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Michael Geiss, Veronika Magyar-Haas (Hrsg.): Zum Schweigen. Macht/Ohnmacht in Erziehung und Bildung

Cover Michael Geiss, Veronika Magyar-Haas (Hrsg.): Zum Schweigen. Macht/Ohnmacht in Erziehung und Bildung. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2015. 377 Seiten. ISBN 978-3-95832-062-8. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 53,90 sFr.
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Thema

Die Autor_innen des Bandes bedenken das Schweigen in seiner Ambivalenz und als Ausdruck von Macht- bzw. Ohnmachtbeziehungen im Bereich pädagogischen Handelns in Schule, Jugendhilfe und akademischer Erziehungswissenschaft. Zu jedem Beitrag ist ein ausführliches Literaturverzeichnis angeführt, was die Gedankenfülle noch einmal systematisch zuordnet und auch die wissenschaftliche Richtung der einzelnen Autorinnen und Autoren für Lesende nachvollziehbar macht. Gern hätte der Rezensent auch etwas über die einzelnen Autoren und Autorinnen und ihren wissenschaftlichen Hintergrund erfahren.

Herausgeber und Herausgeberin

Dr. Michael Geiss ist Oberassistent am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Zürich und forscht zum Verhältnis von Bildung und Staat.

Dr. Veronika Magyar-Haas ist Oberassistentin am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Zürich und forscht zu pädagogischen Grenzsituationen wie z.B. Scham und Beschämung.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in sechs Hauptabschnitte:

  1. Macht, Ohnmacht und Ermächtigung im Schweigen;
  2. Über Schweigen sprechen?;
  3. Verkörpertes Schweigen;
  4. Verräumlichtes Schweigen,
  5. Institutionalisiertes Schweigen;
  6. Im Reden schweigen.

Im Einzelnen gibt es folgende Beiträge:

  1. Einführung: Veronika Magyar-Haas und Michael Geiss: Zur Macht der Ambivalenz. Schweigen in Erziehung und Bildung, S. 9-27.
  2. Sönke Ahrens: Das stumme Schweigen. Welt als geteilter Bezugspunkt von Bildung und Politischem, S. 31-47.
  3. Norbert Grube: Das Schweigen der Befragten. Literarische und historische Ausflüge zu Fragen, Geständnissen und Bekenntnissen, S. 49-74.
  4. Daniel Dietschi: „Ein Männlein steht im Walde…“. Die (Selbst-)Ermächtigung und das (Ver-) Schweigen, S. 75-102.
  5. Jürgen Oelkers: Schweigen an der Odenwaldschule: Ein Essay, S. 105-126.
  6. Sabine Andresen: Das Schweigen brechen. Kindesmissbrauch – Voraussetzungen für eine persönliche, öffentliche und wissenschaftliche Aufarbeitung, S. 127-145.
  7. Catrin Heite: Zum Sprechen-Bringen. Dilemmata des Empowerment, S. 147-168.
  8. Veronika Magyar-Haas: Schweigen des Körpers? Verhältnisse von Ausgesetztheit und Wahrnehmbarkeit, S. 171-201.
  9. Oliver Schnoor und Sascha Neumann: Zwischen Stille und Stimme. Frühpädagogik als schweigsames Beobachten, S. 203-232.
  10. Karen van den Berg und Markus Rieger-Ladich: Psst! Zum hidden curriculum von Museum und Bibliothek, S. 235-258.
  11. Martin Viehhauser: Städtebauliche Gestaltung um 1900 als ‚stille‘ Form der ‚Volkserziehung‘, S. 259-281.
  12. Fabian Kessl und Friederike Lorenz: Praktiken des Schweigens in pädagogisch-institutionellen Grenzsituationen, S. 285-306.
  13. Philipp Sandermann: Momente des Nicht-Sprechens/-Schreibens als schweigende Ermöglichung und Verweigerung von Kinder- und Jugendhilfeleistungen in Antrags- und Hilfeplanverfahren, S. 307-332.
  14. Patrick Bühler: „Krankhafte Geschwätzigkeit“ und „psychogene Stummheit“. Zur Geschichte von Reden und Schweigen in der Pädagogik, S. 335-357.
  15. Michael Geiss: Vom Problem, einen Sachverhalt (erziehungswissenschaftlich) nicht bezeichnen zu können, S. 359-377.

