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Tina Friederich, Helmut Lechner u.a. (Hrsg.): Kindheitspädagogik im Aufbruch

Cover Tina Friederich, Helmut Lechner, Helga Schneider, Gabriel Schoyerer, Claudia Ueffing (Hrsg.): Kindheitspädagogik im Aufbruch. Profession, Professionalität und Professionalisierung im Diskurs. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. 240 Seiten. ISBN 978-3-7799-3282-6. D: 26,95 EUR, A: 27,70 EUR, CH: 37,10 sFr.
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Thema

Im vorliegenden Band werden aktuelle Diskurse zur Professionalisierung der Kindheitspädagogik beleuchtet, Diskussionslinien aufgegriffen und bislang vernachlässigte Aspekte stärker in den Fokus gerückt. Dabei steht vor allem der Begriff der Professionalisierung im Mittelpunkt.

Entstehungshintergrund

Ausgehend von einer Kolloquiumsreihe zur Professionalisierung im Arbeitsfeld der Kindertagesbetreuung (angelegt als Kooperationsprojekt zwischen dem DJI, der katholischen Stiftungshochschule München und der HS München) wurden zentrale Ergebnisse der Vortragsreihe im vorliegenden Band zusammengetragen.

Aufbau

Konzipiert als Sammelband, wird das Werk mit einem Vorwort eröffnet, das Entstehungshintergründe transparent macht. Die Einleitung, verfasst von den Herausgeber*innen, zeigt auf kurz gehaltenen 7 Seiten die thematisch wichtigsten Diskussionsbeiträge auf (S. 9-15). Das Buch ist inhaltlich in drei Teile aufgeteilt.

    Im ersten Teil mit dem Titel Theoretische und konzeptionelle Zugänge sind folgende Beiträge versammelt:

  1. Peter Cloos: Professionalisierung der Kindertagesbetreuung. Professionstheoretische Vergewisserungen, S. 18-37.

  2. Tina Friederich und Gabriel Schoyerer: Professionalisierung des Systems Kindertagesbetreuung. Zum Verhältnis von Fachkräften, Strukturen und Kontexten, S. 38-63.
  3. Helga Schneider: Professionalisierung ohne Kollektivierung? Zur Konstruktion der Profession im gegenwärtigen Diskurs der Kindheitspädagogik, S. 64-79.
  4. Im zweiten Teil sind unter dem Titel Wiederentdeckte Perspektiven auf Professionalisierung, Professionalität und Profession folgende Beiträge zusammengefasst:

  5. Anke König: Professionalisierung durch Weiterbildung. Chancen von Begründungswissen und Handlungskompetenz für das Feld der Frühen Bildung, S. 80-92.
  6. Helmut Lechner: Professionalisierung und Kompetenzentwicklung. Überlegungen zur Genese von individueller Professionalität, S. 93-106.
  7. Thomas Schumacher: Ethik als Strukturelement für frühpädagogische Praxis?, S. 107-124.
  8. Claudia M. Ueffing: Ethik des Handelns in der Kindheitspädagogik – oder: das Dilemma des handelnden Subjekts, S. 125-138.
  9. Im dritten Teil, Ausgewählte Standpunkte aus Sicht von Wissenschaft, Unterricht und Lehre, sind folgende Beiträge versammelt:

  10. Sigrid Christeiner: Professionalisierung aus Sicht der Fachakademien. Strategische Platzierung frühpädagogischer Berufe, S. 140-146.
  11. Leonie Herwartz-Emden und Annette Schultheiß: Professionalisierung in der Kindertagesbetreuung. Aspekte interkultureller Elementarpädagogik, S. 147-154.
  12. Jens Kratzmann: Professionalisierung frühpädagogischer fachkräftein kindheitspädagogischen Studiengängen – ein Statement, S. 155-159.
  13. Pamela Oberhuemer: Frühpädagogische Professionalisierung als mutli-dimensionales Projekt – Internationale Diskurse, S. 160-164.
  14. Andreas Wildgruber: Der Beitrag der (Interaktions-)Forschung zur Professionalisierung des pädagogischen Handelns, S. 165-168.
  15. Tina Friederich, Helmut Lechner, Helga Schneider, Gabriel Schoyerer und Claudia M. Ueffing: Kindheitspädagogik im Aufbruch – Perspektiven und Ausblick, S. 169-173.

