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Catrin Siedenbiedel, Caroline Theurer (Hrsg.): Grundlagen inklusiver Bildung. Teil 2

Cover Catrin Siedenbiedel, Caroline Theurer (Hrsg.): Grundlagen inklusiver Bildung. Teil 2 Entwicklung zur inklusiven Schule und Konsequenzen für die Lehrerbildung. Prolog-Verlag (Immenhausen) 2015. 371 Seiten. ISBN 978-3-934575-82-0. D: 32,80 EUR, A: 33,80 EUR, CH: 43,90 sFr.
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Thema

Der in zwei zusammengehörenden Bänden vorliegende Reader versammelt Grundlagen inklusiver Bildung auf Basis der Diskussionsstände in Theorie, Forschung und Praxis. Dabei kommen Gelingensbedingungen und notwendige Voraussetzungen inklusiver Bildung in umfassender Weise zur Sprache.

Herausgeberinnen

  • Catrin Siedenbiedel ist pädagogische Mitarbeiterin im Fachgebiet Schulpädagogik mit dem Schwerpunkt Oberstufe.
  • Caroline Theurer arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachgebiet Empirische Schul- und Unterrichtsforschung am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Kassel.

Entstehungshintergrund

Die beiden Bände sind auf Grundlage der Ausgabe 10/2014 der Online-Zeitschrift Schulpädagogik-heute (www.schulpaedagogik-heute.de) entstanden und enthalten ausgewählte und z.T. ergänzte Beiträge.

Aufbau

Die Schwerpunkte der beiden eng aufeinander bezogenen Bände fokussieren einmal inklusive Unterrichtspraxis und -entwicklung (Teil 1, vgl. die Rezension) und zum anderen die Entwicklung zur inklusiven Schule und Konsequenzen für die Lehrerbildung (Teil 2).

Inhalt

Die vorliegenden Bände nehmen die mit inklusiven Bildungsanstrengungen verbundenen Herausforderungen für Pädagog*innen, Eltern und Schüler*innen gleichermaßen in den Blick.

Der zweite Teilband des vorliegenden Werkes legt dabei den Schwerpunkt auf die unterschiedlichen an schulischen Inklusionsprozessen beteiligten Akteure. Laut den Herausgeberinnen geht es „um die Einstellungen von Lehrkräften und multiprofessionelle Teams, die Elternperspektive wird beleuchtet, der Blick auf juristische Fragen gerichtet und auf die theoretische und praktische Lehrer_innenaus- und weiterbildung“ (ebd.6).

Martina Moritz erklärt zunächst im Interview den Weg der integrierten Offenen Gesamtschule Kassel-Waldau zum Jakob-Muth-Preis. Sebastian Boller und Ramona Lau reflektieren ihre Erfahrungen im Umfeld des Oberstufenkollegs Bielefeld bezogen auf Fragen gelingender Inklusion in der Sekundarstufe II, ehe Felix Welti juristische Konsequenzen einer Inklusionsentwicklung im Bereich des Schul- und Sozialrechts verdeutlicht.

Der anschließende Teilabschnitt befasst sich mit Entwicklungen zur inklusiven Schule unter Berücksichtigung einmal der Praxis inklusiver Schulentwicklung und einmal des entsprechenden Forschungsstandes. Susanne Pietsch skizziert anhand eines Fallbeispiels inklusionsorientierter Schulentwicklung in Hessen die Kooperation mit Beratungs- und Förderzentren. Astrid Marty geht es um Autonomieverlust in der multiprofessionellen Kooperation in der inklusiven Unterrichtspraxis. Manfred Hinz fragt nach den Bedingungen von Inklusion an berufsbildenden Schulen. Ingrid Karlegger u.a. bringen am Beispiel von Südtirol eine internationale Perspektive in den vorliegenden Sammelband ein und Ursula Böing u.a. entwickeln am Beispiel der Offenen Schule Köln und der Universität zu Köln Fragestellungen hinsichtlich kooperativer Schulbegleitforschung.

