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Hans Füchtner: Individuelle und gesellschaftliche Verwahrlosung

Cover Hans Füchtner: Individuelle und gesellschaftliche Verwahrlosung. Psychoanalytische und sozialpsychologische Diagnosen. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2015. 205 Seiten. ISBN 978-3-643-80202-6.
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Thema

Verwahrlosung? Ist der Begriff nicht veraltet und sollte durch moderneres und weniger stigmatisierendes Vokabular ersetzt werden? In Frage kämen Devianz oder psychische Störung bzw. Beeinträchtigung. Der Autor sieht durch die Verwendung des Begriffs „Verwahrlosung“ einen Gewinn, der insbesondere in der Anknüpfungsmöglichkeit an psychoanalytische Traditionen sowie der Thematisierung gesellschaftlicher Phänomene wie z.B. Korruption oder Steuerhinterziehung besteht.

Autor

Hans Füchtner ist emeritierter Professor für Sozialisation und Sozialpsychologie des Fachbereichs Sozialwesen der Universität Kassel.

Entstehungshintergrund

Ausgangspunkt ist eine vom Autor konstatierte Verwendung des Begriffs „Verwahrlosung“, der gesellschaftliche und individuelle Tendenzen auf den Begriff bringen soll.

Aufbau

Das Buch behandelt thematisch folgende Komplexe:

  • Gesellschaft und Verwahrlosung
  • Psychoanalytische Aspekte der Verwahrlosung (zu diesem Komplex wird zuerst August Aichhorn behandelt; es folgen Darstellungen u.a. zu Siegfried Bernfeld, Ruth Friedlander und Anna Freud)
  • Mehrere Theorien zum Verständnis des Hochstaplers werden vorgestellt
  • Der Begriff „Verwahrlosung“ wird in die psychoanalytische Krankheitslehre von Theon Spanudis eingeordnet
  • Es erfolgt eine Skizze zur Weiterentwicklung des Begriffes „Verwahrlosung“ zum Begriff des „Psychopathen“
  • Gesellschaftliche Pathologien werden sozialpsychologisch diagnostiziert
  • Neue Faktoren der Verwahrlosung werden dargelegt (z.B. Fernsehkonsum)
  • Der Einfluss von Computer und Internet werden dargelegt

Es folgen kurze Kapitel zu:

  • Verwahrlosung und Sprache,
  • die Überwachung durch den Staat,
  • Kapitalismuskritik,
  • Realitätsverlust und
  • Erwartungsenttäuschungen,

Inhalt

Die Beschreibung und Analyse gesellschaftlicher Aspekte der Verwahrlosung bildet den Auftakt des Buches. Dabei orientiert sich der Autor an einer deskriptiven Behandlung des Themas. Eine breite Palette von Themen wird hier angesprochen, u.a. der Gebrauch von Psychopharmaka im Arbeitsleben, unspezifische Charakterlosigkeit oder Orientierungslosigkeit. Dabei handelt es sich – so der Autor – jeweils um Phänomene, die ihre Ursachen in den Strukturen des globalen Kapitalismus haben. Der Begriff der Verwahrlosung stellt eine Klammer dar, der die Einordnung der vielfältigen Phänomene in einen theoretischen Rahmen ermöglichen soll. Dabei wird der Begriff in einen Kontext verlagert, der ursprünglich in der Erfassung und Erklärung von Phänomenen angesiedelt war, die ausschließlich der individuellen Sphäre zuzuordnen sind. In diesem Zusammenhang schließt Füchtner an das einleitende gesellschaftsorientierte Kapitel an, das den Entstehungskontext des Verwahrlosungsbegriffs ausleuchtet.

Paradigmatisch ist Aichhorns Theorie der Verwahrlosung. Diese bezieht sich auf den jungen Menschen, der in seiner Vorgeschichte geschädigt wurde. Störungen in der Libidoentwicklung führen häufig zu einer nur äußerlichen Anpassung an die moralischen Normen der Gesellschaft. Geringe Anlässe können dann genügen um die bisher latente Verwahrlosung manifest werden zu lassen.

An die Ausführungen zu Aichhorn schließen sich ergänzende Kapitel an über Bernfeld, Friedlander, Anna Freud, de Groot, Schmiedeberg, Johnson, Szurek und Eissler. Hierbei geht es um Aspekte, die über Aichhorn hinausweisen. Insbesondere gesellschaftliche Aspekte kommen teilweise stärker zur Sprache. So kann Verwahrlosung allein aufgrund äußerer Lebensbedingungen entstehen, ohne dass bei den Verwahrlosten Störungen in der psychischen Entwicklung festgestellt werden könnten.

In einem weiteren Kapitel wird der Hochstapler als Beispiel eines Verwahrlosten diskutiert. Nach Abraham hat der Hochstapler in der Kindheit zu wenig Liebe bekommen und hat nicht lieben gelernt. Er leidet an „seelischer Unterernährung“. Es entsteht eine narzisstische Besetzung. Im Hintergrund stehen ungelöste pathologische innere Konflikte.

An das Kapitel zum Hochstapler schließen Überlegungen zu weiteren narzisstischen Typen an. In den neueren Narzissmustheorien verschwindet die Kategorie des Verwahrlosten. Füchtner führt hier an, dass dies wohl damit zu tun habe, dass Psychoanalytiker den erwachsenen Verwahrlosten selten zu Gesicht bekommen, da er zum Gefängnisinsassen wird.

