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Barbara Schneider, Tilman Wetterling: Sucht und Suizidalität

Cover Barbara Schneider, Tilman Wetterling: Sucht und Suizidalität. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2015. 170 Seiten. ISBN 978-3-17-023360-7. D: 32,00 EUR, A: 24,70 EUR, CH: 34,50 sFr.
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Thema

Suchterkrankungen gehören wie affektive Störungen zu den nachweislich starken Risikofaktoren für Suizide und Suizidversuche. Besonders in Verbindung mit anderen Erkrankungen und schweren Belastungen wie Arbeitslosigkeit und sozialen Verlusten verstärken Suchterkrankungen noch das Risiko, dass Menschen als Ausweg aus ihrer Misere den Suizid wählen.

Die empirischen Befunde zum Zusammenhang von Sucht und Suizidalität sind sehr verstreut und nicht leicht in ihrer ganzen Tragweite abzuschätzen. Deshalb ist es ein großes Verdienst von Barbara Schneider und Tilmann Wetterling, die vorliegenden internationalen Befunde, empirische Studien und Theorien, zu systematisieren und ihre Relevanz für Prävention und Therapie herauszuarbeiten. Das Buch ist sehr klar und folgerichtig aufgebaut und gut lesbar. Es bietet eine ausgezeichnete Quelle für Angehörige von Gesundheits- und Sozialberufen, sich qualifiziert über den aktuellen Forschungsstand zu diesem wichtigen Themen zu informieren und für die Praxis wertvolle Anregungen zu erhalten.

Beide Autoren[1] sind seit langem mit Fragen und Themen beider Forschungsrichtungen zu Abhängigkeitserkrankungen wie Suizidalität einschlägig in Theorie und Praxis vertraut. Auch dadurch erhält das Buch seinen fachlich hohen Aussagewert.

Autoren

Prof. Dr. Barbara Schneider ist als Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie Chefärztin der Abt. Abhängigkeitserkrankungen der LVR-Klinik in Köln.

Prof. Dr. Dipl.-Chem. Timann Wetterling ist als Facharzt für Neurologie, Psychiatrie / Psychotherapie Chefarzt im Vivantes Klinikum in Hellersdorf, Berlin.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist insgesamt so aufgebaut, dass in den Kapiteln die beiden Sachverhalte, um die es geht: Suchterkrankungen und Suizid zunächst einzeln abgehandelt werden. Erst danach werden sie zusammengeführt und die Hauptfragestellung, die die empirischen Zusammenhänge betrifft, bearbeitet. Dadurch erhält der Leser eine klare Orientierung, sich nach und nach mit den Inhalten vertraut zu machen.

Zur Einleitung Kap. 1 werden zwei Fallvignetten vorgestellt, die den engen Bezug zwischen Suizidalität und Suchterkrankungen belegen. Die Autoren schreiben: „Suizidalität ist ein häufiges Phänomen bei Suchtkranken. Daher muss bei Suchterkrankungen auf Suizidalität besonders geachtet werden“(s. 14). Damit wird die Leitlinie für das gesamte Buch vorgegeben.

Das 2. Kapitel Allgemeine und klinische Epidemiologie befasst sich zunächst mit Fragen und Ergebnissen der Epidemiologie von Suchterkrankungen, dann mit der des suizidalen Verhaltens. Unterstützt durch die Auflistung empirischer Einzelbelege geht es in einem umfangreichen Unterkapitel um den Nachweis von Suchterkrankungen als Risikofaktoren für Suizid. Dabei wird noch nach verschiedenen Suchterkrankungen wie durch Alkohol, Nikotin und andere Substanzen differenziert. Weitere Aspekte sind die Beziehung zwischen Suizid und psychiatrischer Komorbidität bei Suchterkrankungen sowie der Einfluss von Geschlecht und Alter. Ein Unterkapitel behandelt die gleichen Fragestellungen mit Bezug auf Suizidversuche. Dazu liegen deutlich weniger Literaturquellen vor.

Das 3. Kapitel ist überschrieben mit Klinik, Verlauf, Prognose. Zunächst stehen Suchterkrankungen im Mittelpunkt; der zweite Teil fokussiert die Suizidalität. Es werden differenzierende Begriffsbestimmungen vorgenommen. Bei den Suchterkrankungen kommen klinisch-klassifikatorische Aspekte sowie Verlauf und Prognose besonders zur Sprache.

