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Werner Schiffauer, Meryem Uçan u.a.: Schule, Moschee, Elternhaus

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 30.12.2015

Cover Werner Schiffauer, Meryem Uçan u.a.: Schule, Moschee, Elternhaus ISBN 978-3-518-12699-8

Werner Schiffauer, Meryem Uçan, Susanne Schwalgin, Neslihan Kurt: Schule, Moschee, Elternhaus. Eine ethnologische Intervention. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2015. 296 Seiten. ISBN 978-3-518-12699-8. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 25,90 sFr.
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Die Ambivalenz des Fremden und des Anderen

Die Frage, was, wer, wie der Fremde ist, stellt sich in mehrerer Hinsicht. Zum einen ist es eine notwendige Vergewisserung beim Prozess der individuellen und kulturellen Identität; zum anderen wird der Fremde im kollektiven, gesellschaftlichen Prozess als der entweder positive oder negative Andere wahrgenommen. Wenn diese Identitäts- und Kommunikationsverläufe positiv und empathisch verlaufen, stellt sich das Erstaunen und die Vergewisserung ein, dass der Fremde ich selbst bin. Misslingt dieser Zugang oder wird er erst gar nicht angestrebt und versucht, etwa aufgrund von fremdenfeindlichen, vorurteilsbehafteten und rassistischen Einstellungen, ist der Fremde der und das Böse, das missachtet oder sogar bekämpft werden muss. Diese gesellschaftlichen Phänomene fallen weder vom Himmel, noch liegen sie in den Genen oder in den Wiegen, sondern sie sind menschengemacht, um so mehr, je fremder ein Fremder sich vom Aussehen, kulturellen oder religiösen Unterschieden zeigt (vgl. dazu auch: Jos Schnurer, Wie Deutschland zu den Fremden kam, 20.12.2013 www.socialnet.de/materialien/171.php; ders., „Wer hasst, verliert die eigene Orientierung. Eine didaktische Herausforderung, 09.10.2015, Schnurers Beiträge).

Entstehungshintergrund und Autor

„Die Präsenz des Islams ist nur die sichtbarste Form der ‚Wiederkehr der Götter‘ ( ) in der gegenwärtigen Gesellschaft“; diese Markierung zeigt auf den Konflikt (oder auf die Gewissheiten), dass oder ob der Mensch ein religiöses Lebewesen ist, oder ob Religion „Opium für das Volk“ ist. Hier allerdings geht es nicht um die Frage nach Theismus oder Atheismus, nach Glauben oder Unglauben, sondern darum, wie wir in unserer Gesellschaft mit den Andersgläubigen umgehen; ob wir deren Weltanschauung akzeptieren, tolerieren oder ablehnen; und ob wir bereit und in der Lage sind zu erkennen, dass wir den Anderen und das Andere nicht durch Ge- oder Verbote, nicht durch auferlegte Ideologien, sondern nur durch Kommunikation und gleichberechtigten Dialog auf Augenhöhe erleben und erfahren können (Richard Heinzmann / Peter Antes / Martin Thurner / Mualla Selcuk / Halis Albayrak, Hrsg., Lexikon des Dialogs. Grundbegriffe aus Christentum und Islam, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/16646.php).

Es sind diese Einstellungen und Erkenntnisse, die den Kulturanthropologen von der Universität in Frankfurt/Oder, Werner Schiffauer, zusammen mit dem Team der „Stiftung Brandenburger Tor“ in Berlin (Neslihan Kurt, Susanne Schwalgin und Meryem Uçan) veranlassten, das Forschungsprojekt „Brücken im Kiez“ durchzuführen. Ziel war es, einen tragfähigen Dialog zwischen Eltern, Vertretern von Moscheegemeinden und Lehrkräften zu initiieren und zu begleiten, um „das belastete Verhältnis zwischen Schulen und muslimischem Elternhaus zu entlasten“.

