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Maria J. Beckermann (Hrsg.): Selbstoptimierung bis zur Erschöpfung

Cover Maria J. Beckermann (Hrsg.): Selbstoptimierung bis zur Erschöpfung. Widerstandskraft und psychische Gesundheit von Frauen. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2015. 240 Seiten. ISBN 978-3-86321-280-3. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 53,90 sFr.

Beiträge der 21. Jahrestagung des Arbeitskreises Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft (AKF) e. V.
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Thema

Selbstoptimierung bis zur Erschöpfung – der Titel der Jahrestagung erscheint auf den ersten Blick als Widerspruch in sich: Wie soll das gehen, sich zu optimieren und sich dabei selbst zu erschöpfen? Sich also in einen Zustand zu bringen, der gar nicht mehr als optimal zu bezeichnen ist?! Selbstoptimierung und Erschöpfung können wie zwei Pole eines Kontinuums gesehen werden. Sie erfahren in dieser Publikation jeweils eine eigene Beleuchtung und werden durch die Beschreibung begleitender Phänomene angereichert. Es geht um Leistung – Leistung in unserer Gesellschaft, in Familie und Beruf, um Leistungsfähigkeit, um Anforderungen, die explizit und implizit ihre Wirkung entfalten und sich auf die Gesundheit von Frauen (und Männern) auswirken. Hier liegt der Fokus auf den Frauen und ihrem Umgang damit. D.h. nicht, dass Männer nicht betroffen wären. Dies ist jedoch hier nicht der Inhalt und bedarf einer Diskussion an anderer Stelle. Oft wird Resilienz – in meinem Verständnis verkürzt! – mit der Stärkung von Widerstandskraft gleichgesetzt. Der Weg zum Thema Selbstoptimierung ist dann oft nicht mehr weit: nämlich dann, wenn man versucht, strukturell begründete Problemlagen durch individuelle Lösungssuchen zu kaschieren. Neben allen möglichen „Tools“, Trainings, sei z.B. auch auf die Neuroenhancer verwiesen, deren Gebrauch durchaus der Selbstoptimierung dienen soll. Alkohol- und Medikamentengebrauch als Selbstmedikation sind ebenfalls kein neues Phänomen und im Zuge der Burnout-Diskussion (wo ist die eigentlich hin?!) noch weiter bekannt geworden.

Herausgeber

Der AKF – Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft e.V. ist seit mehr als 20 Jahren aktiv tätig für die Gesundheit von Frauen. Sein Hauptanliegen ist es, frauenspezifische Gesundheitsinformationen zu erarbeiten und zu vermitteln. Die Ursprünge des Vereins liegen in der Frauengesundheitsbewegung und in ihm arbeiten Fachfrauen disziplinübergreifend (Bereiche Medizin, Gynäkologie, Psychologie, Maternal Health, Sozialpädagogik, Soziologie, Heilpraktikerinnen, Selbsthilfe etc.) zusammen. Der Verein ist unabhängig und beleuchtet Gesundheitsangebote, Behandlungsverfahren usw. losgelöst von politisch und ökonomisch geleiteten Zielen. Der Nutzen für die Gesundheit und ihren Erhalt ist das Leitkriterium der Arbeit des AKF e.V. Klinische und fachliche Erfahrung von Fachgruppen gewährleistet bei der Erstellung von Informationsmaterialien die Verlässlichkeit der Information. Ist dies noch zeitgemäß? Sind wir nicht längst über den Punkt hinweg, dass es dezidierter Hinweise auf die unterschiedlichen Gesundheitsbedürfnisse von Frauen und Männern bedarf? Das wäre schön: immer noch kommen Gesundheitsthemen scheinbar ohne Berücksichtigung der Unterschiede zwischen den Geschlechtern, aber auch den Altersgruppen aus. Der AKF geht noch weiter: Er benennt die sozialen (z.B. Einkommen, Sozialstatus) Unterschiede und Erfahrungen (z.B. Gewalt) als maßgeblich für die Gesundheit. Ebenso die unterschiedlichen Erwartungen an die Geschlechter hinsichtlich Gesundheit, Fitness, Gesundheitserhalt usw. Fazit: die Arbeit des AKF e.V. ist von Relevanz wie eh und je.

Entstehungshintergrund

Mit dem vorliegenden Band werden Beiträge der 21. Jahrestagung vorgestellt. Teilweise handelt es sich um wörtliche Transkripte, die die einzelnen Veranstaltungen (Vorträge, Workshops) dokumentieren. So entsteht ein lebendiger Eindruck von fachlich kritisch geführten Auseinandersetzungen und Diskussionen.

