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Maria Fürstaller, Wilfried Datler u.a. (Hrsg.): Psychoanalytische Pädagogik

Cover Maria Fürstaller, Wilfried Datler, Michael Wininger (Hrsg.): Psychoanalytische Pädagogik. Selbstverständnis und Geschichte. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2015. 253 Seiten. ISBN 978-3-8474-0192-6. D: 36,00 EUR, A: 37,10 EUR, CH: 47,90 sFr.

Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft. Kommission Psychoanalytische Pädagogik: Schriftenreihe der DGfE-Kommission Psychoanalytische Pädagogik, Band 5.
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Thema

Selbstverständnis und Geschichte der Psychoanalytischen Pädagogik können, so schreiben die Herausgeber, nicht als abgeschlossen oder als abschließend bestimmbar beschrieben werden – dafür seien Pädagogik und Psychoanalyse zu sehr in ständigem Wandel begriffen. Gerade vor diesem Hintergrund sind Versuche wertvoll, sich in diesem Arbeitsfeld theoretisch zu verorten und eine pädagogische Praxis mit psychoanalytischem Hintergrund weiterzuentwickeln.

Herausgeberin und Herausgeber

Die HerausgeberInnen arbeiten am Institut für Bildungswissenschaften der Universität Wien. Wilfried Datler leitet dort den Arbeitsbereich Psychoanalytische Pädagogik, Michael Winniger ist Mitglied im Vorstand der Kommission „Psychoanalytische Pädagogik“ der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft DGfE und arbeitet, wie Maria Fürstaller, ebenfalls im Arbeitsbereich psychoanalytische Pädagogik in Wien.

Für den Band haben die Herausgeber Beiträge zur Geschichte der Psychoanalytischen Pädagogik und zu ihrem Selbstverständnis von zahlreichen renommierten Autorinnen und Autoren gewonnen.

Entstehungshintergrund

Der Band sammelt Beiträge einer Tagung zum Buchthema, die 2013 an der Universität Wien stattfand.

Aufbau

Einem einführenden Beitrag der Herausgeber folgen 13 einzelne Beiträge, die weitgehend für sich stehen – auch formal mit jeweils eigener Zusammenfassung, Summary, Schlüsselbegriffen und Literaturverzeichnis. Sie sind thematisch drei Teilen des Buches zugeordnet:

  1. dem „Spannungsfeld zwischen Psychoanalyse und Pädagogik“,
  2. der historischen gesellschaftlichen und transdisziplinären Perspektive sowie
  3. „Bereichen der erziehungswissenschaftlichen Praxis“.

Angaben zu den Autorinnen und Autoren schließen den Band.

Inhalt

Eine „Einführung in den Band“ („Zum Selbstverständnis Psychoanalytiker Pädagogik und zur Geschichte ihrer Institutionalisierung“, Datler, Fürstaller, Winniger) fasst die folgenden, nur teilweise aufeinander bezogenen Beiträge zusammen und weist auf thematische Verbindungen hin.

Dann folgen im ersten Teil des Buches theoriegeschichtliche Aspekte von Psychoanalyse und Pädagogik. Günther Bittner fragt „Was ist das Psychoanalytische an der Psychoanalytischen Pädagogik?“ und Volker Fröhlich „Was ist das Pädagogische an der Psychoanalytischen Pädagogik?“. Diese Fragen werden von Rolf Göppel nicht nur akademisch, sondern auch humorvoll und persönlich aufgegriffen. In seinem Beitrag „Bin ich ein ‚Psychoanalytischer Pädagoge‘ und falls ja, in welchem Sinne?“ stellt er seinen Überlegungen ein „Glaubensbekenntnis“ psychoanalytischer Pädagogik an die Seite. Göppel spielt hier mit den manchmal dogmatischen vertretenen Inhalten von Pädagogik und Psychoanalyse und mit deren Geschichte:
„Ich glaube an Sigmund Freud,
den genialen Schöpfer von Theorie und Praxis der Psychoanalyse,
und an seine Tochter Anna Freud
sowie an seine eingeschworenen Schüler
August Aichhorn, Siegfried Bernfeld und Hans Zulliger,
die Begründer der Psychoanalytischen Pädagogik.
…“

Mehr zum Selbstverständnis Psychoanalytischer Pädagogik finden Leserinnen und Leser in den dann folgenden Zeilen und im zweiten Teil des Buches, der Psychoanalytische Pädagogik unter historischen, gesellschaftlichen und transdisziplinären Aspekten darstellt. Er enthält fünf Beiträge mit den Titeln

  1. „Die Seele und ihre dunkle Seite. Zur Entwicklungsgeschichte der Idee des ‚Unbewussten‘“ (Johannes Gstach),
  2. „Persönliche Bemerkungen zu August Aichhorns Briefwechsel mit Anna Freud und Kurt Robert Eissler“ (Barbara Neudecker),
  3. „Eine gesellschaftskritische Perspektive der Psychoanalytischen Pädagogik im Gedenken an August Aichhorn“ (Josef Christian Aigner),
  4. „Die Ordnung der Diskurses in der Psychoanalytischen Pädagogik“ (Heiner und Annedore Hirblinger) und das
  5. „Fehlen eines (post)modernen Bildungsbegriffs (in) der Psychoanalytischen Pädagogik“ (Volker Rumpf).

