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Bettina Rudolf: Internationale Freiwilligen­dienste

Cover Bettina Rudolf: Internationale Freiwilligendienste. Zwischen Tourismus und sozialer Arbeit?! : eine empirische Studie zu Selbst- und Fremdbildern von deutsch(sprachig)en Freiwilligendienstleistenden in Ghana. Universitätsverlag Potsdam (Potsdam) 2015. 131 Seiten. ISBN 978-3-86956-328-2.
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Thema

Das vorliegende Buch widmet sich dem aktuellen Thema der Internationale Freiwilligendienste (IFD), die in den letzten Jahren zugenommen haben und heute von diversen Anbietern durchgeführt werden. Diese diversen Formen staatlicher und privatwirtschaftlicher IFD distanzieren sich alle zumindest vordergründig vom Tourismus. Aufgrund dieser Feststellung wird von der Autorin anhand einer empirischen Analyse qualitativer Interviews mit Freiwilligendienstleistenden aufgezeigt, wie von ihnen der Tourismus als ANDERES konstruiert wird und wie diese Konstruktion für eine kontrastierende Selbstidentifikation genutzt wird.

Autorin

Bettina Rudolf studierte Anthropogeographie und Politikwissenschaft an der Universität Potsdam und verfügt über eigene Auslanderfahrungen. Während ihres Studiums war sie als Praktikantin im „Low Income Housing Project“ der giz (damals GTZ) in Guyana tätig.

Entstehungshintergrund

Das Buch stellt die empirische Studie dar, welche als Magisterarbeit in Anthropogeographie und Politikwissenschaft an der Universität Potsdam geschrieben wurde.

Aufbau

Das Buch ist in acht Kapitel gegliedert.

  1. Einleitend wird die Aktualität der Thematik des IFD beschrieben. Ebenfalls im ersten Kapitel findet sich eine kurze Einführung in das Untersuchungsvorhaben sowie der Aufbau der Arbeit. Darauf folgt ein Exkurs aus poststrukturalistischer Perspektive über die verwendeten Begrifflichkeiten und Schreibweisen.
  2. Im zweiten Kapitel werden die erkenntnistheoretischen Grundannahmen vorgestellt.
  3. Im dritten Kapitel wird die theoretische Grundlage in Bezug zum IFD gesetzt und darauf aufbauend die analyseleitenden Forschungsfragen dargestellt.
  4. Im Kapitel vier wird die methodische Konzeption der empirischen Untersuchung diskutiert.
  5. Das Kapitel fünf beinhaltet eine kurze Einführung über den aktuellen Stand der Forschung zum Thema IFD sowie eine Darstellung der Freiwilligendienstlandschaft in Ghana, die als Grundlage für die Analyse der Interviews dienen.
  6. Die Ergebnisse der empirischen Untersuchung werden im Kapitel sechs entlang zentraler Differenzierungslinien präsentiert und mit Beispielzitaten illustriert.
  7. Das Kapitel sieben stellt zusammenfassend die Diskussion der Ergebnisse dar und reflektiert zudem die Brüchigkeit und diskursive Abhängigkeit der zuvor analysierten Subjektpositionen.
  8. Im letzten Kapitel folgt ein Schlusswort mit Reflexionen zum Erkenntnisgewinn der durchgeführten Untersuchung.
  9. Im Anhang findet sich ein umfangreiches Literaturverzeichnis und auf der letzten Seite werden die Einleitung und die Einstiegsfrage der Interviews dargestellt.

Inhalt

Zu Beginn des Buches wird die Aktualität des IFD anhand der gesteigerten Nachfrage sowie der Diversifizierung der Angebote, welche sowohl von staatlichen wie privatwirtschaftlichen Organisation durchgeführt werden, veranschaulicht. Als Gemeinsamkeit dieser unterschiedlichen Angebote wird die Abgrenzung zum Tourismus dargestellt. Aufbauend auf dieser These wird das Ziel der Untersuchung, herauszufinden wie Tourismus als ANDERES konstruiert wird und von den Freiwilligen als kontrastierende Selbstidentifikation genutzt wird, dargestellt.

Im zweiten Kapitel werden die Aspekte der poststrukturalistischen Diskurstheorie als erkenntnistheoretische Grundannahmen erläutert. Basierend auf dem Ansatz von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe werden anschließend die relevanten Begriffe Diskurs, Subjekt und Identität erläutert.

Im dritten Kapitel wird die theoretische Grundlage in Bezug zum IFD gesetzt, indem TouristInnen und Freiwillige basierend auf dem Ansatz von Laclau und Mouffe als Elemente des diskursiven Feldes verstanden werden, die in den jeweiligen Diskursen zur positiven Identifizierung oder Abgrenzung herangezogen werden. Einer nicht-essentialistischen Forschungsperspektive folgend stellt die Autorin dar, dass auch Orte und Räume kommunikativ hergestellt werden. Sie stellt die Bezeichnung „Entwicklungsland“ in den Zusammenhang mit Hierarchisierungs- und Abgrenzungsprozessen. Der Entwicklungsbegriff und die damit verbundene räumliche Fixierung sind auch in der Analyse des Sprechens der Freiwilligen von Bedeutung.

