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Markus Jentsch: Das „Gesichts“-Konzept in China

Cover Markus Jentsch: Das „Gesichts“-Konzept in China. Fallbeispiele und ausgewählte Aspekte. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. 452 Seiten. ISBN 978-3-8487-1878-8. D: 79,00 EUR, A: 81,30 EUR, CH: 109,00 sFr.

Neue China-Studien, 6.
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Thema

Da hat sich jemand „geschickt in Szene gesetzt“, oder „gut präsentiert“ sagen wir, wenn wir es richtig finden. Wenn es uns missfällt, nennen wir es „Wichtigtuerei“ oder „auffallen Wollen um jeden Preis.“ Es geht in dem Buch von Markus Jentsch auch um das, was Erving Goffman, auf den Jentsch sich bezieht, 1959 „The Presentation of Self in Everyday Life“ genannt hat. Goffman schreibt über „the arts of impression management“ und Jentsch über das Gesichts-Konzept. In wohl jeder Kultur ist man bemüht, möglichst sein Gesicht zu wahren, aber in China hat dieses globale Anliegen einen besonderen Stellenwert und findet eine einzigartige Ausprägung, über die dieses Buch berichtet. 

Aufbau und Inhalt

Der umfangreiche Text besteht aus vier Teilen, gefolgt von Literaturverzeichnis, Glossar und Register: Die vier Teile heißen

  1. Einführung,
  2. Grundlagen,
  3. Fallbeispiele und
  4. Schluss.

Die Einführung fragt, ob „Gesicht“ typisch chinesisch sei, erläutert den Aufbau der Arbeit, berichtet über den Stand der Forschung und nennt Zielsetzung, Methode und Quellen.

Teil 2 behandelt die Grundlagen in sechs Kapiteln, Gesicht in der deutschen und in der chinesischen Sprache, benachbarte Begriffe, wie Riten und Höflichkeit, dann drittens: „Gesicht“ aus „sinomarxistischer Sicht“ als Hinführung zur „Analyse des Gesichts-Wortschatzes“ in der Volkszeitung und endlich zwei weitere Kapitel, die den Leser auf den nächsten Teil vorbereiten.

Teil 3 enthält die Fallbeispiele. Die Fälle illustrieren Vorgänge wie

  • „Gesicht verlieren“,
  • „Gesicht haben wollen“,
  • „Gesicht erzeugen“,
  • „Gesichts-Bauprojekte“ (also Verschwendung öffentlicher Gelder, um einem ehrgeizigen Mann – denn es handelt sich hier durchweg um Männer – ein fragwürdiges Denkmal zu setzten).

Teil 4, genannt „Schluss“, fasst das Erarbeitete zusammen, nennt das „Gesicht als Fessel“ und weist auf die Schwierigkeiten hin, über die Kulturgrenze hinweg zu verstehen, was im Bereich des „impression management“ in China in Vergangenheit und Gegenwart geschieht.

Diskussion

Was Titel und formale Übersicht versprechen wird von diesem Buch nicht nur gehalten, sondern übertroffen. Der Umfang von 452 Seiten rechtfertigt sich durch die vielen aus dem Chinesischen übersetzten Textpassagen, sowohl aus alten Quellen chinesischer Kultur – und das pflegen Sinologen zu tun – als auch besonders aus der Tageszeitung der herrschenden Partei, was ein ebenso ungewöhnlicher wie wertvoller Dienst des Sinologen an den Leser anderer Fachrichtungen ist. Der lernt auf diesem Wege Redensarten kennen wie diese: „Sich die Wangen geschwollen schlagen, um ein großes Gesicht zu haben.“ Das beschreibt jemanden, der sich schmerzhaft verschuldet, um Eindruck auf bestimmte Leute zu machen, oder ein übertrieben hohes Trinkgeld gibt.

Für den Leser deutscher Sprache sind die Hinweise auf den kulturellen Ost-West-Vergleich besonders interessant (z.B. S. 400). Die Riten des frühen Konfuzianismus stehen in China bis heute im Hintergrund des Verhaltens: Kindespietät, Pflichttreue, besonders gegenüber Freunden, Etikette, das sind Imperative, die dann aus moderner Sicht zu Korruption führen, wenn Privatwelt und politische Öffentlichkeit nicht gewissenhaft voneinander geschieden werden. Eine Besonderheit, die sich – mindestens für den Rezensenten – aus der Lektüre zahlreicher Fallbeispiele aus der Volkszeitung ergibt, ist die Einsicht, dass die herrschende Partei in vielerlei Hinsicht die Advokatin der Modernisierung und der Vernunft ist. Sie ist aber selbst innerhalb der Parteikader konfrontiert mit chinesischer Tradition eines Typs, dessen Überwindung sich der Leser nur wünschen kann. So überrascht Jentsch den westlichen Leser damit, dass der sich plötzlich in Übereinstimmung mit Anliegen der Kommunistischen Partei Chinas wiederfindet, wenn es um die Bekämpfung von absurden Formen der Gesichtswahrung geht. 

Fazit

Dieses Buch enthält einen ungewöhnlich wertvollen Reichtum an empirischen Daten, deren Auswertung und Deutung in diesen Seiten nur begonnen, aber keineswegs voll genutzt werden konnte. Geisteswissenschaftler verschiedener Fachrichtungen sollten diese Fallstudien weiter bearbeiten und unter ihren spezifischen Gesichtspunkten verwerten. Das gilt auch und gerade für die Zeitungs- und Kommunikationswissenschaftler, die kaum an einer anderen Stelle einen so interessanten Einblick in das aktuelle Pressewesen Chinas geboten bekommen. Dies ist ein wichtiges Buch: Es signalisiert sein Niveau u.a. dadurch, dass der Verfasser viel Arbeit investiert hat und nun auch seinen Lesern Arbeit abverlangt.


Rezensent
Prof. Dr. Horst Jürgen Helle
Ludwig-Maximilians-Universität München
Institut für Soziologie
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Zitiervorschlag
Horst Jürgen Helle. Rezension vom 20.05.2016 zu: Markus Jentsch: Das „Gesichts“-Konzept in China. Fallbeispiele und ausgewählte Aspekte. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. ISBN 978-3-8487-1878-8. Neue China-Studien, 6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19985.php, Datum des Zugriffs 21.11.2017.


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