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Jana Louise Baum: Mobbing 2.0

Cover Jana Louise Baum: Mobbing 2.0. Eine kultursoziologische Betrachtung des Phänomens Cyber-Mobbing. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2015. 97 Seiten. ISBN 978-3-643-11809-7.
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Autorin

Jana Louise Baum studierte Wirtschafts- und Medienwissenschaft an den Universitäten Köln und Zürich, mit Vertiefungen in Medienmanagement und Kulturwissenschaft. Seit 2011 arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lehrbeauftragte für Medienmanagement an der Cologne Business School.

Entstehungshintergrund

Die kultursoziologische (medien- und kultursoziologische) Untersuchung von Jana Louise Baum bezieht sich auf die Dimensionen von Mobbing 2.0 aufgrund der wachsenden Nutzerzahlen von Online Social Networks, des unbewussten und uninformierten Umgangs der Nutzer mit ihren persönlichen Daten, der Tatsache, dass zur Zeit rechtlich und technologisch nur begrenzt Einflussnahme möglich ist und dem Blick auf die langfristig anhaltende Ohnmacht der Opfer. Die Autorin weist auf den „Wandel der sozialen Strukturen“ durch die Neuen Medien hin und auf die virtuelle Gewalt, die über die Kommunikation in Online Social Networks ausgeübt wird.

Aufbau

Ein Inhaltsverzeichnis, ein Vorwort und Danksagungen (S. V-IX) gehen den sich anschließenden Kapiteln voraus. Es folgen:

  • die Einleitung (Kap. I, S. 1-5),
  • die Untersuchungsmethode (Kap. II, S. 7-9),
  • das Kapitel über Cyber-Mobbing (Kap. III, S. 10-26) und
  • Cyberspace (Kap. IV, S. 27-47),
  • die konstituierende Spezifika des Cyber-Mobbings (Kap. V, S. 49-69),
  • die Synthese: Mobbing 2.0 - Die Macht des Cyberspace? Eine kultursoziologische
  • Betrachtung des Phänomens Cyber-Mobbing (Kap. VI, S. 71-75) und
  • der Ausblick (Kap. VII, S. 77-79) mit Ideenimpulsen für die weitere Auseinandersetzung mit dem Thema, Fragestellungen und mögliche Präventionsmaßnahmen gegen Cyber-Mobbing.

Mit dem Literaturverzeichnis (S. 81-96) und dem Anhang (S. 97) endet die Untersuchung. Im Text sind drei Abbildungen über Erscheinungsformen, unmittelbares und mittelbares Cyber-Mobbing und die Rollenverteilung zu finden.

Inhalte

Zur Untersuchungsmethode in Kap. II ist zu sagen, dass die Datenerhebung zur Untersuchung auf einer qualitativen und explorativen, multiperspektivischen Erhebung in Form von Gruppendiskussionen mit Jugendlichen und halbstandardisierten Experteninterviews beruht. Die Interview- und Gruppendiskussionsfragen wurden primär offen gehalten und in sechs Themenschwerpunkte gegliedert, die da sind: Allgemeines Nutzungsverhalten; Beobachtungen und Erfahrungen bei der computervermittelten Kommunikation; Formen, Ursachen und Folgen von Cyber-Mobbing; Präventionsmaßnahmen. Hinzu kamen Filterfragen nach Kategorien geordnet. Was die Selektion der Interviewpartner und Teilnehmenden der Gruppendiskussionen betraf, wurde auf eine große Heterogenität innerhalb folgender Personengruppen geachtet: Jugendliche im Alter von 14-19 Jahren, SchulleiterInnen, SchulpsychologInnen und verantwortliche Community Manager eines Online Social Networks. Die Gruppendiskussion wurde vollständig transkribiert, die Interviews nur selektiv.

Das Kapitel III über „Cyber-Mobbing“ ist unterteilt in Unterkapitel über die Definition „Mobbing versus Bullying“, Erscheinungsformen, das Happy-Slapping, Ursachen und Folgen und die Rechtslage.

Das Thema „Cyberspace“ in Kapitel IV stellt die Realität der Virtualität gegenüber, befasst sich mit Social Web und Web 2.0, der Kommunikation und Interaktion im Internet, virtuellen Gemeinschaften und dem virtuellen Raum als Instrument der Steuerung. Die virtuelle Gesellschaft wird als eine beschrieben, in welcher der computererzeugte virtuelle Raum den realen Raum überlagert (s. S. 34, Bühl, A.). Bühl spricht davon, dass „das Web 2.0 eine gesellschaftsstrukturierende Form der Immaterialisierung hat, die räumlich strukturierte Sozialbeziehungen durch virtuelle Konstrukte überlagert“ (s. S. 36). Es geht um die universellen, in allen Lebensbereichen präsenten Netzwerke, in denen die User permanent online sind (z.B. über facebook). Damit ist der Spielplatz für Störenfriede, Randalierer, Rechtsradikale, Sexualstraftäter und all die Personen gegeben, die kriminelle Energien (auch anonym) ausleben können.

Im Kapitel V – den „konstituierenden Spezifika des Cyber-Mobbings“ – nimmt die Autorin eine Aufgliederung vor, in „technisch-soziologische und kultursoziologische Charakteristika“. Sie widmet sich hier unter anderem der asymmetrischen Wahrnehmung durch die Anonymität im Netz, den „Likes“ und „Dislikes“, der Nicht-Kalkulierbarkeit von weiteren Handlungen des/der Täter/s und der virtuellen Gewalt und Machtanalytik nach Foucault im Kontext von Cyber-Mobbing.

