte. Die RBG, als die erste IGS in Hildesheim und zum Kreis der niedersächsischen Pilot-Gesamtschulen gehörend, fand erst einmal in der „Stadt des 1000jährigen Rosenstocks“ und einer differenzierten und traditionellen, katholisch und protestantisch mächtigen Schullandschaft kein positives Echo; vielmehr entzündeten sich in der Existenz einer alternativen Schule zum dreigliedrigen Schulsystem die parteipolitischen Kämpfe. Die konservative, einzige Tageszeitung der Stadt tat ein übriges, um die Widerstände gegen die RBG anzuheizen. Der Schulname – Robert Bosch – den die RBG erhielt, kam dadurch zustande, dass die Bosch-Werke in Hildesheim ein wichtiger Arbeitgeber- und Steuergeber war und die Bosch-Stiftung zum Aufbau der RBG eine namhafte Geldsumme beigesteuert hat.

Die negativen öffentlichen Kampagnen zeigten Wirkung: Die Schule hatte Mühe, genügend Anmeldungen von Schülerinnen und Schülern zu bekommen; und es kursierten durchaus gesteuerte Gerüchte, dass in Hildesheim eine IGS nicht nötig sei und auch keine gute Arbeit leiste. Sich in einer solchen Situation um die seinerzeit noch auf Zeit (neun Jahre, mit der Möglichkeit der Wiederwahl) zu besetzende Schulleiterstelle zu bewerben, kündete von Mut – oder Chuzpe! Die Zumutungen lassen sich vielleicht so darstellen: „Halb zogen sie ihn, halb sank er hin!“. Die überwiegende Mehrheit des RBG-Kollegiums hatte größte Mühe, den bisherigen Schulleiter, der mehr Gymnasial-, denn Gesamtschulinteressen vertrat, wurde der überwiegenden Mehrheit des Kollegiums abgelehnt. Bei seiner Einboxung durch die Schulbehörde vom Kollegium stimmten 101 gegen und nur vier Stimmen für ihn. Diese Gegnerschaft hielt sich sieben Jahre lang, ohne Zweifel zum Nachteil der Schule. Es wurde also Zeit, für die Schule eine neue, erträgliche Leitungssituation zu schaffen.

Als sich bei der Gesamtkonferenz, in der sich die beiden Kandidaten für die Neubesetzung der Schulleiterstelle vorstellten, stimmten denn auch 86 Kolleginnen und Kollegen für Friedemann Hoppmann, während der bisherige Schulleiter 16 Stimmen bei fünf Enthaltungen erhielt. Die Hildesheimer Presse mit der alleinigen Meinungsmacht der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung (HiAZ) tat zwar alles, um die Absetzung des Schulleiters Volpert und die Einsetzung von Friedemann Hoppmann als neuen Schulleiter zu verhindern, doch dieses niederschmetternde Signal des Kollegiums konnte auch die Schulbehörde nicht ignorieren. Die Front, die sich auch innerhalb des Stadtrats zwischen CDU und SPD auftat, führte schließlich zu dem „Kuhhandel“, dass der alte RBG-Schulleiter die Stelle am Gymnasium Hi-Himmelsthür übernehmen sollte und Hoppmann neuer Schulleiter werden würde. Friedemann Hoppmann schildert diese Auseinandersetzungen mit beeindruckenden Worten und macht deutlich, wie sehr ihn dieser Zwist berührte, der nicht von Verunglimpfungen, Falschinformationen und Intrigen gegen ihn Halt machte. Der Rat des damaligen, für die RBG zuständigen Schuldezernenten bei der Bezirksregierung, Tejas Seiler, er solle bei diesem Gemetzel auf der Balustrade stehen, dort verharren und dem Kampfgetümmel in der Arena geduldig zuschauen, war zwar als historisches, hierarchisches Bild ganz lustig – Friedemann Hoppmann half er aber wenig.

