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Luciano Floridi: Die 4. Revolution. Wie die Infosphäre unser Leben verändert

Cover Luciano Floridi: Die 4. Revolution. Wie die Infosphäre unser Leben verändert. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2015. 317 Seiten. ISBN 978-3-518-58679-2. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,90 sFr.
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Thema

Das aus dem Englischen von Axel Walter ins Deutsche übersetzte Buch befasst sich mit den Auswirkungen der explosionsartigen Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologien. Mit dem Titel: Die 4. Revolution, wird Bezug genommen auf die vorangegangenen Revolutionen in der Physik, Biologie und Psychologie durch Kopernikus, Darwin und Freud.

Autor

Luciano Floridi ist Informationstheoretiker, Experte im Bereich der Philosophie der Information, der Informationsethik und Computerethik. Geboren in Rom studierte er Philosophie an der Universität La Sapienza in Rom und promovierte an der Universität von Warwick/ England. Er ist Professor für Informationsphilosophie und Informationsethik an der Universität Oxford und Mitglied des Oxford Internet Instituts.

Aufbau

Das Buch ist übersichtlich in zehn Kapitel gegliedert, die zentrale Inhalte behandeln: Zeit, Raum, Identität, Menschenbild, Privatsphäre, Intelligenz, Handeln, Politik, Umwelt und Ethik. Den Kapiteln ist ein Vorwort voran gestellt.

Inhalte

Im Vorwort stimmt Floridi den Leser auf das Thema ein: die Analyse der Auswirkungen der IKT (= Informations- und Kommunikationstechnologien) auf unser Selbstverständnis, auf unsere sozialen Beziehungen und auf die Art und Weise, wie wir die Welt gestalten und mit ihr interagieren.

Kapitel 1: Zeit – Hypergeschichte. Floridi schildert die drei Zeitalter der menschlichen Entwicklung: die Vorgeschichte ohne Schriftzeugnisse, in denen noch keine Systeme zur Verfügung standen, um Ereignisse und Wissen aufzuzeichnen, die Geschichte, in der die Menschen die Technik wie auch die IKT erfanden, und die hypergeschichtliche Phase. In der zweiten Phase sind Fortschritt und Wohlergehen mit IKT verbunden, in der dritten Phase sind sie weitestgehend davon abhängig. Hypergeschichtlich ist nach Floridi eine Gesellschaft, wenn deren Bruttoinlandsprodukt überwiegend auf immateriellen Gütern basiert. Dagegen hängen Gesellschaften in der geschichtlichen Phase auch noch von Technologien anderer Art ab. Big Data, Datentsunamis bzw. Zettafluten sind die Herausforderungen des dritten Zeitalters. Die Fragen der Alterung von Daten und welche Daten es wert sind, aufbewahrt zu werden, sind noch unbeantwortet. Aktuelle Fragestellungen sind die weitreichende Konnektivität und der Nutzen von Netzwerken.

Kapitel 2: Raum ­- Infosphäre. Floridi ordnet der Technologie eine Zwischenstellung zu, wobei er zwischen Technologien erster, zweiter und dritter Ordnung unterscheidet. Im ersten Fall schiebt sich die Technologie zwischen Mensch und Natur. Technologien zweiter Ordnung verknüpfen den Menschen mit anderen Technologien. Als wichtigste Technologie wird hier der Motor bezeichnet, der die industrielle Revolution in Gang gesetzt hatte. Technologien dritter Ordnung benötigen den Menschen als Akteur und Anwender nicht mehr. Beispiele sind selbststeuernde Fahrzeuge und das Smart Home. Optimal ist eine Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine, wenn diese nicht nur funktional, sondern auch gestalterisch ansprechend ist. Mit dem Begriff der Infosphäre wird die Veränderung der Wirklichkeit und das, was wir dafür halten, bezeichnet. Typisch für das Leben in der Infosphäre ist die Verschmelzung der digitalen Onlinewelt mit der analogen Offlinewelt. Das Ergebnis ist die „Onlife-Erfahrung“. Wie bei einem Buch mit dem Titel „Leben in der Infosphäre“ zu erwarten, werden viele Themen angesprochen, darunter die Frage des Eigentums an virtuellen Vermögenswerten und des Versicherungsschutzes sowie die kostenlosen Online-Dienste, die möglich sind, weil Information als Verbrauchsgut zu gleicher Zeit von vielen Menschen konsumiert werden kann und weil die Reproduktionskosten einmal verfügbarer Information vernachlässigbar gering sind.

