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Annette Schmitt, Matthias Morfeld u.a. (Hrsg.): Evidenzbasierte Praxis und Politik in der Frühpädagogik

Cover Annette Schmitt, Matthias Morfeld, Elena Sterdt, Luisa Fischer (Hrsg.): Evidenzbasierte Praxis und Politik in der Frühpädagogik. Ein Tagungsbericht. Mitteldeutscher Verlag (Halle (Saale)) 2015. 151 Seiten. ISBN 978-3-95462-503-1. D: 14,95 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 20,95 sFr.
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Thema

Mit der Thematik der Evidenzbasierung in der Frühpädagogik befasste sich die bundesweite Tagung der NachwuchswissenschaftlerInnen: Evidenzbasierte Praxis und Politik in der Frühpädagogik, die am 23. und 24.10.2014 an der Hochschule Magdeburg-Stendal stattfand. Ziel der Tagung war es, „den Ansatz der Evidenzbasierung dem wissenschaftlichen Nachwuchs in der Frühpädagogik zugänglich zu machen“ (S. 7).

Der Begriff der Evidenz bzw. der Evidenzbasierung in der Pädagogik ist strittig. Der ursprünglich aus der Medizin übernommene Begriff verweist auf wirksame, am besten verfügbare und abgesicherte wissenschaftliche Informationen, Strategien und Methoden. Wissenschaftliche Untersuchungen stellen die Basis für die sog. „evidenzbasierten“ Konzepte und Methoden in der Pädagogik dar, so bspw. den Erwerb von Schriftsprache nach den in den Untersuchungen als wirksam bewerteten Konzepten und Methoden zu unterrichten. Wie bereits aus der Medizin bekannt, ist v.a. für die Pädagogik bedeutsam, dass darüber der Einzelne mit seinen individuellen Voraussetzungen zu handeln, zu denken und wahrzunehmen, mit seinen individuellen Lernwegen und Zugängen zum Lerngegenstand kaum noch berücksichtigt werden kann. Darüber hinaus ist nicht zu unterschätzen, dass ebenso wie in der Medizin auch in der Pädagogik Konzepte und Methoden von Fachleuten favorisiert werden, die von diesen selbst als am besten wirksam eingeschätzt werden.

Aufbau

Der hier vorliegende Tagungssammelband hat folgenden Aufbau:

  1. Grundlagen einer Evidenzbasierten Praxis und Politik in der Frühpädagogik,
  2. Professionalisierung und Organisationsentwicklung im frühpädagogischen Feld,
  3. Gestaltung von Bildungsprozessen im Setting Kita.

Im Anhang werden die auf der Tagung geführten Diskussionen zusammengefasst.

Inhalt

Im dargestellten Eröffnungsvortrag von Eva Lloyd wird deutlich, dass die evidenzorientierte Politik und Praxis in Verbindung von quantitativen und qualitativen Ansätzen zu betrachten ist, dass Evidenzbasierung meint, „stichhaltige Belege aus methodologisch korrekten Evaluationsstudien“ (S.13) zur Verfügung zu stellen. Es „sind sich britische und US-amerikanische ForscherInnen, ebenso wie ihre europäischen KollegInnen tendenziell einig, dass häufig eine Kombination von Methoden – sowohl quantitative als auch qualitative – die ‚bestmögliche Evidenz‘ liefert“ (S. 15).

So betrachtet, wäre jede Form von Forschung, die den Qualitätskriterien von Forschung und Wissenschaft entspricht, evident. Grenzen der evidenzbasierten Politik und Praxis werden im Tagungsband mit Bezug auf die Frühpädagogik diskutiert, kritische Positionen zur Evidenzbasierung zwar aufgenommen, dann jedoch nicht grundsätzlich in Frage gestellt.

Im Weiteren wird in einigen Beiträgen begründet, dass die Umsetzung der evidenzbasierter Ansätze v.a. in der Frühpädagogik Relevanz besitzt, so u.a. zur „Schärfung der Disziplin und des wissenschaftlichen Selbstverständnisses sowie zur fachlichen Fundierung von Interventionen“ (S. 34) beiträgt.

Die im Tagungsband dargestellten Untersuchungen kommen durchaus gelegentlich zu kritischen Positionen bezüglich „Evidenzbasierung“, so z.B. Folgende mit Bezug zur Einschätzung von Bildungsprogrammen: Es sollten „gemessene bzw. nicht gemessene Effekte nicht das alleinige Kriterium bei der Entscheidung über die Weiterführung eines Programmes sein (Was nutzt ein Programm, das keine Akzeptanz findet?)“ (S. 81).

Diskussion

In der Gesamtbetrachtung zeigt sich: Die Beiträge aus dem Tagungsband verweisen auf interessante Forschungen im Kontext der Frühpädagogik mit relevanten Fragestellungen und unterschiedlichen Forschungsdesigns. Die Bewertung der Studien im Kontext von „Evidenzbasierung“ bezieht sich eher auf formale als auf inhaltliche Kriterien. Demnach stehen die Studien und die entsprechenden Ergebnisse für sich selbst.

Der Vorschlag, zukünftig PraktikerInnen in die Planung und Durchführung von Studien einzubeziehen, entspricht dem partizipativen Prinzip von Forschung.

Fazit

Der Tagungsband ist für alle an Frühpädagogik Interessierte geeignet, die sich einen Überblick über Forschungen zu verschiedenen Themen verschaffen wollen, so u.a. zur Implementierung von Bildungsprogrammen, zu Fortbildungen im Elementarbereich, zu gesunder Ernährung in Kindertagesstätten, zur Aufnahme von Kindern unter drei Jahren und zur Beziehungs- und Bindungsgestaltung in der Frühpädagogik.


Rezension von
Prof. Dr. Kerstin Ziemen
Universität Köln
Humanwissenschaftliche Fakultät, Lehrstuhl „Pädagogik und Didaktik bei Menschen mit geistiger Behinderung“
Homepage www.competens.de
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Zitiervorschlag
Kerstin Ziemen. Rezension vom 03.08.2016 zu: Annette Schmitt, Matthias Morfeld, Elena Sterdt, Luisa Fischer (Hrsg.): Evidenzbasierte Praxis und Politik in der Frühpädagogik. Ein Tagungsbericht. Mitteldeutscher Verlag (Halle (Saale)) 2015. ISBN 978-3-95462-503-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20018.php, Datum des Zugriffs 19.05.2021.


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