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Martina Böhmer: Erfahrungen sexualisierter Gewalt (alte Frauen)

Rezensiert von Kinie Hoogers, 25.07.2022

Cover Martina Böhmer: Erfahrungen sexualisierter Gewalt (alte Frauen) ISBN 978-3-933050-16-8

Martina Böhmer: Erfahrungen sexualisierter Gewalt in der Lebensgeschichte alter Frauen. Ansätze für eine frauenorientierte Altenarbeit. Mit einem Vorwort von Luise F. Pusch. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2000. 134 Seiten. ISBN 978-3-933050-16-8. 15,90 EUR.
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Einführung in das Thema

„Auf Vergewaltigung steht lebenslänglich. Für die Frau, denn sie muß immer damit leben.“ Diese im vorliegenden Buch zitierte Aussage fasst kurz und einprägsam zusammen, was dessen Gegenstand ist. Die Autorin weist darauf hin, dass in den letzten Jahrzehnten zwar Mädchen und (jungen) erwachsenen Frauen hier Rat und Hilfe zuteil wird, dass alte Frauen aber nicht ins Blickfeld gekommen sind. Insofern ergänzt sie die bestehende Literatur um einen bisher nicht beachteten Bereich.

Ferner lenkt sie die Aufmerksamkeit auf die Tatsache, dass es bei den Symptombeschreibungen der WHO von Demenz und dem Posttraumatischen Belastungssyndrom etliche Überlappungen gibt und geht der Frage nach, ob möglicherweise die den Symptomen zu Grunde liegenden Ursachen nicht in vollem Umfang Beachtung finden. Besonders weist sie in diesem Zusammenhang auf die Problematik der Gabe von Psychopharmaka hin und auf die Tatsache, dass in der Gerontopsychiatrie ein Zusammenhang zwischen früheren Erfahrungen sexualisierter Gewalt und (geronto)psychiatrischen Auffälligkeiten nicht gesehen wird.

Hintergrund und Vorgeschichte

Martina Böhmer ist staatlich anerkannte Altenpflegerin, hat Erfahrung in der stationären und der ambulanten Altenpflege und arbeitet zur Zeit als Stationsleiterin auf einer Geriatrischen Station in einem großstädtischen Krankenhaus.

Durch bestimmte Erfahrungen bei der Pflege alter Frauen (Abwehr, Panik, Verwirrtheits-Zustände) wurde sie sensibilisiert für Probleme, die sich bei vielen alten Frauen zeigen, vor allem bei der körperlichen Intimpflege, bei der Hilfe beim Toilettengang, bei der Pflege durch Männer. Als sie einmal erkannt hatte, dass frühere Gewalterfahrungen mit Männern hier eine Rolle spielen könnten, stieß sie auf immer mehr Indizien; viele der betroffenen alten Frauen waren allerdings nicht in der Lage, hierüber zu sprechen, zumal sie die traumatisierenden Erlebnisse wahrscheinlich Jahrzehnte lang verdrängt hatten. Und nun, als in der Pflege-Situation durch Assoziationen zu jenen Vergewaltigungs-Erlebnissen die alten Ängste und Erlebnisse reaktiviert wurden, erlebten sie diese wieder – oft ohne dass dies ihnen bewusst war.

Die Autorin ging diesen Fragen nach im Rahmen der Biografie-Arbeit, sowohl in individuellen Lebensläufen als auch kohorten-spezifisch (Kriegs- und Nachkriegserlebnisse) und kommt zu dem Schluss, dass hier ein Bereich dringend erforscht werden muss, damit auch alten Frauen jene Hilfen angeboten werden können, die jüngeren zur Verfügung stehen. Schließlich ruft sie zu mehr Solidarität von jungen mit alten Frauen auf, was sich in der Beschäftigung mit diesem Thema zeigen könne.

Inhalt und Gliederung

Nach einem kurzen Hinweis auf die Bedeutung der Biografie-Arbeit in der Altenpflege setzt Martina Böhmer sich mit dem von ihr gewählten Begriff: „sexualisierte Gewalt“ anstelle von „sexuellem Missbrauch“ auseinander, beschreibt allgemein die Funktion von Vergewaltigung für Männer (Macht, und nicht sexuelle Lust per se), geht auf die Bedeutung von Vergewaltigungen im kriegerischen Kontext ein und befasst sich dann mit den geschichtlich belegten Vergewaltigungen und der Zwangsprostitution in und nach dem zweiten Weltkrieg. Illustriert wird dieser Abschnitt durch die Wiedergabe eines Vortrags zur „Stunde Null“ von Erika Schilling.

Es folgt die „Lebensgeschichte einer Betroffenen“; einer Frau, geboren 1925, die sich bereit erklärt hatte, diese für das Buch zur Verfügung zu stellen.

Im nächsten Kapitel werden „Traumatische Störungen als Folge von sexualisierter männlicher Gewalt“ beschrieben; es folgen eine Darlegung des Posttraumatischen Belastungssyndroms und ein Abriss zu dementiellen Erkrankungen, wobei auf die Übereinstimmung etlicher Symptome hingewiesen wird.