Es sind Stresssituationen, die ein „normales“, pädagogisches und gleichberechtigtes gesellschaftliches Zusammenleben von Nichtmuslimen und Muslimen erschweren und schlimmstenfalls unmöglich machen. Die Konflikte zeigen sich nicht zuletzt in der multikulturellen Schule, etwa wenn muslimische Eltern verlangen, dass ihre Kinder vom gemeinsamen Schwimm- oder Sportunterricht befreit werden; bei der Verweigerung, dass ihre Kinder an der Klassenfahrt teilnehmen; beim Kopftuchstreit, wenn Lehrerinnen oder Sozialarbeiterinnen im Dienst aus religiösen Gründen ein Kopftuch tragen wollen; oder wenn muslimische Schülerinnen und Schüler von Lehrkräften und MitschülerInnen diskriminiert werden. Die Ursachen sind bekannt: Obwohl Deutschland offiziell (allerdings erst seit etwa 1999) als Einwanderungsland bezeichnet wird, ist ein fairer und normaler Umgang mit Differenz in der Gesellschaft längst noch nicht alltäglich; ja, nicht wenige Beobachter gehen davon aus, dass – vor allem im Zeichen der Asyl- und Flüchtlingsproblematik – Fremdenfeindlichkeit, Vorurteile und Rassismen in der Gesellschaft zunehmen. Werner Schiffauer beschreibt die Situation so: „Es ist dieser allgemeine Misstrauensdiskurs, der den Umgang mit den muslimischen Einwanderern belastet und anstrengend macht. Er ist kostspielig. Er verhindert Kooperationen. Er fordert eine Politik der Wachsamkeit – und damit der Grenzziehung, der Abgrenzung, der Kontrolle der Grenzen. Er produziert ein Klima der Vorsicht, der Abwehr, der Skepsis und beim Gegenüber genau das, wovor er warnt – Distanz zur Gesellschaft und eine Tendenz zum Rückzug“.

Aufbau und Inhalt

Das ethnologische Aktionsforschungsprojekt „Brücken im Kiez“ wurde im Rahmen der Berliner Stadtteilarbeit durchgeführt. Zusammen mit den im Stadtteil ansässigen und aktiven türkischen und muslimischen Gemeinden wurden SozialarbeiterInnen, Eltern und Lehrkräfte zusammen gebracht, um über die vielfältigen Fragen und Probleme zu diskutieren und sich, auch kontrovers, damit auseinander zu setzen. In diesem Prozess entwickelten sich Formen der Verständigung und des Vertrauens, wie auch die Bereitschaft, Konflikte anzusprechen und im Dialog auf Augenhöhe auszutragen; ebenso die Fähigkeit, Widerstände und Misserfolge durch individuelle und gruppenbezogene Netzwerkstrukturen zu bearbeiten und zu überwinden. Dadurch entstehen neue Formen, wie mit Unterschieden umgegangen werden kann, Gleichheiten zu erkennen und für Kooperationen in den unterschiedlichen Zusammenhängen und Themen zu nutzen.