Ad 1. Die beiden Herausgebenden sehen im Schweigen sowohl eine Herrschaftsform als auch eine Kulturtechnik; zur Herrschaft gehöre die Ohnmacht und zur Kulturtechnik auch der missbräuchliche Umgang mit eben dieser (S. 9); zudem sei für eine qualitativ-empirische Arbeit das Schweigen auch eine methodische Herausforderung. Im Schweigen könne sich Nicht-sprechen-Wollen oder Nicht-sprechen-Können/-Dürfen ausdrücken (S. 10), wobei die ambivalente und zugleich kommunikative Bedeutung von Sprechen und Schweigen deutlich werde (S. 10): „Das Sprechen löst das Schweigen auf, aber auch aus, indem nach dem mit-ge-teilten Unsagbaren das Schweigen wiederum einsetzen kann – es wird aus-gelöst“ (S. 11). Alois HahnLudwig WittgensteinPeter Burke haben sich mit der Ambivalenz des Schweigens in ihren Werken auseinandergesetzt. Burke geht als Historiker von „Respekt“, „Hochachtung“ und „Vorsicht“ als Interpretationslinien des Schweigens in der frühen Neuzeit (in Europa) aus (S. 14). Abzugrenzen sei Schweigen von Stille und Ruhe, die Zustandsbeschreibungen seien (S. 15), während es beim Schweigen um eine Handlungsbezeichnung gehe (S. 15). Stille habe dagegen z.B. in der Montessoripädagogik u.a. auch eine didaktische Funktion (S. 16). Beim Schweigen gehe es aber hingegen immer auch um eine Position. Otto Friedrich Bollnow hatte hierzu 1966 im Zusammenhang von Sprache und Erziehung geforscht (S. 17); auch Martin Buber wäre in diesem Kontext zu diskutieren. In der Schule bedeute Schweigen, so die beiden Herausgebenden, von Lehrenden und Lernenden je nach Kontext eine Macht- oder eine Ohnmachtsgebärde (S. 18). Das Phänomen Schweigen habe aber auch in anderen sozialen Kontexten, wie z.B. in der Sozialen Arbeit, Geltung (S. 19). Im Zuge der aufgedeckten Missbrauchsskandale in Schulen und in außerschulischen sozialpädagogischen und freizeitpädagogischen Einrichtungen richte sich das Schweigen neu aus. Es sei daher zwingend geboten, „über Formen der öffentlichen Sichtbarmachung von Missbrauchsfällen nachzudenken, die denen, die keine Stimme haben oder deren Stimme nicht gehört wird, eine Stimme geben wollen und ihnen auch tatsächlich gerecht werden“ (S. 21). Möglichkeiten und „Zwänge des Schweigens“ seien nur unter der gesamten Berücksichtigung sozialer, personaler und institutioneller Verhältnisse rekonstruierbar (S. 23).

Ad 2. Schweigen sei nicht einfach Abwesenheit von Sprechen, sondern könne alle möglichen kommunikativen Positionen wie Zustimmung, Ablehnung, Enthaltung, Protest usw. ausdrücken (S. 31). Bei einer Tagung 2012 in Zürich seien 14 Modi des Schweigens rekonstruiert worden! In der Kontrolle über das Schweigen manifestiere sich nach Christoph Wulf Autorität als Polizei, Bürokratie oder Medizin: „Der von ihren Entscheidungen Betroffene wird ins Schweigen und damit in die Unterlegenheit gestoßen“ (S. 32). Das Recht auf Aussageverweigerung werde so zum Politikum und zur Machtprobe (S. 33), denn: „Ausdruck von Macht kann gerade auch darin bestehen, nichts sagen zu müssen, weil die Dinge ohnehin so eingerichtet sind, wie es den eigenen Vorstellungen entspricht“ (S. 34). Beide Formen des Schweigens sind miteinander verbunden; zudem müsse über das nachgedacht werden, worüber geschwiegen wird. Das Schweigen selbst müsse also decodiert bzw. dekonstruiert werden (S. 38). Über das Schweigen, das als nicht Vernehmbares in Kommunikation eingeht, könne man nach Niklas Luhmann gar nicht sprechen, aber die Leerstelle sei trotzdem heuristisch zu verstehen (S. 38). Schweigen könne nach Luhmanns Modell von Kommunikation (Information, Mitteilung, Verstehen) als Ausdruck von etwas gelten, sodass Schweigen auf der Folie von Kommunikation zu unterscheiden sei und gleichzeitig auf die kommunikative Welt zurückverweise (S. 39): „Die Welt ist in der Kommunikation für die Kommunikation immer nur als Paradox gegeben. Der Vollzug der Kommunikation verletzt ihre Einheit“ (S. 41; Luhmann & Fuchs 1989, S. 7; auch Luhmann 1987, S. 92ff.). Vernehmbares Schweigen wird auf die sinnhaft zugängliche Welt beschränkt und vom unzugänglichen Schweigen unterschieden (S. 42). Luhmann, rekurriere, so Sönke Ahrens, in dieser Perspektive auf eine Differenzorientierung und auf ein sich permanent reproduzierendes System (S. 43).

