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Laura Fölker, Thorsten Hertel u.a. (Hrsg.): Brennpunkt(-)Schule

Cover Laura Fölker, Thorsten Hertel, Nicolle Pfaff (Hrsg.): Brennpunkt(-)Schule. Zum Verhältnis von Schule, Bildung und urbaner Segregation. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2015. 241 Seiten. ISBN 978-3-8474-0142-1. D: 33,00 EUR, A: 34,00 EUR, CH: 43,70 sFr.
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Thema

In der Einleitung zu dem vorliegenden Band beschreibt die Herausgebergruppe das Anliegen der Beiträge bzw. der empirischen Studien: Sozioökonomische Segregationsprozesse auf lokaler Ebene führen zu sozialräumlichen Disparitäten (z.B. benachteiligte Wohnlagen, hohe Transferabhängigkeit der Bevölkerung), die sich auch in ungleicher Bildungsbeteiligung und in ungleichen Bildungsressourcen der dort lebenden Menschen niederschlagen. Schulen in diesen Sozialräumen tragen häufig die bekannte Kennzeichnung „Brennpunktschule“. Weniger bekannt ist indessen welche Auswirkungen der Segregation diese Schulen betreffen und wie die jeweiligen pädagogischen Antworten dann aussehen.

Aufbau

Der Band zielt mit seinen zehn Beiträgen u.a. auch auf diese Lücke.

  • Das 1. Kapitel untersucht „Bedingungen und Folgen schulischer Segregation“,
  • das 2. Kapitel geht auf „Die pädagogische Praxis an segregierten Schulen“ ein und
  • das 3. Kapitel beschäftigt sich mit „Formen des Umgangs mit schulischer Segregation“.

Die Beiträge stehen in einem interdisziplinären Zusammenhang und berichten aus Forschungsprojekten, die an unterschiedlichen Universitäten in Deutschland durchgeführt wurden. Aber es finden sich auch mehrere Beiträge aus der Schweiz.

Im Folgenden wird auf ausgewählte Beiträge näher eingegangen.

Zum 1. Kapitel

Der Beitrag von Nicolle Pfaff, Laura Fölker und Thorsten Hertel im 1. Kapitel trägt den Titel „Schule als Gegenraum zum Quartier – Sozialräumliche Segregation und Prekarität grundlegender schulischer Bedingungen“. Soziale Brennpunkte sind für die Autorinnen und den Autor „Sozial und ethnisch segregierte Quartiere (…) als Felder der ökonomischen, politischen und rassistischen Marginalisierung spezifischer Bevölkerungsgruppen“ (S.68). Untersucht und verglichen werden zwei Schulen in solchen benachteiligten Sozialräumen bzw. Stadtteilen. Zu dem wirksam werdenden multifaktoriellen Bedingungsgefüge gehört auch der Zuschnitt der jeweiligen Schulbezirke und die Schulwahlentscheidung der Eltern. In der ersten Fallstudie wird eine Schule beschrieben, die sich auf den Stadtteil und die dortigen Kinder und Jugendlichen bezieht und sich als Ort der Erziehung und der gelingenden Sozialisation darstellt. In der zweiten Fallstudie wird eine Schule analysiert, die sich vom Stadtteil abgrenzt. Dieser Stadtteil ist sozusagen ein negativer Gegenraum (z.B. keine soziale Sicherheit im Stadtteil, Gewalt im Stadtteil). Die Installation von Verhaltensregeln usw. in der Schule führt zu einer Schule als Gegenraum zum Stadtteil. Es handelt sich demnach um eine Schule als distinktivem Gegenraum, während die Schule in der ersten Fallstudie einen identikativ-reaktiven Gegenraum darstellt. Das Forschungsdesign beinhaltet Interviews und Gruppendiskussionen. In der Perspektive gilt es, das Verhältnis von Sozialraum und Schule bezüglich der Reproduktion von bildungsbezogener und sozialer Ungleichheit weiter zu erforschen. Dieser und weitere Beiträge stehen im unmittelbarem Zusammenhang mit dem Forschungsprojekt „Bildungsbezogene Integration unter Bedingungen multipler Bildungsrisiken“ gefördert durch das Bundesministerium für für Bildung und Forschung (2010-2012).

