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Christina Callori-Gehlsen: Georg Hüssler - Reisender in Sachen Nächstenliebe

Cover Christina Callori-Gehlsen: Georg Hüssler - Reisender in Sachen Nächstenliebe. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2015. 103 Seiten. ISBN 978-3-7841-2705-7. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,90 sFr.

caritas international - brennpunkte, 9.
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Thema

Das Buch erzählt die Lebensgeschichte von Georg Hüssler (1921-2013), dem langjährigen Präsidenten des deutschen Caritasverbandes (DCV) von 1969-1991, der viele Jahre (1975-1983) zugleich Präsident von Caritas Internationalis war.

Autorin

Christina Calloris-Gehlsen (geb. 1940 in Rom) hat an der Secula Interpreti in Rom ein Sprachstudium absolviert. Bereits während des Studiums begann sie für Caritas Internationalis zu arbeiten und war in diesem Rahmen an zahlreichen Katastropheneinsätzen beteiligt. Von 1980 bis 2003 arbeitete sie in der Bibliothek des DCV in Freiburg.

Entstehungshintergrund

Die Autorin begegnete Georg Hüssler 1961 bei Caritas Internationalis und stand ihm seither nahe. Sie hat diese Biographie (unterstützt durch eigene Aufzeichnungen sowie Aufzeichnungen der im Lambertus-Verlag veröffentlichten CD) im Stile einer Autobiographie in Ich-Form verfasst.

Aufbau und Inhalt

Callori-Gehlsen erzählt Hüsslers Leben chronologisch in 10 Kapiteln:

  1. Die Herkunft
  2. Die Entscheidung
  3. Der Anfang in Freiburg
  4. Aufbau der katholischen Auslandhilfe in Deutschland
  5. Generalsekretär
  6. Mein erster großer Auslandseinsatz: Algerien
  7. Die gewaltige Herausforderung im Vietnamkrieg
  8. Wieder bei der Arbeit im Caritasverband
  9. Biafra
  10. Der Abschied.

Dem vorgeschaltet ist ein kleines Kapitel mit dem Titel „Georg Hüssler, erzählte Erinnerungen (aufgezeichnet von Christina Callori-Gehlsen)“. Hüssler reflektiert in diesem Eingangskapitel sein Leben zum Zeitpunkt seines Asyls im Vatikanstaat, direkt nach seiner Flucht aus rumänischer Gefangenschaft gegen Ende des 2.Weltkriegs: „Mir bot sich in dieser Zeit die Gelegenheit zu vielen Gesprächen – mit von Kessel [deutscher Diplomat und Widerstandskämpfer] und den anderen Deutschen und Juden, die im Vatikan Zuflucht gefunden hatten.“

„Bis dahin hatten Existenznot und Angst um das eigene Leben dominiert, jetzt hatte ich Zeit mich zu öffnen und mich mit den Schuldzusammenhängen des Krieges auseinanderzusetzen. Ich bekam eine Ahnung vom Genozid der Juden in Europa. Die im Vatikan erhältlichen Informationen waren völlig anderer Natur, als die, die uns als Soldaten an der Front oder im Gefangenenlager erreicht hatten … Der Aufenthalt in der sicheren Umgebung gab mir die Möglichkeit das eigene Erlebte zu verarbeiten und zugleich das schreckliche letzte halbe Kriegsjahr zu beobachten.“ (Beide S.10f)

Georg Hüssler wurde 1921 als Kind eines elsässischen Vaters und einer deutschen Mutter geboren. Er wuchs in dieser deutsch-französischen Grenzregion zweisprachig auf. Er hat in Montpellier, Straßburg, Heidelberg und Freiburg Medizin studiert, wurde dann aber 1942 als Sanitäter zur (deutschen) Luftwaffe eingezogen. 1944 geriet er in rumänische Gefangenschaft, floh und erhielt noch 1944 Asyl im Vatikanstaat. Er nahm das Medizinstudium nicht wieder auf, sondern entschied sich zum Theologiestudium 1946 am Germanicum und an der Päpstlichen Universität; 1951 wurde er in Rom zum Priester geweiht.

Über seine Jugend schreibt er: „So bin ich in Deutschland und in Frankreich aufgewachsen und habe schließlich in Italien studiert mit dem Ergebnis, dass ich keine Wurzeln habe. Ich habe keine deutschen, keine französischen und keine italienischen Wurzeln – ich liebe diese drei Länder, ärgere mich über Fehlleistungen und freue mich über die guten Seiten – aber im Grunde bin ich entwurzelt.“ (S.15)

1957 wurde Hüssler promoviert und wurde wenig später Assistent von Alois Eckert, dem damaligen DCV-Präsidenten. 1959 wurde er dann zum Generalsekretär des DCV gewählt. Als Generalsekretär war Hüssler sowohl für die Inlands- als auch die Auslandsarbeit zuständig, mit engen Kontakten zu Caritas Internationalis in Rom.