Ad 3. Schweigen gehöre, so Norbert Grube, zur „kommunikativen Vielfalt in Befragungssituationen“ (S. 49) und könne dort auch als Widerstand gegen präsente Machtbeziehungen verstanden werden (S. 50). Grube verweist dann in seinem ersten Abschnitt auf „Expertenbefragungen“ seitens kirchlicher und staatlicher Herrschenden im Mittelalter und zieht dabei Kleider-, Städte- und Kirchenordnungen zu Rate oder auch reformatorische Visitationsberichte (S. 52). Im Fall der Inquisitionsprozesse endeten jedoch diese Befragungen für die Betroffenen meist tödlich: „Das peinliche Verhör offenbart letztlich die Machtgrenzen der Frage, die bei der ‚Wahrheitsfindung‘ der physischen Verletzung bedarf“ (S. 53). Schweigen in diesen Zusammenhängen wird von Grube als „Ausdruck von Unterlegenen“ interpretiert, „denen die Sprechfähigkeit angesichts des Unsagbaren abgeht, wird ergänzt durch Schweigen als Taktik der Unterlegenen unter den Bedingungen des Totalitarismus, selbst wenn es nur ein letzter, teils schamhafter Ausweg aus der Bedrohung und dem politischen Druck sei…“ (S. 54). Schweigen als Mittel der Ohnmächtigen, als Form der Abwehr, kreiere zugleich ein Geheimnis, das sich dem Zugriff der Mächtigen entziehe und selbst so etwas wie Macht simuliere (S. 55). Der Autor macht im 20. Jahrhundert solche Machtstabilisierungsprozesse aus und demonstriert das in Umfragen des Allensbacher Instituts zur Demoskopie (S. 58ff), aber auch dort lässt sich das Schweigen der Befragten, immer wieder auch als Mehrheit in der Bevölkerung, lokalisieren.