Zum 2. Kapitel

Das 2. Kapitel wird durch die Schweizer Studie „Selektionskulturen – Die Strategien dreier Berner Schulen im Umgang mit residenzieller Segregation“ von Kathrin Oester, Bernadette Brunner und Ursula Fiechter eingeleitet. Die Studie zeigt, dass Schulen sehr unterschiedliche Strategien entwickeln, um auf ihren Einzugsbereich einzugehen. Die Schule 1 mit einen Migrationsanteil von 76 Prozent in der Schülerschaft, versucht durch eine weiche Selektion und Reduzierung des Defizitdenkens in Bezug auf die Migration erfolgreich zu arbeiten. Das Quartier ist durch Neuzuwanderungen, Fluktuation und Hochbausiedlungen gekennzeichnet. Hier beträgt die Übergangsrate zur weiterführenden Sekundarschule 38 Prozent. Die Schule 2 in einem Umfeld mit Schweizer Unterschichtbevölkerung und etablierten Migranten hat einen Migrantenanteil von 45,3 Prozent in der Schülerschaft. Erzielt aber „nur“ eine Rate von 34 Prozent der Schülerinnen und Schüler, die die weiterführende Schulen besuchen. Diese Schule führt ein strenge Selektion durch. Die Schule 3, eher in einem Mittelschichtgebiet gelegen, mit 36 Prozent Migranten in der Schülerschaft entlässt 51 Prozent in die Sekundarstufe (der Berner Durchschnitt beträgt 53 Prozent). Diese Schule hat sich langjährig als Reformschule positioniert und achtet auf ein engagiertes Kollegium. Die Schweizer Autorinnen legen in ihren Untersuchungen großen Wert darauf zu zeigen, dass es ein komplexes Zusammenspiel von Faktoren gibt, die die jeweilige Selektionskultur formen: Migrantenanteil, soziale Herkunft, pädagogische Strategien, Druck der Quartiersbevölkerung, politische Einstellung der Lehrpersonen und Schulleitung, Institutionengeschichte und Stadtentwicklungsprozesse.

Die Studie vom Thorsten Hertel „‚Unterlaufen und Kontern‘ statt ‚Überwachen und Strafen‘? Rekonstruktionen zu den pädagogischen Praktiken im Trainingsraum einer segregierten Grundschule“ erforscht eine Schule in einem marginalisierten Stadtteil. Diese Schule ist gekennzeichnet durch heftige Ordnungsprobleme. Bei anhaltenden Störungen erfolgt dann der Verweis der Störer oder Störerinnen in den Trainingsraum, um dort einen angeleiteten Prozess der Selbstreflexion zu durchlaufen. Dieser Prozess soll dann die Rückkehr in den Unterricht ermöglichen. Bei anhaltender Erfolglosigkeit ist auch der Verweis von der Schule möglich. Dementsprechend ist der Trainingsraum ein Instrument pädagogischer Disziplinierung mit dem Ziel, so der Autor, der Internalisierung von Machtverhältnissen. In der Analyse dieses Trainingsraum finden sich auch Anlehnungen an Michel Foucault, der eine Theorie der Gegenräume entwickelt hat. Der Trainingsraum, auch Betreuungsraum genannt, ist in der Schule nicht unumstritten. So ist die Interpretations- und Handlungsweise der Betreuer darauf gerichtet, aus dem Trainingsraum eine Entlastungszone für Schülerinnen und Schüler zu gestalten. Sie lehnen „pauken“ als Vorgang im Unterricht ab und nenne ihre Arbeit „reden“. Begründet wird dies durch berufliche Erfahrungen. Allerdings fühlen sich die Betreuer auch den Unterrichtenden verbunden weil sie auch diese entlasten. Letztlich zeigt der Autor, wie sich die Schule mit der Konzeption und der Realisierung des Trainingsraum in Widersprüche zwischen schulischer Disziplinarkultur und alternativen pädagogischen Umgangsform verwickelt.

