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Katharina Gerarts: Familiäre Erziehung aus Kindersicht

Cover Katharina Gerarts: Familiäre Erziehung aus Kindersicht. Eine qualitative Studie unter Berücksichtigung von Macht in der generationalen Ordnung. Springer VS (Wiesbaden) 2015. 187 Seiten. ISBN 978-3-658-08666-4. D: 29,99 EUR, A: 30,83 EUR, CH: 32,00 sFr.
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Thema

Im vorgelegten Buch sind die Ergebnisse einer qualitativen Untersuchung zur familiären Erziehung aus Kindersicht aufbereitet und theoretisch verortet. Die Notwendigkeit für ein solches Forschungsvorhaben ergibt sich aus der Erkenntnis, wonach sich der wissenschaftliche Erziehungsdiskurs zu stark an der Erwachsenensicht orientiert. Die Erforschung der Kindersicht orientiert sich an den Trias Familie – Macht – Erziehung und will einen Beitrag für eine erziehungswissenschaftlich orientierte Kindheitsforschung leisten.

Autorin

Dr. Katharina Gerarts ist Forschungsleiterin und Senior Researcher for Children Studies am Institut für Forschung und Innovation der Stiftung World Vision. In dieser Funktion übernimmt sie die Verantwortung für die Koordination der Kinderstudien von World Vision sowie die wissenschaftliche Vernetzung mit weiteren Forschungsinstituten. Die vorgelegte Arbeit wurde 2014 als Dissertation an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main eingereicht.

Aufbau

Nach einer thematischen Einleitung findet im Teil I: Theoretische Implikationen eine Auseinandersetzung mit den wesentlichen theoretischen Begriffen der Arbeit statt.

Der Teil II Methodologie und Empirie begründet die Notwendigkeit zur Orientierung an einem qualitativem Paradigma, beschreibt das gewählte Forschungsdesign und führt als Ergebnis der Forschung die Kernkategorie der gegenstandsbegründeten Theorie aus.

Im Teil III: Reflexion und Theoretisierung der Ergebnisse wird die herausgearbeitete Kernkategorie im zuvor dargelegten theoretischen Bezugsrahmen verortet, als Ergebnis des Forschungsprozesses kritisch reflektiert und als Anlass für weiterführende Überlegungen zu Leitlinien, Handlungsempfehlungen und Ethik der Kindheitsforschung genommen. Die Schlussbetrachtungen geben eine Übersicht zu den zentralen Ergebnissen, reflektieren die Forschung nochmals kritisch und setzen Impulse für nachfolgende Forschungen.

Inhalt

Im Kapitel Einleitung wird die Notwendigkeit für die Beforschung des Gegenstandes familiäre Erziehung aus Kindersicht dahingehend begründet, dass der wissenschaftliche Erziehungsdiskurs sich zu stark an der Erwachsenensicht orientiert. Darüber hinaus nimmt der gewählte Forschungszugang die Erkenntnisse der neueren soziologischen Kindheitsforschung auf, wonach das Kind als Akteur und Konstrukteur seiner Lebenswelt zu betrachten ist. In der Arbeit wurde die folgende Fragestellung untersucht: Welche Perspektive haben Kinder im Alter von fünf bis zehn Jahren auf Erziehung in der Familie und inwiefern spielen Machtverhältnisse in der generationalen Ordnung darin eine Rolle? Die Erforschung der Kindersicht orientiert sich also an den Trias Familie – Macht – Erziehung und soll einen Beitrag für die erziehungswissenschaftlich orientierte Kindheitsforschung leisten.

Im Teil I: Theoretische Implikationen wird Erziehung mit dem besonderen Fokus auf Familie und Macht geklärt und definiert. Die Klärung des theoretischen Rahmens des Forschungsvorhabens soll dessen Verortung in einer erziehungswissenschaftlich orientierten Kindheitsforschung befördern, wobei hierbei die Einnahme eines erziehungswissenschaftlichen Blicks auf die neuere soziologische Kindheitsforschung helfen soll. Die Auswertung verschiedener Erziehungstheorien und -konzeptionen erfolgte mittels einer thematischen Systematisierung mehrerer Handbuchartikel, die den Begriff Erziehung zu fassen versuchen. Die für das Forschungsvorhaben ebenfalls wichtigen Begriffe Familie und Macht ließen sich dagegen so nicht aufarbeiten, da diese Begriffe nicht in einer vergleichbaren Weise wie der Erziehungsbegriff systematisch dargestellt werden. Handbücher wurden deshalb verwendet, weil sie als repräsentative Literatur verstanden werden können, in welchen sich das Wissen eines Fachgebietes manifestiert. Als Ergebnis dieser Analyse resultiert die Erkenntnis, dass Erziehung in der neueren Kindheitsforschung ein oft rezipierter Begriff ist, der aber in der Regel nicht singulär, sondern meist im Verhältnis mit Sozialisation betrachtet und diskutiert wird.

