Iris Gereke, Nadya Srur: Integrationskurse für Migrantinnen
Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 21.09.2004
Iris Gereke, Nadya Srur: Integrationskurse für Migrantinnen. Genese und Analyse eines staatlichen Förderprogramms.
Interdisziplinären Zentrums für Bildung und Kommunikation in Migrationsprozessen (IBKM)
(Oldenburg) 2003.
268 Seiten.
ISBN 978-3-8142-0860-2.
13,00 EUR.
Reihe: Schriftenreihe des Interdisziplinären Zentrums für Bildung und Kommunikation in Migrationsprozessen (IBKM). Schriftenreihe des Interdisziplinären Zentrums für Bildung und Kommunikation in Migrationsprozessen (IBKM) an der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg, Nr. 9.
Integration ist in aller Munde, aber ...
Nachdem im breiteren öffentlichen Bewusstsein angekommen ist, dass sich Deutschland zu einer Einwanderungsgesellschaft hin entwickelt, ja vielleicht sogar längst geworden ist, hat das Instrument der Integration eine neue Zugkraft erhalten. Der Begriff aber sei nur ein Name. Wichtig sei die Präzision dessen, was damit gemeint sei, mahnte Hartmut Esser bereits Anfang der 80er Jahre an. Integration im Migrationsprozess beinhalte demnach eine Bewusstseins-, Gefühls-, Wert- und Chancenangleichung als Lernanforderungen im Sinne einer Anpassung der Minderheiten an die Mehrheitskultur, gleichzeitig erfordere aber auch der im Prozess von den lernenden Mehrheiten und Minderheiten Anstrengungen, damit "sich Gruppen oder einzelne Individuen zu einem neuen, gemeinsamen Ganzen durch eine gleichberechtigte Auseinandersetzung um Werte und Normen verbinden" können.
Untersuchungsgegenstand der Studie
Untersuchungsgegenstand der Oldenburger Publikation sind die auf Initiative des Bundesministeriums für Arbeit und Sozialordnung (BMA) bereits 1977 eingerichteten und geförderten Integrationskurse für Migrantinnen. Die Analysen bei den verschiedenen Phasen der Einwanderung von Migrantinnen und Migranten nach Deutschland, wonach insbesondere Frauen und Mädchen der Minderheitengruppen mit Integrationsbarrieren in allen zentralen Bereichen der strukturellen Integration, der rechtlichen Situation, Schule, Ausbildung und Beruf, konfrontiert würden, ziehen sich wie ein roter Faden durch den gesamten jahrzehntelangen Diskurs, bis heute. Die Arbeit von Gereke und Srur wird dadurch wertvoll, dass gerade zur Geschichte und Struktur der Integrationskurse für ausländische Frauen und Mädchen bisher wenig zusammenfassende Informationen vorliegen. Das mag wohl auch daran liegen, dass, wie die Autorinnen bedauernd feststellen, das BMA zu diesen Fragen zumindest "zurückhaltend" reagiert: "... wurden unsere schriftlichen wie auch telefonischen Versuche der Kontaktaufnahme beim BMA zum Teil lediglich mit einem Verweis auf die Träger erwidert, aber auch abgewiesen oder gänzlich ignoriert". Umso wichtiger sind die Teile der Arbeit, die sich mit der Genese, Wirkungsweise und Analyse von Integrationskursen in den Bereichen des Fachverbandes der Diakonie und Trägern der Wohlfahrtspflege befassen. Nach den Vorgaben des BMA sollen die Integrationskurse bewirken, dass ausländische Frauen und Mädchen in Deutschland
- aus ihrer Isolation heraus kommen,
- sie ihre sprachliche Kommunikation durch Deutsch-Sprachkurse verbessern,
- ihnen Einblicke in die berufliche Bildung gewährt werden,
- sie eine Berufsorientierung erhalten
- und zur Teilnahme an beruflichen Qualifizierungsmaßnahmen motiviert werden.
Ergebnisse
Wie kaum anders zu erwarten, zeigen die Analysen erhebliche Unterschiede in den Zielsetzungen , der Erreichbarkeit, Reichweite und Wirkungsweisen der bei den verschiedenen Trägern angebotenen Integrationskursen. Die Autorinnen stellen insbesondere fest, dass es offensichtlich erhebliche Defizite in den Themen- und Zieldefinitionen der Kursinhalte gibt, bis hin zu nicht vorhandenen oder nur sporadisch vollzogenen kommunikativen und institutionalisierten Kooperationen: "Wer darauf hin den Integrationsbegriff der Träger betrachtet, wird feststellen, dass die Kurse dem Anspruch der Träger auf Integration als gegenseitigen Prozess nicht nachkommen können".
Das Fazit des Oldenburger Untersuchungsteams heißt natürlich nicht, die bisher einzige bundesweite migrationsspezifische Maßnahme aufzugeben. Vielmehr geht es darum, die in der Diskussion befindliche und zum Teil bereits vollzogene Neustrukturierung des Sprachfördersystems wie die Initiativen für eine künftige Integrationspolitik in eine Neudefinition und grundlegend konzeptionelle Umgestaltung von gesellschaftlichen Integrationsmaßnahmen hinein zu nehmen, als "gegenseitigen, gleichberechtigten Prozess" für alle in der Einwanderungsgesellschaft Deutschland lebenden Menschen.
Fazit
Die von den Autorinnen vorgelegte "Genese und Analyse eines staatlichen Förderprogramms" kann zweifelsohne als Baustein für die weitere, notwendige Evaluation von Integrationsbemühungen gelten. Die breite Literaturrecherche, das Forschungsdesign, die Heranziehung neuesten Datenmaterials und die sorgfältig vorbereiteten und ausgewerteten Interviews mit PraktikerInnen der Integrationsarbeit machen diese Pilotstudie für hoffentlich nachfolgende Forschungsinitiativen wichtig. In diesem Zusammenhang soll auch auf die weiteren, bisher in der Schriftenreihe des Interdisziplinären Zentrums für Bildung und Kommunikation in Migrationsprozessen (IBKM) der Universität Oldenburg vor gelegten Forschungsarbeiten hingewiesen werden.
Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
Mailformular
Es gibt 1734 Rezensionen von Jos Schnurer.





