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Martin Gartmeier, Hans Gruber u.a. (Hrsg.): Fehler. Ihre Funktionen im Kontext

Cover Martin Gartmeier, Hans Gruber, Tina Hascher, Helmut Heid (Hrsg.): Fehler. Ihre Funktionen im Kontext individueller und gesellschaftlicher Entwicklung. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2015. 312 Seiten. ISBN 978-3-8309-3321-2. 36,90 EUR.
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Herausgeber und Autorenschaft

Bei den vier Herausgebern handelt es sich um

  • Martin Gartmeier, promovierter Bildungsforscher an der TU München;
  • Hans Gruber, Ordinarius für Pädagogik an der Universität Regensburg;
  • Tina Hascher, Professorin für Erziehungswissenschaften an der Universität Bern und
  • Hans Heid, emeritierter Pädagogik-Professor an der Universität Regensburg.

34 Autorinnen und Autoren wirken an den insgesamt 17 Beiträgen des Buches mit, von denen 6 in englischer Sprache geschrieben sind. Die Autorinnen und Autoren sind überwiegend in der Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung tätig. Nur vier von ihnen kommen aus der Unternehmensberatung und dem Organisationsmanagement.

Aufbau

Das Buch enthält vier Kapitel.

  1. Im ersten geht es um begriffliche Bestimmungen des „Fehlers“ und die grundsätzliche Frage, was es heißt, aus Fehlern zu „lernen“;
  2. im zweiten werden Fehler und deren Funktionen aus lebenszeitlichen, lebensweltlichen und systemischen Perspektiven analysiert;
  3. im dritten Kapitel geht es um die Rolle von Fehlern in schulischen Bildungskontexten und
  4. im vierten und letzten Kapitel stehen die Fehler in der Arbeitswelt von Firmen und Verwaltungen im Mittelpunkt.

Fehlerspektrum

Fehler verdanken sich der Existenz von menschengemachten Normen, an denen der zu beurteilende Sachverhalt oder das zu beurteilende Verhalten gemessen wird. Was in unerwünschter Weise von der Norm abweicht, ist ein Fehler. Fehler sind also Normabweichungen, aber nicht jede Normabweichung ist zwingend ein Fehler, sondern womöglich eine allseits begrüßte „Innovation“. Man kann aus Nichtwissen, aus falschem Wissen und wider besseres Wissen Fehler begehen, die moralisch unterschiedlich bewertet werden. Aber nicht allein fehlendes Wissen, auch fehlendes Können führt trotz vorhandenen Wissens zu Fehlern. Fehler, die „passiert“ sind, können zwar nicht ungeschehen gemacht werden, aber die, deren Folgen rückgängig zu machen sind, werden nachsichtiger beurteilt als die, die irreversibel sind. „Kleine“ Fehler sind opportun, wenn dadurch „große“ Fehler vermieden werden. „Flüchtigkeitsfehler“ sind entschuldbar, vorsätzliche Fehler sind Sabotageakte und werden gnadenlos sanktioniert.

Es sind zwei „Welten“, in denen Fehler ein Thema sind: zum einen die schulische Lehr-Lern-Welt, zum anderen die Leistungswelt industrieller Produktion und Dienstleistung. In der Schule ist das Fehlermachen konstitutiv. Konstitutiv heißt, dass die Erkenntnis des Richtigen selten möglich ist ohne die Erfahrung des Falschen. Für die betriebliche Leistungswelt sind Fehler nicht konstitutiv, sondern katastrophal. Bei Piloten ist der Unterschied paradigmatisch: Was im Simulator an Fehlern gemacht wird, soll in der Flugrealität nicht mehr auftreten. Das erste ist eine fehleraffine Lehr-Lern-Situation, das zweite eine fehlerfeindliche Dienstleistungssituation. (vgl. S. 79)

Aus Fehlern zu lernen, kann vieles heißen. Das aus der Fehlleistung gewonnene „negative Wissen“ bewahrt davor, den Fehler noch einmal zu machen. Das ist das mindeste, was zu lernen ist. Aber es kann weit darüber hinausgehen. An einer Stelle ist von den „geheimen Geburtskräften des Fehlers“ (S. 74) die Rede. Damit ist gemeint, dass der Fehler seinen Verursacher unter Umständen zu ganz neuen Ideen führen kann, die ohne die missliche Erfahrung wohl kaum evoziert worden wären. Dass man nicht nur aus eigenen, sondern auch aus den Fehler anderer lernen kann, wird in dem Buch zwar behauptet, aber nur schwach belegt, denn das angeführte „Gefühl des Frohseins“ (S. 81) darüber, dass man es nicht selber war, dem das Missgeschick unterlaufen ist, hat doch wohl mehr mit Schadenfreude als mit einem konstruktiven Lerneffekt zu tun.