So war denn der Start des neuen Schulleiters in der Hildesheimer Gesamtschule von Anfang an mit einer Herkulesaufgabe verbunden, nämlich zum einen arbeits- und tragfähige Ruhe in das Innere der Schule zu bringen, zum anderen die lädierte Akzeptanz der Hildesheimer Öffentlichkeit gegenüber der RBG zu reparieren. Dies kann von einem einzelnen Schulleiter mit Ordre-Mufti-Ausstattung nicht geleistet werden! Aber die klugen, demokratiebewussten und vom Änderungswillen im traditionellen Schulsystem überzeugten Initiatoren bei der Etablierung von Integrierten Gesamtschulen in Deutschland, stark beeinflusst von den Analysen und Gutachten des Deutschen Bildungsrats in den 1960er Jahren, sahen beim Aufbau der Integrierten Gesamtschulen in Deutschland neben zahlreichen weiteren Revisionen und Reformen auch ein Instrument vor, das auch Friedemann Hoppmann helfen sollte, seine Aufgaben zu erfüllen: Anstelle der traditionellen Formen der Position des alleinigen Leiters einer Schule wurde eine kollegiale Schulleitung eingeführt, die zudem mit der so genannten Zeit-Funktion verbunden war, dass nämlich die beruflichen Aufgaben zuerst auf vier und später auf neun Jahre begrenzt wurden.

Zur Zeit der Übernahme des Postens als Schulleiter der RBG, bestand das Team aus sieben KollegInnen: Schulleiter als Primus inter pares, Stellvertreter, Didaktischer Leiter, Stufenleiter 5/6, 7/8, 9/10, 11-13. Diese Einrichtung gibt es (mit Einschränkung und Reduzierung auf fünf Mitglieder) an Gesamtschulen bis heute; und sie erweist sich, entgegen den Unkenrufen von Traditionalisten und solchen, deren Lebensmotto besteht in der Überzeugung: „Das haben wir noch nie so gemacht!“, als äußerst hilfreich bei der Bewältigung der pädagogischen und gesellschaftlichen Anforderungen. Es ist nicht zuletzt Friedemann Hoppmann und dem Kollegium der RBG zu danken, dass durch pädagogisch solide, verlässliche und weitsichtige Arbeit sich der lädierte Ruf der Schule in der Region langsam aber sicher wandelte hin zu einer Institution, in der nicht nur Schülerinnen und Schüler gerne lernen und sich im Gesamtschul- und Ganztagsschulsystem wohl fühlen und ihren Voraussetzungen entsprechend entwickeln können, sondern auch, in der Eltern und Erziehungsberechtigte offene Türen und Mitgestaltungsmöglichkeiten finden. Als ein eindrucksvolles, äußeres Zeichen der Anerkennung der pädagogischen Arbeit in der RBG kann auch gewertet werden, dass die Schule 2007 den Deutschen Schulpreis erhielt, mit dem die Qualität der Schule in den Bereichen Leistung, Umgang mit Vielfalt, Unterrichtsqualität, Verantwortung, Schulleben und Schule als lernende Institution ausgezeichnet wird. Obwohl diese Ehrung nicht mehr in die Zeit von Hoppmanns Schulleitertätigkeit an der RBG fiel (er wurde am 31. Juli 2002 pensioniert), und sein Nachfolger, der derzeitige Schulleiter Wilfried Kretschmer, die kollegiale Schulleitung das Kollegium und die Schulgemeinde großen Anteil an dem Erfolg haben, wird man sagen können: Friedemann Hoppmann gehört zu den Pflanzern in diesem bunten Blumenbeet.