Klassische Begriffe – etwa Aichhorns „Verwahrlosung“ – werden hier auf aktuelle Entwicklungen und Diskurse, z. B. zur Diagnose von Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsstörungen, angewandt und auf ihre bleibende Bedeutung überprüft. Eine Zusammenfassung der Ergebnisse ist aufgrund der Unterschiedlichkeit der Beiträge nicht gut möglich. Vielleicht gelingt dies am ehesten über ein Zitat von Hirblinger und Hirblinger (S. 136): „Pädagogische Felder unterscheiden sich voneinander grundlegend in ihrer strukturellen Eigenart und ihrer Dynamik und haben mit dem therapeutisch-dyadischen Prozessgeschehen in der klinischen Praxis fast nichts gemein. Erfahrungen aus der psychoanalytischen Praxis unbesehen auf die Komplexität pädagogischer Interaktionsfelder zu übertragen, wäre schlichtweg falsch“.

Den dritten Teil des Buches bilden Beiträge zum Selbstverständnis Psychoanalytischer Pädagogik aus der erziehungswissenschaftlichen Praxis – Beispiele praktischer Arbeit.

  • David Zimmermann stellt „Psychoanalytisches Fallverstehen als Methode schulischer Traumapädagogik“ vor,
  • Jean-Marie Weber schreibt zur „möglichen Bedeutung des psychoanalytischen Ansatzes von Lacan für das pädagogische Feld“,
  • Wilfried Datler, Hendrik Trescher und Kathrin Trunkenpolz berichten von Forschung in einem Projekt „Lebensqualität im Pflegeheim“.

Psychoanalyse wird als ein „normaler“ Beitrag zur Pädagogik gesehen, nicht als „Heilerziehung“ mit einer besonderen Indikationsstellung. Über den Bezug zu Lacan kommt auch die Notwendigkeit des „Nicht wissens“ und der pädagogische Umgang damit ein wenig zur Sprache.

Diskussion

Die einzelnen Kapitel dieses Bands stehen für sich und sind sehr unterschiedlich in Stil und Thematik. In der Zusammenschau geben sie dem Leser dabei einen Eindruck von der Entwicklung psychoanalytischer Pädagogik. Eher abstrakte, theoretische Beiträge werden von Kapiteln ergänzt, die humorvoll, persönlich oder praxisnah Fragestellungen aufgreifen und diskutieren.

Bei einigen Beiträgen fand der Rezensent – aus der Perspektive des Psychoanalytikers schauend – eine für ihn erstaunliche Sicherheit in Bezug auf die Bedeutung von Konzepten und ihre Anwendung. Bilder und Begriffe der Psychoanalyse werden manchmal fast wörtlich genommen. Aktuelle Entwicklungen psychoanalytischer Modelle kommen zu kurz. So ist es – wie Hirblinger und Hirblinger oben schreiben – gut nachvollziehbar, dass „Erfahrungen aus der psychoanalytischen Praxis (nicht, H.S.) unbesehen auf die Komplexität pädagogischer Interaktionsfelder …übertragen“ werden können. Der dann folgende Bezug auf ältere und in ihrer Bedeutung heute auch klinisch kontrovers diskutierter Konzepte, wie z. B. auf die „Übertragungsneurose“, nimmt den Überlegungen aber etwas von ihrer Überzeugungskraft. Hier wäre der Bezug zu aktuellen psychoanalytischen Konzepten interessant und die Betrachtung von klassischen Modellen im Kontext ihrer Entwicklung und Rezeption. So könnte kritisch abwägend der Nutzen psychoanalytischer Konzepte für die Pädagogik diskutiert und erprobt werden. Mit dem oben zitierten „Glaubensbekenntnis“ wird das Fehlen dieser Aspekte als ein Teil des psychoanalytisch-pädagogischen Selbstverständnisses aber zugleich liebevoll „auf die Schippe genommen“.

Viele Bereiche psychoanalytischer Pädagogik fehlen – etwa aus den Bereichen der „Technik“ eines psychoanalytischen, aber nicht deutenden pädagogischen Handelns, der Frühpädagogik, der Gruppenanalyse, der Berührungspunkte von Sozialer Therapie und Pädagogik, der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Das Buch ist aus einer Tagung entstanden und versammelt Beiträge zur erziehungswissenschaftlichen Praxis mit einem Schwerpunkt entsprechend dem Arbeitsbereich Psychoanalytische Pädagogik der Universität Wien.

Fazit

An der Psychoanalyse interessierte Pädagogen und an der Pädagogik interessierte Psychoanalytiker erhalten mit diesem Band einen Einblick in die Geschichte und die Arbeitsfelder psychoanalytischer Pädagogik. Hier schließt das Buch eine Lücke. Es verweist zugleich deutlich auf die Selektivität und Unvollständigkeit dieses Versuchs. Die einzelnen Beiträge sind für unterschiedliche Leser vermutlich von sehr unterschiedlichem Interesse – eher „akademische“ Artikel stehen neben persönlichen, humorvoll-selbstkritischen oder sehr konkret berichtenden Kapiteln. Vor diesem Hintergrund ist es hilfreich, sich in einem oder beiden behandelten Fachgebieten bereits etwas auszukennen. Die Einordnung der Beiträge muss nach einem einführenden Kapitel von den Leserinnen und Lesern selbst geleistet werden.


Rezensent
Prof. Dr. Hermann Staats
FH Potsdam, Sigmund-Freud Professur für psychoanalytisch orientierte Entwicklungspsychologie
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Zitiervorschlag
Hermann Staats. Rezension vom 04.05.2016 zu: Maria Fürstaller, Wilfried Datler, Michael Wininger (Hrsg.): Psychoanalytische Pädagogik. Selbstverständnis und Geschichte. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2015. ISBN 978-3-8474-0192-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19943.php, Datum des Zugriffs 19.08.2019.


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