Fehler machen, Fehler zugeben, Fehler feiern

Große Organisationen – Industriebetriebe, Verwaltungen, Krankenhäuser z. B. – pflegen einen professionellen Umgang mit unvermeidlich auftretenden Fehlern, der der Maxime zu folgen scheint: „Fehler machen ist gefährlich; Fehler zugeben ist tödlich.“ (S. 99/100) Folglich, so im Beitrag des Management-Professors Günther Ortmann zu lesen, werden Fehler und deren Folgen fast immer (1) bagatellisiert und (2) mit „menschlichem Versagen“ erklärt. Dieser „Sündenbockmechanismus“ der Zurechnung des Fehlers auf einzelne unfähige (oder gar böswillige) Mitarbeiter folgt einer Organisationsräson, die primär auf Reputation und Haftungsfragen bedacht ist. (vgl. S. 97)

Günther Ortmann erteilt dem „Lob des Fehlers“ eine deftige Absage. Aus Fehlern lässt sich lernen, ja, aber daraus eine Verherrlichung des Fehlers als Lernquelle par excellence zu machen, ist gefährlicher Unfug. Zuerst einmal gilt: „Fehler pflegen von Übel zu sein.“ (S. 111) Es wäre besser, sie nicht zu machen; und eine Fehlervermeidungs-Kompetenz ist allemal wichtiger als eine romantische Feier des Fehlers. Letztere aber beherrscht den Zeitgeist – mit zwei seltsamen Auswüchsen: der (1) „Malitätsbonisierung“ und des (2) „gezielten Fauxpas“.

Mit Odo Marquard spricht Günther Ortmann von Malitätsbonisierung, wenn das Üble des Fehlers als etwas Gutes nobilitiert wird: Fehler sind großartig, sie führen uns weiter, denn wir Menschen sind Trial-and-Error-Wesen, „wir irren uns empor“. (vgl. S. 109)

Wer sich Fehler wünscht oder willentlich herbeiführt („gezielter Fauxpas“), damit er sie korrigieren und aus ihnen lernen kann, pervertiert den an sich humanen Gedanken der nachsichtigen „Fehlerfreundlichkeit“.

Wer einen Fehler begangen hat und danach ein schlechtes Gewissen hat, muss sich vom Züricher Erziehungswissenschaftler Roland Reichenbach sagen lassen: „Ein schlechtes Gewissen ist … einfach ein Mangel an einer guten Ausrede.“ (S. 115) Ein „kulturell legitimierter Ausredeapparat“ (S. 118) ist heute wichtig, um sich von eigenen Fehlern nicht erschüttern zu lassen und vor anderen das Gesicht zu wahren. So lernt man, mit der Fraglichkeit seiner Existenz keine Probleme mehr zu haben und sich selber kein Rätsel mehr zu sein. (vgl. S. 122) Allein auf dieser Mentalitätsgrundlage vermag der heute hofierte „flexible Mensch“ seine Flexibilität auszuleben, das heißt seine allseitige Disponibilität und Adaptivität. (vgl. S. 125)

Klaus Mehl, als Psychologe in der Fehler- und Sicherheitsforschung tätig, hat Fehler bei der Lösung „einfacher“ Aufgaben untersucht, die gewöhnlich auf Aufmerksamkeits- und Konzentrationsmängel zurückgeführt werden. Er vergleicht das Fehlermachen mit dem Impfen: „Ähnlich wie bei einer Impfung, wo die Konfrontation mit wenigen Viren der Produktion von Antikörpern dient, dienen Fehler offensichtlich dem Erkennen kritischer Handlungsbedingungen und in Folge einer ‚Immunisierung‘ ihnen gegenüber.“ (S. 139 f)

Fehler in der Schule, die Schule als Fehler

Zum konstruktiven Umgang mit sachlichen Fehlern im Schulunterricht gehört es, dem Schüler die Angst vor Fehlern zu nehmen, um diese dann so zu behandeln, dass der Schüler sie dank hinzugewonnener Einsicht nicht wiederholt. Schüler, die Angst haben, Fehler zu begehen, machen mehr Fehler als Schüler, die diese Angst nicht haben. (vgl. S. 82) Welche Rolle dabei die Klassenkameradinnen und -kameraden spielen, untersucht Lysann Zander, Unterrichtsforscherin an der FU Berlin. Pauschal gesagt: Je verständnisvoller die Peergruppe auf den Fehler eines Mitschülers reagiert, umso leichter fällt es dem Fehlenden aus seinen Fehlern zu lernen und darüber die Lernfreude nicht zu verlieren. (vgl. S. 163 ff)

Um die professionelle Fehlerkompetenz von Lehrpersonen zu verbessern, also den lernförderlichen Umgang mit Fehlern, die die Schüler machen, entwickelt ein Beitrag (S. 177 ff) ein Trainingsprogramm für Lehrerinnen und Lehrer.