Aufbau

Drei Teile bilden die folgenden inhaltlichen Schwerpunkte:

Teil 1 – Hauptvorträge

  • Resilienz – das Geheimnis der psychischen Widerstandskraft. Was macht uns stark gegen Stress, Depression und Burn-out? Christina Berndt
  • „Selbstoptimierung“ und „Schönheitswahn“ – Ursachen und Wirkungen komplexer Leistungsanforderungen an Frauen. Susanne Ihsen
  • Keine Entwicklung ohne Widerstandskraft – Salutogenetische Dialoge und Vorstellung der Arbeit der Frauenberatungsstelle FrauenLeben Köln e.V. Romy Herzberg/Stephanie Lange
  • Seinlassen. Formen und Dimensionen „negativer“ Performance. Alice Lagaay

Teil 2 – Workshops

  • Visitenkarten-Party;
  • Psychische Gesundheit aus biologischer Sicht. Vertiefung der Erkenntnisse aus der Epigenetik.; Aikido üben – Widerstandskraft körperlich, geistig und seelisch erfahren und fördern;
  • „Die Frau lebt nicht vom Brot allen“ – Achtsamkeit rund ums Essen und Ernährung; Humor als Mittel zur Resilienzförderung;
  • Mobbing als strukturelle Gewalt gegen Frauen in Heilberufen – Keine Angst vor Mobbing, Strategien zur Selbstbehauptung; Interkultur als Ressource;
  • Achtsame Organisationskultur©

Teil 3 – Abschluss der Tagung

Ausgewählte Hauptvorträge

Exemplarisch werden hier die Vorträge von

  • Dr. Christina Berndt, „Resilienz – das Geheimnis der psychischen Widerstandskraft. Was macht uns stark gegen Stress, Depression und Burn-out?“ und von
  • Prof. Dr. Susanne Ihsen, „‚Selbstoptimierung‘ und ‚Schönheitswahn‘ – Ursachen und Wirkungen komplexer Leistungsanforderungen an Frauen“ vorgestellt.

Christina Berndt hat ein Buch verfasst, das den selben Titel wie der Vortrag trägt. Sie knüpft zu Beginn an spektakuläre Fälle an, wie dem des Entführungsopfers Natascha Kampusch, die so gar nicht als Opfer in den Medien erschien und die Frage aufwarf, wie sie das Martyrium scheinbar so hat überstehen können. Diese Bilder waren mit Sicherheit noch vielen Teilnehmerinnen präsent. Daran anknüpfend, stellt Berndt rhetorische Fragen danach, was den Unterschied zwischen solch starken Personen wie Frau Kampusch und anderen Menschen ausmache, die von Schicksalsschlägen aus der Bahn geworfen würden.

Als ersten Ansatz weist Berndt auf die positive Psychologie (Martin Seligman) hin, die einen radikalen Perspektivenwechsel von der Erforschung von Problemursachen hin zu Bewältigungskräften und Ressourcen vornahm. Die Langzeitstudie von Emmy Werner, die erste Resilienzstudie schlechthin, brachte mehr Erkenntnisse dazu, was es Menschen ermöglicht trotz sehr widriger Umstände gesund zu bleiben. „Dabei zeigte sich: Der allergrößte Schutz im Leben ist Bindung.“ Berndt weist auf den Transfer in die Praxis hin und nimmt die Ausführungen der Professorin für Heilpädagogik, Monika Schumann, auf. Berndt bezieht weitere Forschungsergebnisse (Lösel) ein, weist auf den aktuellen Kenntnisstand zu Wechselwirkungen zwischen Genen und Umweltfaktoren hin. Ausschlaggebend sei oft, dass sich resiliente Menschen selbst gut kennen würden – sie treffen bewusste Entscheidungen anhand eigener Bedürfnisse und Vorlieben. Dies gelte beruflich wie auch für das Privatleben: „So werden Job und Ehe zu Kraftspendern statt zum Ort ständigen Energieverlusts.“ Abschließend erfolgt der Hinweis auf Trainings, die sich mit dem Ausbau von Stärken und dem Aufbau von Ressourcen befassten, wolle man Resilienz fördern. Dies gelte auch noch für das Erwachsenenalter.

