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Barbara Streidl: Lasst Väter Vater sein

Rezensiert von Armin Eberli, 17.03.2016

Cover Barbara Streidl: Lasst Väter Vater sein ISBN 978-3-407-85707-1

Barbara Streidl: Lasst Väter Vater sein. Eine Streitschrift. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2015. 167 Seiten. ISBN 978-3-407-85707-1. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 23,90 sFr.
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Thema

Lasst Väter Vater sein. Der Titel ist Programm. In ihrer Streitschrift fordert die Autorin zu einem radikalen Umdenken auf. Sie plädiert für ein neues Vaterbild und fordert zu dringenden Veränderungen in Familie, Beruf und Gesellschaft auf. Dabei hinterfragt sie die oft starren Erwartungen der Gesellschaft an die Rollen von Vätern und Müttern. Männer wollen als Väter nicht mehr nur anwesend sondern gleichberechtigt Beteiligte sein. (vgl. S. 14)

Autorin

Barbara Streidl, geboren 1972 in München, arbeitet als Journalistin u.a. für den bayrischen Rundfunk. Sie ist Koautorin des Buches „Wir Alphamädchen – Warum Feminismus das Leben schöner macht“. 2012 erschien ihr Buch „Kann ich gleich zurückrufen? Der alltägliche Wahnsinn einer berufstätigen Mutter“. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Entstehungshintergrund

Aktuelle Wissenschaftliche Studien zeigen: Männer engagieren sich mehr in der Familie als angenommen. Sie belegen zudem, dass für die Entwicklung der Kinder eine tragfähige Beziehung zum Vater von sehr großer Bedeutung ist. Dessen ist sich die Autorin bewusst. Zu ihrer Motivation das vorliegende Buch zu verfassen schreibt sie: „Meine Vorstellungen von einer Welt, in der niemand aufgrund seines Geschlechts benachteiligt wird, haben immer sehr viel mit der Stärkung der gesellschaftlichen Position von Frauen zu tun gehabt. Doch es ist höchste Zeit, auch die Position von Männern, von Vätern zu bedenken. (…) Wird eine Hälfte des Elternpaars kleiner gemacht, wächst die andere Hälfte nicht automatisch in die richtige Richtung“ (S.14) Es ist der Autorin ein Bedürfnis mit ihrer Streitschrift „eine Brücke zu schlagen zwischen dem Lager der Mütter und dem der Väter, zwischen Feminismus und Männerforschung“ (S. 13)

Aufbau und Inhalt

Die vorliegende Streitschrift ist in neun Kapitel, einer Danksagung und die Literaturhinweise unterteilt. Die einzelnen Kapitel sind durch viele, kurze Unterkapitel sehr Leser_innenfreundlich strukturiert. Der engagierte, in einer gut verständlichen Sprache verfasste Text zeugt vom Herzblut der Autorin für das Thema. Auch wenn viele Fakten dem interessierten Leser, der interessierten Leserin schon bekannt sein mögen, lässt man sich gerne auf die Argumentationen und Ausführungen der Autorin ein. Sie bezieht sich auf umfangreiche Quellen. Dabei handelt sich um einschlägige Fachliteratur, um viele Studien und Untersuchungen sowie eine Fülle von Artikeln und Interviews. Das Buch gibt einen guten Überblick über den Stand der aktuellen Diskussionen.

Im ersten Kapitel Aus dem Schatten, bitte schildert die Autorin Begebenheit die sie für die Thematik des Buches sensibilisierten und stellt Bezüge zu ihrer eigenen Biografie und Familie her. Sie formuliert darin Fragestellungen auf die sie mit ihren Ausführungen Antworten finden möchte. Zentrale Fragestellungen die immer wieder aufgenommen werden, sind: „Ist Mama vielleicht genug? Braucht es Papa überhaupt für das Kindeswohl? Oder sind Väter vielleicht doch unverzichtbar?“ (S. 11)