Nicht nur Schüler machen Fehler, auch die Schule macht Fehler – nicht nur im Umgang mit den Fehlern der Schüler, sondern auch bei ihrem Selektionsauftrag, die Besten auszulesen und auszuzeichnen. Soziale Herkunft, Geschlecht und nationale Abstammung haben in Deutschland einen ebenso großen Anteil am schulischen Erfolg und Misserfolg wie die tatsächliche Leistung der betroffenen Schüler. (vgl. S. 207 f) Hier liegt der Fehler im (Bildungs-)System, nicht beim Zögling. „Allein die Leistung, die zählt“, heißt es in der Propaganda. Dass dem nicht so ist, darauf macht Winfried Kronig, Professor für Sonderpädagogik, aufmerksam.

Betriebliche Fehlerkulturen

Zum Qualitätsmanagement moderner Industriebetriebe gehört auch eine konstruktive Fehlerkultur, die bei unvermeidlich auftretenden Abweichungen vom Erwünschten nicht retrospektiv fragt „Wer ist schuld?“, sondern den Blick prospektiv nach vorne richtet: „Wie können wir es in Zukunft besser machen?“ Das Alpha und Omega jeder guten betrieblichen Fehlerkultur ist die „Fehleroffenheit“ (S. 249). Fehler passieren. Fehler kann man nicht verbieten. Aber man sollte alles dagegen tun, dass sie vertuscht und verschleppt werden. Was den konstruktiven Umgang mit Fehlern im Betrieb betrifft, sei viel von Japan zu lernen, heißt es auf S. 246, ohne auf die nipponesische Machart näher einzugehen.

Ein besonderer Hochrisiko-Betrieb ist das Krankenhaus. Fehler (= „unerwünschte bzw. unerwartete Ereignisse“, S. 259) können hier den Tod von Menschen bedeuten. Zwei Praktiken zum Lernen aus unerwünschten Ereignissen im Krankenhaus werden vorgestellt:

„Morbidity-Mortality-Konferenzen“ (MMK) stellen insbesondere in der Chirurgie ein verbreitetes Lernsetting dar, in dem unerwünschte Ereignisse aufgearbeitet werden. Behandlungsfehler werden der Ärzteschaft des Spitals präsentiert, und zwar von den Kollegen, die in den Fall verwickelt waren. Eine kritische Reflexion und Diskussion schließt sich an. (vgl. S. 262)

Die „Failure Mode and Effects Analysis“ (FMEA) ist ein hoch strukturiertes Prozedere, das nicht der reaktiven Aufarbeitung bereits gemachter Fehler, sondern der Antizipation von denkbaren Fehlern dient. (vgl. S. 262 f) Hier wird eine Verbreiterung der Antizipationsweite bei den Medizinern angestrebt: Man beugt unerwünschten Ereignissen vor, indem man informiert und „gefasst“ mit ihrer Möglichkeit zu rechnen lernt. (vgl. S. 260)

Fehler in betrieblichen Arbeitskontexten wecken nicht selten die Eigeninitiative der Beschäftigten, um den unerwünschten Ereignissen auf den Grund zu gehen und sie an der Wurzel zu beheben. Insbesondere solche Fehler sind gemeint, die nicht einzelnen Mitarbeitern zuzurechnen sind, sondern extra-individuelle Ursachen haben: die Aufteilung von Zuständigkeitsbereichen ist fragwürdig; Arbeitsabläufe werden ebenso in Frage gestellt wie Arbeitsbelastungen. Hier stehen Unternehmensstruktur und Unternehmensführung zur Disposition, und es bedarf eines besonderen Mutes der Mitarbeiter, um dies zur Sprache zu bringen, der bis zum „whistleblowing“ (S. 290) gehen kann.

Fazit

Der rote Faden des Buches ist der Gedanke, dass Fehler unter bestimmten Umständen günstige Ausgangspunkte für Lernprozesse sind. Das, was man aus Fehlern lernen kann, betrifft nicht nur das Unterbleiben ihrer Wiederholung, sondern auch eine Bewusstseinserweiterung, die in der informierten Antizipation möglicher Risiken und Gefahren besteht, durch die Fehler präventiv verhindert werden, ohne sie je ganz ausschließen zu können. Ein Leben mit Fehlern bedarf aus pädagogischer Perspektive einer Fehlerkultur, in der man dem Fehlenden nicht feindselig gegenübertritt, sondern ihn, der auf seine Weise ein „Experte“ ist, ins „problem solving“ einbindet.


Rezensent
Prof. Dr. Klaus Hansen
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Zitiervorschlag
Klaus Hansen. Rezension vom 09.02.2016 zu: Martin Gartmeier, Hans Gruber, Tina Hascher, Helmut Heid (Hrsg.): Fehler. Ihre Funktionen im Kontext individueller und gesellschaftlicher Entwicklung. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2015. ISBN 978-3-8309-3321-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20030.php, Datum des Zugriffs 24.08.2019.


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