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Marita Grimm: Macht und Herrschaft

Cover Marita Grimm: Macht und Herrschaft. Entstehung, Auswirkungen und Steuererung innerhalb sozialer Einrichtungen. Lehmanns Media GmbH (Berlin) 2015. 174 Seiten. ISBN 978-3-86541-250-8. D: 17,00 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 24,50 sFr.

Lüneburger Schriften zur Sozialarbeit und zum Sozialmanagement, Bd. 10.
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Thema

„Sozialarbeiterisches Handeln kann nicht losgelöst von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen betrachtet werden. So definiert, hat Sozialarbeit selber einen politischen Gestaltungsauftrag“, bemerken die Herausgeber Wolf Paschen, Rolf Krüger und Gerhard Zimmermann in ihrem Vorwort. (S. 5) Dieser Frage geht die Verfasserin in Bezug auf Machtstrukturen und Herrschaftsverhältnisse und ihrem tatsächlichen und notwendigen Wandel in Organisationen nach. Die Analyse kommt zu der Empfehlung, „dass Führungskräfte auf gleicher Augenhöhe mit ihren Mitarbeitern agieren“ sollten und Mitarbeiter „gegenüber ihren Führungskräften den Machtprozess als Aushandlungsprozess begreifen“ müssen „und sich nicht in ihrer gefühlten Abhängigkeit ergeben.“ (S. 160 f.)

Aufbau und Inhalt

Nach ihrer Einleitung kreist die Verfasserin ihre Thematik in acht Kapiteln ein, die zumeist in etliche und knapp behandelte Unterkapitel gegliedert sind. Eingangs bemüht sie sich im Rückgriff auf Machiavelli, Weber, Adler schließlich Foucault um eine Begriffsbestimmung bzw. Definition von Macht, grenzt auch zwischen Macht und Herrschaft ab, um zu dem Schluss zu kommen: Macht „ist aber grundsätzlich von sich aus weder gut noch böse, sondern kann destruktiv, aber auch entwicklungsfördernd, eingesetzt werden.“ (S. 18) Anschließend wird das Augenmerk auf Macht in Interaktionen gelegt, wozu Frau Grimm die ‚Machtbasen-Theorie‘ von French/Raven bemüht und auch die Ergebnisse des Milgram-Experiments in ihre Überlegungen einbezieht. „Fakt“ sei, dass Macht „immer gegenwärtig (ist), wenn Menschen miteinander agieren.“ (S. 38) Nach kurzer Reflexion der Folgen von Macht und Herrschaft, wobei sie bereits die Themen um wirtschaftliche Auswirkungen und Führungsstile berührt, wendet sie sich Merkmalen erfolgreicher Organisationen in Relation mit Macht zu. Als wesentlich schält sich dabei heraus: „Langfristige Erfolge brauchen einen konstruktiven Führungsstil.“ (S. 93)

Um Konsequenzen geht es in den beiden folgenden Kapiteln, nämlich solche für erfolgreiche Organisationen auf struktureller Ebene und auf der Ebene der Mitarbeiterführung. Hier wird auch die Problematik ‚flacher Hierarchien‘ in Bezug auf Soziale Arbeit und deren Aufgaben diskutiert: „Standardisierte Lösungen sind nicht mehr zeit- und kundengerecht“, was im Hinblick auf die ‚Kunden‘ insoweit zu berücksichtigen sei, als Soziale Arbeit den „Auftrag“ habe, „Leistungsempfänger so zu befähigen, dass sie ihr Leben möglichst selbstständig gestalten können.“ Da „nicht jeder Mensch die gleichen Bedarfe“ habe, sei „die Passung der Dienstleistung zum Leistungsempfänger“ unabdingbar. (S. 103.) Das folge einem „Wandel der Zeit“, dem sich auch Führungskräfte nicht verschließen dürften. Einen Schlüssel dazu böte ihnen die „Mikropolitik von Mitarbeitern“ und deren „mikropolitische Kompetenz“, aus der die „Fähigkeit“ erwüchse, „notwendige Veränderungen zu initiieren.“ (S. 135) Schließlich werden Machtaspekte für erfolgreiche soziale Unternehmen zusammengefasst. Zumal in Bezug auf „soziale Organisationen“ plädiert die Verfasserin für „tendenziell pluralistische Führungssysteme“ und zitiert erklärend wie zustimmend Petersen: „Während die junge Generation die Freiräume sucht, die sie zur eigenen Entwicklung benötigt, steht für die ältere Generation die Sicherheit im Vordergrund, die die Orientierung an vertrauten Normen und Hierarchien bedeutet“ – so das Ergebnis einer empirischen Studie. (zit. S. 150) Verallgemeinernd lautet das im Resümee: „Autoritätsaffine Menschen benötigen starke hierarchische Strukturen, partizipativ geprägte Mitarbeiter dagegen gehen bei zu starken Strukturen in Widerstand.“ (S. 157) Darauf müssten Führungskräfte flexibel reagieren, wobei letztlich „Führung immer ein Balanceakt auf dem Seil der Macht“ sei. (S. 160)

Diskussion

Die Publikationen zu Macht und Herrschaft als Gegenstände sozialwissenschaftlicher Theorie und Forschung füllen Regalmeter und kreisen auch um ein Für und Wider zwischen real-utopischen Entwicklungsschritten Richtung Überwindung von Machtstrukturen und Herrschaftsfreiheit, der Aufhebung von Macht und Herrschaft von Menschen über Menschen, sowie affirmative theoretische Legitimationen, denen die Verfasserin offensichtlich zuneigt, wo sie Macht insbesondere in Interaktionen naturalisiert. Von zumal Weber und Foucault, ganz abgesehen von kritisch reflektierender Sekundärliteratur, hätte sie sich zu weniger scheint´s apodiktischen und wenn auch nur sozialwissenschaftlichen Relativierungen anregen lassen können, was zumal für Theorie und Praxis Sozialer Arbeit nicht nur belangvoll, sondern zwingend ist, begreift man sie (u.a.) über eine Hilfe zur Selbsthilfe hinaus auch als ein Instrument der Annäherung an ‚soziale Gerechtigkeit‘.