In dem vielfältigen, umstrittenen und innovativen Gebiet der Etablierung von Integrierten und (später auch) Kooperativen Gesamtschulen in Deutschland gab und gibt es Leuchttürme, die bei der Entwicklung weg vom traditionellen dreigliedrigen und hin zum alternativen Schulsystem einer „Schule für alle“ Richtungen an- und Perspektiven aufzeigen. Die Gesamtschulbewegung hat Bewegung ins Schulsystem gebracht; nicht nur bei der Leitung und Demokratisierung von Schulen, in curricularen und methodischen Bereichen, bei der Infragestellung von scheinbar festgefügten und unantastbaren „Gewissheiten“, wie etwa der Revision der Leistungsbewertung und Notengebung, der Integration von Fachlernen und allgemeiner Bildung. Gleichzeitig erleben Gesamtschulbefürworter bürokratische und systemrelevante Tendenzen, in die Speichen des in Gang gekommenen Rades zu greifen; etwa indem die (Vormacht-)Stellung des Schulleiters gestärkt wird und demokratische und Mitbestimmungsmöglichkeiten von Kollegien, SchülerInnen und Eltern in der Schule zurückgenommen werden. Darunter leidet Friedemann Hoppmann heute, obwohl er längst nicht mehr Schulmann und Schulleiter ist. Charakteristisch für seine Einstellung und Haltung könnte ein Satz gelten, den er in seiner (Schul-)Biographie nennt: „Wenn wir nur wollen…“. Darin steckt die optimistische Überzeugung, dass es in der Schule, wie im individuellen und lokal- und globalgesellschaftlichen Leben darauf ankommt, sich als zôon politikon (Aristoteles) seines politischen Verstandes bewusst zu sein, um „gut streiten“ zu können, als ein ethischer Anspruch, dass das Wort als Treibriemen für ein gutes, gelingendes Leben Ursprung und Motiv für pädagogisches Denken und Handeln sein muss.

Fazit

Die Erinnerungen Friedemann Hoppmanns dürften aus der Vielzahl von Autobiographien deshalb herausragen, weil er als Schulleiter von mehreren niedersächsischen Schulen, in Hildesheim und Hannover-Langenhagen, nicht nur in das parteipolitische Kreuzfeuer und des mehrmaligen Regierungswechsels von CDU- und SPD-dominierter Schulpolitik geriet, sondern auch mit der Wahl als Schulleiter der Integrierten Gesamtschule in Hildesheim, der Robert-Bosch-Gesamtschule, wichtige Entwicklungs- und Reformschritte hin zu einer „Schule für alle“, von Demokratisierung und Kollegialisierung, etwa mit den Schulversuchsformen einer kollegialen Schulleitung, der Einführung von Mitbestimmungskonzepten und dem Aufbau der gymnasialen Oberstufe in der RBG, mit vollzog und ermöglichte. In seiner umfangreichen Erzählung über sein berufliches und privates Leben als Schüler, Ehemann, Vater, Partner, Lehrer, Gewerkschafter, Religionspädagoge und Schulleiter zitiert er immer wieder Quellen, die er von früher Jugend an immer wieder in seinen Tagebüchern notierte, kommentierte und sich mit ihnen auseinander setzte. So ist es möglich, dass seine Autobiographie keine Märchenerzählung geworden ist, sondern eine ernst zu nehmende Dokumentation seines bisherigen Lebensweges. Wir sind heute davon überzeugt, dass in Bildungs- und Erziehungsprozessen, wie auch beim lebenslangen Lernen biographische Auseinandersetzungen notwendig sind, um zu eigenen Standpunkten und zu individuellen und gesellschaftlichen Identitätsbildungen zu gelangen. Die „Versuche eines Schulleiters“ lassen sich als Zeitdokumente lesen!

Der auch über die aktive Zeit als Mitglied des Kollegiums der RBG hinauswirkende „Geist der Schule“ zeigt sich im übrigen auch darin, dass pensionierte Lehrerinnen und Lehrer sich zu einer Runde zusammen gefunden haben, um beim jeweils monatlichem Treffen über die eigenen und gemeinsamen Erfahrungen als GesamtschulpädagogInnen „nach zu sinnen“ und die Entwicklung der RBG kritisch zu begleiten. Daraus ist die Schrift „Start in eine neue Schulform. Wir waren dabei. Pensionäre erinnern sich“ entstanden (Selbstverlag, Hildesheim 2010, Tilo Müller-Heidelberg, tilomh@gmx.de).


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 10.12.2015 zu: Friedemann Hoppmann: Unter Schnapphähnen und Samaritern - Versuche eines Schulleiters. Moritzberg-Verlag (Hildesheim) 2015. ISBN 978-3-942542-12-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19935.php, Datum des Zugriffs 23.08.2019.


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