Ad 4. Am Beispiel des Liedes „Ein Männlein steht im Walde…“ macht Daniel Dietschi auf die kommunikative Differenz bzw. Komplementarität des Schweigens aufmerksam (S. 76) und gleichzeitig auf Macht- und Ohnmachtsverhältnisse. In Bezug auf Macht nimmt Dietschi die Definition Max Webers auf: „Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht“ (S. 79; Weber 1980, S. 28). Das Ziel von Machtausübung bestehe in der Willensdurchsetzung, kommen aber Gehorsamsverhältnisse hinzu, gehe es um Herrschaft, die aber „nur Befehlsgewalt besitzt, wenn sie legitimiert ist“ (S. 80; vgl. Schleiermacher 2000). Dietschi fasst zusammen: „Macht besitzt also derjenige, der seinen Willen durchsetzen kann und innerhalb dieses Willensvollzugs alle dazu nötigen und verfügbaren Mittel einsetzt“ (S. 81). Webers Machtdefinition lasse sich nach Dietschis Überzeugung auch auf kommunikative Formen wie das Schweigen übertragen: „Die Anderen in Unkenntnis über Umstände und Absichten zu belassen kann der eigenen Willensdurchsetzung durchaus förderlich sein“ (S. 81). Hannah Arendt setze, so Dietschi, mit ihrer eigenen Definition von Macht in ihrem Buch „Vita activa“ (vgl. Arendt 2008) einen Kontrapunkt zu Max Webers Definition (S. 83), in der sie die Mandatierung der Macht einzeichne. Das Schweigen bewege sich nach der Arendt´schen Definition außerhalb der mandatierten Macht (S. 84). Eine dritte Macht-Definition wird über die Vorstellungen Michel Foucaults (vgl. Foucault 1978) eingebracht (S. 85). Hier herrsche das Interesse an Subjektivierung bzw. Subjekt-Hervorbringung bzw. Subjekt-Unterwerfung vor: „Macht zeigt sich als janusköpfiges Gebilde: In der Selbst-Ermächtigung ist sie Freiheitspraxis, als Bemächtigung seiner selbst erfordert sie die Führung und Lenkung des eigenen Verhaltens, Denkens, Fühlens, Sprechens…“ (S. 86). Macht werde letztlich in allen drei Definitionen als aktiver Prozess gesehen, der mit einem „sich durchsetzenden Handeln in Verbindung gebracht wird“ (S.88). Einen völligen Gegensatz zu den westlichen Definitionen von Macht sehe der Taoismus (vgl. Laotse 2014), der das Absolute nur im Schweigen ergreifen könne (S. 89). Zum Schweigen gehören gerade die Anspruchs- und Begierdelosigkeit (S. 89) und der Abstand zur Welt (S. 89). Macht wird in diesem Kontext dann so charakterisiert: „Der Mensch gewinnt durch Selbstüberwindung Macht über sich und seine Konstitution; durch Erkennen und Befolgen des Tao greift er zur Selbstermächtigung; er lässt sich nicht von der Welt korrumpieren…“ (S. 90). Schweigen könne diese Haltung der Nichtkorrumpierbarkeit ausdrücken; gleichzeitig könne Schweigen als wortlose Unterbrechung der Kommunikation angesehen werden (S. 93), demnach wäre Schweigen so etwas wie der Verzicht auf Machtausübung (S. 94). Schweigen kann auch erzwungen sein, dann geht es im Diskurs natürlich um das „erzwungene Schweigen der Beherrschten“ – als Macht des verschweigenden Handelns kommt sie dann wieder zum Vorschein (S. 99).

Ad 5. Jürgen Oelkers beschäftigt sich in seinem Essay mit den Missbrauchsverbrechen an der Odenwaldschule und dem damit verbundenen Schweigen der Täter und der Opfer (S. 105). Vor allem die Opfer der sexualisierten Gewalthandlungen an der hessischen Odenwaldschule wurden zum Schweigen gebracht, denn Schule und Familien hätten gemeinsame Sache gegen die Opfer gemacht. Oelkers stellt ein System, fast schon ein Kartell des Schweigens fest, das allein die Opfer seit 2010 durchbrochen hätten (S. 106). Mindestens 5 Lehrkräfte bis in die Schulleitung hinein sind Täter geworden und haben Minderjährige und Schutzbefohlene sexuell missbraucht und ausgebeutet (S. 107). Oelkers kritisiert das pädagogische und auch ästhetische Konzept der Odenwaldschule als äußere Fassade – eine bittere, aber aus dem Kontext zutreffende Einschätzung der Odenwaldschule. Es gibt wohl auch Opfer, die den Missbrauch nicht überlebt haben, weil sie im Kartell des Schweigens Suizid begangen haben (S. 109). Die Recherche von Jürgen Oelkers liest sich erschütternd; viele Opfer wurden nach dem Besuch der Odenwaldschule körperlich und/oder psychisch krank und die Erkrankungen waren oft begleitet von Drogen- und/oder Alkoholkonsum (S. 120ff).