Kapitel 3: Identität – Onlife. Unstrittig ist für Floridi, dass die IKT einen großen Einfluss auf die Identitätsbildung des Menschen haben. Sie verändern das Bild, das der Mensch von sich selbst hat. Das Konzept der Identität wird hinterfragt: Wenn Teile von einem Ganzen ersetzt werden, z.B. alte Holzplanken eines Schiffes durch neue, handelt es sich dann noch um dasselbe Schiff? Oder ist ein Gebäude, das früher eine Schule war und jetzt als Krankenhaus genutzt wird, noch dasselbe Gebäude? Floridi will damit zeigen, dass die Frage nach der Identität nicht absolut und kontextunabhängig beantwortet werden kann. Gefragt wird nach dem Stellenwert von Erinnerungen, die, wenn sie zu stark gewichtet werden, ein Hindernis bei der Neubestimmung des eigenen Selbst sein können. Weitere Themen sind die E-Gesundheit und die E-Bildung.

Kapitel 4: Selbstverständnis – die vier Revolutionen. Da über die ersten drei Revolutionen, verursacht durch Kopernikus, Darwin und Freud, schon oft berichtet wurde, geht Floridi nur kurz darauf ein, um sich dann mit aller Ausführlichkeit der vierten, auf den Arbeiten von Alan Turing beruhenden Revolution zu widmen. Der Computer ist nunmehr nicht mehr bloß ein Rechner, sondern eine programmierbare Universalmaschine. Ein wichtiger Aspekt hinsichtlich des Selbstverständnisses des Menschen ist der Verlust seiner Einzigartigkeit. Um aus dieser informationellen Anonymität herauszukommen, geben Menschen bereitwillig Informationen über sich selbst preis. Die vierte Revolution beinhaltet eine Neubewertung der Natur des Menschen.

Kapitel 5: Privatsphäre – informationelle Reibung. Das ethische Problem der Privatsphäre ist ein zentrales Thema der hypergeschichtlichen Zeit. Als informationelle Reibung bezeichnet Floridi die Kräfte, die sich dem Informationsfluss in der Infosphäre widersetzen. Wer z.B. die Vorhänge in seinem Wohnzimmer zuzieht, vergrößert die informationelle Reibung in der Umgebung. In urbanen Umwelten wird die informationelle Reibung durch Anonymität gefördert. Privatheit wird in Zukunft etwas anderes bedeuten als heute, denn die Infosphäre hat kein Außen, so dass zwischen inner- und außergemeinschaftlichen Beziehungen nicht unterschieden werden kann. Floridi kommt hier auf das Thema Identität zurück, wenn er feststellt, dass die Transparenz der Infosphäre die Identität und Individualität gefährdet. Andererseits erfolgt die Identifizierung anhand biometrischer Daten, die der Computer speichert.

Kapitel 6: Intelligenz – die Welt einschreiben. Das Credo des Autors ist: Daten sprechen nicht durch sich selbst, wir brauchen kluge Fragensteller. Intelligenz wird als effektives Umgehen mit Information beschrieben. Beim Turing Test werden Fragen gestellt, die nur ein Mensch, aber nicht ein Computer richtig beantworten kann. Floridi meint, dass die heutigen IKT nicht imstande sind, bedeutungsvolle Informationen zu verarbeiten. Der Haken ist die Semantik. Der Autot verweist auf den beliebten Vergleich zwischen menschlichen Schachspielern und Computer, wobei letzterer ohne Intelligenz auskommt. Bei der Künstlichen Intelligenz-Forschung unterscheidet Floridi zwischen der erfolgreichen Reproduktion und einer bislang nicht erfolgreichen Produktion intelligenten Verhaltens.