Die Forschungsperspektiven eröffnen Carolin Rotter und Rebecca Schaaf mit ihrer dokumentenanalytischen Auswertung von Förderkonzepten verschiedener Schultypen. Nina Blasse u.a. untersuchen und vergleichen die Schulkulturen zweier verschieden operierender und dem eigenen Anspruch nach inklusionsorientiert arbeitender Gemeinschaftsschulen. Doris Wittek skizziert Befunde der wissenschaftlichen Begleitung der ‚Pilotphase Gemeinschaftsschule Berlin‘ mit Blick auf inklusionsinduzierte Professionalisierungsprozesse. Birgit Behrensen u.a. legen eine Sekundäranalyse zu Positionen von Grundschullehrkräften vor. Sarah Stommel u.a. analysieren die Einstellungen von Schweizer Lehrkräften zur Kooperation und Mirko und Anna Karina Krüger stellen eine Studie zu Elterneinstellungen bezogen auf inklusive Bildung vor.

Im Anschluss daran werden Konsequenzen für die Lehrerbildung diskutiert. Jennifer Swalies u.a. konzentrieren sich dabei auf die erste Phase der Lehrerbildung am Beispiel einer explorativen Studie zum Stand und Unterschieden universitärer Lehrangebote für die Regelschullehrämter. Gerhard Höhle setzt die Herausforderung, angehende Lehrkräfte während ihrer Ausbildung auf die Gestaltung inklusiver Schul- und Unterrichtsarbeit vorzubereiten anhand konkreter Planungsüberlegungen für ein pädagogisches Seminar um. Einen ähnlichen Blickwinkel verfolgt Vanessa Rumpold an der Universität Paderborn. Karsten Hartdegen zeigt Wege und Erfahrungen von Blended Learning in der Lehrerbildung zu ‚Psychisch kranken Schüler/innen‘ auf. Silke Trumpa schließlich verweist auf berufsbiografische Herausforderungen durch Gemeinsamen Unterricht in der Grundschule.

Den Blick weg von empirischen Einzelbefunden zu mehr oder weniger speziellen Teilfragestellungen im Zuge inklusiver Schule und inklusionsorientierter pädagogischer Ausbildung richtet das anschließende mit ‚Diskussion‘ überschriebene Kapitel. Hier entwirft Robert Pfützner, angeregt durch den Umgang mit der Frage kultureller Inklusion an deutschen Auslandsschulen, eine Perspektive für den Umgang mit kultureller Pluralität für deutsche Schulen im Inland. Jörg Siewert und Udo Hagedorn betrachten unterrichtliche Lernprozesse an Berufsschulen als Beitrag zum Gelingen einer inklusiven Schule und Rainer Benkmann stellt vor dem Hintergrund finnischer Erfahrungen Überlegungen an, inwieweit eine Gemeinschaftsschule herkunftsbedingte Benachteiligung ausgleichen kann.

Den Teilband beschließen Portraits dreier Schulprofile:

  1. der Gemeinschaftsschule Billerbeck (Barbara van der Wielen),
  2. der Europaschule Rheinberg (Norbert Giesen u.a.) sowie
  3. der Anne-Frank-Schule Bargteheide (Angelika Knies).

Diskussion

Einleitend machen die Herausgeberinnen ihr grundlegendes und umfassendes Verständnis von Inklusion deutlich, das sich auf die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung (UN-BRK) beruft. „Inklusion ist aber mehr als nur ein Begriff für die Integration von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung in eine Gruppe nichtbehinderter Kinder und Jugendlicher, sondern beschreibt vielmehr ein neues Konzept gesellschaftlicher Teilhabe aller – ohne wertende Etikettierungen“ (ebd. 5). Zentral wird damit, bezogen auf Bildungssystem und Schule, die Orientierung an organisatorischen Verhältnissen, die alle Schüler*innen im Rahmen eines Regelsystems umfassen und zwar auf Basis der anerkennenden Wahrnehmung individueller Persönlichkeiten mit all ihren unterschiedlichen Merkmalen.