Hier ein Auszug von Beiträgen aus der anschließenden Diskussion mit dem Publikum: „Das Problem, das ich sehe, auch in Ihrem Vortrag: Es scheint egal zu sein, ob mit dem Konzept menschenverachtende Praktiken unterstützt oder überwunden werden, ob wir damit fitter und schneller oder widerständiger werden. … wir müssen alle sehr wachsam bleiben, damit das Resilienz-Konzept nicht zu einem Selbstoptimierungskonzept im neoliberalen Zusammenhang verkommt.“; „Das ist an Ihrem Vortrag interessant und nachdenkenswert: Wie hängt es im Alltag mit einer politischen Struktur zusammen?“; „Es ist gut herausgearbeitet, dass Resilienz zu fördern nicht meint ‚Ich muss jetzt noch mehr machen‘. … Resilienz ist Bewegung und keine Rezept für Alltagssituationen.“; Der Themenkomplex Gene-Umwelt wurde noch ausführlicher und kontrovers mit Verweis auf den Workshop zur Epigenetik, diskutiert.

Susanne Ihsens Vortrag beginnt mit einem Generationensprung: Junge Mädchen/Frauen, die mit Hilfe verschiedener Apps sich und ihren Körper beobachteten. Sie zitiert einen Publizisten, der den Begriff „Selfie-Persönlichkeit“ geprägt und darauf hingewiesen habe, dass wir viel Energie darauf verwendeten, unverändert (immer fit, immer gesund, immer berechenbar) zu bleiben. Ihsen führt weiterhin das Beispiel einer Politikerin an, die sich bezüglich ihres Gewichts Nachfragen habe gefallen lassen. Das Angebot von Apple und Facebook an ihre Mitarbeiterinnen, Eizellen einfrieren zu lassen, passe sowohl zur Selbstoptimierung des Unternehmens bezüglich seiner Personalpolitik als auch zur Selbstoptimierung der Lebensentwürfe der Mitarbeiterinnen, führt Ihsen aus. Nach diesem Einstieg geht Ihsen dazu über, anhand von Studienergebnissen (sie forscht zu Genderfragen in den Ingenieurswissenschaften) aus soziologischer Sicht über Reaktionen zu Ungleichbehandlungen zu berichten. Sie stellt entsprechende Erkenntnisse vor.

  • So sei ein Befund, dass den Individuen der gesellschaftliche Kontext aus dem Blick gerate und sie versuchten, Probleme individuell zu lösen.
  • Eine weitere Lösungsstrategie, die gefunden wurde, sei, sich mit anderen zusammen zuschließen – was wiederum Zeit und Energie incl. Rückschläge koste.
  • Ein dritter Weg, der sich gezeigt habe sei, Ungleichbehandlungen schlichtweg komplett zu negieren.

Ihsen stellt noch weitere Ergebnisse anderer Studien vor, aus denen beispielhaft eines herausgegriffen wird: „Es gilt zwar in Unternehmen inzwischen als selbstverständlich, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu akzeptieren. Das darf aber weder zu Lasten der Kollegen und Kolleginnen, gehen, noch der Projekte und ihren Laufzeiten. Im Zweifelsfall geht es also zu Lasten derjenigen, die versuchen Familie und Beruf zu vereinbaren.“

Ein weiteres Schlaglicht fällt bei diesem Vortrag auf Frauen und Führungspositionen. Provokant stellt sie auch die Frage „Alleskönnerinnen oder schön blöd?“ Selbstoptimierung fände dann in einer Art Dreiklang statt: „Ich bin nicht o.k., so wie ich bin. … Ich kann das ändern. … Ich muss das ändern.“ Ihsen hinterfragt kritisch Selbst?Optimierung und merkt an, ob es sich nicht doch wieder nur um Anpassung handele – sei es über körperliche Eingriffe oder das Nutzen von technischen Hilfsmitteln (Apps usw.), verknüpft mit dem Anspruch, „sich als eine Art neuer Elite zu begreifen, die das Optimum aus ihrem Leben herausholen und tagtäglich an sich arbeiten will“. Selbstbild und Identität bestimmten mit, wie mit Anforderungen von Außen umgegangen werde. Resilienz könne als Filter wirken, Ansprüchen von außen Widerstand entgegenzubringen. Ihsen schließt mit: „Die Geschlechterrollen sind nicht mehr so statisch wie noch vor zwanzig oder fünfundzwanzig Jahren. Das kann dazu führen, dass die ‚goldene Fessel der Selbstoptimierung‘, mit der die bisherigen Anforderungen an Frauen beschrieben werden, sich auch auf Männer überträgt. … Es ist deshalb offen, ob wir in eine Gesellschaft voller individueller Selbstoptimierer/innen einmünden oder gesellschaftlich aushalten, dass es mehr Vielfalt und individuelle Freiheitsgrade gibt.“

Ausgewählte Workshops

Workshops – Aus der Fülle der Workshops werden die folgenden zwei herausgegriffen:

  • „‚Die Frau lebt nicht vom Brot allein‘ – Achtsamkeit rund ums Essen und Ernährung“ (Dr. Antonie Danz) und
  • „Achtsame Organisationskultur©“ (Maria Zemp).

