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Martin Fromm: Einführung in die Pädagogik

Cover Martin Fromm: Einführung in die Pädagogik. Grundfragen, Zugänge, Leistungsmöglichkeiten. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2015. 142 Seiten. ISBN 978-3-8252-4459-0. D: 15,99 EUR, A: 16,50 EUR, CH: 22,60 sFr.
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Thema

Konzipiert als ein Einführungswerk, gibt das Buch einen Überblick zu Grundfragen der Pädagogik. Theorien, Begriffe und Konzepte werden vorgestellt. Der Schwerpunkt liegt dabei auf einer historischen Betrachtung und Ableitung. Gegenwärtige Theorien und aktuelle Entwicklungen werden erwähnt, jedoch nicht vertieft.

Autor

Martin Fromm ist seit 1997 Professor für Allgemeine Pädagogik an der Universität Stuttgart. Er lehrt am Institut für Erziehungswissenschaften im Bachelor- und Master-Studiengang und ist zugleich Leiter des Instituts.

Entstehungshintergrund

Mit der vorliegenden Einführung in die Pädagogik will Martin Fromm in der Tradition Schleiermachers darlegen, wie wichtig es ist, das „allgemeine Alltagsverständnis“ (S. 7) von Erziehung und Bildung zu übersteigen und sich theoretisch fundiert mit Wissensbestandteilen und konzeptionellen Entwicklungen zu befassen. Er zeigt Linien der Theoriebildung der Fachwissenschaft auf und stellt Begründungskontexte für Begriffe und Ansätze dar. Sein Buch kann als Plädoyer für eine historisch informierte und wissenschaftlich fundierte Profilbildung der Pädagogik gelesen werden, die sich innerhalb ihrer Nachbardisziplinen deutlich positioniert und gegenüber öffentlich formulierten Machbarkeitserwartungen abgrenzt. Ziel seiner Publikation ist es, Grundlagenwissen zu vermitteln und zu einem „reflektierten Umgang mit Erziehungs- und Bildungsfragen“ (S. 133) anzuregen. Adressiert werden in erster Linie Studienanfänger der Pädagogik, Soziologie und Psychologie.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in sechs Kapitel, flankiert von Einleitung und Literaturverzeichnis, und ist mit einem Umfang von etwa 140 Seiten kompakt und überschaubar.

Den Auftakt bilden begriffliche Erläuterungen und Klärungen, in denen der Autor begründet, warum er in seinem Text durchgängig den Begriff der „Pädagogik“ und nicht den der „Erziehungswissenschaft“ verwendet.

Bevor sich der Autor Inhalten und Arbeitsweisen der Pädagogik zuwendet, fragt er im nächsten Kapitel nach der Legitimation des Faches: „Warum gibt es Pädagogik?“ (S. 14), ist sie überhaupt notwendig und welche Begründungszusammenhänge werden argumentativ ins Feld geführt? In bekannter Tradition führt Martin Fromm hier die biologistisch-reduktionistische Mängelwesentheorie von Gehlen an. Darin unterscheidet sich sein Werk wenig vom Duktus vieler anderer Lehrbücher der Pädagogik. Mit einem Hinweis auf „hitzige Debatten“ (S. 15) über Auffassungen zur Erziehungsbedürftigkeit innerhalb der Fachdisziplin weckt er zwar das Interesse des Lesers an kritischen Gegenpositionen, formuliert diese jedoch nicht aus. Aspekte der reflexiven Pädagogischen Anthropologie (Wulf 2004), Entwicklungen in der Babyforschung – Stichwort „Der kompetente Säugling“ – oder aber die provokative These Freerk Huiskens, die Erziehungsbedürftigkeit des Menschen sei eine Grundlüge der Erziehungswissenschaft zur Legitimierung ihrer selbst, bleiben unerwähnt. Vielmehr zeichnet er Auffassungsunterschiede über „Wachsenlassen“ versus „intentionale Erziehung“ nach und führt hier Rousseau, Schleiermacher, Kant, Bernfeld u.a. an.

Womit sich Pädagogik befasst, schlüsselt Martin Fromm im dritten Kapitel auf. Definitionen, Wirkungsbegriff, Absichtsbegriff und eine vom Autor entwickelte eigene Definition zum Begriff der Erziehung werden vorgestellt. Als weitere Gegenstandsbereiche der Pädagogik benennt er Bildung sowie Hilfe und Beratung und entwickelt jeweils auch hier eigene Definitionsvorschläge, deren Besonderheiten er hervorhebt.