Im Teil II Methodologie und Empirie wird der forschungstheoretische Rahmen abgesteckt, was in der paradigmatischen Begründung für die Notwendigkeit der qualitativen Sozialforschung zur Bearbeitung der Fragestellung mündet. Zur Realisierung des Forschungsvorhabens wird auf die Grounded Theory als etablierte qualitative Forschungsmethode und Forschungsstil zurückgegriffen. Zur Erhebung der Daten kamen Gruppendiskussionen und Einzelinterviews mit fünf- bis zehnjährigen Kindern zum Einsatz. Als Ergebnis des Forschungsprozesses resultieren die zwei Kernkategorien ideelle Erziehungskonzeption und erlebte Erziehungsrealität. Unter der Kernkategorie ideelle Erziehungskonzeption wird eine Vorstellung von Erziehung verstanden, die im Sinne einer Metamorphose zur Verwandlung des unentwickelten und unzivilisierten Kindwesens hin zu einem entwickelten, gesellschaftsfähigen Erwachsenen führt. Unter der Kernkategorie erlebte Erziehungsrealität werden kindliche Praktiken des Changierens zwischen Akzeptanz elterlicher Mächte im Erziehungsprozess und Widerstand gegen diese verstanden, welche in einem, die Erziehung gestaltenden, Aushandlungsprozess münden.

Im Teil III Reflexion und Theoretisierung der Ergebnisse werden die Kernkategorien ideelle Erziehungskonzeption und erlebte Erziehungsrealität als (Zwischen-)Ergebnisse der Forschung in einen theoretischen Zusammenhang gestellt. Die theoretisch gestützte Zusammenführung beider Kernkategorien führt zu folgender Erkenntnis: „Kinder sind hier souveräne Subjekte, die mit Hilfe des familiären Erziehungsprozesses ihren eigenen Platz in der generationalen Ordnung finden – eben aber doch stets auch mit der ‚Einschränkung‘, die durch Vulnerabilität, Schutzbedürftigkeit und Abhängigkeit besteht. Aus diesem Grund sehen die Kinder ihre Eltern als notwendig im Erziehungsprozess an und fordern deren Erziehung auch aktiv ein. Aber sie sehen auch sich selber als Akteure, als fähige und kompetente Subjekte, die in der Lage sind, das von den Eltern vermittelte Wissen für sich sinnvoll und schlüssig einzusetzen“ (S. 153). In der nachfolgenden Reflexion des Forschungsprozesses werden die im Forschungsprojekt gesammelten Erfahrungen dargelegt, was anderen Kindheitsforscherinnen respektive Kindheitsforschern stellvertretende Lernerfahrungen ermöglichen soll. Abschließend werden zudem ethische Überlegungen zur Forschung mit Kindern angestellt und in einen Zusammenhang mit der UN-Kinderrechtskonvention gesetzt.

Im Teil Schlussbetrachtungen werden die Inhalte der einzelnen Kapitel nochmals zusammenfassend wiedergegeben, um daran anschließend auf die Notwendigkeit zur Realisierung weiterer Forschungsvorhaben in der erziehungswissenschaftlich orientierten Kindheitsforschung zu verweisen. Insbesondere eine weiterführende Studie zur subjektiven Sicht von Jugendlichen auf Erziehung wird als aussichtsreich erachtet.

Diskussion

Das Grundanliegen der Forscherin, Erziehung aus Kindersicht erforschen zu wollen, erscheint auf dem Hintergrund eines Verständnisses einer Ko-Konstruktion von Erziehung nicht nur plausibel, sondern geradezu zwingend. Das Verständnis, wonach die Studie als Beitrag zu einer erziehungswissenschaftlich orientierten Kindheitsforschung zu verstehen sei, welche auf dem theoretischen Konzept der generationalen Ordnung der neueren soziologischen Kindheitsforschung gründet, mündet für die Realisierung des Forschungsvorhabens völlig nachvollziehbar in der folgenden Konsequenz: „Demnach wird es die Anlage dieser Studie sein, in einem Verständnis einer erziehungswissenschaftlich orientierten Kindheitsforschung, welche das Kind als Konstrukteur und zugleich in seinem Entwicklungsstatus betrachtet, Kinder selber nach ihrem subjektiven Erleben eines Erziehungsverhältnisses zwischen den Generationen zu befragen“ (S. 59). Dieser Anspruch wird dann auch konsequent umgesetzt und mündet in der Erkenntnis, dass Kinder zwischen einer ideellen Konzeption von Erziehung und der erlebten Erziehungsrealität unterschieden.