Achtsamkeit – das Stichwort, das beide Workshops verbindet. Was ist darunter in Bezug auf Ernährung zu verstehen? Achtsamkeit reduziere Stress und fördere das körperliche und geistige Wohlbefinden, schreibt Danz in der Ausschreibung zum Workshop und: „Achtsamkeit, auch im Sinne von Selbstfürsorge, mitten im Alltag zu kultivieren, kann durchaus einfach gelingen.“ heißt es da. Danz konkretisiert dann mit folgenden Leitfragen: „Was hilft uns achtsam zu essen? Wie gelingt eine Ernährungsweise, die Gelassenheit, Vitalität und Essensfreude bereitet, gerade auch im Alltag? Was hat Selbstfürsorge mit Achtsamkeit zu tun? Und wie können wir erfahrbar machen, dass uns das Leben nährt?“ Der Workshop bietet eine kurze Einführung, deren Inhalte sich auf Vertrauen, Wertschätzung, Liebe und Für-Sorge beziehen. Zu dem Stichwort „Vertrauen“ führt Danz aus, dass bei der Lebensmittelauswahl meist der Fokus darauf liege, was es in Bezug auf eine bestimmtes Ziel (Übergewicht, hohes Cholesterin, zu viel Zucker etc.) zu vermeiden gelte. Dies habe den Effekt, Ernährung mit etwas Negativem zu assoziieren, anstatt Energiespendendes, Sinnliches, Schönes darin zu sehen. Und: „Das krampfhafte Versuchen, allen Ernährungsempfehlungen … gerecht zu werden, führt zu Verwirrung, Frustration, Stress und sogar Angst. Das Vertrauen auf ein Nahrungsmittel, das uns in seiner Komplexität nähren kann als auch auf unserer eigenen Erfahrung (Was tut mir gut!) geht dadurch verloren.“ Im Anschluss findet sich die Beschreibung von Übungen, die Workshop zu Anwendung kamen, wieder ein kurzer Input zur Traditionellen Chinesischen Medizin und als Abschluss sieben Leitgedanken.

Der Workshop von Maria Zemp greift das Thema Achtsamkeit in Relation zur Organisationskultur auf. In der Ausschreibung findet sich Folgendes: „Das Konzept Achtsame Organisationskultur© ist ein ganzheitliches Konzept der Resilienzförderung, das alle Ebenen der Organisation (von der Buchhaltung bis zur Facharbeit, von der Leitung bis zur AssistentIn) einschließt. Diese Maßnahme zielt darauf ab, die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der MitarbeiterInnen zu fördern, und die Widerstandsfähigkeit und Stabilität der Gesamtorganisation/Einrichtung zu stärken.“ es findet sich eine detaillierte Beschreibung der Rahmenbedinungen und Zielsetzungen des Workshops. Inhaltlich findet sich sehr interessante Ausführungen zur Konzeptentwicklung und historische Hintergrundinformationen zu feministischen Ansätzen und Projektarbeit.

Zemp stellt ökonomisch-ökologisches Ansätze feministischer Theoretikerinnen vor: „Ein ökologischer Umgang mit menschlichen Ressourcen in einem Betrieb bedeutet, dass anerkannt wird, dass Menschen ihre Leistungsfähigkeit nicht unendlich steigern können und sie trotz aller Selbstoptimierung manchmal erschöpft sind und krank werden.“ Anstatt die Gewinnmaximierung zu forcieren ließe sich unternehmerischer Erfolg ebenso dadurch definieren, wie Unternehmen mit den Beschäftigen umgehen: „Das könnte konkret bedeuten, dass die Firma/Einrichtung ihren Erfolg daran misst, wie gut sie kranken MitarbeiterInnen den Wiedereinstieg organisiert hat, oder daran, ob Konfliktlösungen im Unternehmen so klug und besonnen angegangen wurden, dass möglichst keine ‚Köpfe gerollt‘ sind.“ Zemp verweist auf Wirtschaftsmedien, die diese Herangehensweise angesichts stetig steigender Krankenzahlen längst nicht mehr als Utopie sähen. „Resilienzbildung braucht eine Umgebung, die die Begrenzung und die Regeneration von Ressourcen achtet.“

Als Beispiel aus der Praxis nennt Zemp die Organisation Medica mondiale, die im Rahmen eines Projektes das Konzept der Achtsamen Organisationskultur© implementiert hat. Das Konzept beziehe sich sowohl auf die individuelle als auch die Resilienz der Gesamtorganisation. In der Umsetzung kämen Maßnahmen zur psychischen und physischen Gesunderhaltung, zur Bewusstseinsbildung, die Anpassung von Arbeits- und Planungsabläufen zur Anwendung, und es würden intern soziale und kulturelle Bildungsprozesse initiiert. Im Workshop wurde zu ausgewählten Fragestellungen in Kleingruppen weiter gearbeitet, um Bezüge zu den eigenen Arbeitszusammenhängen herzustellen.