Ein Verzeichnis der Autorinnen des Bandes rundet das Sammelwerk ab. Wie bei Rezensionen üblich wird eine zufällig vorgenommene Auswahl der Beiträge rezensiert.

Ausgewählte Inhalte

Im Folgenden stelle ich aus jedem der drei Teile einen Beitrag exemplarisch etwas ausführlicher vor.

Nach der Einleitung eröffnet Peter Cloos den Sammelband mit seinem Beitrag zur Professionalisierung der Kindertagesbetreuung und professionstheoretischen Vergewisserungen. Cloos beginnt mit einem Überblick zu Perspektiven der Professions- und Professionalisierungsdiskussion.

  1. Im ersten Abschnitt konturiert er Merkmale der Profession, differenztheoretische Einwände (und damit einhergehender Ein- und Abgrenzung von Profession, Professionalität und Professionalisierung), skizziert einen knappen historischen Überblick (im Abschnitt von der Professionstheorie zur Theorie professionellen Handelns und verschränkt das Habitus-Konstrukt mit der Professionsentwicklung (genauer: der Professionsentwicklungsforschung).
  2. Im zweiten Abschnitt mit dem Titel Macht, Nimbus, Mandat der Profession werden zwei professionstheoretische Ansätze vorgestellt.
  3. Im dritten Abschnitt wird spezifischer auf die frühpädagogische Professionsforschung eingegangen. Neben einer konstatierten Ausweitung der frühpädagogischen Professionsforschung wird selbige als Dispositionsforschung ((genauer: Dispositionen des Könnens) und Performanzforschung (die im Handeln realisierten Kompetenzen / Qualität des Handelns) charakterisiert.
  4. Im vierten Abschnitt wird das Profil der Frühpädagogik als Profession kritisch hinterfragt und damit zum
  5. 5. Abschnitt übergeleitet, der nach dem Professionalisierungsdilemma der Kindertagesbetreuung (genauer in den Blick genommen als Kernarbeitsfeld) fragt.

Helmut Lechner stellt in seinem Beitrag Professionalisierung und Kompetenzentwicklung Überlegungen zur Genese individueller Professionalität an. Er führt knapp in die Problemstellung ein, diskutiert im Anschluss sowohl das Themenfeld Professionalität und dessen Genese als auch professionelle Kompetenzen und gibt Hinweise zur Selbstreflexion. Im fünften und sechsten Unterkapitel wird auf die Relevanz und Signifikanz von Haltungen und beliefs rekurriert. Empathieentwicklung wird als drittes Beispiel für fachliche Kompetenzen (nach Haltungen und Einstellungen/Überzeugungen) angeführt und an Chancen für die Aus-, Fort- und Weiterbildung gekoppelt. Im Ausblick reflektiert Lechner zur Frage, inwieweit biologische Perspektiven zur Klärung der Genese individueller Professionalität beitragen: „Es könnte … die These in den Raum gestellt werden, dass die Synthese biografisch impliziter und formal deklarativer Lernprozesse nicht didaktisch zu vermitteln ist“ (S. 104).

Leonie Herwartz-Emden und Anette Schultheiß beschreiben in ihrem Beitrag Professionalisierung in der Kindertagesbetreuung anhand von Aspekten interkultureller Elementarpädagogik. Darin wird nach der Einleitung auf Heterogenität in Kindertageseinrichtungen verwiesen mit besonderer Berücksichtigung von Kindern mit Migrationshintergrund, um im Anschluss pädagogische Konzepte einer Revision zu unterziehen. Darin wird auch die Sprachförderung verortet und Forderungen nach Aus- und Weiterbildung aufgestellt, deren deutliche Defizite (quantitativ wie qualitativ) kritisiert werden.