Die Sozialarbeiterin und Ethnografin Meryem Uçan, die zusammen mit Neslihan Kurt ab 2012 das Projekt „Brücken im Kiez“ leitete, beschreibt mit ihrem Beitrag „Keine Barrierefreiheit: Migranteneltern und Schule“ das belastete Verhältnis von Elternhaus und Schule bei der Beschulung von türkischstämmigen Schülerinnen und Schülern. Ihr Fokus liegt dabei nicht bei den Eltern, die – angepasst und integriert – aktiv und bewusst den Kontakt zu den Lehrerinnen und Lehrern und zur Institution suchen und pflegen, aus der Motivation heraus, dass eine gute Schulbildung für ihre Kinder wichtig und deren Förderung notwendig ist; vielmehr richtet sie ihre Aufmerksamkeit auf die Eltern, „die nur eine elementare Schulbildung von meist fünf Jahren in der Türkei durchlaufen oder die in Deutschland ohne einen Abschluss die Schule verlassen haben, die unsicher im Deutschen und die als praktizierende Muslime in besonderem Maße diskriminierenden Zuschreibungen ausgesetzt sind“. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass die Schwierigkeiten, die diese Eltern mit der Schule haben, nicht daher kommt, dass diese etwa kein Interesse an der Schulbildung ihrer Kinder hätten (im Gegenteil: diese Eltern wollen in besonderer Weise einen besseren Schulabschluss für ihre Kinder erreichen, der ihnen selbst möglich war), vielmehr vertritt die Autorin die These, dass die deutsche Schule nicht „barrierefrei“ sei, nicht in sprachlicher, kultureller und sozialer Hinsicht; sie sei vielmehr eine von der deutschen Mittelschicht geprägte Institution. Die Barrieren wären selbstverständlich und für die Ursprungsdeutschen kaum sichtbar, für Menschen mit Migrationshintergrund jedoch seien sie permanent und in vielen Situationen vorhanden und wirksam. Die Autorin berichtet von ihren Kontakten und Elternseminaren und benennt diese sprachlichen, kulturellen und sozialen Barrieren und zeigt an Fallbeispielen den Teufelskreis der Diskriminierung auf.

Werner Schiffauer und die Projektmitarbeiterin und wissenschaftliche Referentin von der Bundesgeschäftsstelle Berlin der Bundesvereinigung Lebenshilfe, Susanne Schwalgin, stellen mit dem Text „Akteur Schule“ eine Fallstudie über die Situation und Arbeitsweise einer Kreuzberger Oberschule vor, die von den Projektleitern als Partnerschule vorgesehen war. Die Schule besuchten zu fast 100 Prozent Kinder aus Migrantenfamilien, und ihr Ruf im Kiez war problematisch. Die Gründe für das Scheitern der Kontaktaufnahme und Zusammenarbeit werden selbstkritisch diskutiert: „Die Idee, dass über eine Erfahrung guter Praxis das Projekt gleichsam im Schneeballsystem von immer mehr Kollegen rezipiert worden wäre, erscheint uns auf Grund der Situation … im Nachhinein als illusorisch“.

Nach dem Scheitern gibt es die Chance zum Neuanfang. Werner Schiffauer berichtet im Beitrag „Akteur Islamische Gemeinden: Identitäten und Ressourcen“ darüber. Von 2010 bis 2013 konnten durch Kontakte und Kooperationen mit fünf islamischen Gemeinden 38 Elternseminare durchgeführt werden. Anfang der 1970er Jahre bildeten sich im Zusammenhang mit der Gründung von Moscheen islamische Gemeinden in Deutschland. Der Autor informiert über deren Entstehung, Geschichte und Arbeitsweisen von islamischen (oder auch islamisch-deutschen) Gemeindezentren. Sie wurden für die ehemaligen Gastarbeiter gewissermaßen zur „Ersatzheimat“. Die Gemeindearbeit entwickelte sich teilweise auch zu strengeren, verbindlicheren und weisungsgebenden Orten des Glaubens und der Lebenslehre als etwa in der Türkei. Die dabei erforderliche Vergabe von Funktionen innerhalb der Gemeinde vollzog sich überwiegend freiwillig und als Ehrenamt. Dabei gab und gibt es auch Kommunikationsprobleme zwischen den oftmals älteren Gemeindemitgliedern und Funktionsträgern und den jüngeren, im deutschen Bildungs- und Berufssystem reüssierten jüngeren Muslimen. Die Kontaktarrangements mit den im Kiez angesiedelten, unterschiedlich ausgerichteten und tätigen Gemeindemitgliedern und Funktionsträgern erfordern oftmals Geduldsproben, die sich beim Projekt „Brücken im Kiez“ als problematisch und langwierig erwiesen und nicht immer auf das Verständnis der beim Vorhaben beteiligten offiziellen und eingeworbenen Partnereinrichtungen stießen.