Das zweite Kapitel steht unter dem Titel „Die Väter“ sind nicht schuld am Stress „der Mütter“. Die Autorin stellt darin fest, dass es „die Väter“ ebenso wenig gibt wie „die Mütter“. Es gilt sich davon zu verabschieden, Menschen in Schubladen zu stecken (vgl. S. 20). Sie behandelt in diesem Kapitel, unter anderem, den Vereinbarkeits-Stress, unter dem eben auch berufstätige Väter zu leiden haben. Sie tut dies, ohne die Väter als Opfer darzustellen. Im Gegenteil, sie fordert die Männer immer wieder auf, sich für die Stärkung ihrer Rolle als Väter stark zu machen. Die Autorin geht weiter der Frage nach, ob Papa tatsächlich ein Auslaufmodell sei (vgl. S. 41), befasst sich mit der Thematik der Teilzeit-Eltern und geht auf den derzeit sehr aktuellen Diskurs rund um die „Konstruktion der Geschlechter“ ein. Auch hier plädiert sie für eine Öffnung der zum Teil sehr starren Rollenvorstellungen in der Gesellschaft. Abschließend führt die Autorin nachvollziehbar aus, weshalb Mama nicht genug ist und auch Papa gefragt ist.

Mit Rückblick auf die strenge und autoritäre Rolle der Väter in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und der 68er Bewegung als „Geburtshelferin der neuen Väter“ leitet die Autorin ins dritte Kapitel Der „neue“ Vater. Eine Bestandsaufnahme ein (vgl. S. 45). Darin kommt sie unter anderem zum Schluss, dass Papa keine Mama zweiter Klasse sondern eben einfach Papa ist (vgl. S. 48) Zurückkommend auf ihre eingangs gestellten Fragen kommt die Autorin hier zum Schluss, dass Väter für die Entwicklung der Kinder unverzichtbar sind.

Dass dennoch viele Kinder unter abwesenden Väter zu leiden haben, ist Inhalt des vierten Kapitels Wer fehlt ist Papa. Sie bezieht sich darin, nebst anderen, auf den Psychologen Alexander Mitscherlich und sein 1963 veröffentlichtes Buch „Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft“. Mit einem Exkurs in die Literatur – unter anderem zu Franz Kafka - illustriert sie ihre Argumentation. Nach einem Blick Jenseits der Mauer, in dem sie auf die unterschiedlichen Entwicklungen in der BRD und DDR eingeht, stellt die Autorin fest: „Papa soll in der Familie ebenso zu Wort kommen wie Mama, und zwar als Papa, nicht als schlechte Mama-Kopie. Schluss mit der Mutter-Werdung des Vaters – es lebe die Vater-Werdung des Vaters!“ (S. 77)

Im fünften Kapitel Die Bedeutung des Vaters bei der Entwicklung seines Kindes beschäftigt sich die Autorin mit Aspekten der Entwicklungspsychologie. Sie geht der Frage nach, warum es den Vater zum Wohl des Kindes aus entwicklungspsychologischer Sicht braucht.

Auf die Thematik der Elternrollen nach einer Trennung oder Scheidung wird im sechsten Kapitel Trennungsväter sind auch Väter eingegangen. Dabei steht das Eltern bleiben nach einer Auflösung der Partnerschaft im Zentrum. Eine Erkenntnis der Autorin dazu ist, „dass das Aufrechterhalten der Elternbeziehung nicht ohne Hilfe funktioniert“ (S. 100). Sie fordert Eltern auf, sich gemeinsam dieser Herausforderung zu stellen und außer familiäre Hilfe anzunehmen.

Im siebten Kapitel Der Mut de Männer appelliert die Autorin an den Mut der Väter, sich ihrer lebenslänglichen Aufgabe zu stellen. Sich dafür einzusetzen, eine tragfähige Vater-Kind Beziehung aufzubauen und sich nicht einfach als Opfer der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen oder der ach so mächtigen Mutter seiner Kinder zu sehen.