Diskussion

Im Beitrag von Peter Cloos wird im Rekurs auf Beleuchtung der Entwicklung der Professionsdiskussion auf ein gewisses Professionsverständnis (insbesondere der Sozialwissenschaften im weiteren, der Kindheitspädagogik im engeren Sinn) abgehoben, gleichzeitig aber Professionsverständnisse anderer weitgehend exkludiert (verwiesen sei hier z.B. auf den Überblicksartikel zum Voss et al. in der ZFE von 2015, wenn auch mit deutlichem Bezug auf päd. Kompetenzen [genauer: pädagogisches Wissen als Bereich der professioneller Kompetenzen von Lehrkräften]). Im Nachzeichnen der Entwicklung der jeweiligen Diskurse und der aufgezeigten Desiderata wird vorrangig auf Bourdieusche Konzeptionen des (beruflichen) Habitus verwiesen, hier hätte eventuell noch auf Rolf-Thorsten Kramers „Abschied von Bourdieu“ rekurriert werden können.

Helmut Lechner stellt in seinem Beitrag die Überlegungen zur Genese individueller Professionalität in den Mittelpunkt. Er verschränkt darin Diskurse unterschiedlicher, aber eng miteinander in Beziehung stehender Themenfelder in Anlehnung an das Reißverschlussverfahren (und damit eher an Diskurse zur Passung erinnernd) und bezieht sich insbesondere auf das von ihm entwickelte Kompetenzmodell: „Dieses Kompetenzmodell dokumentiert die Vorstellung, dass Professionalität sich aus einem dynamischen Zusammenspiel mehrerer ‚Kompetenzkomplexe‘ beschreiben lässt. Diese einzelnen Kompetenzfelder legen ihrer Konstitution nach nahe, dass sie sowohl Ergebnis biografischer Erfahrungen sowie einer spezifischen beruflichen Sozialisation und Formation sein könnten“ (S. 96-97). Inwieweit biografische Erfahrungen nicht auch spezifischer Sozialisation geschuldet sein können, damit zur beruflichen Sozialisation komplementär wirken könnten (möglicherweise aber beruflicher Sozialisation auch entgegenstehend), wird nicht ausgeführt. Relativ problematisch erscheint hingegen die auffindbare normative Haltung, wenn z.B. von „verbesserter Qualität pädagogischen Handelns“ die Rede ist – hier wäre wahrscheinlich eine (an anderer Stelle ja stark geforderte) reflexive Sichtweise angebracht gewesen.

Leonie Herwartz-Emden und Anette Schultheiß thematisieren in ihrem Beitrag Professionalisierung in der Kindertagesbetreuung vorrangig, wenn nicht gar ausschließlich unter dem Aspekt der Zuwanderung. Beiden ist zuzustimmen, dass Migration gerade für den Bildungsbereich folgenreich ist (oder vielmehr sein kann), andererseits ist unter dem Aspekt der Heterogenität ja nicht nur Migration eine Dimension, sondern auch z.B. Armut. Professionalisierung dann ausschließlich unter dem verengenden Zuschnitt von Migration zu betrachten limitiert die Aussagekraft des Beitrags. Und Kindern mit Migrationshintergrund geradezu normativ zu unterstellen, sie wiesen offenbar (bedingt durch ihre familiäre Sprachpraxis) Sprachförderungsbedarf auf, erscheint eher problematisch.

Fazit

Im Sammelband „Kindheitspädagogik im Aufbruch“ werden spezifische Zugänge zu den Themenfeldern Profession, Professionalität und Professionalisierung im Diskurs thematisiert. Eher als Zwischenfazit konzipiert, bleibt eine Weiterführung des Bandes wünschenswert.


Rezensentin
Dr. Miriam Damrow
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Lehrstuhl für Pädagogik mit dem Schwerpunkt Diversity Education und Internationale Bildungsforschung
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Zitiervorschlag
Miriam Damrow. Rezension vom 09.04.2018 zu: Tina Friederich, Helmut Lechner, Helga Schneider, Gabriel Schoyerer, Claudia Ueffing (Hrsg.): Kindheitspädagogik im Aufbruch. Profession, Professionalität und Professionalisierung im Diskurs. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. ISBN 978-3-7799-3282-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20012.php, Datum des Zugriffs 15.12.2018.


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