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Andreas Braun: Campus Shootings

Cover Andreas Braun: Campus Shootings. Amok an Universitäten als nicht-intendierte Nebenfolge der Hochschulreform. transcript (Bielefeld) 2015. 405 Seiten. ISBN 978-3-8376-3130-2. D: 34,99 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Amoktaten als Produkt von zivilisierten und ökonomisierten Gesellschaften?

Die Fragen nach den Gründen und Ursachen von Amoktaten in den unterschiedlichen individuellen und gesellschaftlichen Zusammenhängen werden spätestens seit den spektakulären und verheerenden Amokläufen in den USA und in Europa gestellt. Die wissenschaftlichen Analysen und Erklärungsversuche orientieren sich dabei vornehmlich an den Amokläufen in Schulen und fokussieren psychologische (Ines Geipel, Der Amok-Komplex oder die Schule des Tötens, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13427.php), psychoanalytische (Markus Brunner / Jan Lohl, Hrsg,: Normalungetüme. School Shootings aus psychoanalytisch-sozialpsychologischer Perspektive, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/15543.php) und gesellschaftspolitische Aspekte (Robert Brumme, School Shootings. Soziologische Analysen, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10717.php), um nur einige der zahlreichen, beim Internet-Rezensionsdienst socialnet.de besprochenen Veröffentlichungen zu nennen. Es sind Versuche, Unvorstellbares, Unvorhersehbares und Tragisches erklären zu wollen und nach Gründen und Ursachen zu suchen. Dass dabei die wissenschaftlichen Ergründungen sowohl fachimmanent, als auch interdisziplinär angelegt werden müssen, diese Erkenntnis hat sich erst im Laufe der jahrelangen Forschungen und Fragestellungen durchgesetzt, und sie gelten heute als allgemein akzeptiert und gesichert. Eine eindeutige, konsequente und nicht relativierbare Betrachtung von Amoktaten ist notwendig. Während ich die Rezension über das Buch „Amok an Universitäten…“schreibe, kommen im Fernsehen und über den Ticker die Eilmeldungen über einen gewaltsamen, bewaffneten Überfall auf ein Sozialzentrum in der Stadt San Bernardino in Kalifornien, mit den unbestätigten Vermutungen, ob es sich dabei um ein Attentat, um einen Terroranschlag oder um einen Amoklauf handelt. Es ist gleichsam ein Symptom für die Unsicherheit und Unübersichtlichkeit darüber, wie Gewalttaten in öffentlichen Räumen eingeschätzt werden (Ralf Junkerjürgen / Isabella von Treskow / Manfred Weinberg, Hrsg., Amok und Schulmassaker. Kultur- und medienwissenschaftliche Annäherungen, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/18958.php).

Entstehungshintergrund und Autor

In der Wochenzeitung DIE ZEIT, Nr. 49 vom 3. 12. 2015 wird empfohlen, sich angesichts der unsicheren Weltlage und der Gefahr, dass die Menschen Hier und Heute sich leichtfertig der Gefahr aussetzen, die Welt selbst aus den Angeln zu heben, sich auf die Kantische Prämisse zu besinnen: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ und alles dafür zu tun, dass die Menschen die Zuversicht, den Mut und die Aktivität gewinnen, dass eine bessere, gerechtere und friedlichere (Eine) Welt möglich ist. Da scheint es eher eine Randgeschichte zu sein, wenn ein Autor ein Forschungsergebnis vorlegt, das sich mit „Amok an Universitäten als nicht-intendierte Nebenfolge der Hochschulreform“ beschäftigt.

Der an der RWTH Aachen University tätige Soziologe und wissenschaftliche Mitarbeiter Andreas Braun hat im Mai 2014 mit dieser Fragestellung und Zuordnung seine Dissertationsschrift eingereicht, die er mit dem Buch nun vorlegt. Er geht davon aus, dass es sich bei Amoktaten an Hochschulen um nicht so zahlreich und öffentliche Aufmerksamkeit erzeugende Gewalttaten wie etwa bei Schoolshottings handelt, und die Taten keinesfalls als pathologische Gewaltereignisse verstanden werden können, sondern „Camping Shootings sind … ein Produkt zivilisierter Gesellschaften, und zwar ein Produkt ihrer zunehmenden Ökonomisierung, in deren Prozess auch die europäischen und US-amerikanischen Hochschulstrukturreformen eingebettet sind“. Einen soziologischen Blick auf das Phänomen zu richten und bei der Ursachensuche eine „nicht-intendierte Nebenfolge der Restrukturierungs- und Hybridisierungseffekte der Hochschulreform(en)“ anzunehmen und zu beweisen, macht die wissenschaftliche Forschungsarbeit zu einem komplexen und komplizierten Unterfangen.