Dass die Zeiten sich ändern, wobei das wissenschaftliche Desiderat der Erklärung offen bleibt, und sich damit Phänomene bis Problematiken auftun, die organisationssoziologisch hinlänglich ausgeforscht werden und wurden, merkt die Verfasserin an, wo sie sich für ihre Argumentation systemtheoretisch über den Begriff der „Autopoiese“ vergewissert, demnach „autonome Systeme aus dem Zustand einer selbstreferenziellen Geschlossenheit eigene systemspezifische Strukturen und Verhaltensweisen entwickeln“. (zit. Mirrow u.a., S. 160) Dies wird auf zu verändernde Führungsstile und auf „Macht“ bezogen, die insoweit „der Prüfstein des Charakters“ sein soll, als zum einen „Moral die Reflexion der Dinge“ ist und zum anderen „Macht (…) nie ohne Moral gedacht werden“ und nur dann „legitim ausgeführt werden“ kann. (ebd.) Was hier ein laxes Einsprengsel ist, daran wäre kritisch anzuschließen, wird aber umstandslos für die Empfehlung von „Augenhöhe“ (S. 161) zwischen Führungskräften und Mitarbeitern genutzt – wohlgemerkt im Sinne der Steigerung der Effizienz von Organisationen generell und eben auch solcher Sozialer Arbeit mit ihren besonderen Anforderungsprofilen.

Stellt man diese Empfehlung PraktikerInnen Sozialer Arbeit vor, fängt man sich ein mitleidiges Grienen ein und wird mit der ein oder anderen Bemerkung über Kostenträger, die ‚Chefs‘ und auch die ‚Kunden‘ bedacht, was aber einmal mehr als Hinweis darauf genommen werden könnte, den Ratschlägen der Verfasserin zu folgen, gewonnen aus ihrem Verständnis von Macht und Herrschaft und bezogen auf „Auswirkungen und Steuerung innerhalb sozialer Einrichtungen“, wie es im Untertitel heißt. Bedenkt man, dass die Autorin, was man auf der letzten Seite des Buches erfährt (vgl. S. 174), selbst frei- und hauptberuflich in u.a. verschiedenen Spitzenverbänden der freien Wohlfahrtspflege auf unterschiedlichen hierarchischen Ebenen tätig war, kennt sie gewiss diesen Berufsalltag und die praxisnahen Erfahrungen von SozialarbeiterInnen und zielt mit ihren Empfehlungen auf Verbesserungen. Dies wird zum Thema ihrer Masterarbeit geführt haben, die Grundlage dieses Bandes war. Gleichwohl oder gerade darum ist der Tenor der Monographie kritisch zu würdigen: „Auswirkung“ ist für den Zweck der „Steuerung“ zu optimieren, eine Botschaft, die an Führungskräfte geht, was Erweiterung des Freiraums von Partizipation insbesondere jüngerer MitarbeiterInnen (s.o.) „sozialer Einrichtungen“ bedeute.

„Integration durch Partizipation?“ lautet der Titel eines 1973 erschienen Buches von Reimer Gronemeyer, wo es in der Vorbemerkung lapidar heißt: „Partizipation wird im Industriekapitalismus zunehmend auf allen Gebieten im Interesse integrierenden Krisenmanagements eingesetzt.“ So weit die ältere Analyse, die auch schon vor Jahrzehnten so neu nicht war. Gronemeyers Forschungsinteresse war aber weiter gesteckt: „Welche Chancen haben organisierte Kollektive, Partizipation als Vehikel gesellschaftlicher Transformation zu nutzen?“ Gegenüber einer solchen Frage immunisiert sich die Verfasserin durch ihre Referierung von theoretischen Überlegungen zu Macht und Herrschaft, die sie in Statements übersetzt, die dem Zweck besseren Funktionierens dienen sollen – was nicht ehrenrührig ist, aber möglicherweise nur symptomatisch kurativ, worüber (auch) zu diskutieren wäre.

Fazit

Wer sich als StudentIn der Sozialen Arbeit oder der Sozialwissenschaften überhaupt mit dem Problem um Macht und Herrschaft in Bezug auf Organisationen und Führungsstile vertraut machen möchte, wird in diesem Buch Informationen finden, sich vielleicht durch die Lektüre zu vertiefender Beschäftigung anleiten lassen, zumal die Verfasserin Anschlussdiskussionen durch ihre Standpunkte provoziert.


Rezensent
Arnold Schmieder
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Zitiervorschlag
Arnold Schmieder. Rezension vom 01.03.2016 zu: Marita Grimm: Macht und Herrschaft. Entstehung, Auswirkungen und Steuererung innerhalb sozialer Einrichtungen. Lehmanns Media GmbH (Berlin) 2015. ISBN 978-3-86541-250-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19992.php, Datum des Zugriffs 21.08.2019.


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