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Gerhard Igl, Felix Welti u.a. (Hrsg.): Alter und Beschäftigungen

Cover Gerhard Igl, Felix Welti, Michael Eßer (Hrsg.): Alter und Beschäftigungen. Arbeitssituationen, Lebensentwürfe und soziale Sicherung der über 50-Jährigen. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2015. 213 Seiten. ISBN 978-3-643-13116-4.
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Thema

Die Erwerbsarbeit jenseits des Zugangsalters für die Altersrente wird oft vorschnell der Abwehr von wachsender Altersarmut zugeschrieben. Dass die Gründe vielfältiger sind und auch mit Optionen für neue, nicht mehr standardisierte Lebenslauf-Entwürfe zu tun haben, ist inzwischen gerontologisch vielfach festgestellt worden. Wie diesem neuen Arbeitsverhalten im Ruhestand sozialrechtlich noch besser als mit den gegenwärtigen, bereits differenzierten Regelungen entsprochen werden kann, versuchte die Tagung „Alter und Beschäftigungen“ des Sozialrechtsverbundes Norddeutschland SVN (bestehend aus Sozialleistungsträgern und Hochschullehrern aus Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein) zu erarbeiten. Die dabei im November 2014 gehaltenen fünfzehn Referate haben nun Gerhard Igl, Felix Welti und Michael Eßer im bei LIT in Münster erschienen gleichnamigen Band „Alter und Beschäftigungen“ heraus gegeben.

Herausgeber

  • Professor Dr. Gerhard Igl war als Direktor des Instituts für Sozialrecht und Gesundheitsrecht der Universität Kiel tätig.
  • Professor Dr. Felix Welti lehrt an der Universität Kassel im Fachbereich Humanwissenschaften, Fachgebiet Sozial- und Gesundheitsrecht, das Gebiet Recht der Rehabilitation und Behinderung.
  • Michael Eßer arbeitet als Pressesprecher bei der Deutschen Rentenversicherung Nord in Lübeck.

Aufbau und Inhalt

Der Band „Alter und Beschäftigungen“ befasst sich mit dem Wandel der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung vor und nach Erreichen der Altersgrenze und fragt danach, wie dem sich ändernden Erwerbsverhalten um den Altersbeginn sozialrechtlich noch besser entsprochen werden kann. Die fünfzehn Einzelbeiträge von Juristen und Sozialwissenschaftlern lassen sich gemäß dem einleitenden Tagungsbericht von Benjamin Röns in den nachfolgenden vier Abschnitten einordnen.

Im ersten Abschnitt Altersgrenzen und Beschäftigungssituation zeichnet zunächst Gerhard Naegele die Wandlung von der Frührente zur Verlängerung der Beschäftigungszeit nach. Der Wandel sei zwar durchweg gesellschaftlich angekommen, in Klein- und Mittelbetrieben gebe es aber noch Nachholbedarf. Erhöht werden müssten noch Qualifizierungsanpassung, Gesundheitssicherung, ganzheitliche – auch das private Umfeld einbeziehende – Konzepte und Motivationserhalt, damit länger gearbeitet werden könne. Besonders für weniger Gesunde und gering Qualifizierte sieht Naegele noch Probleme. Harald Künemund warnt davor, die individuellen Wahlmöglichkeiten für Altersproduktivität im ehrenamtlichen oder berufs-verlängernden Bereich durch Erhöhung des Rentenzugangsalters einzuengen. Sogar vor der Zurruhsetzung sollte es Wahlmöglichkeiten zwischen voller Erwerbstätigkeit und Freistellung geben. Denn Auszeiten schlügen in Familie, Netzwerken und Sozialwelt positiv zu Buche.

Unter Möglichkeiten und Varianten führt Matthias Knuth das deutsche Beschäftigungswunder auf den höheren Berufsverbleib der 55- bis 64jährigen und generell der Frauen zurück. Ein Defizit besteht aber in der anhaltenden sozialen Ungleichheit im Alter, wobei sich aber das Bild der Leistungsfähigkeit Älterer generell verbessert hat. Hans-Joachim Reinhard sieht Defizite in der Unterstützung Älterer im Arbeitsförderungsrecht von SGB III: Ihnen würde die Erhöhung von Anwartschaftszeiten verschlossen. Ältere dürften nicht vorschnell in die Erwerbsminderungsrente abgedrängt werden. Stamatia Devetzki plädiert für eine noch weitere Flexibilisierung des Zugangs zur Altersrente. Man könne an den bereits vorhandenen Zugangs-Varianten anknüpfen und die Arbeitgeber-Beiträge für länger arbeitende Arbeitnehmer aussetzen. Aus sozialmedizinischer Sicht fordert Matthias Bethge eine Verstärkung der medizinischen Rehabilitation mit anschließenden Maßnahmen „Stufenweiser Wiedereingliederung“ STW. Er empfiehlt das finnische Modell eines kontinuierlichen Monitorings der Arbeitsfähigkeit älterer Arbeitnehmer: Schlechte Monitorings-Ergebnisse sollten Rehabilitationsleistungen auslösen.