Ad 6. Inhaltlich schließt sich der Aufsatz von Sabine Andresen an den von Jürgen Oelkers an; ebenso wie er thematisiert sie die sexuellen Übergriffe und Missbräuche an Kindern und Jugendlichen und sie stellt die These auf: „Sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche ist ein Teil der Geschichte von Kindheit und Jugend bis in die Gegenwart und zugleich eines der großen Tabus“ (S.127). Andresen geht es nicht um die Schweigemauer von Tätern und Opfern, sondern um das Sprechen der Opfer (S. 129). Die Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und Gewalterfahrung müsse zuerst einmal angestoßen werden, ohne dass die Opfer ein zweites Mal traumatisiert würden. Andresen bezieht sich dabei auf das Konzept des „International Center for Transitional Justice“ in New York unter dem Namen „Wahrheit und Erinnerung“ (truth and memory) (S. 129). Betroffene, die zum Reden bereit sind, benötigen einen sicheren gesellschaftlichen Rahmen, in dem Wahrheiten ausgesprochen und angehört werden können. Dann sollte in einem zweiten Schritt das Wissen der Opfer gesammelt, bewertet und veröffentlicht werden (S. 131), dabei sei allerdings dann auch die Verantwortungsfrage zu stellen. Ein wichtiger Schritt der Öffentlichkeit sei zudem, das Geschehene wahrzunehmen und auch in seiner Faktizität anzuerkennen, sodass auch rituell erinnert werden kann. Betroffene berichteten über die Macht des Schweigens nach erlittener sexualisierter Gewalt; wenn dann die Gewalterfahrung zur Sprache gebracht werde, sei dies in aller Regel mit heftigen körperlichen Empfindungen und Erinnerungen verbunden. Das Erzählen selbst rufe schmerzhafte Erinnerungen bei den Missbrauchsopfern hervor (S. 137). Das bedeutet: „… bezogen auf sexuelle Gewalt hat man es mit einer mehrschichtigen Aufarbeitung zu tun, bei der sich insbesondere die Frage stellt, wie Verantwortung für Aufarbeitung und aktives Erinnern aussehen kann“ (S. 139). Aleida Assmann hat hierfür Modelle des Erinnerns entwickelt, die alle einen ethischen Fokus haben (S. 139f). Wenn von sexueller Gewalt Betroffene sprechen, müssen Räume für das Erzählen bereitgestellt werden und die Bereitschaft, zu reden, sei zu würdigen, denn diese sei ebenfalls ein freiwilliger Akt (S. 143).

Ad 7. Catrin Heite thematisiert in ihrem Beitrag das Dilemma eines Empowermentansatzes, wenn es um die Aufdeckung verschiedener Formen von Gewalt, Diskriminierung, Entrechtung und Geringschätzung geht (S. 147) – ambivalent seien in diesem Zusammenhang sowohl das Sprechen-für aber auch Selber-Sprechen (S. 148) – gleichermaßen bekomme das Schweigen im jeweiligen Kontext eine neue Bedeutung und, „wie es zum Durchbrechen des Schweigens kommt und inwiefern dies als Empowerment gelesen werden kann“ (S. 149). Empowerment wäre in diesem Kontext „Transformation of Silence into Language and Action“ (S. 149). Gewalt manifestiere sich darin, zum Schweigen zu bringen, indem der Sprechende ausgelöscht werde (S. 150). Die Autorin macht das am Beispiel von Malala Yousafzai deutlich, der als Schulkind von den Taliban in den Kopf geschossen wurde und die das Attentat überlebt hat und nun weltweit das Schweigen der Mädchen bricht und für das Recht auf Bildung für Kinder und Frauen eintritt. Das Recht auf Bildung für jedes Kind zu fordern, sei Ausweis der Empowermenterfahrung (S. 153) und eines Prozesses der Selbst-Bemächtigung, was die Partizipations- und Handlungsmöglichkeiten enorm erweitere (S. 154). Bildung, verbunden mit dem Empowermentansatz, bedeute „Leben, das von der Welt etwas will“ (Horkheimer 1985, S. 415; S. 164).

Ad 8. Veronika Magyar-Haas geht in ihrem Beitrag von der These aus, dass der Körper non-verbale Formen des Schweigens als Schweigen des Körpers auszudrücken vermag (S. 171), was sie am Beispiel literarischer Texte verdeutlicht. Besonders das Gefühl der Scham wird hierbei fokussiert (S. 174), was sich im beredten Schweigen des Körpers manifestiere (S. 177). Durch Erröten, Erbleichen, Weinen übernehme der Körper kommunikative Funktionen und bringe das basale Gefühl der Verletzung bzw. des Verletztseins zum Ausdruck, was dann so etwas wie sprechendes Schweigen wäre (S. 179). Das verhüllende Schweigen des Körpers signalisiere dann darüber hinausgehend so etwas wie Resignation (S. 197).