Aufbau und Inhalt

Andreas Braun gliedert seine Arbeit in sieben Kapitel und beendet sie mit den Schlussbetrachtungen.

Im ersten Kapitel setzt er sich mit Grundfragen, Verläufen, historischen und gesellschaftlichen Entwicklungen auseinander, wie Amokformen in der wissenschaftlichen Betrachtung aufgenommen und diskutiert werden und welche gesellschaftlichen Veränderungsprozesse und Identitätsbildungen schließlich zu Amoktaten an Hochschulen führen: „Der auf der individuellen Ebene entstehende Hybrid des homo academicus oeconomicus ist es dann auch, der im Geflecht der nicht-intendierten Nebenfolgen der strukturellen, organisationalen und individuellen Restrukturierungs- und Hybridisierungseffekte der Hochschulreformen Identitätsbedrohungen ausgesetzt ist, die zur Aufrechterhaltung und Wahrung der subjektiven Identität behauptet werden müssen“.

Im zweiten Kapitel geht es um die Tendenzen und Entwicklungen zur „Ökonomisierung der Gesellschaft“. Es sind Formen von Hierarchisierung, Verwaltungs-, Managementstrukturen und Konkurrenzverhalten, die zu Egoismen, Ellbogenmentalitäten, Neid und Gier führen, sozialverträgliches Denken und Handeln verhindern, die Kluft zwischen Gewinnern und Verlierern in der Gesellschaft vergrößern und notwendige inter-systemische Austausch- und Balance-Prozesse unmöglich machen oder zumindest erschweren, oder sogar im öffentlichen Bewusstsein gar nicht vorhanden sind.

Diese strukturellen Veränderungsprozesse werden im dritten Kapitel als „Ökonomisierung der Universitäten“ diskutiert. Weil Wissenschaft individuelles und gesellschaftliches Wissen schafft, und zwar sowohl im intellektuellen wie im produktiven Sinn (was ja eigentlich kein Unterschied und schon gar keine Alternative sein sollte!), unterliegen die wissenschaftlichen Einrichtungen immer auch der Versuchung und sogar dem Zwang, abseitigen und inhumanen ökonomischen Strukturen in der Wirtschaft und Gesellschaft zuzuarbeiten (Hans See, Wirtschaft zwischen Demokratie und Verbrechen. Grundzüge einer Kritik der kriminellen Ökonomie, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/16997.php). In diesem „trilateralen wissensgesellschaftlichen Geflecht aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft wird Universitäten…ein Funktionsdefizit hinsichtlich dieser (neuen) dynamischen Umweltanforderungen wissensbasierter Wirtschaften attestiert“.

Neben den inneruniversitären, verständnis- und funktionstendierten Veränderungsprozessen sind es vor allem die von der Wissenschaftspolitik und Gesellschaft herangetragenen und geforderten Ökonomisierungs- und Reformanforderungen, die der Autor im vierten Kapitel mit „Zur komplexen Struktur des Reformprojektes Universität – oder: Universitäten als institutionalisierte Organisationen lose gekoppelter Teilbereiche“ titelt. Es sind vor allem die ökonomisierten, profitorientierten Ansprüche, die, flankiert durch lose- wie festgefügte Verwaltungs- und Bürokratisierungstendenzen, vom Wissenschaftsbetrieb der Lehre und Forschung Effizienz, Effektivität und Wirtschaftlichkeit verlangen.

Diese Prozesse zur Ökonomisierung der Universität zeigt der Autor mit dem fünften Kapitel als „Restrukturierungs- und Hybridisierungseffekte der Hochschulreform“ auf, und zwar dadurch, dass er „Universitäten im Quasi-Mark“ verortet und als „unternehmerische Universität“ darstellt. Wie sich diese Veränderungs- und Verständnisprozesse artikulieren und im konkreten Universitätsbetrieb wirksam werden, diskutiert er mit den Anforderungen, etwa zur „Rechenschaftslegung“, bei den Zielformulierungen, bei den Rollendefinitionen und bei Managementverständnissen. Er entwickelt daraus eine (neue?) „Mischform aus dem homo oeconomicus und dem homo academicus“.

