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Anna Isenhardt, Ueli Hostettler u.a.: Arbeiten im schweizerischen Justizvollzug

Cover Anna Isenhardt, Ueli Hostettler, Christopher Young: Arbeiten im schweizerischen Justizvollzug. Ergebnisse einer Befragung zur Situation des Personals. Stämpfli Verlag (Bern) 2015. 288 Seiten. ISBN 978-3-7272-7213-4. D: 57,00 EUR, A: 58,60 EUR, CH: 66,00 sFr.
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Thema und Anlage der Untersuchung

Über die Mitarbeitenden im Justizvollzug der Schweiz war bisher wenig bekannt. Das Buch schliesst diese Lücke in überzeugender Manier. Es wurde von drei Sozialwissenschaftlern verfasst, die an verschiedenen Schweizer Hochschulen tätig sind, und beruht auf einer Fragebogen-Erhebung in 89 Einrichtungen. Von 4217 Mitarbeitenden antworteten 2045, was einem guten Rücklauf von 48,5% entspricht.

Methodisch lehnten sich die Forschenden an eine vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (Lehmann/Greve 2006) durchgeführte Untersuchung an, was sinnvolle Vergleiche ermöglicht. Erfragt wurden insbesondere persönliche Merkmale, die Arbeitsbedingungen unter Einschluss von besonderen Belastungen, die Arbeitszufriedenheit und die Verbundenheit mit der Einrichtung. Im Weitern wurden Gesundheit und Burnout-Risiken, Strafeinstellungen, Gewalterfahrungen und Massnahmen zum Schutz der Mitarbeitenden erhoben.

Aufbau

Der Aufbau der Arbeit folgt weitgehend dem verwendeten Fragebogen. Zu den einzelnen Fragestellungen werden jeweils die Gesamtergebnisse dargestellt und diskutiert. Danach wird geprüft, ob sich Unterschiede feststellen lassen zwischen verschiedenen Vollzugsformen (geschlossener, offener Vollzug, Massregelvollzug, Arbeitsexternat), zwischen unterschiedlichen Aufgabenbereichen (Aufsicht, Gefangenenarbeit, Sicherheit, Sozialdienst, Verwaltung) sowie nach der Grösse der Einrichtung oder nach Konkordats-Gebiet (in den Vollzugskonkordaten habe sich die Schweizer Kantone zu drei etwa gleich grossen Vollzugsregionen zusammengeschlossen: Ostschweiz, Zentral- und Nordwestschweiz sowie lateinische Schweiz).

Am Schluss der einzelnen Kapitel werden die angeschnittenen Fragen jeweils mit Auszügen aus zusätzlich geführten Interviews illustriert. Weil sich zwischen den Konkordaten erhebliche Unterschiede zeigen, geht ein spezielles Kapitel den diesbezüglichen Gründen nach.

Die Arbeit schliesst mit einer instruktiven Zusammenfassung der Ergebnisse.

Ausgewählte Ergebnisse

Auf einige dieser Ergebnisse soll nachfolgend kurz eingegangen werden.

Das Arbeitsumfeld wird überwiegend als positiv erlebt. Doch beurteilt rund ein Drittel der Befragten die Arbeitsanforderungen als nicht angemessen, wobei sich Über- und Unterforderung etwa die Waage halten. Für Gesundheits- und Burnout-Risiken scheint vor allem die Zusammenarbeit mit Vorgesetzten den Ausschlag zu geben: Wird diese als gut bewertet, steigt die Arbeitszufriedenheit. Gegenüber den Gefangenen äusserten 45% eine neutrale, 37% eine positive Einstellung. 61% der Vollzugsangestellten bewerteten ihre Beziehung zu den Gefangenen als positiv, nur 3% als negativ. Trotz der hohen Belastung, insbesondere durch psychisch auffällige Insassen, personelle Engpässe und abgelöschte Kollegen, äusserten 83% eine hohe Arbeitszufriedenheit, nur 3% waren unzufrieden. Das entspricht etwa den Ergebnissen in Untersuchungen, die aus der gesamten Arbeitswelt vorliegen. Untersuchungsgefängnisse, offene Anstalten und Institutionen mit mehr als 100 Plätzen verzeichneten eine etwas höhere Unzufriedenheit.

Gefragt nach unterschiedlichen Sanktionszwecken bevorzugten die Angestellten Resozialisierung und Behandlung (81%) sowie Bestrafung (76%). Den andern vorgeschlagenen Zwecken (Unschädlichmachung, negative Spezialprävention und positive Generalprävention) stimmten weniger als die Hälfte zu (Mehrfachnennungen waren möglich).Vorfälle von Gewalt durch Gefangene gegenüber Angestellten sind im schweizerischen Sanktionsvollzug sehr seltene Ereignisse. Auch Beleidigungen, Beschimpfungen oder verbale Bedrohungen hatten in den letzten sechs Monaten nur 5% der Befragten erlebt.

Unterschiede zwischen den Konkordaten ergaben sich vor allem zwischen dem lateinischen Konkordat (französischsprachige Westschweiz und der italienischsprachige Kanton Tessin) einerseits und den beiden Deutschschweizer Konkordaten andererseits. Arbeitszufriedenheit, Zusammenarbeit mit Vorgesetzten, Weiterbildungsangebote, Einkommen, Aufstiegsmöglichkeiten und Sicherheit wurden im lateinischen Konkordat deutlich negativer beurteilt. Auch die Beziehung zu den Gefangen und Einstellung gegenüber diesen wurden weniger positiv bewertet. Die Unterschiede lassen sich nicht auf einzelne Anstalten oder Kantone und auch nicht auf die Institutionengrösse zurückführen. Sie hängen, so das Ergebnis der Analyse, mit organisatorischen und politischen Gegebenheiten der betreffenden Region zusammen.

Diskussion und Fazit

Die Ergebnisse aus dem Schweizer Sanktionsvollzug unterscheiden sich nicht grundsätzlich von den Untersuchungen aus andern Ländern, insbesondere nicht von der erwähnten aus Niedersachsen. Doch angesichts der Tatsache, dass zu dieser Problematik bisher keine neueren Untersuchungen vorlagen, bereichert die Arbeit von Isenhardt/Hostettler/Young den Kenntnis- und Forschungsstand zum Schweizer Sanktionsvollzug grundlegend.

Die Erhebung ist sorgfältig durchgeführt und kompetent ausgewertet worden. Sie ist in einer flüssigen und allgemein verständlichen Sprache formuliert und kann allen wärmstens empfohlen werden, die sich für Arbeitsbedingungen im Justizvollzug und speziell für das Schweizer Justiz- und Gefängniswesen interessieren.


Rezensent
Prof. Dr. Peter Aebersold
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Zitiervorschlag
Peter Aebersold. Rezension vom 08.03.2016 zu: Anna Isenhardt, Ueli Hostettler, Christopher Young: Arbeiten im schweizerischen Justizvollzug. Ergebnisse einer Befragung zur Situation des Personals. Stämpfli Verlag (Bern) 2015. ISBN 978-3-7272-7213-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19998.php, Datum des Zugriffs 20.10.2018.


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