1960 hatte Hüssler seinen ersten großen Auslandseinsatz. Mitten im Algerienkrieg (1954-1962) hatte er Kontakt zur Front Liberation National (FLN) und unterstützte im Namen der Caritas ein Flüchtlingsheim für algerische Kinder der Exil-Gewerkschaft UGTA. Hüssler resümiert: „In dieser Zeit habe ich große Erfahrungen in der Zusammenarbeit zwischen Muslimen und Christen gesammelt – und auch im Umgang mit religiösen Minderheiten. … Als Caritas hatten wir viele Möglichkeiten im Bereich des Sozialen ausgleichend zu wirken. Tatsache ist auch, dass die meisten Angestellten der neu gegründeten Caritasverbände Muslime waren, die eine vorzügliche Arbeit geleistet haben.“ (S.40)

Eine weitere große Etappe war das Engagement von Hüssler in Vietnam, auch zur Zeit des Vietnamkrieges. Vietnam hat – nach den Philippinen – die zweitgrößte katholische Gemeinde in Südostasien. Unter Leitung des bekannten evangelischen Theologien Martin Niemöller, reiste Hüssler nach Vietnam. Die Delegation wurde im Januar 1967 von Ho Chi Minh empfangen. „Das Kernziel der Begegnung war Kontaktaufnahme mit kirchlichen Gruppen, um über diese Unterstützung und Hilfe zu erhalten.“ (S.65) „Zusammenfassend kann ich sagen, dass unsere Reise nach Nordvietnam und die Audienz bei Ho Chi Minh weltweit eine positive Resonanz hatte – teils weil Pastor Niemöller eine international bekannte Persönlichkeit war, teils weil sich mit mir die Caritas an dieser Mission beteiligt hatte. Das Treffen mit Ho Chi Minh hat uns während des ganzen Krieges die Türen für Hilfen auch in Nordvietnam geöffnet. Das galt auch für Südvietnam.“ (S.70f)

Im Rahmen der Auslandseinsätze pflegte Hüssler eine sehr enge Zusammenarbeit mit Caritas Internationalis, deren Präsident er dann 1975-1983 zugleich war. Ausgedehnte Reisen in Krisen- und Kriegsgebiete wurden aufgrund der Doppelbelastung seltener.

Im Mai 1991 schließlich zog sich Hüssler vom Präsidentenamt des DCV zurück. Er beschreibt die Übergabe: „ … dass ich nur noch bis Mai 1991 als Präsident tätig sein würde. Bis dahin musste ein neuer Präsident gefunden werden. Die Wahl fiel auf Helmut Puschmann. Er hatte sich nie Präsident der Caritas der DDR nennen lassen. [Puschmann war seit 1982 u.a. Leiter der Zentralstelle Berlin(Ost) des Deutschen Caritasverbandes] Nur wenn ich rüberkam, war ich der Präsident der Deutschen Caritas. Wir haben also die ganzen Jahre die Fiktion einer einheitlichen deutschen Caritas aufrechterhalten. Diese Fiktion wurde nun Wirklichkeit und Helmut Puschmann Präsident des Deutschen Caritasverbandes. Er konnte sofort die Geschäfte übernehmen und wir hatten keine Probleme mit der Anpassung von Ost und West.“ (S.93)

Georg Hüssler war schließlich noch vier Jahre lang Ehrenpräsident von Caritas Internationalis. Der Papst ernannte Georg Hüssler zum Päpstlichen Ehrenkaplan (Monsignore), später zum Prälaten. 1991 erfolgte die Ernennung zum Ehrenbürger der Stadt Freiburg im Breisgau. (S.97)

Diskussion

Christina Callori-Gehlsen beschreibt die Lebensgeschichte von Georg Hüssler im Stile einer Autobiographie: „Ich hatte das Privileg, dass er mir einige wichtige und interessante Dinge hauptsächlich von seiner internationalen Tätigkeit und seinen oft abenteuerlichen Reisen erzählt hat. Ich habe mir Notizen gemacht, zum Teil auch mitgeschrieben, und ihm dann vorgelegt. Andere Berichte habe ich der im Lambertus-Verlag veröffentlichten CD entnommen.“ (S.95)

Auf diese Weise ist ein kurzweiliges Buch entstanden mit einem Schwerpunkt auf Hüsslers Auslandseinsätze für die Caritas – was auch im Untertitel „Reisender in Sachen Nächstenliebe“ zum Ausdruck kommt. Das Buch konzentriert sich überwiegend auf sein Tun, auf seine Reisen und seine Hilfsaktionen.