Wie arbeitet Pädagogik?“, fragt der Autor im Anschluss. Mit etwa sechzig Seiten ist dies das umfangreichste Kapitel des Buches. Ziele, Prinzipien, Legitimationsinstanzen- und verfahren, Forschung und das Verhältnis zwischen pädagogischen Theorien und Handlungsanleitungen für die Praxis werden behandelt. Referenztheorien, die Martin Fromm hier verwendet, beziehen sich hauptsächlich auf Schleiermacher, Herbart, Trapp, Brezinka, Dilthey, Blankertz, Nohl und Tenorth. Allmachtsphantasien setzt er Ohnmachtsgefühle gegenüber und illustriert mit Zitaten von Bernfeld und Herndon die Grenzen pädagogischer Wirksamkeit und Planbarkeit. Was wissenschaftliche Pädagogik konkret für die Praxis und für gesellschaftliche Zukunftsfragen leisten kann, sieht der Autor eher kritisch. Skeptisch ist er gegenüber Repräsentanten des Faches, die Gegenteiliges tun und mehr Wirkungssicherheit verbreiteten als dies seriös machbar sei (S. 96). Dass dies auch mit der Förderpolitik von Auftraggebern für Forschungsprojekte und Stellen zusammenhinge, stellt Fromm abschließend fest: „Das führt dazu, dass pädagogische Arbeit gesellschaftlich vor allem dann auf Anerkennung zählen kann, wenn sie ihre Wirksamkeit fahrlässig überschätzt oder zumindest übertrieben präsentiert“ (S. 97).

Mit dem Titel „Erziehungs-, Bildungs- und Beratungskonzepte“ ist das nächste und vorletzte Kapitel überschrieben. Erwartet der Leser an dieser Stelle, konkrete pädagogische Konzepte vorgestellt zu bekommen und konturierte Skizzen über die Vorgehensweise einer pädagogisch orientierten Beratung zu erhalten, so wird er enttäuscht. Eher generell als konkret äußert sich Martin Fromm über Typen von Erziehungskonzepten und greift dabei auf die Gegenüberstellung hellenistischer und jüdischer Tradition nach Schwenk (1989) zurück. Den umstrittenen Darstellungen von Schwenk räumt er vergleichsweise einiges an Platz ein, ohne die Genese der Typisierung kritisch zu hinterfragen und auf ihre Konsistenz hin zu überprüfen. Anschließend zitiert er den Herbartianer Wilhelm Rein und den Reformpädagogen Berthold Otto. Deutlich werden aus den Textbeispielen jedoch nicht die konkreten pädagogischen Konzepte, sondern lediglich Versatzstücke aus Grundannahmen und Positionen. Besser greifbar hingegen sind die Ausführungen zu Humboldts Bildungsbegriff und Klafkis Studien zur Bildungstheorie. Um pädagogische Beratungskonzepte, Beratungsanlass und Beratungsziel sowie das Verhältnis Berater-Klient und Beratungsmethoden geht es im letzten Abschnitt dieses Kapitels. Überlegungen zur Normalität, Korrekturbedürftigkeit und den „Sonderfall von Störungen und Fehlentwicklungen“ (S. 116) als Grund für Beratung leiten die Ausführungen ein. Nach kurzen Exkursen über Ratgebertexte der Aufklärung, psychoanalytisch orientierte Konzepte, die er ohne Belegstellen pauschal kritisiert (S. 126) und klientzentrierter Beratung nach Rogers gelangt Fromm zu dem Schluss, dass es keine spezifisch pädagogischen Beratungsmethoden gäbe. Mit einem „Plädoyer für die Adaption von Verfahren aus anderen Kontexten“ (S. 129) schließt er seine Ausführungen ab, wobei er den Leser im Diffusen belässt, was genau damit gemeint ist: „Es geht vielmehr um eine Adaption auf der Basis eines pädagogischen Beratungskonzeptes, das dann den adaptierten Elementen einen spezifischen Sinn zuweist“ (S. 129).

Schlusspunkt des Buches bildet Kapitel 6 „Pädagogik – heute und zukünftig“. Mit zwei Seiten handelt es sich hier um ein äußerst knappes Resümee. Tenor des Resümees ist ein pessimistischer bis resignierter. Der wissenschaftlichen Pädagogik traut Fromm zukünftig weder eine größere Bedeutung in Forschung und Lehre noch in der Politik zu. Er antizipiert, dass die theoretische wissenschaftliche Pädagogik zunehmend in die „Rolle des Hofnarren“ gerate, „der in dosiertem Maße, z.B. auch in legitimatorisch nützlichen Kommissionen, unbequem sein darf, aber für das Tagesgeschäft keine Bedeutung hat“ (S. 132).