Diskussion

Die Beiträge decken ein breites Spektrum ab. So ist z.B. der Workshop Psychische Gesundheit aus biologischer Sicht mit Sicherheit hochinteressant, erfordert meiner Meinung nach mehr Vorwissen als es Laien mitbringen. Hier kommen eher Fachfrauen auf ihre Kosten. Je nach Interessenschwerpunkt können selbstverständlich die Beiträge in beliebiger Reihenfolge gelesen werden, auch wenn es zwischendurch immer wieder thematische Querverweise gibt. Die Expertinnen scheuen nicht die Auseinandersetzung mit kritischen Fragen der Teilnehmerinnen. Man gewinnt einen lebendigen Eindruck der Veranstaltung – und kann viele Impulse mitnehmen. Im Bereich der Gesundheit Tätige erhalten hier kompakte Informationen, die sonst nicht so leicht zugänglich sind. Ein gendersensibler Umgang mit der Thematik Gesundheit lässt noch immer viel zu wünschen übrig. Deshalb ist dieser Tagungsband besonders wichtig: Ab vom Mainstream bezieht er mutig unbequeme Positionen, stellt provokante Fragen und ermöglicht andere Sichtweisen und neue Erkenntnisse. Schließlich sind der sozioökonomische Status und explizit das Alter Kategorien, die genderspezifische Unterschiede aufweisen und auch Einfluss auf die Gesundheit nehmen. Genderspezifisch an dieser Stelle, da das Feld der Frauengesundheit wie auch das der Männergesundheit nach wie vor konsequent unterbelichtet oder zu wenig bis gar nicht wahrgenommen wird.

Fazit

Selbstoptimierung und Erschöpfung – wie geht das zusammen? Soll nicht das eine das andere verhindern? Welche Faktoren spielen dabei eine Rolle und welche Verhaltensweisen sind eher für Frauen typisch und welche Rolle spielt dabei die Haltung und Erwartungen, mit denen Frauen explizit und implizit begegnet wird? Der Tagungsband wirft ein differenziertes Bild auf diverse Phänomene in diesem Themenfeld und ist absolut lesenswert: die kritisch geführten Diskussionen rund um die Vorträge und Workshops bieten viele Erkenntnisse und Anregungen. Sie haben eine hohen Praxisbezug und Anwendungsnutzen.

Es handelt sich um eine komplexe interessante Thematik, die Bewusstsein schaffen und auf viele Stolpersteine aufmerksam machen kann. Hier zur Einstimmung ein Zitat aus der Eröffnungsrede von Dr. med. Maria J. Beckermann: „Gern lästern wir aber auch über die anderen – die, die sich ‚auftussen‘ und operieren lassen. Dabei unterwerfen wir uns dem Zwang zur Schönheit (fast) alle. Wir begründen unsere Anstrengungen eher mit Gesundheitsmotiven: Wir joggen um fit zu sein, ernähren uns gesund. Das hört sich wertvoller an als der pure Wunsch schön zu sein. Aber was bestimmt unser Selbstbewusstsein mehr, die Schönheit oder die Gesundheit? Wie leicht sind wir bereit, die Gesundheit zu ruinieren, um schön zu sein? Das ist also ein ganz schön kompliziertes und sehr ambivalentes Verhältnis, das wir zumindest zur körperlichen Selbstoptimierung haben.“


Rezensentin
Dipl.-Päd. Ines Polzin
Prozessberaterin für KMU im Förderprogramm unternehmensWert:Mensch, Resilienz-Coach/-Trainerin
Homepage www.inespolzin.de
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Zitiervorschlag
Ines Polzin. Rezension vom 26.02.2018 zu: Maria J. Beckermann (Hrsg.): Selbstoptimierung bis zur Erschöpfung. Widerstandskraft und psychische Gesundheit von Frauen. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2015. ISBN 978-3-86321-280-3. Beiträge der 21. Jahrestagung des Arbeitskreises Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft (AKF) e. V. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20032.php, Datum des Zugriffs 11.12.2018.


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