Die Islamwissenschaftlerin Neslihan Kurt, Werner Schiffauer und Meryem Uçan präsentieren mit dem Beitrag „Die Arbeit an der Vernetzung“ den Projektbericht. Sie schildern die Verläufe, Wege und Erfahrungen bei den Elternseminaren und Brückengesprächen und zeigen die positiven Entwicklungen, wie auch die Misserfolge bei der Bildung eines tragfähigen Netzwerkes auf. Mit zahlreichen Quellenmaterialien, Gesprächs- und Protokollnotizen verdeutlicht das Team, welche Konfrontationsthemen und Reiz-Situationen in den Brückengesprächen angesprochen wurden, wo es Übereinstimmungen und nicht überbrückbare Positionen, Wertekonsens und Wertedissens gab, wo Enttäuschungen von beiden Seiten den drohenden Abbruch des Projektes befürchten ließen; aber auch, wo kleine Erfolge den Mut zum Weitermachen in diesem langandauernden, dialogischen Prozess wachsen ließen.

Fazit

Dass Werner Schiffauer anstelle eines Schlusskapitels ein fiktives Brückengespräch führt, sagt mehr über den Verlauf, Erfolg oder Misserfolg des Projektes „Brücken im Kiez“ aus als dies in einer Zusammenfassung möglich wäre. Deutlich wird mit der Methode, dass die Arbeit im Projekt, ob man es als abgeschlossenes oder abgestopptes Vorhaben bezeichnen will, auf offenen, suchenden und prozessbestimmten Annahmen und Verfahren beruhte. Die simulierten, angedeuteten und inszenierten Fragen im „fiktiven Brückengespräch“ und die erwarteten wie unerwarteten Antworten von ausgewählten Projektbeteiligten (Projektmitarbeiterin, mehrere Schulleiter, Gemeindemitglied, Muslima), bringen trotz (oder wegen?) der konstruierten Form eines Plazets zutage, was in der Frage des Schulleiters Z an den Gesprächsleiter – „Sind Sie optimistisch?“ – und seiner Antwort darauf zum Ausdruck kommt: „Das schwankt bei mir von Tag zu Tag. Manchmal denke ich, dass diese Gesellschaft tatsächlich eine Chance hat, sich in Richtung Humanität zu entwickeln. Manchmal habe ich aber auch das Gefühl, dass wir kaum weiterkommen, dass die Stereotypen, der Wunsch sich abzugrenzen, viel zu stark sind“.

Die Beschreibung und Analyse des Projektes „Brücken im Kiez“ verdeutlicht, dass es bei den Fragen, Chancen und Problemen, die in einer Einwanderungsgesellschaft vorherrschen, keine einfachen Ja-Nein-Antworten und Lösungen geben kann. Welche Möglichkeiten und Schwierigkeiten auf diesem steinigen, aber zielführenden Weg hin zu einer gelingenden Integration auftreten, das verdeutlichen die Initiatorinnen und Initiatoren, die Engagierten und Beteiligten mit dem Projektbericht: „Schule, Moschee, Elternhaus. Eine ethnologische Intervention“. Er kann für ähnliche Versuche, jeweils „vor Ort“ einen Dialog auf Augenhöhe zwischen Einheimischen, Zugewanderten und Hiergebliebenen zu initiieren, Anregungen bieten, erfolgversprechende Wege gemeinsam zu gehen und Sackgassen zu meiden!

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Es gibt 1551 Rezensionen von Jos Schnurer.

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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 30.12.2015 zu: Werner Schiffauer, Meryem Uçan, Susanne Schwalgin, Neslihan Kurt: Schule, Moschee, Elternhaus. Eine ethnologische Intervention. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2015. ISBN 978-3-518-12699-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20047.php, Datum des Zugriffs 29.06.2022.


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