Sucht und werdet Vorbilder! so lautet die Aufforderung im Titel zu Kapitel acht. Darin stellt die Autorin den Vätern eine Belohnung in Aussicht. „…jeder Vater erhält: ein Stück Glück. Da gibt es diese besondere Beziehung zwischen Kind und Mutter (…) Diese innige Verbindung hat auch mit der bindungslosen Liebe zu tun, die die Mutter dem Kind entgegenbringt. Genau dieselbe bedingungslose Liebe erfährt das Kind aber auch vom Vater. Und daraus erwächst eine weitere besondere und innige Beziehung, die von lebenslanger Dauer ist, zwischen Vater und Kind. Eben ein Stück Glück.“ (S. 143)

Schluss des Buches bildet das neunte Kapitel Ausblick – Neun Forderungen für eine bessere Zukunft. Hier leitet die Autorin aus den bisherigen Ausführungen zusammenfassend neun konkrete und systemimmanente Forderungen für eine „Welt, in der Mutter und Vater gleichberechtigt für Kind oder Kinder sorgen“ können ab. (vgl. S. 146) Diese neun Forderungen lauten:

  1. Mehr Zeit und Geld für Papa und Mama
  2. Mehr Entscheidungsfreiheit für Papa und Mama
  3. Mehr Autorität für Papa
  4. Mehr Überlebenschancen für Elternbeziehungen nach Trennungen
  5. Mehr Familienfreundlichkeit für Papa
  6. Mehr offene Türen für Papa
  7. Mehr Vaterchance ergreifen
  8. Mehr Vater statt Mutter zweiter Klasse
  9. Mehr Anerkennung für Papa und Mama

Richtigerweise weist die Autorin darauf hin, dass sich nicht nur innerhalb der Familien etwas verändern muss, sondern auch in der Gesellschaft. „Es ist höchste Zeit, dass Menschen mit Kindern nicht weiter als Menschen mit einer unheilbaren Krankheit gesehen werden“ (S. 158) Dies ein weiteres Beispiel für die Engagierte Schreibweise, welche die Erwartungen an eine Streitschrift voll und ganz erfüllt.

Diskussion und Fazit

Lasst Väter Vater sein. Der Titel ist Programm. In ihrer Streitschrift fordert die Autorin zu einem radikalen Umdenken auf. Sie plädiert für ein neues Vaterbild und fordert zu dringenden Veränderungen in Familie, Beruf und Gesellschaft auf. Obwohl die Autorin sehr engagiert schreibt und ihre Betroffenheit zum Ausdruck kommt, wird sie nie polemisch. Selbstkritisch reflektiert sie die Rolle der Mütter ohne dabei in eine Schuldzuschreibung zu verfallen. Im Gegenteil, es geht ihr darum, dass niemand aufgrund des Geschlechtes benachteiligt oder diskriminiert wird. Eben auch nicht die Männer in ihrer Rolle als Väter. Durch die fast durchgängig verwendete Terminologie von Papa und Mama stellt die Autorin einen direkten Draht zu den Leserinnen und Lesern her und schafft so Raum für Betroffenheit. Es gelingt der Autorin gut, die Eingangs gestellten Fragestellungen aufzunehmen und zu beantworten. Dass sie dabei klar Stellung bezieht und ihre Meinung offen äußert, ist das Wesen einer Streitschrift.

Ihre Erkenntnisse und Forderungen hat die Autorin mit dem folgenden Abschnitt auf den Punkt gebracht: „Papa soll in der Familie ebenso zu Wort kommen wie Mama, und zwar als Papa, nicht als schlechte Mama-Kopie. Schluss mit der Mutter-Werdung des Vaters – es lebe die Vater-Werdung des Vaters!“ (S. 77)

Insgesamt ein gut zu lesendes und durchaus unterhaltendes Buch zu einem, aktuellen und immer noch sehr kontrovers diskutierten Thema. Diese Streitschrift leistet einen wichtigen Beitrag zu dieser Diskussion und kann, nebst den Fachleuten, auch allen Vätern und Müttern zur Lektüre empfohlen werden.

Rezension von
Armin Eberli
dipl. Sozialpädagoge/Sozialarbeiter, MAS Leadership und Change-Management. Dozent, Standortleiter Zürich und Mitglied Leitung HF von Agogis, www.agogis.ch
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Es gibt 13 Rezensionen von Armin Eberli.

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Zitiervorschlag
Armin Eberli. Rezension vom 17.03.2016 zu: Barbara Streidl: Lasst Väter Vater sein. Eine Streitschrift. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2015. ISBN 978-3-407-85707-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20039.php, Datum des Zugriffs 05.10.2022.


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