Darauf aufbauend wird im folgenden Unterkapitel die Untersuchungsfrage erläutert, was Freiwillige zur Selbstidentifikation auswählen, benennen und damit inkludieren resp. implizit oder explizit ausschliessen. Die Freiwilligen werden dabei als ReproduzentInnen von diskursiven Dispositionen verstanden. Diese diskursiven Subjektivierungsweisen bilden die Grundlage der Untersuchung, in dessen Fokus die Prozesse der Grenzziehung zwischen dem EIGENEM und dem ANDEREM stehen. In Zusammenhang mit der Darstellung des Erkenntnisinteresses reflektiert die Autorin zudem ihre eigene gesellschaftliche Position als Forscherin und den damit verbundenen Diskursen.

Im folgenden Kapitel vier stellt die Autorin die Herausforderungen dar, welche mit der methodischen Umsetzung der Diskursanalyse für die empirische Untersuchung verbunden sind und wie sie diese in der vorliegenden Forschungsarbeit überwunden hat. Nach der Darstellung des Samplings und der Interviewmethode reflektiert die Autorin ausführlich die Interviewsituationen. Sie identifiziert dabei unter anderem ein Spannungsverhältnis von Distanz und Nähe durch ihre eigene Position sowie den Einfluss der Vernetzung unter den Freiwilligen.

Anschliessend wird die Auswertungsmethode präsentiert, die beim Ablauf des Kodierens auf den Grundzügen der Grounded Theory beruht. Die Kodierungen werden im Gegensatz zu der Grounded Theory jedoch als Verweise auf materialisierte Diskursordnungen verstanden, womit ein diskursanalytisches Kodieren angewendet wird. Zudem reflektiert die Autorin die Herausforderungen der Darstellung der Erkenntnisse, die einerseits aus einem Abwägen zwischen der Berücksichtigung komplexer diskursiver Einflüsse inklusive Brüche und Diskontinuitäten und andererseits der Verständlichkeit und Nachvollziehbarkeit stehen.

Im folgenden Kapitel wird zuerst der aktuelle Stand der Forschung zum IFD dargestellt, um so die vorliegende Untersuchung und die Ergebnisse in einen weiteren Forschungskontext einzuordnen. Dabei wird ersichtlich, dass bis heute insbesondere im deutschsprachigen Raum das Thema wenig aufgearbeitet wurde und bisher vor allem Wirkungsanalysen durchgeführt wurden. Im anglophonen Sprachraum hingegen gibt es mehr Studien, die sich theoretisch in den allgemeinen Theorieansätzen der Themenbereiche (inländisches) Volunteering, Gap Year-Forschung oder Tourismusforschung einordnen lassen.

Anschliessend werden das staatlich geförderte weltwärts-Programm sowie privatwirtschaftliche IFD Anbieter in Ghana vorgestellt. Zu jedem Anbieter werden jeweils die Organisation und die Durchführung der Einsätze beschrieben, sowie die Identifikationsangebote für die Freiwilligen, die auf der Analyse der Selbstdarstellung der jeweiligen Organisation beruhen. Im darauffolgenden Zwischenfazit hält die Autorin fest, dass bei den privatwirtschaftlichen Organisationen die Abgrenzung zum Tourismus als zentrales Identifikationsangebot dient, während diese im weltwärts-Programm als Reaktion auf in der Öffentlichkeit geäusserte Kritik formuliert wird.

Als Ergebnisse der empirischen Untersuchung wird im Kapitel sechs als erstes das Thema der Herstellung von Zugehörigkeit und Fremdheit am Beispiel der Distanzierung vom Tourismus aufgezeigt. Die Dichotomie FREMD versus EINHEIMISCH wird von den Freiwilligen überwunden, indem sie die Abgrenzung zum Tourismus dafür nutzen, sich selbst dazwischen positionieren zu können. Diese Positionierung erfolgt über die Aspekte „erfolgreiches Ankommen“ und die Länge der Aufenthaltsdauer, die die Darstellung einer Integration in die ghanaischen Gesellschaft unterstützen in Abgrenzung zu den als oberflächlich und passiv präsentierten TouristInnen.

Die Auseinandersetzung mit der eigenen Legitimation ist ein weiteres relevantes Themenfeld und steht in Zusammenhang mit der Frage nach dem Sinn des Einsatzes. Zusammengefasst wird festgehalten, dass sich die Subjektpositionierung der befragten Freiwilligen zwischen dem Ideal der qualifizierten „EntwicklungshelferInnen“ und den als unsensibel und desinteressiert geltenden TouristInnen verorten lässt (S. 62).

