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Lorenz Peter Johannsen: Janusz Korczak

Cover Lorenz Peter Johannsen: Janusz Korczak. Kinderarzt. Hentrich & Hentrich Verlag (Berlin) 2015. 75 Seiten. ISBN 978-3-95565-110-7. D: 8,90 EUR, A: 9,20 EUR, CH: 17,00 sFr.
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Autor und Thema

Im „Verlag für jüdische Kultur und Zeitgeschichte“, bei Henrich & Henrich, hat der Autor Lorenz Peter Johannsen bereits mehrere „Jüdische Miniaturen“ verfasst. Dieses Format stellt in über 100 kleinen Bändchen jüdisches Leben, jüdische Kultur, seine Protagonistinnen und Protagonisten vor.

Als Mediziner und ehemaliger Leiter einer Kinderklinik interessiert der Autor sich vor allem für seine jüdischen Kolleginnen und Kollegen und ihr Schicksal. Mit dem aktuellen Bändchen widmet er sich Janusz Korczak (1878-1942), einem polnischen, jüdischen Kinderarzt, Schriftsteller und Pädagogen.

Aufbau und Inhalt

Der Erzählverlauf folgt der klassischen Biografie, beginnend mit dem ungewissen Geburtsjahr und endend mit dem ungewissen Todesdatum. Dazwischen spannt Lorenz Peter Johannsen die verschiedenen, mit gesicherten Quellen belegten Lebensstationen. Dabei volzieht er nach und nach die Wandlung vom Schriftsteller zum Pädiater und schließlich zum Selbstverständnis eines Pädagogen. Die einzelnen Kapitel sind thematisch abgeschlossen. Sein Anspruch ist es, ein erfülltes Leben nicht auf die letzten Atemzüge zu reduzieren, so leitet Johannsen seine Reflexionen ein und beruft sich auf erste Niederschriften über Korczak aus den endenden 40er Jahren.

Jede individuelle Biografie beginnt mit der kollektiven Familiengeschichte, welche in der vorliegenden Publikation – ganz im Sinne des Protagonisten – mit der Erwähnung der Großeltern und Eltern beginnt, die Atmosphäre der jüdischen Aufklärung, der Haskala, einfängt und die politische Situation des Landes skizziert. Der Weg des jungen Schülers zum Studenten und zur abgeschlossenen Medizinausbildung wird vorgestellt und leitet über zur ersten Station, für die das Kinderkrankenhaus symbolisch steht. (11-16) Viele Jahre lang hatte Korczak seinen Dienst am kranken und sterbenden Kind als praktizierender Kinderarzt geleistet. Dabei erläutert der Autor die wichtige Verflechtung von Medizin, Pädagogik und Psychologie, die als Pädiatrie ausgewiesen worden ist und mit einem gesamtheitlichen Blick diagnostiziert und geheilt hat.

Das sensible Thema der Eugenik, das sich durch Korczaks Überlegungen zieht, „soll nicht verschwiegen werden“ (20) und wird mit einer fragenden Überschrift „Und die Eugenik?“ eingeleitet. (20-21) Dem Lebensabschnitt als Kinderarzt wird ein vergleichsweise langes Kapitel gewidmet. (22-30) Hier geht der Autor wieder zurück in das Jahr 1904 zum Studenten Korczak und führt in verschiedenen Situationsskizzen detailliert die damaligen sozialen Verhältnisse der armen jüdischen Gemeinschaft aus. Diese Begegnungen führen zu Korczaks sozialkritischen Reflexionen und der Verschränkung des Schriftstellers mit dem mahnenden Sozialreformer, der früh erkannte, dass „es die sozialen Verhältnisse waren, die das Kind erst krank gemacht hatten“ (26).

Die Wirren des Russisch-Japanischen, sowie des Ersten Weltkrieges, die Auswirkungen auf den nun leitenden Verantwortlichen eines Waisenhauses werden ausgeführt. (30-32) Ein neues Kapitel beleuchtet den Schriftsteller und seinen Nachlass (32-35), bevor es überleitet zu den drei Auslandsreisen Korczaks nach Berlin (35-44), nach Paris (44-47) und nach London (48-49). Der Berliner Aufenthalt wird am ausführlichsten geschildert, was den Quellennachweisen, sicherlich aber auch dem deutsch-polnischen Verhältnis geschuldet ist.

Erneut begleitet Johannsen die Leser zurück in die Vergangenheit. Dieses Mal um den Weg vom Pädiater zum Pädagogen nachzuvollziehen. (52-55) Dabei kommt immer wieder Korczak selbst zu Wort und erklärt den Interessierten seine Motivlage. Die Rechte des Kindes haben Korczak sein Leben lang zum Reflektieren, Schreiben und Handeln veranlasst. Dies führt der Autor im vorletzten Kapitel aus (5-60), bevor er abschließend zur dunklen Zeit der vollkommenen Rechtlosigkeit aller Menschen überleitet und damit auch dem Ende vieler Leben, drunter auch dem von Henryk Goldszmit, gedenkt. (55-66)

Diskussion und Fazit

Sich Henryk Goldszmits – wie Janusz Korczak hieß – Biografie auf solch beschränktem Raum zuzuwenden, erfordert eine vorherige Abwägung. Welcher Persönlichkeitsanteil genau soll denn zur Geltung kommen? Der Schriftsteller? Der Pädagoge? Der Pädiater? Dem Autor ist es gelungen, die Vielfalt eines einzigen, so dichten wie wechselvollen Lebens in einem kleinen Büchlein zu vereinen. Der Autor vernachlässigt neben der Beschreibung der verschiedenen Rollen aber nicht, die Bühne des Lebens selbst – also das kulturelle, soziale und politische Polen dieser Jahre zu beschreiben. Nur ergänzend sei darauf hingewiesen, dass Janusz Korczak seine Ideen nicht ohne Stefania Wilczyńska, die ihn und die Kinder zeitlebens bis zum Ende begleitete, hätte verwirklichen können. In seinem Lebenswerk hat diese Frau an seiner Seite eine tragende Rolle gespielt. Nicht unerwähnt bleiben darf auch Maryna Falska, die andere treue Freundin, die beide überlebte und damit zum Erinnern der Ideen und Leben maßgeblich beigetragen hat.

Die Korczak-Neulinge erfahren auf prägnante und übersichtliche Weise alles Wissenswerte und Korczak Auszeichnende. Den versierten Korczak-Kennern wird es leichtgemacht, die notwendige Reduzierung all der Fülle an Material, Fakten, Begegnungen auf wenigen Seiten zu ertragen.

Dem Autor ist damit doch ein ziemlicher Spagat geglückt, denn keinen Adressatenkreis dürfte das Büchlein langweilen. Die einen werden informiert, die anderen erinnert. Es ist, wie übrigens auch andere Ausgaben der Jüdischen Miniaturen, eine informative und lohnenswerte Anschaffung.


Rezensentin
Agnieszka Maluga
M.Edu.
Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fachhochschule Kiel


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Zitiervorschlag
Agnieszka Maluga. Rezension vom 18.04.2016 zu: Lorenz Peter Johannsen: Janusz Korczak. Kinderarzt. Hentrich & Hentrich Verlag (Berlin) 2015. ISBN 978-3-95565-110-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19969.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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