Zum 3. Kapitel

Das 3. Kapitel wird mit dem Beitrag „Was ist (eine) gute Schule in schwieriger Lage? Befunde einer Studie im kontrastiven Fallstudiendesign an Schulen in der Metropole Rhein-Ruhr“ von Kathrin Racherbäumer und Isabell van Ackeren eingeleitet. Zugrunde liegt das Forschungsprojekt aus Nordrhein-Westfalen „Strategien der Qualitätsentwicklung von Schulen in schwieriger Lage“. Die entscheidende Frage dieser acht Schulen umfassenden Vergleichsstudie ist, warum es Schulen in besonders belasteten Standorten gibt, die erwartungswidrig gute Schulen sind. D.h. es gibt einen überdurchschnittlichen Lernerfolg bei den dortigen Schülerinnen und Schülern. Den Gegenpol stellen erwartungskonform schwache Schulen dar, die in ihrer Schülerschaft nur einen unterdurchschnittlichen Lernerfolg erzielen. Internationale Studien zeigen, dass Schulleitungshandeln, Unterrichtsqualität sowie die Qualität interner und externer Kooperationsbeziehungen fördernde Faktoren darstellen. In der vorliegenden Studie konnten im Rahmen des gewählten Fallstudienansatzes die acht Schulen in schwierigen Kontextbedingungen mit den Schulen in Nordrhein-Westfalen insgesamt in einen Vergleich gesetzt werden. Im Ergebnis zeigt sich, dass partizipatives Schulleitungshandeln, das fachliche Interesse an datengestützter Analyse des Unterrichts und dessen qualitative Weiterentwicklung ausschlaggebend für eine gute Schule sind. Hinzu kommt als Förderfaktor eine gute schulinterne Kooperation. Einzelergebnisse zeigen auch, dass es Lehrkräften in erwartungswidrig guten Schulen besser gelingt, Unterrichtsstörungen oder der Schulabwesenheit effektiver zu begegnen. Gleichwohl sind viele Merkmale vorhanden, die keine signifikanten Unterschiede zwischen guten und schwachen Schulen abbilden.

Diskussion

Der größte Teil der im Band dargestellten Beiträge sind angesichts der verhandelten komplexen Thematik ungewöhnlich informativ. Der Zusammenhang von Kontextbedingungen des Sozialen Raumes hinsichtlich der Schulqualität wird offen gelegt (ist allerdings in dem Beitrag zum Trainingsraum in einer Grundschule nicht nachvollziehbar, s.o.). Auch wird gezeigt, dass eine gute Schule trotzdem gestaltbar ist. Dass Lücken vorhanden sind verdankt sich auch der aktuell nicht sehr umfangreichen Forschungspraxis. Das pädagogische Handeln in der Schule einschließlich konzeptioneller Voraussetzungen wird leider nicht mit wünschenswerter Breite und Tiefe dargestellt, denn in diesem Sinne wäre ein diesbezüglicher Beitrag vorstellbar gewesen. Zweifelsohne müssen die erzielten Erkenntnisse in die Lehrerausbildung und die Schulleiterqualifizierung einfließen. Das gilt in einem ganz allgemeinen Sinn auch für die kommunalpolitische Bildungsverantwortung, da die Kommunen zumeist die Schulträger sind.

Der Zusammenhang zwischen Handeln in Institutionen und sozialräumlichen Kontextbedingungen ist indessen ein seit Jahrzehnten bekanntes Forschungsgebiet und findet sich in sozialökologischen Begründungszusammenhängen und Fragestellungen. Einer der renommierten internationalen Stichwortgeber zur Sozialökologie war Bronfenbrenner. Warum keine Bezüge zu diesem Theorieansatz in der vorliegenden Veröffentlichung aufgenommen wurden ist eigentümlich.

Fazit

Der Band stellt Forschungsansätze vor, die den Zusammenhang von benachteiligten Schulen und sozialräumlichen Kontextbedingungen empirisch klären. Die Analyse multifaktorieller Zusammenhänge führt u.a. dazu, erwartungswidrig gute „Brennpunktschulen“ zu identifizieren. Im Vergleich zeigt sich, dass differenzierte pädagogische Handlungsstrategien für eine solche Schulqualität ausschlaggebend sind. Damit ergibt sich ein wichtiger Beitrag für das Handeln von Schulleitungen und in Schulkollegien. Aber auch Stadtentwicklungsprozesse und ihre Steuerung müssen diese Zusammenhänge stärker berücksichtigen.


Rezension von
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 02.02.2016 zu: Laura Fölker, Thorsten Hertel, Nicolle Pfaff (Hrsg.): Brennpunkt(-)Schule. Zum Verhältnis von Schule, Bildung und urbaner Segregation. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2015. ISBN 978-3-8474-0142-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20048.php, Datum des Zugriffs 01.12.2020.


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ISSN 2190-9245

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