Kapitel 7: Handeln – die Welt umhüllen. Wir sind dabei, unsere Umgebung in eine IKT- freundliche Infosphäre umzuwandeln. Dies geschieht durch Umhüllung, d.h. Herstellung von Bereichen, in denen Roboter erfolgreich funktionieren können. Das Gedächtnis der Datenspeicher kompensiert das fehlende semantische Verstehen der Computer. Rein syntaktische Technologien können das Problem der Bedeutung und des Verstehens umgehen. Der Mensch ist dagegen eine semantische Maschine, die in Verbindung mit einem Computer ein cleveres System ergibt, ein „human-based computation“. Mit diesem cleveren System lassen sich alle möglichen Sachverhalte bewerten und Ranglisten erstellen. Die IKT beeinflussen die Umweltgestaltung, z.B. werden Räume so angelegt, dass sie zu den Fertigkeiten des Staubsaugroboters passen. Ein weiteres Thema sind haustierartige künstliche Begleiter mitsamt der Frage des Erkennens von Emotionen sowie das Problem eines semantischen Web.

Kapitel 8: Politik – der Aufstieg der Multiakteurssysteme. Der Staat wird als Multiakteurssystem mit einem kodifizierten Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Akteuren beschrieben. Er ist Informationsakteur, der die IKT-Entwicklung als Mittel der Machtausübung fördert, damit zugleich aber an seiner politischen Apoptose mitwirkt, indem andere Informationsakteure in Erscheinung treten. Die Folgen der IKT sind, dass der Staat nicht mehr der einzige Akteur ist, dass die regionalen Grenzen durch Schaffung der Infosphäre durchlässig werden und dass Massenmedien ein bedeutender Einflussfaktor in demokratischen Gesellschaften sind. Fragen, die mit dem Auftreten politischer Multiakteurssysteme auftauchen, sind die Aufrechterhaltung der nationalen Identität, des Zusammenhalts sowie der Konflikte und Auseinandersetzungen, die in Cyberkriege münden, wenn die Politik scheitert. IKT und Big Data sowie IKT- Geräte können als Waffen dienen.

Kapitel 9: Umwelt – das digitale Gambit. Technologien verringern Beschränkungen und schaffen mehr Möglichkeiten, aber auch mehr Risiken. So setzt die Entwicklung der Infosphäre das Wohlergehen der Biosphäre aufs Spiel, indem IKT sehr energieintensiv sein können und einen nicht unerheblichen Anteil des Ausstoßes an Kohledioxid verursachen. Andererseits können die IKT wesentlich zum Umweltschutz beitragen. Floridi schildert das anhand des technologischen Gambit. Charakteristisch für ein Gambit ist die Hinnahme eines geringen Verlusts, um längerfristig einen signifikanten Vorteil zu erzielen. Konkrete Ansatzpunkte sind verbesserte Geräte und optimierte Abläufe.

Kapitel 10: Ethik -E-Umweltschutz. Das letzte sehr kurze Kapitel wirkt wie eine Fortsetzung des vorangegangenen Kapitels und zugleich wie ein Nachwort. Es enthält einen Appell, die neuen ethischen Herausforderungen durch die IKT in Angriff zu nehmen.