Ad 9. Wie sieht es mit dem Schweigen oder der Schweigefähigkeit von Kindern aus (S. 203f)? Die beiden Autoren nehmen in ihrem Feld der Frühpädagogik auf Maria Montessoris Beobachtungen Bezug (S. 205), was diese als „Polarisation der Aufmerksamkeit“ (S. 206) beschrieben und dann näher als „sensible Phasen“ der Entwicklung des Kindes charakterisiert hatte: „Schweigen ist im frühpädagogischen Zusammenhang demnach nicht zuerst Verschweigen von etwas, das sich auch unmittelbar aussprechen ließe, sondern ein gespanntes Zuhören, als Erwartung eines Sprechers oder als Voraussetzung einer Versprachlichung bzw. Übersetzung“ (S. 207). Montessori-Interpret_innen haben zwischen diesen Formen kindlicher Aufnahmebereitschaft und „meditativen und klösterlichen Schweigeformen“ einen Zusammenhang hergestellt (S. 208). Am Beispiel der luxemburgischen Kinderbetreuungseinrichtung Maisons Relais (S. 214) fragen die Autoren Oliver Schnoor und Sascha Neumann dann nach der möglichen Partizipation der Kinder als Mitbestimmung oder auch Selbstbestimmung, also unter der Metapher „Stimme“. Hierbei ist natürlich ein Konfliktgeschehen zwischen der pädagogischen Stimme des Erziehenden und der Stimme der Kinder im Zentrum der Betrachtung: „Die angedeuteten, von uns ethnografisch erschlossenen Praktiken vollziehen sich meist alles andere als schweigend. Das ruhige Beobachten und Zuhören erscheint eher als eine Provinz innerhalb des Betreuungsalltags, der aus der Perspektive der Fachkräfte gerade von vielfältigen Notwendigkeiten geprägt ist, sprachlich zu agieren“ (S. 217). Problematisiert werden also die Ordnungen des Sprechens und Schweigens in der Frühpädagogik, dem Kind eine Stimme zu geben und gleichzeitig das Schweigen im Sinn Maria Montessoris zu behalten (S. 223).

Ad 10. Das „verborgene“ Curriculum und das „Schweigen“ in Bildungseinrichtungen wie Museum und Bibliothek stehen im Fokus des Aufsatzes von Karen van den Berg und Markus Rieger-Ladich (S. 235). Das Schweigegebot im Museum bzw. der Bibliothek galt lange als strikte Voraussetzung intentionaler und systematischer Lehr- und Lernprozesse. Walter Benjamin (1977, S. 38) hat deswegen das Museum auch als „autoritäre Einrichtung“ kritisiert (S. 236). Diese Kritik Benjamins wird von Autorin und Autor übernommen und als folgende These reformuliert: „Wenn Institutionen einen Schweigecode praktizieren, ist dies keine neutrale Praxis, sondern eine, die Machtbeziehungen erzeugt, bestimmte Subjekttypen voraussetzt und herstellt sowie Ein- und Ausschlüsse produziert“ (S. 236). Das Schweigen in diesen Bildungseinrichtungen kennzeichne eine bestimmte Form der Sozialität (S. 237) und lasse sich mit dem Schweigen aus Ehrfurcht in monotheistischen Religionsgemeinschaften vergleichen (S. 238). Neben dem ehrfürchtigen Schweigen existiere das kontemplative Schweigen, „das schon in der philosophischen Tradition als reflexiver ‚Grund von Sprache‘ galt“ (S. 238). Bücher und Museumsgegenstände werden als „quasireligiöse Objekte“ wahrgenommen: „Sie verwandeln sich von bloßen Speichermedien zu Kultgegenständen und werden in den Klöstern als ‚gottesdienstähnliche Geräte‘“.

Ad 11. Martin Viehhauser beschäftigt sich in seinem Beitrag mit der Frage des Schulbaus und wie die Architektur in Schulgebäuden mitunterrichtet (S. 259). Architektur könne in diesem Zusammenhang auch eine Art subtiler Machtentfaltung darstellen (S. 260): Architektur und Ästhetik können aber auch Werte vermitteln (S. 263). Ziel des Aufsatzes ist, das Subjekt wieder in den Vordergrund zu rücken, was auch für Städteplanung und vor allem auch für den Schulbau gelte (S. 275): „Die massenkommunikative Vermittlung gesellschaftlicher Werte im Rahmen der ästhetischen Anordnung städtischer Räume zielt nicht auf die Erfassung moralischer Botschaften durch den Verstand ab. Vielmehr betrifft das Register dieser moralerzieherischen Strategie das unmittelbare Gefühl, das in der Raumwirkung der einzelnen Person als Teil eines größeren gesellschaftlichen Ganzen zum Tragen kommt“ (S. 277).