Beim Versichertenstatus zwischen Berufsaustritt und Verbleib im Arbeitsleben verneint Sebastian Brandl bei den länger Arbeitenden als Motiv das Überwiegen von Kampf gegen die Altersarmut. Dieses schlägt am ehesten bei den unteren Einkommensgruppen durch. Aber Freude an der Weiterarbeit, Potential-Ausschöpfen und Selbstbestätigung stünden in den Motiven auch weit vorne. Die Weiterarbeit sei auch eine Folge der Zufriedenheit mit der bisherigen Tätigkeit. Kritisch sieht Maximilian Fuchs das Herausnehmen älterer Tätiger aus Leistungsrechten wie dem Krankengeld und die individuelle Gegenleistungslosigkeit für die weiter erhobenen Arbeitgeber-Beiträge in der Renten- und Arbeitslosenversicherung. Eckhard Bloch spricht sich dafür aus, ältere Arbeitnehmer (im Jahr 2020 werden 40 Prozent der Beschäftigten zwischen 50 und 64 Jahre alt sein) länger arbeitsfähig und gesund zu halten. Gesundheitliche Prävention sollte möglichst frühzeitig einsetzen. Notwendig sei ein „Betriebliches Gesundheitsmanagement“ BGM. Für eine altersgerechte Gestaltung der Arbeitsplätze und eine positive Arbeitsumgebung setzt sich Stephan Köhler für ältere Mitarbeitende vor allem bei Einrichtungen des Gesundheitsdienstes und der Wohlfahrtspflege mit den hier bekannten Personalengpässen ein. Personalbindung sei hier ungemein wichtig. Michael Eßer weist auf die zentrale Aufgabe der Rentenversicherung zur Erhaltung der Erwerbsfähigkeit hin. Er moniert das Herausnehmen der Bezieher von Arbeitslosengeld II aus der Zahlung von Rentenversicherungsbeiträgen und die Nicht-Rentenversicherung von drei Vierteln der Selbstständigen. Differenzierte Optionen für Teilrenten sollten je nach Arbeitsbelastungen branchenspezifisch durch Tarifverträge eröffnet werden.

Im Wandel des Beschäftigtenstatus im Alter weist Simone Scherger auf die zuletzt deutlich gestiegenen Quoten erwerbstätiger Älterer hin. Dies sei auch auf eine gesteigerte Anspruchshaltung Gebildeter an ihren Lebenszuschnitt zurück zu führen. Höhere Flexibilisierungen sollten den Lebensunterhalt entsprechend dem erarbeiteten Status im Alter sichern helfen und vor allem belasteten Erwerbsgruppen dienen; sie sind aber nicht leicht zu organisieren. Kleinteilige Zielkonflikte drohen. Es kommt auf eine Balance an zwischen dem Schutz Benachteiligter und neuen Spielräumen für an individuellen Lebenszuschnitten Interessierten. Für Thomas Klie werden Altersgrenzen zunehmend legitimationsbedürftig. Denn viele Altersgrenzen haben ihre Berechtigung verloren und wirken diskriminierend. So werden alte Behinderte vorschnell auf Pflegeleistungen verwiesen unter Vorenthaltung von Eingliederungshilfe für Behinderte. Die grundsätzliche Altersgrenzenlosigkeit des deutschen Rechts ist positiv; vorgenommene Altersgrenzen sind aber vielfach willkürlich und defizitorientiert. Gerade die Rechtsprechung sollte auf mehr Freiräume für Berechtigungen im Alter hinwirken. In gleicher Richtung übte der inzwischen verstorbene Bernd Schulte Kritik am Recht für Alte: Es blicke zu ökonomistisch auf die wirtschaftliche Einsetzbarkeit alter Tätiger und berücksichtige weder genügend deren psychosoziale Befindlichkeit noch das Antidiskriminierungsrecht. Denn die Europäische Grundrechte-Charta verbiete die Alten-Diskriminierung. Ausnahmen müssten legitim, angemessen und erforderlich sein. Felix Welti sieht eine zunehmende Spaltung im Alter gerade auch durch weitere Erwerbsarbeit: Gesunden Gutgestellten ist sie eher möglich als den gesundheitlich Eingeschränkten und dadurch im Vorhinein bereits finanziell Benachteiligten. Die Gleichheit der Altersgrenzen egalisiert somit Ungleiches. So ergeben sich zwiespältige Folgen: Die Bessergestellten mit langem Erwerbsarbeits-Verlauf können neben ihrer früheren, abschlagsfreien Rente anrechnungsfrei hinzu verdienen, was für am Grundsicherungsniveau Lebende entweder objektiv nicht möglich oder nicht profitabel ist. So vertieft sich soziale Ungleichheit durch Beschäftigung im Alter noch. Ältere gesundheitlich Eingeschränkte gehörten an ihrem Lebenszyklus ansetzend stärker rehabilitativ gefördert.