Diskussion

Floridi versteht es, komplizierte Sachverhalte anschaulich und verständlich darzustellen. Auch seine gelegentlichen Ausflüge in die Literatur tragen zur Veranschaulichung bei, so z. B. eine Textpassage von Marcel Proust, mit der die sozialen Einflüsse auf das eigene Selbstbild zum Ausdruck gebracht werden. Die sachlichen Darstellungen werden nur selten durch Abbildungen aufgelockert, dafür aber durch witzige Formulierungen wie z.B., dass es sich nicht gerade um ein grünes Idyll handelt, wenn die IKT sehr viel Strom benötigen, oder einem Vergleich zwischen dem Digitalfoto eines in einer Kunstgalerie gemachten Bildes und dem Diebstahl einer entsprechenden Postkarte im Laden. Oder er bringt Gogol und Google in Verbindung, wenn er auf Gogols „Tote Seelen“ zu sprechen kommt, deren finanzieller Wert geschätzt wurde ähnlich wie heute der Wert einer digitalen Seele bei Google.

Die Kapitel enden mit einer Schlussbetrachtung, die zum nächsten Thema überleitet. Dadurch werden Verbindungen hergestellt, die aus den einzelnen Punkten einen kohärenten Komplex, nämlich die 4. Revolution, machen. Das Buch vermittelt viel Wissen über das hypergeschichtliche Zeitalter, auf das wir uns zubewegen, und auch, weil man erfährt, was „a2a“ und „a4a“ bedeuten („anything to anything“ und „anywhere for anytime“). Positiv zu werten ist hier auch, dass am Schluss des Buches zu jedem Kapitel weiterführende Literatur genannt wird, so dass der Leser sich noch eingehender mit der vierten Revolution beschäftigen kann.

Ein durchgehend wichtiger Punkt für Floridi, den er immer wieder hervorhebt, ist, dass Computer syntaktische Maschinen sind, die keine Bedeutung verarbeiten können und dass allein der Mensch zur Semantik fähig ist.

Besonders eingehend wird das Thema Raum/Infosphäre behandelt, wobei zahlreiche Beispiele anschaulich vor Augen führen, was es damit auf sich hat, z.B. der smarte Kühlschrank, der seinen Inhalt kennt und Rezeptvorschläge macht.

Floridi zieht gern Statistiken heran, z.B. dass Instagram 2003 über 23 Millionen unter dem Stichwort #selfie gezählt hat. Hier wären mitunter Grafiken ähnlich wie beim Moore´schen Gesetz günstig gewesen, aus denen man Entwicklungen auf einen Blick hätte erkennen können. Wenn es am Schluss des Buches um Umweltschutz und ethische Fragen in der digitalisierten Gesellschaft geht, bewegen sich die Ausführungen auf einer recht allgemeinen moralisierenden Ebene.

Fazit

Das Buch handelt von den psychologischen, sozialen und gesellschaftlichen Auswirkungen der IKT, die aus einer informationsphilosophischen Perspektive analysiert werden. Es informiert anschaulich und verständlich über die durch die IKT angestoßenen Entwicklungen in den verschiedenen Lebensbereichen und der Entstehung einer neuen Umwelt, der Infosphäre, in der online und offline nicht mehr getrennt sind, sondern zu einem „Onlife“ verschmelzen. Es ist ein hochaktuelles Buch, dessen Lektüre allen an gesellschaftlichen Fragen interessierten Menschen zu empfehlen ist.

Summary

The book deals with the psychological and social impacts of IKT which are analysed in an informative philosophical perspective. The IKT developments in various walks of life and the emergence of a new environment, the Infosphere, where online and offline are no longer separately defined but merged into “onlife“, are clearly and vividly described. This book is highly topical and can be recommended to all persons who are interested in social issues and developments.


Rezensentin
Dr. Antje Flade
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Zitiervorschlag
Antje Flade. Rezension vom 16.06.2016 zu: Luciano Floridi: Die 4. Revolution. Wie die Infosphäre unser Leben verändert. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2015. ISBN 978-3-518-58679-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20034.php, Datum des Zugriffs 16.07.2018.


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