Ad 12. Fabian Kessl und Friederike Lorenz verweisen in ihrem Aufsatz auf die „Relevanz von Schweigepraktiken in pädagogischen Kontexten“ als Mit-Wissen (S. 285); dem Autor und der Autorin geht es um „institutionelle Schweigepraktiken“ (S. 286), das als Tun bzw. Handlung charakterisiert wird. Sie nehmen dabei die aufgedeckten sexuellen Missbräuche in den letzten Jahren ins Visier: „Die Leidenserfahrungen von Schüler/innen in Internatsschulen, Nutzer/innen sozialpädagogischer oder freizeitpädagogischer Angebote und von Mitgliedern der Jugendverbände sind seit vielen Jahren von einem öffentlichen, fachpolitischen und fachwissenschaftlichen Schweigen umgeben, das es schwierig gemacht hat und noch immer macht, über sie zu sprechen“ (S. 288). Kessl und Lorenz fragen sich dabei, inwieweit der institutionelle und personale Schweigepanzer letztlich nicht eine Legitimationsstrategie institutioneller Herrschaftsverhältnisse darstelle (S. 291). An zwei Beispielen wird erläutert, dass diese Schweigepraxen im jeweiligen institutionellen Kontext hervorgebracht wurden. Die institutionell vorherrschende Drinnen-Draußen-Unterscheidung verführe dazu, alles, was von draußen kommt, als gefährlich und bedrohlich darzustellen: „Dieses Verschweigen geschieht, weil Spielräume für eigene professionelle Entscheidungen und Handlungen in dem gegebenen Setting der Geschlossenheit nicht gesehen werden“ (S. 298). Die Unterscheidung von Insassen und Aufsichtspersonen verführe zudem dazu, Heimgruppen zu homogenisieren und so auch ein Stück weit zu stigmatisieren (S. 301).

Ad 13. Im Interesse des Beitrags von Philipp Sandermann steht das Schweigen im Jugendamt (S. 307) bei der Zulassung bzw. vor allem bei der Verweigerung von Kinder- und Jugendhilfeleistungen. Untersucht werden dabei Momente des Schweigens bzw. der Nicht-Mitteilung innerhalb routinierter kommunikativer Abläufe im Hilfeplanverfahren (S. 309). Wichtig, so Sandermann, sei, sich die Rolle von Jugendämtern in der deutschen Kinder- und Jugendhilfe klar zu machen (S. 312ff). In diesem Zusammenhang ist „die individuelle Gewährleistung von Kinder- und Jugendhilfe“ im Rahmen rechtsstaatlicher Routinen (S. 310) besonders hervorzuheben, woraus sich die Handlungsspielräume und Entscheidungsmöglichkeiten für die Fachkräfte in Jugendämtern ergeben (S. 317). Die Frage, die sich hieraus ergibt, lautet: Was sind die tatsächlichen Kriterien der Fachkräfte, den eigenen Ermessensspielraum auch wirklich auszuschöpfen? Der Autor beschreibt in der Kategorie der Schweigepraxen in Antrags- und Hilfeplanverfahren das Schweigen als „funktional leistungsverweigerndes Schweigen“ (S. 323) und greift dabei auf einen Datenpool des „Berliner Rechtshilfefonds Jugendhilfe e.V.“ zurück und kommt zum Schluss: „Schweigen ist hier mindestens im Sinne von Nichtthematisierung gesetzesmäßig relevanter Verfahrensrechte von antragstellenden Bürger/innen anzunehmen“ (S. 324).

Ad 14. und 15. Patrick Bühler beschäftigt sich mit der Tradition des intentionalen Schweigens in der Pädagogik und führt als Beispiel die Schweigespiele Maria Montessoris an (S. 336) und arbeitet so die Paradoxien von reden/schweigen in den klösterlichen Traditionen des Christentums und des Buddhismus heraus (S. 339). Davon abzuheben seien die Formen „krankhafter Geschwätzigkeit“ und „psychogener Stummheit“ (S. 340ff). Michael Geiss macht im Schlussaufsatz des Bandes auf das Problem des Schweigens in erziehungswissenschaftlich-akademischen Diskursen aufmerksam (S. 359) und stellt die Frage, ob das Schweigen überhaupt Gegenstand erziehungswissenschaftlicher Sprache(n) sei (S. 362). Im Kontext dieser Überlegungen wird das Problem moderner Pädagogik deutlich – ihr seien, so Michael Geiss, die Gegenstände abhandengekommen (S. 371) als Beitrag „pädagogischer Weltvernichtung“ (S. 372).