Man erfährt daher wenig über Hüsslers organisatorische Leistungen. Der SPIEGEL formulierte in seinem Nachruf: „In seiner über 30-jährigen Amtszeit revolutionierte er die Organisation, die zu den größten Wohlfahrtsverbänden in der Welt zählt: Die Caritas hatte sich bis dahin hauptsächlich auf ehrenamtliche Helfer gestützt, Hüssler baute eine Mannschaft mit Hunderttausenden Beschäftigten auf.“ (Der Spiegel 17/2013, S.142)

„Es ist viel über Georg Hüssler geschrieben worden. Er selbst hat wenig geschrieben, sondern war allgemein als ein mitreißender Erzähler bekannt.“ (S.95), schreibt Callori-Gehlsen in einem Informationskasten am Ende des Buches. Dementsprechend hat die Autorin versucht, im Erzählstil von Hüssler zu schreiben: „Ich hoffe, dass es mir gelungen ist, ein wenig den O-Ton von Georg Hüssler getroffen zu haben.“ (S.95) Dadurch wirkt das Buch einerseits sehr lebendig.

Andererseits ist dieses sprachliche Vorgehen durchaus ein Wagnis. Denn, man liest dieses Buch wie eine Autobiographie. Die von Callori-Gehlsen gewählte Sprache ist oft einfach gehalten, zuweilen einfacher, als es dem Gegenstand gut tun würde.

Zwei Beispiele, eines von der Vietnam-Reise mit Zwischenaufenthalt in Nanning, China, mit Martin Niemöller: „Wir verstanden nichts und konnten keinen Schritt hinausgehen. Außer uns waren zwei stille Diplomaten anwesend. Martin Niemöller erwies sich auf dieser Reise als ein guter Kamerad. Sein Vorrat an Geschichten war unerschöpflich: er erzählte vom U-Boot im ersten Weltkrieg und von seiner Haft von 1941 bis 1945 in Dachau im „Promintencamp“ mit vielen berühmten Leidensgenossen wie Léon Blum, Kurt Schuschnigg und anderen.“ (S.66)

Ein Zweites im Kapitel Biafra: „Wir haben das getan, was notwendig war, keine Zeit verloren [sie hatten Flugzeuge erworben für die Biafra-Hilfe]. Es ist wie beim Samariter in der Bibel, der hatte auch keine Zeit nachzudenken – hätte er nachgedacht, hätte er es nicht gemacht. Er hätte tausend Gründe gefunden, diesen armen niedergeschlagenen Mann liegen zu lassen. Er hat nicht nachgedacht und als er den Mann schließlich auf dem Esel hatte, dann hat er nachgedacht. Was mach ich jetzt mit dem. Da fiel ihm die Herberge ein und er hat in dorthin gebracht. So haben auch wir mit Caritas Internationalis einfach geholfen, …“ (S.91)

Die Leser sollten das Buch daher mit einer gewissen sprachlichen Vorsicht lesen.

Fazit

Das vorliegende Buch beschreibt den Lebensweg von Georg Hüssler, von 1969-1991 Präsident des Deutschen Caritas Verbandes (DCV). Die Autorin setzt hierbei einen Schwerpunkt auf Hüsslers Auslandsreisen (Algerien, Vietnam, Biafra), was sich im Untertitel „Reisender in Sachen Nächstenliebe“ widerspiegelt. Das Buch konzentriert sich überwiegend auf sein Tun, auf seine Reisen und seine Hilfsaktionen.

Callori-Gehlsen schreibt das Buch in Ich-Form, es liest sich daher wie eine Autobiographie. Dadurch ist einerseits ein sehr lebendiges Buch entstanden. Andererseits hat die Autorin das Buch in sehr einfacher Erzählsprache geschrieben, manchmal einfacher als es dem beschriebenen Gegenstand gut tut (Beispiele siehe Kapitel Diskussion).

Summary

This book describes the life journey of Georg Hüssler, former president of the German Caritas Association (DCV) from 1969-1991. The author focuses on Hüsslers foreign visits (Algeria, Vietnam, Biafra), reflected in the subtitle of the book „Traveller in Cause of Charity”. The book concentrates on the visits and aid projects of Hüssler on behalf of Caritas Germany.

Callori-Gehlsen writes from the perspective of Georg Hüssler as a first-person narrator, thus you read this book like an autobiography. As a result you obtain a very living portrait of Georg Hüssler. The author, however, writes in a very simple narrative language, a language, which to some extend seems a bit too simple for the respective subject matter (for quoted examples see chapter Discussion of this review).


Rezensent
Dr. Thomas Kowalczyk
Geschäftsführer COMES e.V., Berlin
Homepage www.comes-berlin.de
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Zitiervorschlag
Thomas Kowalczyk. Rezension vom 15.01.2016 zu: Christina Callori-Gehlsen: Georg Hüssler - Reisender in Sachen Nächstenliebe. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2015. ISBN 978-3-7841-2705-7. caritas international - brennpunkte, 9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20006.php, Datum des Zugriffs 19.01.2018.


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