Die Autorin beschreibt in Kap. VI die besagten, in die digitale Welt hineingeborenen Digital Natives, die – je jünger sie sind – auch mit dem höchsten Zeitanteil im Netz und den Social Networks zu finden sind. Sie sind es, die auch einer höheren Wahrscheinlichkeit unterliegen, Opfer von Cyber-Mobbing zu werden. Mädchen werden dabei häufiger Opfer als Jungs (s.a. S. 12). Es wird zudem der Transformationsprozess von gesellschaftlichen Strukturen, Individuen und des Alltags durch die fortschreitende Entwicklung der Online Social Networks beschrieben. Das Leben mit den Medien wird zum Leben in den Medien (s. S. 72, Thiedeke, U.). Inhalte werden beliebig manipulierbar.

Im Ausblick in Kap. VII wird auf die Notwendigkeit einer aktiveren und stärkeren Beteiligung von Lehrkräften und Eltern hingewiesen. Die Empfehlung der Autorin dabei ist: „Da beide – die virtuelle und reale Welt – Ähnlichkeiten bei Mobbing aufweisen, sollten Lehrkräfte und Eltern die Welten nicht getrennt handhaben“ (S. 78).

Bezüglich der Informationen zur Untersuchung selbst sind die Kapitel III-V wichtig, bezüglich der Datenauswertung die Kapitel VI-VII.

Diskussion

Digitale Medien prägen nachhaltig die gesellschaftliche Kommunikation und die zwischenmenschlichen Beziehungen. Zu Recht machen wir uns Sorgen über die zunehmende Gewalt in unserer Gesellschaft und die mediale Gewalt der Online-Welt. Der virtuelle Raum verändert nachhaltig kulturelle Muster und Einstellungen. Als Grundproblem wird hier aber nicht das digitale Medium genannt, das Mobbing nur verstärkt, sondern das Verhalten des Menschen.

Wesentlich finde ich, dass die Autorin allgemein von „virtueller Gewalt“ spricht, hinter der ein starkes Bedürfnis nach Machtausübung von Seiten der Täter steckt. SchülerInnen, die keinen natürlichen Status in der Gruppe der Gleichaltrigen haben, sehen den Status des Gewalttätigen als Rollenvorbild für sich, was zu einer „sozialen Ansteckung“ innerhalb des Gruppengeschehens führt (s. S. 22/23). Der Verweis, dass machtbetonte Erziehungsmethoden zur Steigerung kindlicher Aggressionen und Projektionen beitragen, erscheint mir hier ebenfalls wichtig hervorzuheben. Jedoch ist das Strafmaß bei psychischer Gewalt nach deutscher Rechtslage nicht eindeutig feststellbar, da auch unterschiedliche Aussagen/Darstellungen der beteiligten Akteure und Zeugen oder die Verkettung der Umstände eine Rolle spielen. Gerade die deutsche Gesetzgebung ist hier seit langem im Hintertreffen, zum Nachteil für die Opfer und zum Vorteil für die (auch minderjährigen) Täter.

Es wird die Machtdominanz der Kommunikationsmedien thematisiert und eine medienkulturwissenschaftliche Untersuchung von Cyber-Mobbing vorgenommen, die die Kombination von individuellen und gesellschaftlichen Erscheinungsformen im Blick haben muss. Wir müssen also an den rasanten Entwicklungen dran bleiben, mit ihnen mitgehen und stetig darauf reagieren.

Der Reiz des Buches liegt im anderen, nämlich medien- und kultursoziologischen Blick auf die Folgen des Umgangs von Kindern/Jugendlichen mit Social Networks und auf die damit einhergehenden gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen. An manchen Stellen finde ich die Abhandlung in der Darstellung jedoch etwas gestückelt, immer dann, wenn die Autorin verschiedene auch internationale Wissenschaftler oder Autoren auszugsweise kurz hintereinander über Zitate oder Aussagen (z.T. in englischer Sprache) in den Kontext stellt ohne dass noch ihre Meinung oder Forschung erkennbar wird. Das geht meiner Meinung nach im Gesamtverlauf zu Lasten der Verständlichkeit und des Leseflusses. Die Schrift wirkt bei diesen Textpassagen sehr akademisiert. Das könnte vielleicht den/die ein oder andere/n Leser/in veranlassen, diese Textstellen zu überfliegen, obwohl ihr Inhalt durchaus interessante Hinweise zu bieten hat.

Fazit

Das Buch würde ich in erster Linie Menschen empfehlen, die fachlich und wissenschaftlich orientiert sind und sich über die neuesten Entwicklungen/Forschungen zum Thema informieren möchten. Es ist kein Werk, das sich so einfach weg liest, regt aber dazu an, sich mit der damit einhergehenden, gesamtgesellschaftlichen Veränderung zu beschäftigen, wie auch der notwenigen Neuorientierung bzgl. Mobbing 2.0 in Verbindung mit Web 4.0, Medienkompetenz, Datenschutz, Empathie-Schulung und Verantwortung von Providern, Politik, Eltern und Lehrkräften den Kindern/Jugendlichen gegenüber.


Rezensentin
Dipl. Sozialpädagogin Monika Hirsch-Sprätz
Supervisorin, Mediatorin und Leiterin der Mobbingberatung Berlin-Brandenburg. Arbeitsschwerpunkte: Information, Beratung, Training, Moderation, Konfliktmanagement, Mediation, Kooperation mit interdisziplinärem Experten-Netzwerk. Face-to-Face- und Online-Beratung. Bereiche: Schule, Ausbildung und Arbeitswelt.
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Zitiervorschlag
Monika Hirsch-Sprätz. Rezension vom 05.07.2016 zu: Jana Louise Baum: Mobbing 2.0. Eine kultursoziologische Betrachtung des Phänomens Cyber-Mobbing. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2015. ISBN 978-3-643-11809-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19993.php, Datum des Zugriffs 24.08.2019.


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