Im Kapitel über die Situation alter Frauen in der Pflege wird die Tatsache, dass durch den Umzug in ein Heim die bestehenden Stütz-Strukturen abhanden kommen und hier (wieder) ein völliges Ausgeliefertsein erlebt wird, beschrieben und in Zusammenhang gesehen mit früheren Gewalterfahrungen. Das Verabreichen von Psychopharmaka wird detailliert dargestellt und problematisiert. Aber auch zu Hause lebende alte Frauen erleben Fremdbestimmheit in Zusammenhang mit der Pflege. Außerdem: Als selbst Pflegende ihrer bedürftigen Ehemänner kann es durchaus sein, dass Gewalterfahrungen in der Ehe sich hier erschwerend geltend machen.

Nach einer Übersicht über Zahlen aus Untersuchungen und Erfahrungsberichten folgt im darauf folgenden Abschnitt anhand einer Fallgeschichte aus einer geschlossenen Abteilung eine vehemente Klage – und Anklage – über die erlebte Unfähigkeit seitens der Schulpsychiatrie, sich diesem möglichen Ursachenzusammenhang zu stellen: Sexuelle Gewalt in der Kindheit und Schizofrenie werden z. B. nicht kausal verbunden.

Der „fiktive Tagesablauf einer alten Frau in der stationären Pflege“ endet mit einem drängenden Aufruf, bei Problemen bei der Pflege alter Frauen solche Erinnerungen als mögliche Ursache im Blick zu haben.

Im folgenden Kapitel wendet sich Martina Böhmer an die Pflegenden, regt zu selbstkritischem Fragen an, sowohl was den Umgang mit den alten Menschen als auch die eigene Einstellung zu Sexualität betrifft. Sie fasst jene Verhaltensauffälligkeiten zusammen, die auf eine solche Vorgeschichte und den Zusammenhang mit dem dadurch ausgelösten Posttraumatischen Belastungssyndrom hinweisen könnten. Diese Auffälligkeiten könnten im Rahmen einer Pflegediagnose beschrieben werden und dann als Grundlage für die zu formulierenden Pflegeziele dienen; die Autorin gibt dafür Beispiele an.

Zum Schluss werden auf Grund der dargelegten Erkenntnisse Forderungen erhoben, u. a. für ein besseres Verständnis und ein anderes Umgehen mit alten Frauen, und die Autorin problematisiert das sogenannte Realitäts- und Orientierungstraining unter diesem Gesichtspunkt.

Zielgruppen

Alle mit der Pflege alter Menschen, insbesondere alter Frauen, befasste Personen: professionell Pflegende, Töchter, Schwiegertöchter, Enkelinnen – und wohl auch deren männlicher Gegenpart.

Ferner Fachpflegekräfte in der Gerontopsychiatrie, Ärzte, Therapeuten, Lehrende der verschiedenen Pflegerichtungen.

Einschätzung und Fazit

„Erfahrungen sexualisierter Gewalt in der Lebensgeschichte alter Frauen“ ist ein fachlich fundiertes Buch, das sowohl für Laien als für Fachleute geeignet ist. Die Autorin zeigt sich als sehr qualifizierte und engagierte Fachkraft auf dem Gebiet der gerontopsychiatrischen und der frauenorientierten Pflege; dies führt zu einer gewollten, notwendigen, und nicht abwertend zu sehenden Parteilichkeit. Hier wird ein bisher noch nicht erkannter Zusammenhang zwischen „sexualisierter Gewalt“, gerontopsychiatrischen Auffälligkeiten und dem Posttraumatischen Belastungssyndrom in einer klaren Sprache kompetent, flüssig und schlüssig dargelegt.

Martina Böhmer dokumentiert nicht nur, sie bietet auch einen Leitfaden an für Erkennung von und Umgang mit Spätfolgen früherer erlebter männlicher Gewalt, in der Kindheit, aber auch z. B. im Zusammenleben mit einem Partner.

Dafür sei besonders auf die Abschnitte „Pflegediagnose“ und „Pflegeziele“ verwiesen.

Das vorliegende Buch fordert zum Nachdenken über den eigenen pflegerischen Umgang mit alten Menschen auf, über die relativ häufig ziemlich vorschnell und oft wohl als aus Hilflosigkeit heraus zu verstehenden Verabreichung von Psychopharmaka. Es sollte als Ausgangspunkt für umfangreichere Forschungen zu dieser Thematik dienen.

Rezension von
Kinie Hoogers
Diplom-Pädagogin
Fortbildungen in der Altenpflege, Gerontologische und altenpflegerische Forschung

Es gibt 10 Rezensionen von Kinie Hoogers.

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Zitiervorschlag
Kinie Hoogers. Rezension vom 25.07.2022 zu: Martina Böhmer: Erfahrungen sexualisierter Gewalt in der Lebensgeschichte alter Frauen. Ansätze für eine frauenorientierte Altenarbeit. Mit einem Vorwort von Luise F. Pusch. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2000. ISBN 978-3-933050-16-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2.php, Datum des Zugriffs 11.08.2022.


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