Diskussion

Die Vielfalt der Beiträge zum Thema Schweigen in pädagogischen Arbeitsfeldern erstaunt und erschüttert zugleich, wenn Schweigen als Instrument der Machtausübung von Lehrenden, Erziehenden missbraucht wird, um auf der anderen Seite Ohnmachtserfahrungen oder Verbrechen vertuschen zu wollen oder gar Subjekte zum Schweigen zu bringen. Vor allem die Beiträge zu sexualisierten Gewalterfahrungen in pädagogischen Einrichtungen geben zu denken – hier sollte die akademische Zunft der Erziehungswissenschaftler_innen sich endlich des Themas breit annehmen und nicht durch ihr Schweigen sich zum Komplizen oben beschriebener Machtausübung bzw. Machtmissbrauch machen.

Fazit

Pädagogisch Interessierten, Studierenden und auch Lehrenden in den Lehramtsstudiengängen oder anderen pädagogischen Disziplinen ist dieses Buch sehr ans Herz zu legen und zu wünschen ist ihm eine breite Rezeption und Diskussion.

Literaturverzeichnis

  • Arendt, Hannah (2008): Vita activa oder vom tätigen Leben. München: Piper.
  • Assmann, Aleida (2011): Von kollektiver Gewalt zu gemeinsamer Zukunft. Vier Modelle für den Umgang mit traumatischer Vergangenheit. In: Assmann, Wolfgang R. & Graf von Kalnein, Albrecht [Hg.]: Erinnerung und Gesellschaft. Formen der Aufarbeitung von Diktaturen in Europa. Berlin: Metropol, S. 25-42.
  • Assmann, Wolfgang R.; Graf von Kalnein, Albrecht. [Hg.] (2011): Erinnerung und Gesellschaft. Formen der Aufarbeitung von Diktaturen in Europa. Berlin: Metropol.
  • Benjamin, Walter (1977): Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
  • Foucault, Michel (1978): Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit. Berlin: Merve.
  • Horkheimer, Max (1952/1985): Begriff der Bildung. In: Schmidt, Alfred und Schmid Noerr, Gunzelin [Hg.]: Max Horkheimer. Gesammelte Schriften. Frankfurt a. M.: Fischer (8), S. 409-419.
  • Laotse (2014): Tao te king. Aus dem Chinesischen von Richard Wilhelm. Frankfurt a. M.: Fischer.
  • Luhmann, Niklas (1987): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
  • Luhmann, Niklas; Fuchs, Peter (1989): Reden und Schweigen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
  • Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst (2000): Versuch einer Theorie des geselligen Betragens, in: Texte zur Pädagogik. Kommentierte Studienausgabe in zwei Bänden, Band 1,. Unter Mitarbeit von hg. von Brachmann, Jens; Winkler, Michael 2 Bände. Frankfurt a. M.: Suhrkamp (1, S. 15-35).
  • Schmidt, Alfred; Schmid Noerr, Gunzelin (Hg.) (1952/1985): Max Horkheimer. Gesammelte Schriften. Frankfurt a. M.: Fischer (8).
  • Weber, Max (1922/1980): Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. Tübingen: Mohr.
  • Wulf, Christoph (1992): Präsenz des Schweigens. In: Wulf, Christoph; Kamper, Dietmar [Hg.]: Schweigen. Unterbrechung und Grenze der menschlichen Wirklichkeit. Berlin: Dietrich Reimer, S. 7-16.
  • Wulf, Christoph; Kamper, Dietmar [Hg.] (1992): Schweigen. Unterbrechung und Grenze der menschlichen Wirklichkeit. Berlin: Dietrich Reimer.

Rezensent
Prof. Dr. Wilhelm Schwendemann
Professor für Evangelische Theologie und Didaktik an der Evangelischen Hochschule Freiburg im Fachbereich II (Theologische Bildungs- und Diakoniewissenschaft)
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Zitiervorschlag
Wilhelm Schwendemann. Rezension vom 06.03.2017 zu: Michael Geiss, Veronika Magyar-Haas (Hrsg.): Zum Schweigen. Macht/Ohnmacht in Erziehung und Bildung. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2015. ISBN 978-3-95832-062-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19976.php, Datum des Zugriffs 25.11.2017.


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