Dieser Anspruch macht das Gesamtwerk anspruchsvoll und lässt es zu einem lohnenswerten Angebot in der zunehmend den Markt überschwemmenden ‚Inklusionsliteratur‘ werden. Sein Umfang (2 dicke Bände) mit einer jeweils schon den Eindruck eines Handbuchs erweckenden Bandbreite sehr unterschiedlicher Beiträge, die Theorie, Praxis und Forschung gleichermaßen umspannen, gerät ihm dabei zum Vorteil und Nachteil gleichermaßen. Bieten doch die Beiträge gerade aufgrund ihrer Vielschichtigkeit, mit ihrem Mut zur einseitigen, bisweilen etwas zufällig anmutenden Fokussierung (sie gehen auf eine Zeitschriftenausgabe zurück), die Möglichkeit, an unterschiedlichsten Stellen in die Diskussion einzusteigen. So laden die Bände sicherlich dazu ein, etwa ausgehend von den Angeboten des ‚Forums zur inklusiven Bildung‘ (Teil 1) selbst kritisch weiterzudenken, ohne dabei hinter die Standards, wie sie die Anwendung der UN-BRK proklamieren, zurückzufallen. In wohltuender Weise werden hier die Voraussetzungen, Bedingungen und Perspektiven inklusionsorientierter Schulorganisation und praktischem gemeinsamen Unterrichts diskutiert, ohne dabei systematisch in die Falle einer krampfhaften Suche nach vorgeblichen ‚Grenzen von Inklusion‘ zu tappen, die angeblich jenseits hergestellter (bildungs)politischer Rahmenbedingungen oder defizitärer bildungsphilosophischer Grundlagen existieren würden. Dort, wo dies doch geschehen könnte, kann man Widersprüche entdecken und fühlt sich aufgerufen, sich zu diesen zu verhalten.

So machen die Herausgeberinnen im zweiten Band einleitend darauf aufmerksam: „Einige Beiträge legen einen Inklusionsbegriff zugrunde, der eher auf die Differenzlinie Anspruch auf sonderpädagogische Förderung / kein Anspruch auf eine solche Maßnahme fokussiert, während andere Beiträge den Inklusionsbegriff weiter fassen und z.B. auch kulturelle Vielfalt und die Auswirkungen sozio-ökonomische divergenter Voraussetzungen auf den Lernerfolg von Schüler_innen mit in den Blick nehmen“ (ebd. 6).

Darin liegt ist nun bisweilen auch ein gewisses Risiko – es ist nicht immer ganz leicht, in den vorliegenden Beiträgen den von den Herausgeberinnen einleitend hochgehaltenen roten Faden stets gegenwärtig zu behalten. So mag sich manches Orientierungsbedürfnis im Dschungel der Inklusionsorientierung auch auf eine Probe gestellt sehen.

Fazit

insgesamt mögen die vorliegenden Bände vielleicht weniger als systematische einführende Lehrbücher betrachtet werden, denn als Einladung zur Reflexion und kritischen Diskussion des Stands der Inklusionsdebatte in Deutschland. Zu wünschen gewesen wäre ihnen abschließend eine kritische Gesamtschau und Bewertung der im Namen von Inklusion in den letzten Jahren erfolgten bildungspolitischen (oder gar gesellschaftspolitischen) Aktivitäten. Dies mag der/die Leser/in in ihrem/seinen Selbstverständnis als inklusionsorientierte/r Akteur/in in der Praxis nun selbst leisten.


Rezensent
Prof. Dr. Clemens Dannenbeck
Dipl. Soz., Hochschule für angewandte Wissenschaften Landshut
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Zitiervorschlag
Clemens Dannenbeck. Rezension vom 29.06.2016 zu: Catrin Siedenbiedel, Caroline Theurer (Hrsg.): Grundlagen inklusiver Bildung. Teil 2 Entwicklung zur inklusiven Schule und Konsequenzen für die Lehrerbildung. Prolog-Verlag (Immenhausen) 2015. ISBN 978-3-934575-82-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19968.php, Datum des Zugriffs 16.07.2019.


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