Diskussion

In der über die Alterszugangs-Grenze der Gesetzlichen Rentenversicherung hinaus gehenden erwerbsarbeitlichen Betätigung wird oft genug die Vermeidung von Altersarmut als Hauptmotiv gesehen. Indes gibt es bei weitem auch noch andere Motivationen wie Freude an der Betätigung, Selbstbestätigung, soziale Teilhabe, Nutzbarmachen von Können und Erfahrung sowie Gelderwerb zur Erfüllung von besonderen Wünschen. Der Band „Alter und Beschäftigungen“, der aus einer Tagung des Sozialrechtsverbundes Norddeutschland SVN hervor ging, mischt in seinen Beiträgen somit zu recht sozialrechtliche und sozialwissenschaftliche Betrachtungen.

Dennoch fällt die Behandlung von Altersarmut nicht unter den Tisch. Hier wird in der Ursachenforschung neben dem Umsteuern der Rentenpolitik mit Senkung des Rentenniveaus auch die unzureichende Bekämpfung der Arbeitslosigkeit älterer Arbeitnehmer angeprangert und der Verbesserung von Prävention und gesundheitlicher Rehabilitation das Wort geredet. Ein Umdenken in der Balance von Äquivalenz- und Bedarfsprinzip erfordert die Spaltung der Rentnerpopulation in gesundheitlich eingeschränkte Benachteiligte und zureichend Abgesicherte mit guter Körperkonstitution. Das wird in jenen Beiträgen des Bandes zu wenig gesehen, die nur eine Leistungserweiterung für alle weiter Arbeitenden befürworten.

Die festgestellte Entstandardisierung und Individualisierung der Lebensläufe mündet in Forderungen nach weiterer Flexibilisierung der Renten-Zugänge. Die Sicht der Wandlung der Altersphase von einer Lebens-Restgröße zu einem Abschnitt voller Eigenständigkeit lässt den Wunsch nach Sabbat-Jahren aber auch in der Mitte des Lebens-Ablaufs zu Familienarbeit und Weiterbildung aufkommen.

Insoweit reißt der Band „Alter und Beschäftigungen“ einen weiten Horizont auf. Da muten minuziöse Schilderungen über feingliedrig-differenzierte Alterszugänge, (Teil-)Anrechnungen von Entschädigungen und Verweisungen von Sozialeistungsträger zu Sozialleistungsträger zwar schon sehr kleinteilig an. Aber die Komplexität und fast schon nicht mehr zu durchdringende Verästelung des Sozialrechts lässt sich ohne mikroskopische Blicke eben nicht fassen. Dadurch fordert der Band seiner Leserschaft einiges an Geduld ab.

Leichter wäre es gewesen, wenn die fünfzehn abgedruckten Referate nicht nach dem zeitlichen Tagungsablauf des SVN in Lübeck im November 2014, sondern systematisch angeordnet worden wären: De lege lata, nach sich ändernden Erwerbsphasen und Lebensmodellen und daraus abgeleitet de lege ferenda.

Für die geschilderten Programme des Betrieblichen Gesundheitsmanagements wären Ergebnisse von Wirksamkeitsuntersuchungen von Interesse gewesen. Mehrfach wurde recht unkritisch auf das Drei-Säulen-Modell der Alterssicherung verwiesen; ohne zu berücksichtigen, dass die Betriebliche Alterssicherung für jüngere Beschäftigte stark im Rückgang begriffen ist und die Prosperität der Privaten Sicherungssäule durch die Finanzkrisen stark zurück geht.

Fazit

„Alter und Beschäftigungen“ werden ein sich ausdehnendes Lebensmodell. Der so benannte Vortrags-Band führt sozialwissenschaftliche und sozialrechtliche Beiträge dazu zusammen und zeigt Reformmöglichkeiten auf, um die finanzielle Absicherung im Alter vor allem für gesundheitlich Eingeschränkte und untere Einkommensgruppen zu verbessern.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 28.12.2015 zu: Gerhard Igl, Felix Welti, Michael Eßer (Hrsg.): Alter und Beschäftigungen. Arbeitssituationen, Lebensentwürfe und soziale Sicherung der über 50-Jährigen. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2015. ISBN 978-3-643-13116-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19956.php, Datum des Zugriffs 19.07.2018.


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