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Catrin Siedenbiedel, Caroline Theurer (Hrsg.): Grundlagen inklusiver Bildung. Teil 1

Cover Catrin Siedenbiedel, Caroline Theurer (Hrsg.): Grundlagen inklusiver Bildung. Teil 1. Inklusive Unterrichtspraxis und -entwicklung. Prolog-Verlag (Immenhausen) 2015. 297 Seiten. ISBN 978-3-934575-81-3. D: 29,80 EUR, A: 30,70 EUR, CH: 40,90 sFr.
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Thema

Der in zwei zusammengehörenden Bänden vorliegende Reader versammelt Grundlagen inklusiver Bildung auf Basis der Diskussionsstände in Theorie, Forschung und Praxis. Dabei kommen Gelingensbedingungen und notwendige Voraussetzungen inklusiver Bildung in umfassender Weise zur Sprache.

Herausgeberinnen

  • Catrin Siedenbiedel ist pädagogische Mitarbeiterin im Fachgebiet Schulpädagogik mit dem Schwerpunkt Oberstufe.
  • Caroline Theurer arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachgebiet Empirische Schul- und Unterrichtsforschung am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Kassel.

Entstehungshintergrund

Die beiden Bände sind auf Grundlage der Ausgabe 10/2014 der Online-Zeitschrift Schulpädagogik-heute (www.schulpaedagogik-heute.de) entstanden und enthalten ausgewählte und z.T. ergänzte Beiträge.

Aufbau

Die Schwerpunkte der beiden eng aufeinander bezogenen Bände fokussieren einmal inklusive Unterrichtspraxis und -entwicklung (Teil 1) und zum anderen die Entwicklung zur inklusiven Schule und Konsequenzen für die Lehrerbildung (Teil 2, vgl. die Rezension).

Inhalt

Die vorliegenden Bände nehmen die mit inklusiven Bildungsanstrengungen verbundenen Herausforderungen für Pädagog*innen, Eltern und Schüler*innen gleichermaßen in den Blick. Der auf Unterrichtspraxis und -entwicklung fokussierte erste Band beginnt mit drei Beiträgen zu den didaktischen Grundlagen inklusiven Unterrichts.

  1. Catrin Siedenbiedel legt zu Beginn eine Bestandsaufnahme der inklusionsorientierten Entwicklungen und Debatten im deutschen Bildungssystem vor. Neben einer Differenzierung der Begriffe Integration und Inklusion geht die Autorin auf Fragen der Ressourcen und Herausforderungen für eine entsprechende inklusionsorientierte professionelle Haltung ein. Beides erlaubt Rückschlüsse auf Rahmenbedingungen für eine zu entwickelnde inklusive Didaktik.
  2. Kerstin Ziemen thematisiert die Schul- und Unterrichtskulturentwicklung in Deutschland und bemisst danach die Chancen, innere Differenzierung im Unterricht zu praktizieren und dabei eine Balance zwischen individualisierten und gemeinschaftlichen Lernprozessen zu wahren.
  3. Kersten Reich schließlich erarbeitet Merkmale einer inklusionsorientierten Schule und Unterrichtspraxis mit dem Ziel, Gerechtigkeit zu fördern und Diskriminierung zu minimieren.

Der anschließende Abschnitt des Bandes geht auf Einzelaspekte und ausgewählte Beispiele inklusiver Unterrichtspraxis ein.

  • Für Michael Schwager und Daniela Pilger ist der Begriff der Kompetenzorientierung von zentraler Bedeutung, anhand dessen sie das Verhältnis von Einzelförderung und gemeinsamen Unterricht zwischen selbsttägigem und gesteuertem Lernen ausloten. Petra Büker u.a. stellen anhand unterschiedlicher Beispiele das ‚Vielfaltstabeleau‘ als ein Fortbildungsinstrument für inklusionsorientierte Pädagog*innen vor.
  • Markus Scholz und Astrid Rank führen in die Praxis des Stationenlernens im naturwissenschaftlichen Unterricht ein.
  • Die Herausforderungen für inklusionsorientierten gemeinsamen Unterricht unter Beteiligung von Schüler*innen mit Autismus-Spektrum-Störungen thematisiert Sebastian Krause.
  • Ebenfalls naturwissenschaftlichen Unterricht unter inklusionsorientierten Bedingungen betrachten Michael Stroh zunächst fachlich und Simone Abels anschließend am Beispiel einer Lernwerkstatt.
  • Die fachunterrichtliche Perspektive der Gestaltungserfordernisse heterogenitätssensiblen Unterrichts führt David Jahr mit Blick auf Politikunterricht fort, am Beispiel der politikdidaktischen Methode ‚Dorfgründung‘.
  • Den Abschnitt beschließt Michael Gebel mit einer erziehungswissenschaftlichen Betrachtung von Inklusion als Unterrichtsgegenstand, bezogen auf die Oberstufe.

Der dritte Abschnitt dieses ersten Teilbandes befasst sich mit Forschungsergebnissen zur inklusiven Bildung.

