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Ingeborg Pauluhn: Zur Geschichte der Juden auf Norderney

Cover Ingeborg Pauluhn: Zur Geschichte der Juden auf Norderney. Von der Akzeptanz zur Desintegration. mit Dokumenten und historischen Materialien. Igel-Verlag Michael Schardt (Oldenburg) 2003. 240 Seiten. ISBN 978-3-89621-176-7. 22,00 EUR, CH: 34,00 sFr.
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Wer ist schuld ?

Anlässlich der festlichen Eröffnung des Jüdischen Museums in Berlin, Anfang September 2001, schrieb Michael Naumann in der Wochenzeitung DIE ZEIT den Satz: "Wir werden unserer Geschichte nicht entkommen", denn das Erinnern an den Holocaust weise einen Weg in unsere Gegenwart und Zukunft. Und der in der einzigartigen israelisch-arabischen (palästinensischen) Begegnungsstätte Givat Haviva mitarbeitende Pädagoge Shaul Knaz, stellt in seinem Gedicht "Wer ist schuld..." (1994) fest: "Ich bin nicht daran schuld, / Dass es hier keinen Frieden gibt. / Das ist ihre Schuld. / Sie sind die Schuldigen und ich habe keinen Frieden. / Es ist nicht meine Schuld, / Dass auch sie keinen Frieden haben. / Weder sie noch ich haben Frieden. / Sie und ich sind schuldig... / Weil wir uns bewusst sind, / Dass nur wer schuldig ist, / Nur wer sich ein wenig schuldig fühlt, ... / Frieden macht. / Ich habe keinen Frieden... / Weil ich nie schuld war, / Dass ich keinen Frieden habe." Damit ist der Bogen gezogen zu dem, was der jüdisch-französische Philosoph Emmanuel Lévinas (+ 1995) "La vie et la trace" nannte. Dem Leben und der Geschichte auf der Spur bleiben, als Aufgabe für Menschlichkeit. Diesen Spagat gilt es zu leisten, als vergangenheitsbewusste, gegenwartsbezogene und zukunftsorientierte Auseinandersetzung. Wie wir wurden, was wir sind - das ist eine Aufgabe für allgemeinbildende Aufklärung.

Entstehungshintergrund

Es gibt mittlerweile zur Auseinandersetzung mit dem Grauen und der Unmenschlichkeit des Holocaust insgesamt eine Reihe von Erinnerungsarbeiten, wenige zum Leben der Juden in Deutschland "vor Ort". Ingeborg Pauluhns Ausgrabung auf Norderney basiert auf ihrer Diplomarbeit, die sie am interdisziplinären Zentrum für Bildung und Kommunikation in Migrationsprozessen der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg schrieb. Beim IBKM ist bereits eine Reihe von Forschungsarbeiten entstanden, die im Diskurs um Interkulturelle Pädagogik wegweisend sind.

Inhalt

Das Interesse der Autorin fokussiert sich auf die Geschichte der Juden auf der Ostfriesischen Insel. Während zu Norderney umfangreiche Literatur vorliegt, gibt es über die jüdischen Bewohner und Gäste des Nordseebades kaum Informationen. Als "Ausgrabung" der in verschiedenen Zeitungsarchiven, Bibliotheken und privaten Beständen vorhandenen Quellenmaterialien kann deshalb Ingeborg Pauluhns Fleißarbeit bezeichnet werden. Interessant nicht nur die im Vergleich zur Gesamtzahl der jüdischen Bevölkerung in Deutschland unterschiedliche Zusammensetzung der Norderneyer Juden, als Schlachter, Kaufleute, Optiker und Gastwirte, sondern auch die sozialfürsorgerischen Aktivitäten der jüdischen Gemeinden, etwa mit der Einrichtung des jüdischen Kinder-Erholungsheims der Zion-Loge auf Norderney und der jüdischen Erholungsfürsorge. Die anfangs von der Mehrheits- und Bürgergesellschaft durchaus festzustellende Akzeptanz der Juden auf Norderney schlug jedoch ab dem 19. Jahrhundert um in Antisemitismus, wie überall in Deutschland. Mit der öffentlichen Verbrennung der 1848er schwarz-rot-goldenen Revolutionsfahne, als Symbol für Freiheit und Demokratie, 1933 durch die Nationalsozialisten, ging auch die "Verbrennung jüdischen Geistesgutes auf Norderney" einher. Schilder wie "Im Staatlichen Nordseebad Norderney sind Juden unerwünscht", und "Die deutsche Frau tanzt nicht mit einem Juden" und die Aufforderung in der Lokalzeitung "Hausfrauen! Kauft beim deutschen Fleischermeister!" und als Siegelmarke und Briefstempel in ganz Deutschland verbreitet "Nordseebad Norderney ist Judenfrei", bestimmten die politische Situation.

Besonders verdienstvoll in Pauluhns Arbeit sind die dezidierten und mit zahlreichen Dokumenten versehenen Biografien von drei jüdischen Familien auf Norderney, die als Quellenmaterialien in die schulische und politische Bildung eingehen sollten. Die mehr als die Hälfte des Buches umfassenden statistischen und dokumentarischen Materialien machen das Buch zu einer Fundgrube und zu Anschauungsmitteln für historische Forschungen und "Ausgrabungen" in Norderney und anderswo, im Sinne einer Aktionsforschung, von projektorientiertem Lernen und Identitätssuche. Ingeborg Pauluhns Arbeit hat eine Reihe von bisher - in der Norderneyforschung - unbekannte oder falsch interpretierte Informationen zu Tage gefördert; Hinweise auf ähnliche in der Mentalitätsnachschau bisher ermittelte Erkenntnisse in anderen Gemeinden in Deutschland bieten sich dabei gerade zu an. Eine Gruppe von Norderneyer Jugendlicher unter der engagierten Leitung des Stadtarchivars Manfred Bätje hat den Text einer Gedenktafel entworfen, die im Haus der Insel angebracht werden soll:

Zum Gedenken

an die jüdischen Mitbürger

der Stadt Norderney

die durch nationalsozialistischen Terror eines gewaltsamen

Todes sterben mussten oder vertrieben wurden.

Den Lebenden zur Mahnung.

Fazit

Die Autorin schließt mit der Erkenntnis, die als Lebensweisheit uns allen Hier, Heute und Morgen, überall auf der Erde, im "globalen Dorf" dienen sollte und als Fazit ihrer Arbeit angesehen werden kann: "Das Wissen um die historischen Geschehnisse, die Auseinandersetzung mit der insularen Geschichte, das Erinnern bietet heute und für die Zukunft die Chance eines menschenwürdigen Umgangs der Akzeptanz von Mitmenschen bei aller Unterschiedlichkeit in Religion und Kultur".


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 28.09.2004 zu: Ingeborg Pauluhn: Zur Geschichte der Juden auf Norderney. Von der Akzeptanz zur Desintegration. mit Dokumenten und historischen Materialien. Igel-Verlag Michael Schardt (Oldenburg) 2003. ISBN 978-3-89621-176-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2002.php, Datum des Zugriffs 26.03.2019.


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