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Otto Schmid, Thomas Müller: Empfehlungen zum Beratungssetting in Substitutions­behandlungen

Cover Otto Schmid, Thomas Müller: Empfehlungen zum Beratungssetting in Substitutionsbehandlungen. Herbert Utz Verlag (München) 2015. 37 Seiten. ISBN 978-3-8316-4462-9. D: 32,00 EUR, A: 32,90 EUR, CH: 42,90 sFr.
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Thema

Das Büchlein (der Diminutiv ist bei 37 Seiten durchaus angebracht) zeigt in knapper Darstellung auf, wie sich ein Beratungssetting in Substitutionsbehandlungen vor dem Hintergrund einer humanistischen Grundhaltung nutzbringend durchführen lässt.

Autoren

Die beiden Autoren haben mittlerweile schon mehrere Bücher zusammen herausgegeben. Otto Schmid war ursprünglich Pflegefachmann und hat heute ein Doktorat in Sozialwissenschaften, einen MBA in Betriebsökonomie für Non-Profit-Organisationen und Management, ist zertifizierter Trainer für Motivierende Gesprächsführung und Mitglied der internationalen Gesellschaft „Motivational Interviewing Network of Trainers“ (MINT), hat eine Ausbildung in Hochschuldidaktik, ist Trainer für kontrollierten Substanzkonsum KISS (Kompetenz im selbstbestimmten Substanzkonsum), hat eine Ausbildung in CRA (Community Reinforcement Approach) und Weiterbildungen in Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT). Thomas Müller ist ausgebildeter Auditor für Managementsysteme. Beide waren in der Leitung der Basler heroingestützten Behandlung Janus tätig. Otto Schmid ist heute selbständiger Suchtcoach.

Entstehungshintergrund

Die Publikation ist ein Meilenstein in einer länger andauernden Debatte darüber, wie eigentlich bei einer substitutionsgestützten Behandlung die psychosoziale Betreuung auszugestalten sei. Schon länger bestand die Herausforderung an die Vertreter der psychosozialen Betreuung in den substitutionsgestützten Behandlungen, etwas zu den schweizerischen medizinischen S2-Empfehlungen der SSAM (Schweizerische Gesellschaft für Suchtmedizin) Vergleichbares zu produzieren. Zwar findet sich bis hin zu den Empfehlungen der WHO in allen Guide Lines, Richtlinien, Empfehlungen, sogar zum Teil in Gesetzen zu substitutionsgestützten Behandlungen, dass die psychosoziale Betreuung ein Teil davon sein soll oder sogar sein muss. Die wissenschaftliche Evidenz dazu, was die richtige Methode ist und was wirkt, ist leider sehr dünn. Meta-Analysen fehlen natürlich bei der sehr unterschiedlichen Interpretation, was psychosoziale Betreuung bedeutet und beinhaltet, und bei der angewandten breiten Methodenvielfalt.

Aufbau

Die vorliegende Arbeit richtet sich an fünf übergeordneten Paradigmen in der Beratung aus. Diese werden einzeln ausgeführt und es werden dazu Empfehlungen abgegeben. Im Anschluss daran wird als Übersicht auf allgemeine Grundelemente in der Beratung eingegangen und einen kurzen Abriss zu einigen Beratungsmodellen mit Indikation und Kontraindikation gegeben.

Inhalt

Die fünf übergeordneten Paradigmen der Beratung gemäss den Autoren sind:

  1. Humanistische Grundhaltung
  2. Recht auf Selbstbestimmung des Patienten
  3. Anerkennung des Akzeptanzparadigmas
  4. Restriktionsfreies Setting – Restriktion als Ultima Ratio
  5. Regelmässiger persönlicher Kontakt mit Vertrauensperson

Humanistische Grundhaltung bedeutet, das Gegenüber als aktiver Gestalter der eigenen Existenz wahrzunehmen und ihm wertschätzend gegenüberzutreten.

Damit die Patienten ihr Recht auf Selbstbestimmung wahrnehmen zu können, benötigen sie ein Empowerment. Dies soll der Berater unterstützen und sich selber bewusst sein, dass er nicht der Problemlöser sein kann und soll. Der Berater unterstützt in der Erarbeitung einer Zielsetzung und der Erreichung der selbst gesetzten Ziele. Die Ziele ordnen sich im Kontext der Substitutionsbehandlung zwischen einfacher Überlebenshilfe bis hin zur völligen gesellschaftlichen Integration ein.