Als drittes Ergebnis wird das Thema der Destination als räumlicher Identitätsanker präsentiert. Dabei wird von den Befragten ein unscharf umrissenes Bild von Ghana resp. von Afrika skizziert, das vor allem dazu dient, Afrika als antagonistische Differenz zu der eigenen westlichen Welt zu inszenieren. Diese räumliche Differenzierung dient dazu, die eigenen Subjektivierungsstrategien in Abgrenzung zum Tourismus zu stabilisieren.

Als letztes Thema wird das Verhältnis von „geben“ und „nehmen“ in Form eines Exkurses diskutiert, da es sich dabei um ein Thema handelt, das sich wie ein roter Faden durch die gesamten Interviews zieht. Es wird aufgezeigt, dass der IFD als Balanceakt zwischen Engagement (geben) und Eigennutz (nehmen) inszeniert wird. Diese Darstellung der eigenen Zwischenposition dient wiederum als Abgrenzung gegenüber dem nur als eigennützig dargestellten Tourismus.

Im folgenden Kapitel sieben wird die Positionierung der Freiwilligendienstleistenden zusammenfassend einem Feld bestehend aus dem Dreieck der ghanaischen Bevölkerung, EntwicklungshelferInnen und TouristInnen dargestellt, durch das identitätsstiftende und identitätsgefährdende Unterscheidungen verlaufen. In den Subjektpositionierungen sind zugleich Brüchigkeit und diskursive Abhängigkeit zu finden, die an dieser Stelle anhand der paradoxen Zuschreibung von Fremdheit aufgezeigt werden. Die Relevanz der diskursiven Abhängigkeit von den Identifikationsangeboten der Entsendeorganisationen wird besonders deutlich in Bezug auf die Abgrenzung zum Tourismus resp. der Entwicklungshilfe.

Die Breite der Untersuchung in Bezug auf das grosse Spektrum von IFD-Programmen, wird im letzten Kapitel von der Autorin als Bereicherung wie auch als Belastung beschrieben. Die vorliegende Forschungsarbeit will deshalb als Anregung für eine fortführende Untersuchung verstanden werden, die bspw. eine nähere Betrachtung der Identifikationsangebote einzelner Trägerorganisationen im Fokus hat und auch die angebotenen Begleitseminare genauer untersucht.

Diskussion

Die Autorin analysiert anhand der Abgrenzung vom Tourismus die Subjektpositionierung von Freiwilligendienstleistenden verschiedener Organisationen in Ghana. Dabei wird dem Einfluss der Diskurse der Entsendeorganisationen ebenso Rechnung getragen wie den räumlichen Zuschreibungen aus postkolonialer Perspektive. Die Autorin reflektiert zudem auch ihre eigene Position als Forscherin im Zusammenhang mit der methodischen Vorgehensweise und setzt damit die Analyse von Konstruktion und Dekonstruktion von Sinnzuschreibungen und Diskursen konsequent um.

Lediglich der Titel des Buches irritiert mit dem Bezug zur sozialen Arbeit, die in der vorliegenden Studie nicht thematisiert wird. Die Positionierung findet viel mehr zwischen Tourismus und „Entwicklungshilfe“ nebst anderen identitätsstiftenden und identitätsgefährdenden Unterscheidungen statt.

Fazit

Das vorliegende Buch stellt eine empirische Analyse der Subjektpositionierung von Freiwilligendienstleistenden im spezifischen Kontext von Ghana dar. Berücksichtigt werden dabei Teilnehmende von staatlichen wie privatwirtschaftlichen Programmen und es wird der Einfluss der Diskurse dieser unterschiedlichen Entsendeorganisationen aufgezeigt. Aus einer postkolonialen Perspektive werden zudem auch die räumlichen Zuschreibungen in Zusammenhang mit Ghana als „Entwicklungsland“ analysiert, welche die Subjektivierungsstrategien in Abgrenzung zum Tourismus stabilisieren. Die Distanzierung vom Tourismus dient den Freiwilligen dazu, ihren Auslandeinsatz zu legitimieren und Zugehörigkeit zu konstruieren. Die Untersuchung liefert deshalb eine interessante Grundlage für die Weiterentwicklung internationaler Freiwilligendienste.


Rezensentin
Eveline Ammann Dula
Homepage www.soziale-arbeit.bfh.ch
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Zitiervorschlag
Eveline Ammann Dula. Rezension vom 26.01.2016 zu: Bettina Rudolf: Internationale Freiwilligendienste. Zwischen Tourismus und sozialer Arbeit?! : eine empirische Studie zu Selbst- und Fremdbildern von deutsch(sprachig)en Freiwilligendienstleistenden in Ghana. Universitätsverlag Potsdam (Potsdam) 2015. ISBN 978-3-86956-328-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19960.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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