  • Zunächst stehen pädagogische Haltungsfragen im Vordergrund: Carolin Rotter und Michael Knigge untersuchen Lehramtsstudierende und stellen erste Ergebnisse des Projekts EiLInk vor, Harry Kullmann u.a. Schulleitungen und Lehrkräfte nach ihren Einstellungen zum Thema schulische Inklusion.
  • Michael Schön und Robin Stark analysieren Experteninterviews mit Grundschullehrkräften an saarländischen Grundschulen und werten diese inhaltsanalytisch aus.
  • Differenzlinien statt zielgruppenspezifische Perspektiven verfolgen die anschließenden Beiträge von Vera Busse und Ulrike-Marie Krause mit ihrem Blick auf kulturelle Diversität, Annette Textor mit der Fokussierung des Förderschwerpunkts emotionale und soziale Entwicklung im inklusionsorientierten Unterricht sowie Agnes Pfrang und Anja Viehweger, die sich der Lehrer-Schüler-Beziehung in einer inklusionsorientierten Grundschulklasse aus der Kindperspektive widmen.

Von dem abschließenden Teilabschnitt ‚Forum zur inklusiven Bildung‘ versprechen sich die Herausgeberinnen den Einstieg in eine kontroverse Diskussion. Grundlage sind die provokatorisch bis kritischen Positionen von Ulf Algermissen zu sozial-emotionalen Herausforderungen eines inklusionsorientierten Unterrichtssettings, Ursula Böings Bemerkungen zu den Grundlagen eines inklusiven Bildungsverständnisses und Doris Ayaita, die mit gymnasialen Regelschüler*innen eine Förderschule besucht hat, um mit diesen über Exklusionserfahrungen zu reflektieren.

Diskussion

Einleitend machen die Herausgeberinnen ihr grundlegendes und umfassendes Verständnis von Inklusion deutlich, das sich auf die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung (UN-BRK) beruft. „Inklusion ist aber mehr als nur ein Begriff für die Integration von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung in eine Gruppe nichtbehinderter Kinder und Jugendlicher, sondern beschreibt vielmehr ein neues Konzept gesellschaftlicher Teilhabe aller – ohne wertende Etikettierungen“ (ebd. 5). Zentral wird damit, bezogen auf Bildungssystem und Schule, die Orientierung an organisatorischen Verhältnissen, die alle Schüler*innen im Rahmen eines Regelsystems umfassen und zwar auf Basis der anerkennenden Wahrnehmung individueller Persönlichkeiten mit all ihren unterschiedlichen Merkmalen.

Dieser Anspruch macht das Gesamtwerk anspruchsvoll und lässt es zu einem lohnenswerten Angebot in der zunehmend den Markt überschwemmenden ‚Inklusionsliteratur‘ werden. Sein Umfang (2 dicke Bände) mit einer jeweils schon den Eindruck eines Handbuchs erweckenden Bandbreite sehr unterschiedlicher Beiträge, die Theorie, Praxis und Forschung gleichermaßen umspannen, gerät ihm dabei zum Vorteil und Nachteil gleichermaßen. Bieten doch die Beiträge gerade aufgrund ihrer Vielschichtigkeit, mit ihrem Mut zur einseitigen, bisweilen etwas zufällig anmutenden Fokussierung (sie gehen auf eine Zeitschriftenausgabe zurück), die Möglichkeit, an unterschiedlichsten Stellen in die Diskussion einzusteigen. So laden die Bände sicherlich dazu ein, etwa ausgehend von den Angeboten des ‚Forums zur inklusiven Bildung‘ (Teil 1) selbst kritisch weiterzudenken, ohne dabei hinter die Standards, wie sie die Anwendung der UN-BRK proklamieren, zurückzufallen. In wohltuender Weise werden hier die Voraussetzungen, Bedingungen und Perspektiven inklusionsorientierter Schulorganisation und praktischem gemeinsamen Unterrichts diskutiert, ohne dabei systematisch in die Falle einer krampfhaften Suche nach vorgeblichen ‚Grenzen von Inklusion‘ zu tappen, die angeblich jenseits hergestellter (bildungs)politischer Rahmenbedingungen oder defizitärer bildungsphilosophischer Grundlagen existieren würden.

Fazit

insgesamt mögen die vorliegenden Bände vielleicht weniger als systematische einführende Lehrbücher betrachtet werden, denn als Einladung zur Reflexion und kritischen Diskussion des Stands der Inklusionsdebatte in Deutschland. Zu wünschen gewesen wäre ihnen möglicherweise eine grundlegendere einleitende theoretische Fundierung der verdienstvollerweise durch die Herausgeberinnen aufgeworfenen inklusionstheoretischen Perspektive. Dies mag der/die Leser/in in ihrem/seinen Selbstverständnis als inklusionsorientierte/r Akteur/in in der Praxis nun selbst leisten.


Rezensent
Prof. Dr. Clemens Dannenbeck
Dipl. Soz., Hochschule für angewandte Wissenschaften Landshut
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Zitiervorschlag
Clemens Dannenbeck. Rezension vom 29.06.2016 zu: Catrin Siedenbiedel, Caroline Theurer (Hrsg.): Grundlagen inklusiver Bildung. Teil 1. Inklusive Unterrichtspraxis und -entwicklung. Prolog-Verlag (Immenhausen) 2015. ISBN 978-3-934575-81-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19967.php, Datum des Zugriffs 19.01.2019.


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