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Frederik Elwert: Religion als Ressource und Restriktion im Integrationsprozess

Cover Frederik Elwert: Religion als Ressource und Restriktion im Integrationsprozess. Eine Fallstudie zu Biographien freikirchlicher Russlanddeutscher. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. 334 Seiten. ISBN 978-3-658-10099-5. D: 49,99 EUR, A: 51,39 EUR, CH: 53,00 sFr.
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Thema

Das vorliegende Buch stellt die Ergebnisse eines Dissertationsprojektes dar, das sich mit der Rolle der Religion im Integrationsprozess freikirchlicher Russlanddeutschen beschäftigt.

Aussiedler und Spätaussiedler – sind die größte Einwanderergruppe in der Bundesrepublik. Laut Definition des Innenministeriums handelt es sich bei ihnen um „Personen deutscher Herkunft, die in Ost- und Südosteuropa sowie in der Sowjetunion unter den Folgen des Zweiten Weltkrieges gelitten haben (und die) noch Jahrzehnte nach Kriegsende aufgrund ihrer Volkszugehörigkeit massiv verfolgt“ wurden. In Debatten um Integration und Migration spielt diese Einwanderergruppe kaum noch eine Rolle. Eine wichtige Frage in diesem Zusammenhang: Sind die 4,5 Millionen Menschen aus den ehemaligen Sowjetrepubliken so gut integriert, dass sie schon zur Mehrheitsgesellschaft zählen?

Frederik Elwert thematisiert den Zusammenhang von Migration, Religion und Integration am Beispiel von russlanddeutschen Aussiedlern in freikirchlichen Gemeinden. Als deutsche Staatsangehörige und evangelische Christen entsprechen sie nicht den gängigen Kategorien der Migrationsforschung und erlauben gerade deswegen neue Einblicke in die Bedeutung von Religion für Integrationsprozesse. Der Autor diskutiert dabei sowohl die theoretischen Konzepte der Integrationsforschung als auch empirische Befunde eigener biografischer Forschung mit jungen evangelikalen Aussiedlern.

Autor

Dr. Frederik Elwert ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Centrum für Religionswissenschaftliche Studien (CERES) der Ruhr-Universität Bochum. Dort ist er Postdoctoral Researcher im Käte Hamburger Kolleg „Dynamiken der Religionsgeschichte zwischen Asien und Europa“ sowie Koordinator des Projekts „Semantisch-soziale Netzwerkanalyse als Instrument zur Erforschung von Religionskontakten“ (SeNeReKo).

Aufbau und Inhalte

Die vorliegende Studie greift zentrale Aspekte auf, die für eine qualifizierte Betrachtung der Rolle der Religion im Integrationsprozess freikirchlicher Russlanddeutschen von Bedeutung sind. Das Buch gliedert sich in drei Teile und insgesamt neun Kapiteln:

Im ersten Teil („Theorierahmen: Religion, Migration, Integration“) wird der theoretische Rahmen grundgelegt und die bestehende Literatur zur Integrationsforschung kritisch diskutiert. Im Kapitel 2 („Integrationskonzepte“) werden die sozialwissenschaftlichen Integrationskonzepte dargestellt. Nach einleitenden Überlegungen (2.1) zum Verhältnis von Migration und Integration geht es in Abschnitt 2.2 um die analytische Unterscheidung der Dimensionen von Integration, wie z.B. struktureller Integration in die Institutionen des Aufnahmelandes und kultureller Integration. Abschnitt 2.3 („Bezugssysteme der Integration“) thematisiert die Bezugssysteme der Integration und die Frage der Beziehungen zu Herkunftsland, Aufnahmegesellschaft und den ethnischen Migrantengruppen im Aufnahmeland. Die Rolle des Aufnahmelandes und sein Anteil an Integrationschancen wird im Abschnitt 2.4 („Bedingungen von Integration“) behandelt. Im Abschnitt 2.5 werden die Ansätze der Binnenintegration und des Potenzials ebenso wie der Kritik ethnischer Gemeinschaften diskutiert. Im Kapitel 3 („Religion und Integration“) wird der Forschungsstand zum Zusammenhang von Religion und Integration dargestellt. Zunächst wird der Frage nach den religiösen Transformationsprozessen in Folge der Migration nachgegangen (Abschnitt 3.1 „Transformationsprozesse: Religion nach der Migration“), um anschließend die Konsequenzen von Religion für Integrationsprozesse zu beleuchten (Abschnitt 3.2 „Integrationsprozesse: Konsequenzen von Religion“).