Im theoretischen Teil realisiert die Autorin mit dem beschriebenen Systematisierungsversuch von Erziehungstheorien und -konzeptionen unter Zuhilfenahme von Handbuchartikeln einen handwerklichen Meisterstreich. Die globale (Selbst-)Relativierung ebendieses Systematisierungsversuches erscheint unnötig, da solch mutige Beiträge zur Aufbereitung des fragmentierten Wissens gar nicht hoch genug zu schätzen sind und einer weitverbreiteten erziehungsbegrifflichen Ratlosigkeit entgegenwirken: „Hervorzuheben ist an dieser Stelle, dass die nachfolgende Systematisierung keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt und nur eine mögliche Form darstellt, in die Vielfalt von Erziehungstheorien sowie die vielschichtige und teils sehr verwirrende Verwendungsweise des Erziehungsbegriffs Ordnung zu bringen“ (S. 22-23). Die nachfolgend spezifische Relativierung des Gültigkeitsbereichs dieses Systematisierungsversuches erweist sich dagegen als sinnvoll: „Die Darstellung der entwickelten Systematisierung bietet weder eine substanzielle philosophische noch historische Rekonstruktion von Erziehungstheorien, sondern begründet sich auf Basis der verwendeten Handbuchartikel und deren kompaktem Wissen“ (S. 23).

Die forschungsmethodische Vorgehensweise der Studie ist in allen Einzelheiten dargestellt, was zur Folge hat, dass diese Ausführungen knapp einen Drittel am Gesamttext des Buches ausmachen. Die Autorin begründet diesen Entscheid durchaus einleuchtend mit der Plausibilität und Nachvollziehbarkeit des Forschungsprozesses: „Im Gegensatz zur quantitativen Forschung wird nicht davon ausgegangen, dass qualitative Forschungsprozesse in genau der gleichen Form wiederholt oder gar nachgestellt werden können. Damit aber die Vorgehensweise der Forscherin von einem fremden Publikum verstanden werden kann, ist die detaillierte Dokumentation über die Vorgehensweise im Forschungsprozess unabdinglich“ (S. 69). Gleichwohl drängen sich verschiedene Kürzungsmöglichkeiten auf, die wohl kaum zu einer merklichen Einschränkung von Plausibilität und Nachvollziehbarkeit des Forschungsprozesses führen dürften. So hätten etwa die allgemeinen Ausführungen zu Gruppendiskussionen und Interviews etwas kürzer gehalten werden können, da beim Fachpublikum durchaus eine Vertrautheit mit diesen Standardmethoden zur Erhebung qualitativer Daten vermutet werden darf.

Fazit

Im vorgelegten Buch sind das Vorgehen und die Ergebnisse einer qualitativen Untersuchung zur familiären Erziehung aus Kindersicht sehr sorgfältig aufbereitet und ausführlichst dargestellt. Die Studie versteht sich als Beitrag zu einer erziehungswissenschaftlich orientierten Kindheitsforschung, welche sowohl die Gegenwartsorientierung der neueren Kindheitsforschung im Hier und Jetzt als auch die Zukunftsorientierung der erziehungswissenschaftlichen Perspektive auf das Kind in seiner Entwicklung zu vereinen versucht. Dieser Anspruch wird konsequent umgesetzt und mündet in einem interessanten Einblick in die kindliche Innensicht von familiärer Erziehung.


Rezension von
Prof. Dr. Marius Metzger
Verantwortlicher Kompetenzzentrum Erziehung, Bildung und Betreuung in Lebensphasen am Institut für Sozialpädagogik und Bildung der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit
Homepage www.hslu.ch/sozialarbeit
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Zitiervorschlag
Marius Metzger. Rezension vom 15.01.2016 zu: Katharina Gerarts: Familiäre Erziehung aus Kindersicht. Eine qualitative Studie unter Berücksichtigung von Macht in der generationalen Ordnung. Springer VS (Wiesbaden) 2015. ISBN 978-3-658-08666-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20027.php, Datum des Zugriffs 17.06.2021.


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