Kap 4 befasst sich unter dem Titel Ätiologie und spezielle Suchtdynamik komprimiert mit dem Entstehungsgefüge bzw. mit Entstehungsmodellen von Suchterkrankungen und Suizidalität. Thematisiert werden auch entsprechende Risikofaktoren, die mit protektiven Faktoren möglichst in Balance gebracht werden sollten. Eingefügt in Kap. 4 wird ein Methodischer Exkurs über die Erfassung von Risikofaktoren für Suizid. Ein zentraler Punkt in Kap. 4 sind Erklärungsansätze für Suizidalität bei Suchterkrankungen. Unbestritten ist wohl, dass der Konsum psychotroper Substanzen, besonders von Alkohol, suizidales Verhalten fördert, indem er Hemmungen gegen die Ausführung eines Suizids abbauen hilft.

In Kapitel 5 wird das Thema Diagnostik angeschnitten, dieses bezogen auf Suchterkrankungen und Suizidalität. Erneut kommen Risikofaktoren zur Sprache, hier unter dem Aspekt ihrer frühzeitigen diagnostischen Erfassung (auch über Warnsignale).

Kapitel 6 wendet sich mit dem Titel Interventionsplanung, interdisziplinäre Therapieansätze verstärkt der praktischen Seite des Gesamtthemas zu. Es geht zuerst um Therapie bei Abhängigkeitserkrankungen, im Besonderen bei Alkohol- und Nikotinabhängigkeit, bei Drogen- und Medikamentenabhängigkeit sowie um Therapie im Fall von Sucht bei Komorbidität mit anderen psychischen Erkrankungen. Im Weiteren stehen dann Interventionen bei Suizidalität im Vordergrund. Es geht genauer um den therapeutischen Umgang und um Nachsorge bei Suizidalität. Zentral ist die Frage nach Interventionen bei Suizidalität im Zusammenhang mit Suchterkrankungen, bei denen zwischen medikamentösen und psychosozialen Ansätzen unterschieden wird. Anhand einer Fallvignette werden häufige Schwierigkeiten bei der Behandlung suizidaler Suchtkranker angesprochen.

Um Präventive Ansätze sowohl bei Suchterkrankungen wie bei Suizidalität geht es in Kapitel 7. Unterschieden wird dabei nach dem Muster von Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention. Vieles davon ist hinlänglich bekannt, beschrieben und anwendungsreif. Dazu gehört auch die Arbeit mit Angehörigen. Anders sieht es bei der Suizidprävention bei Suchterkrankungen aus. Hier gibt es keine Empfehlungen und erprobten Strategien zur Suizidprävention.

Kapitel 8 zieht unter dem Titel Synopsis und Ausblick Bilanz und gibt einen Ausblick. Es werden Konsequenzen für Klinik und Praxis gezogen und offene Forschungsfragen formuliert.

Ein umfangreiches Literaturverzeichnis auf aktuellem Stand schließt sich an. Ein Stichwortverzeichnis erleichtert dem Leser den interessengeleiteten Zugang zu einzelnen Themen des Werks.

Fazit

Es handelt sich ohne Einschränkung um ein wissenschaftlich sehr gut fundiertes Werk, das nicht nur detaillierte Fachinformationen liefert, sondern auch klar und systematisch aufgebaut ist. Es arbeitet nicht nur den gegenwärtigen Forschungsstand zum Thema Sucht und Suizidalität in konzentrierter Form auf, sondern nimmt auch kritisch Stellung zu den offenen Fragen, die dieses Thema bis heute aufwirft.

Das Buch ist für alle diejenigen im Gesundheits- und Sozialwesen zu empfehlen, die im schwierigen Interventionsfeld von Suchterkrankung und Suizidalität beruflich tätig sind. Jede Problematik für sich stellt bereits hohe fachliche Ansprüche an Berater und Therapeuten, umso mehr dann, wenn es um die Interdependenz beider Problembereiche geht.


[1] Aus Gründen der Lesbarkeit wird im Folgenden nur die männliche Form benutzt


Rezensent
Prof. Dr. Norbert Erlemeier
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Zitiervorschlag
Norbert Erlemeier. Rezension vom 15.02.2016 zu: Barbara Schneider, Tilman Wetterling: Sucht und Suizidalität. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2015. ISBN 978-3-17-023360-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20009.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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