Im zweiten Teil („Russlanddeutsche Aussiedler“) werden die Hintergründe der untersuchten Fallgruppe russlanddeutscher Aussiedler dargestellt. In Kapitel 4 („Russlanddeutsche Aussiedler in Deutschland“) geht es dabei zunächst um die Migrantengruppe der Russlanddeutschen insgesamt. In Abschnitt 4.1. („Wer sind die russlanddeutschen Aussiedler?“) wird die Geschichte der Russlanddeutschen und die Hintergründe ihrer Auswanderung nach Deutschland dargestellt. Im Abschnitt 4.2 („Integration von Aussiedlern“) wird die bisherige Forschung zur Integration von Aussiedlern in die deutsche Gesellschaft vorgestellt. In Abschnitt 4.3. („Rahmenbedingungen der Aussiedlerintegration“) werden die spezifischen Rahmenbedingungen der Aussiedlerintegration und ihre schrittweise Veränderung beschrieben. Kapitel 5 („Russlanddeutsche Religion: Religiosität und religiöse Gemeinschaften russlanddeutscher Aussiedler“) widmet sich der Religiosität der Russlanddeutschen. Zunächst gibt Elwert einen allgemeinen Überblick über die konfessionelle Zugehörigkeit russlanddeutscher Aussiedler in Abschnitt 5.1 („Konfessionszugehörigkeit von Russlanddeutschen“). Dann wird die Bedeutung der Religion in der Forschung zu Russlanddeutschen in Abschnitt 5.2 („Religion russlanddeutscher Aussiedler in der Forschung“) diskutiert. In den folgenden Abschnitten wird der Schwerpunkt auf den Bereich der russlanddeutschen Freikirchen gesetzt. Die Grundmerkmale russlanddeutscher Religiosität und freikirchlicher Theologie werden in Abschnitt 5.3. beschrieben. In Abschnitt 5.4 geht der Autor dann näher auf freikirchliche Organisationslandschaft der Aussiedlergemeinden ein. Die bisherige Forschung zum Verhältnis von Religion und Integration bei Russlanddeutschen wird abschließend in Abschnitt 5.5 diskutiert.

Im dritten Teil der Arbeit („Empirische Untersuchung“) wird die Untersuchung dargestellt. Im Kapitel 6 wird die Untersuchungsmethode dargestellt. In Abschnitt 6.1 entwickelt Elwert eine Methodologie qualitativer Integrationsforschung auf der Grundlage des Capabilities-Ansatzes. In Abschnitt 6.2 werden die Erhebungsmethoden und das der Arbeit zugrunde liegende Material beschrieben. Der Abschnitt 6.3. widmet sich der verwendeten Methode der Narrationsanalyse. Die Analyse findet in zwei Schritten statt. Ausgewählte Fallbiographien werden in einem ersten Schritt in Kapitel 7 vorgestellt und analysiert. In Kapitel 8 folgen systematisierende Fallvergleiche, die der Herausarbeitung zentraler Querschnittsdimensionen dienen. Die Arbeit wird mit einem Fazit im Kapitel 9 („Religion und Verwirklichungschancen im Lebensverlauf junger Aussiedler“) abgeschlossen. In Abschnitt 9.1 resümiert Elwert noch einmal die entwickelten Perspektiven auf die Frage von Integrationstheorien und qualitativer Integrationsforschung. In Abschnitt 9.2 diskutiert der Autor zusammenfassend die empirischen Ergebnisse in Hinblick auf die Integrationsprozesse freikirchlich orientierter Russlanddeutscher. Die Arbeit schließt mit einem Ausblick.

Zielgruppen

Das Buch eignet sich für Dozierende und Srudierende der Religionssoziologie, Migrationssoziologie und Religionswissenschaft. Es bietet ihnen neue, wertvolle Einblicke und Erkenntnisse. Darüber hinaus sollte es PraktikerInnen aus Migrations- und Integrationsarbeit sowie kirchlicher Aussiedlerarbeit ansprechen, denen es zahlreiche Anregungen für ihre praktische Arbeit vermitteln kann.

Fazit

Das Buch von Frederik Elwert richtet den Blick auf die größte Zuwanderergruppe in Deutschland, die Aussiedler. Neuerscheinungen über die Integration von Aussiedlern sind keine Seltenheit, was die Aktualität des Themas beweist. Die Integration russlanddeutscher Aussiedlern in die deutsche Gesellschaft ist ein Thema, das Praktiker aus Jugendhilfe, Migrationsdiensten, Schule seit Jahren beschäftigt, weil sie wesentlich problematischer verlief, als von Politik und Wissenschaft prognostiziert.

Das vorliegende Buch zeichnet sich dementsprechend nicht nur durch den aktuellen thematischen Bezug aus, sondern auch durch einen Beitrag zur Schließung bestehender Forschungslücken. Das Buch ist ein inhaltlich interessanter Beitrag zur gesellschaftskritischen Diskussion über Migration und Migrationsfolgen.


Rezensentin
Dr. Olga Frik
Finanzuniversität Omsk, Russische Föderation. Ehemalige Lehrbeauftragte und Gastwissenschaftlerin an der Leibniz-Universität Hannover
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Zitiervorschlag
Olga Frik. Rezension vom 28.06.2016 zu: Frederik Elwert: Religion als Ressource und Restriktion im Integrationsprozess. Eine Fallstudie zu Biographien freikirchlicher Russlanddeutscher. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. ISBN 978-3-658-10099-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20042.php, Datum des Zugriffs 19.09.2019.


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