Diskussion

Martin Fromm legt mit „Einführung in die Pädagogik“ kein eindeutiges Werk vor. Wiederholt schwierig zu fassen sind seine Gedankenführung und Gesamtkonzeption seines Buches. Während sich die Kapitelüberschriften durchweg vielversprechend lesen, bleiben die Ausführungen meist hinter den so geweckten Erwartungen zurück. Der Aussage- und Informationsgehalt leidet unter der hohen Dichte an Zitaten aus unterschiedlichen Epochen und Strömungen des Faches Pädagogik. Zitierte Autoren werden – gerade mit Blick auf die Zielgruppe des Buches – zu wenig historisch und ideologisch kontextualisiert und erschließen sich in ihrer Gesamtbedeutung für Entwicklungsströme der Pädagogik nur mühsam. Bedeutende Theorien – wie zum Beispiel der Erziehungsbegriff Kants – werden durch diese Vorgehensweise fragmentiert und segmentiert. Gerade für StudienanfängerInnen wäre es jedoch m.E. sinnvoll, sich mit zentralen Theorien und Definitionen konzentriert und fokussiert auseinanderzusetzen, um ein tiefergehendes Verständnis und eine Transferkompetenz zu erwerben.

Ob es zudem sinnvoll ist, der bereits vorhandenen Vielfalt an Begriffsdefinitionen zu Erziehung und Bildung noch weitere, eigenkreierte hinzuzufügen, ist ebenfalls fraglich: Zumal Fromm zwar über diese Vielfalt schreibt, aber kaum exemplarisch darlegt und wenn, dann wiederum äußerst fragmentarisch (Brezinka). Aufbau, Struktur und Argumentationslogik der Erziehungsbegriffe erschließen sich in diesem reduzierten Modus nicht, was nicht nur in Bezug auf Kant (siehe oben), sondern auch auf Brezinka ein Verlust ist. Ein kontrastierender Vergleich zwischen Erziehungsbegriffen unter Berücksichtigung ihrer Genese und Historie wird dadurch unmöglich. Ebenso wenig lassen sich Parallelen zwischen Begriffen der Aufklärung und Gegenwart erkennen. Ist dies aber nicht genau der Anspruch, den Martin Fromm an die Fachwissenschaft Pädagogik erhebt? Ein „begründetes Reden über Erziehung“ (S. 7) sowie „Reflexionskompetenz“ (S. 132) und einen „reflektierten Umgang mit Erziehungs- und Bildungsfragen“ (S. 133) schreibt Fromm der wissenschaftlichen Pädagogik als ihre Stärken zu. Dass es hierfür einer konzentrierten Befassung mit Theoriebestandteilen, einer Darstellung von Gegenpositionen und Thesen bedarf, sollten StudienanfängerInnen gleich zu Beginn ihres Studiums erfahren. Dies mit einem „Einführungsbuch“ exemplarisch zu leisten, wäre eine unumstritten sinnvolle Aufgabe gewesen. Martin Fromms Werk überzeugt in dieser Hinsicht leider nicht. Auch irritiert der starke Fokus auf Theorien und Konzepte der Vergangenheit. Aktuelle Veröffentlichungen finden kaum Erwähnung, allenfalls vereinzelt im Anschluss eines Kapitels als Hinweis auf weiterführende Literatur. In der Einleitung verspricht der Autor zwar eine Einführung auch in gegenwärtige Sichtweisen auf Erziehung und Bildung: „ […], wie Erziehung und Bildung […] in der pädagogischen Fachwissenschaft behandelt wurden und werden“ (S. 7). De facto endet jedoch die Mehrheit der von ihm zitierten Referenzquellen in den achtziger und neunziger Jahren. Was passierte danach? Wie ging es weiter? Was ist der aktuelle Stand des Diskurses? Diese Fragen interessieren Studierende vermutlich durchaus, bleiben aber unbeantwortet. Da es sich bei Fromms Werk nicht um eine „Geschichte der Pädagogik“ handelt, wäre die Einbeziehung aktueller Entwicklungen sinnvoll gewesen. Irritierend ist zudem, ein- und dieselben Zitate an unterschiedlichen Stellen des Buches wiederzufinden – mit teilweise wortgleicher Einleitung und Kommentierung. Auch dass im Text zitierte Titel im Literaturverzeichnis fehlen (Herrmann 2002), wäre vermeidbar gewesen.

Fazit

Während das Buch „Einführung in die Pädagogik“ in einigen Abschnitten durchaus interessante Quellentexte enthält und weiterführende Überlegungen daraus ableitet, die zum Nachdenken und Nachfragen anregen, kann es in der Gesamtkonzeption nicht überzeugen. Auch mit den Aspekten Erkenntnisgewinn, Spannungsbogen oder Kontroverse kann das Buch nicht wirklich punkten. Sein Plädoyer für eine reflektierte und wissenschaftlich fundierte Befassung mit Erziehungs- und Bildungsfragen löst Martin Fromm nicht in der für ein Lehrbuch wünschenswerten Stringenz ein.


Rezensentin
Prof. Dr. Marion Baldus
Hochschule Mannheim
Homepage baldusm.twoday.net
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Zitiervorschlag
Marion Baldus. Rezension vom 03.06.2016 zu: Martin Fromm: Einführung in die Pädagogik. Grundfragen, Zugänge, Leistungsmöglichkeiten. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2015. ISBN 978-3-8252-4459-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20016.php, Datum des Zugriffs 24.07.2017.


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