Achtsamkeit ist geboten, wenn gesetzte Ziele nicht erreicht werden. Der Berater soll dies nicht als Versagen oder fehlende Motivation interpretieren, sondern dem Patienten helfen, neue, bessere Strategien zu entwickeln.

Weil in der Substitutionsbehandlung das wichtigste und primäre Ziel der Behandlung die Erhaltung des Lebens ist, wird die Anerkennung des Akzeptanzparadigmas zu einem wichtigen Grundstein in der Beratung. Im Vordergrund der Beratung soll eine verbesserte Lebensqualität als Ziel stehen und nicht primär die Abstinenz. Das heisst aber nicht, dass Verringerung des Beikonsums nicht ein Beratungsthema und Ziel sein soll.

Die Beratung sollte in einem möglichst wenig restriktiven Setting erfolgen. Es sollten nur wenige, gut verständliche Regeln aufgestellt werden, die für die Sicherheit des Betriebs und den Schutz der beteiligten Personen nötig sind. Demütigungen und Entzug der Medikation als Sanktionen sind nicht erlaubt. Letztlich hat die Behandlung keinen ordnungspolitischen Auftrag, dafür für sind andere Instanzen zuständig.

Die Autoren halten fest, dass die Grundlage der Beratung eine tragfähige Beziehung ist. Neben regelmässigen Beratungsgesprächen konnten sie die Erfahrung in ihrer Arbeit machen, dass Kurzkontakte, wie sie in der Abgabesituation möglich sind, die Beziehung fördern. Besonderes Augenmerk sollte interkulturellen und genderspezifischen Aspekten geschenkt werden und bei der Zuteilung von Bezugspersonen beachtet werden.

In einem letzten Kapitel werden nun vorerst einige generelle Bemerkungen zu Beratung gemacht. Danach werden ausgewählte Beratungsmodelle kurz dargestellt. Es sind dies:

  • Kognitive Verhaltenstherapie
  • Motivational Interviewing (Motivierende Gesprächsführung)
  • Das Transtheoretische Modell
  • Sokratische Gesprächsführung
  • Community Reinforcement Approach (CRA)
  • Training emotionaler Kompetenzen (TEK)
  • Kontingenzmanagement (Contingency management)
  • Rückfallprävention
  • Tagebücher / Selbstbeobachtungsprotokolle
  • Gruppenangebote

Jedes Modell wird kurz eingeführt und jeweils Indikationen und Kontraindikationen angeben. Zu jedem dieser kleinen Unterkapitel wird weiter führende Literatur angegeben.

Abgeschlossen wird die Publikation mit einer nochmaligen vollständigen Liste der im Text verwendeten Literatur.

Diskussion

Diese Publikation ist einzigartig in ihrer Prägnanz. In kurzer und präziser Form wird dargestellt, wie eine Begleitbetreuung zur Medikamentenabgabe in der Substitution gestaltet werden kann und soll. Die dargestellten Grundparadigmen gründen auf Menschenrechten, die zu oft in der Substitution zu wenig beachtet werden. Die dargestellten Behandlungsmodelle entsprechen dem, was auch international in der Suchtbehandlung als nützlich angesehen wird. Die Autoren sind aber keine reinen Theoretiker. Aus dem Text spricht auch die langjährige Erfahrung mit Patienten in einer heroingestützten Behandlung.

Fazit

Das Buch ist allen in der Substitution Tätigen wärmstens zur Lektüre zu empfehlen. Es ist aufgrund seiner Kürze schnell vollständig gelesen. Das Buch ist mit seinen „Do´s and Don´t´s“ letztlich nicht dogmatisch, sondern kann helfen seinen eigenen Stil in der erfolgreichen ethisch geleiteten Beratung zu finden. Zudem ist das Buch auch dienlich, um schnell etwas zu Beratung nachzuschlagen.

Sucht man das sprichwörtliche Haar in der Suppe, so ist es der Preis. Mit EUR 32.- schlägt er etwas üppig zu Buche.


Rezensent
Dr. med. Robert Hämmig
Psychiatrie & Psychotherapie FMH, Leitender Arzt Schwerpunkt Sucht, Universitätsklinik für Psychiatrie & Psychotherapie, Universitäre Psychiatrische Dienste Bern
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Zitiervorschlag
Robert Hämmig. Rezension vom 12.04.2016 zu: Otto Schmid, Thomas Müller: Empfehlungen zum Beratungssetting in Substitutionsbehandlungen. Herbert Utz Verlag (München) 2015. ISBN 978-3-8316-4462-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20000.php, Datum des Zugriffs 17.09.2019.


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