In den letzten Kapiteln greift Füchtner seine zu Beginn fokussierte Perspektive wieder auf. Der Begriff objektiver gesellschaftlicher Verwahrlosung soll nun präziser gefasst werden. Über die anfängliche Phänomenologie und ad hoc Erklärungen hinausgehend soll nun das Potential der psychoanalytischen Diskurse zum Verwahrlosungsbegriff fruchtbar gemacht werden, um auch den Begriff der objektiven Verwahrlosung schärfer fassen zu können.

Zahlreiche Begriffe werden angeführt, um die objektiv verwahrlosende oder verwahrloste Gesellschaft zu charakterisieren. U.a. seien hier genannt „autistische Gesellschaft“, „kühle Gesellschaft“, „kindliche Gesellschaft“. Der entscheidende Punkt ist durchgängig, dass die Gesellschaft verwahrlost ist und gleichzeitig verwahrlosend wirkt. Die Pathologie ist somit nicht in der individuellen Geschichte der Subjekte zu lokalisieren, sondern in den objektiven Strukturen. So wie ein Krieg unabhängig von der psychischen Struktur einzelner schädigen kann, so schädigt die gesellschaftliche Struktur direkt, ohne dass das psychische Interieur entscheidend wäre. „Gelegenheit macht Diebe“, so Füchtner. Das Diebsein ist nicht in den Personen als Pathologie verortet, sondern wird durch die äußeren Bedingungen an den Einzelnen herangetragen: Egal wie er psychisch ausgestattet ist, die Struktur deformiert, wirkt verwahrlosend.

Im Weiteren diskutiert der Autor dies anhand familiärer Sozialisationsbedingungen, dem Fernsehkonsum, der Allgegenwart des Computers dem Internet, dem Sprachverfall und der staatlichen Überwachung.

Insgesamt sieht Füchtner unsere Gesellschaft als Eskalationsraum, der einen zunehmenden Narzissmus hervorbringt, letztendlich also dazu führt, dass Verwahrlosung ein durch Gesellschaft induziertes Allgemeinphänomen wird.

Diskussion

Das Buch vermittelt einen Überblick über verschiedene Konzepte der Verwahrlosung. Dabei steht die Psychoanalyse im Zentrum. Der Brückenschlag zur Gesellschaftstheorie gelingt nur ansatzweise. Insgesamt bleibt es doch fragwürdig, ob der Begriff der Verwahrlosung geeignet ist, gesellschaftliche Verhältnisse prägnant zu fassen. Am Ende erscheint fast jeder Bereich als verwahrlost (Fernsehen, Internet). Eine Erfassung der Ambivalenz zahlreicher Phänomene wird nicht vorgenommen. Die Entwicklung wird als weitgehend unilinear ins Negative weisend skizziert. Eine Rettung liegt augenscheinlich nur noch im Konflikt mit anderen Kulturen, die den Westen davor bewahren können psychotisch zu werden (S. 189).

Letztendlich wird der psychoanalytische Verwahrlosungsbegriff als Grundlage benutzt, die Gesellschaftsanalyse anzuschließen. Dabei wird die Gesellschaft so skizziert, dass sie quasi zwangsläufig die Verwahrlosung (insbesondere den Narzissmus) produziert.

Diese Denkweise hebt allzu sehr die menschliche Freiheit auf. Menschen regieren auf ihre Bedingungen sehr unterschiedlich. Gesellschaftliche Faktoren werden individuell verarbeitet. Dies wird beispielsweise in der Resilienzforschung erfasst. Auch die Psychoanalyse beinhaltet diese Differenzierung in Bezug auf die Individuen. Schädigungen im Kindesalter sind immer auch individuell. Die ganze Gesellschaft als pauschalen Schädigungsfaktor zu proklamieren wirkt überzogen und beinhaltet das Risiko im Lichte der Pauschalthese die Nuancen der Gefährdungen aber auch der Chancen zu übersehen.

Man vermisst im Buch von Füchtner auch die Berücksichtigung aktueller Entwicklungen wie z.B. Smartphones bzw. iphones oder die zunehmende Vernetzung. Hier das vernichtende Urteil der Verwahrlosung auszusprechen würde einen Bannspruch über künftige Generationen bedeuten.

Fazit

Ein Überblick zu Verwahrlosungstheorien. Im Fokus steht die Psychoanalyse. Der Anschluss einer Gesellschaftstheorie wird intendiert. Insgesamt soll gezeigt werden, dass die verwahrloste Gesellschaft zunehmend Verwahrlosung bei den Individuen hervorbringt.


Rezensent
Prof. Dr. Anton Schlittmaier
Direktor der Berufsakademie Sachsen – Staatliche Studienakademie Breitenbrunn; Schwerpunkte in der Lehre: Philosophische, anthropologische und ethische Aspekte Sozialer Arbeit; Sozialarbeitswissenschaft
Homepage www.ba-breitenbrunn.de
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Zitiervorschlag
Anton Schlittmaier. Rezension vom 11.02.2016 zu: Hans Füchtner: Individuelle und gesellschaftliche Verwahrlosung. Psychoanalytische und sozialpsychologische Diagnosen. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2015. ISBN 978-3-643-80202-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20036.php, Datum des Zugriffs 24.08.2019.


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