Diese Hybridisierungsformen schließlich können „Campus Shootings als hybride und eigenständige (neue) Subform von Amok“ entstehen lassen, was der Autor im sechsten Kapitel aufweist und mit Definitionsversuchen belegt. Er beschreibt „campus shootings als extreme (homizidal und suizidal angelegte) Akte zielgerichteter individueller Gewalt ( ), die von aktuellen oder ehemaligen (Nicht-Verwaltungs-)Angehörigen einer Universität aus den organisatorischen Teilbereichen Lehre und Forschung… begangen werden, wobei sich die Taten bewusst gegen spezifisch ausgewählte universitätsinterne Opfergruppen… und/oder auch gegen einzelne Personen als paradigmatische Vertreter der hochschulreformbedingten institutionalisierten organisationalen Strukturen…richten“.

Die Beweisführung dieser neuen Zuordnung und Ergänzung zum traditionellen Amok-Diskurs unternimmt der Soziologe Andreas Braun im siebten Kapitel, indem er die bei Campus Shootings vorgefundenen Ursachen und Motive als „Restrukturierungs- und Hybridisierungseffekte zur Bedrohung der Identität“ verdeutlicht. Mit dem Begriff des „Akademischen Kapitalismus“ fokussiert er Entstehungs- und Wirkungsprozesse des Homo Academicus Oeconomicus und zeigt dies an verschiedenen Typenbildungen bei Identitätsentwicklungen auf. Die Verläufe erläutert er anhand von vier ausgewählten Fallbeispielen: Der Amoktat eines kanadischen Professors am 24. 8. 1992 an der Concordia University; der Tat eines 28-jährigen US-amerikanischen Studenten am 14. 2. 2008 an der Northern Illinois University; dem Amoklauf eines 28-jährigen wissenschaftlichen Mitarbeiters am 1. 11. 1991 an der University of Iowa; und die Mordtat einer 45jährigen Juniorprofessorin von der University of Huntsville. Die Reaktionen auf längerfristig von den Amoktätern als existenzbedrohend und ungerecht empfundenen, im „Akademischen Kapitalismus“ und in den Hochschulreformen immanent vorhandenen Identitätsbedrohungen lassen sich dabei als Ursachen aufweisen.

Fazit

Die Arbeit ist einzuordnen in die zunehmenden Kritiken, wie sie sich mit der Benennung vom „Elend der Universitäten“ darstellen (Jens Sambale / Volker Eick / Heike Walkenhorst, Hrsg., Das Elend der Universitäten. Neoliberalisierung deutscher Hochschulpolitik, 2008, www.socialnet.de/rezensionen/6833.php) und Vorschlägen, wie die „Crisis on Campus“ (Mark C. Taylor) in Theorie und Praxis überwunden werden kann (Elkana / Klöpper, Die Universitäten im 21. Jahrhundert, Für eine neue Ethik von Lehre, Forschung und Gesellschaft, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/11785.php). Die theoretischen, gesellschafts- und sozialwissenschaftlichen Analysen darüber, dass „die Begehung eines campus shooting zur letzten identitätsbehauptenden Option im Sinne eines extremen Rollenausstiegs“ werden kann, verweist gleichzeitig mit einem mahnenden Zeigefinger darauf, dass auf durch die nationalen und internationalen Hochschulreformen intendierten ökonomischen und kapitalistischen Prozesse ein besonderes Augenmerk gerichtet werden sollte.

Die Forschungsarbeit stellt ohne Zweifel eine wichtige Ergänzung der wissenschaftlichen Betrachtung und Analyse zu den Amoktaten an Schulen und anderen Gemeinschaftseinrichtungen dar und zeigt auf, dass (auch) Campus Shootings „als nicht-intendierte Nebenfolge der Hochschulreform(en)… vor allem ein Produkt moderner zivilisierter Gesellschaften“ ist.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 17.12.2015 zu: Andreas Braun: Campus Shootings. Amok an Universitäten als nicht-intendierte Nebenfolge der Hochschulreform. transcript (Bielefeld) 2015. ISBN 978-3-8376-3130-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19983.php, Datum des Zugriffs 15.12.2019.


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