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Otto Böhm, Doris Katheder: Grundkurs Menschenrechte, Band 5 (Artikel 24-30)

Cover Otto Böhm, Doris Katheder: Grundkurs Menschenrechte, Band 5 (Artikel 24-30). Echter Verlag GmbH (Würzburg) 2015. 243 Seiten. ISBN 978-3-429-03525-9. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 27,90 sFr.

Kommentare und Anregungen für die politische Bildung. Band 5.
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Thema

Aus Artikel 26 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948, mit dem erstmals ein Recht auf Bildung explizit festgeschrieben wurde, kann zugleich ein eigenes Recht auf Menschenrechtsbildung abgeleitet werden: „Jeder hat das Recht auf Bildung. […] Die Bildung muß auf die volle Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit und auf die Stärkung der Achtung vor den Menschenrechten und Grundfreiheiten gerichtet sein. […]“ (Art. 26 AEMR 1948). Zahlreiche weitere UN-Konventionen, die UNESCO, verschiedene Menschenrechtskonferenzen sowie vor allem die UN-Vertragsausschüsse (die sogenannten „Treaty Bodies“) haben in der Folge diese Verpflichtung aufgegriffen, vertraglich verankert und weiter ausdifferenziert. Menschenrechtsbildung zielt darauf, eine Kultur der Menschenrechte im umfassenden Sinne zu fördern und zu implementieren. Der „Grundkurs Menschenrechte“, der mit dem vorliegenden Band nun vollständig vorliegt und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 kommentiert, wendet sich ausdrücklich an Akteure in der politischen und Menschenrechtsbildung.

Autor und Autorin

Das Autorenduo kommt selbst aus der Nürnberger Menschenrechtsbildung. Die einstige Stadt der Reichsparteitage hat aus ihrer Geschichte eine besondere Verantwortung zur kommunalen Menschenrechtsarbeit abgeleitet. Otto Böhm, Politik- und Erziehungswissenschaftler, arbeitet in einem Nürnberger Medienverlag. Doris Katheder, promovierte Kulturhistorikerin, leitet hauptberuflich das Ressort „Erinnerung – Menschenrechte – Werte“ an der katholischen Akademie Caritas-Pirckheimer-Haus in Nürnberg.

Die Bamberger Diözesanakademie zeichnet als institutioneller Herausgeber für das Kommentarwerk verantwortlich Wissenschaftler aus der Menschenrechtsforschung haben durch Interviews an dem Werk mitgearbeitet, beispielsweise Claudia Lohrenscheit, früher Mitarbeiterin am Deutschen Institut für Menschenrechte und jetzt Professorin für internationale Soziale Arbeit und Menschenrechte an der Hochschule Coburg, der Sozialethiker Daniel Bogner oder Arnd Pollmann, Mitherausgeber und Redakteur der Zeitschrift für Menschenrechte.

Entstehungshintergrund

Das fünfbändige Kommentarwerk zu den dreißig Artikeln der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 ist aus der Menschenrechtsbildung der Akademie Caritas-Pirckheimer-Haus in Nürnberg hervorgegangen.

Akademiedirektor Siegfried Grillmeyer beleuchtet in seinem Nachwort das Recht, Rechte zu haben – von Hannah Arendt als das fundamentalste Menschenrecht überhaupt bezeichnet, weil es dem Menschen grundlegend ermöglicht, Teil einer Rechtsgemeinschaft zu sein und so überhaupt Rechte für sich einfordern zu können.

Die juristischen Auslegungen fußen vorrangig auf Kommentierungen von Bardo Fassbender, Professor für Völkerrecht, Europarecht und Öffentliches Recht in Sankt Gallen in der Schweiz.

Aufbau

Der Band kommentiert die abschließenden Artikel 24 bis 30 der Allgemeinen Erklärung der Menscherechte von 1948. Diese umfassen zunächst einmal das Recht auf Ruhe und Erholung (Artikel 24), das Recht auf angemessenen Lebensstandard (Artikel 25), das Recht auf Bildung (Artikel 26) und das Recht auf Teilnahme am kulturellen Leben (Artikel 27). Die drei Schlussartikel 28 bis 30 formulieren maßgebliche Anforderungen an die menschenrechtliche Ordnung, auf welche die Menschenrechtserklärung abzielt, und entsprechende Auslegungsregeln: Anspruch auf eine volle, internationale Menschenrechtsordnung (Artikel 28), angemessenes Verhältnis von Rechten und Pflichten (Artikel 29) sowie Unteilbarkeit der Menschenrechte (Artikel 30).

Die Kommentierung der einzelnen Menschenrechtsartikel folgt einem gleichbleibenden Schema:

  • Kurzkommentar
  • Kommentierung und Diskussion von Kontroversen
  • Literaturhinweise
  • Empfehlungen zum Weiterdenken
  • Interview mit einem Menschenrechtsexperten

Jeder Teilband setzt einen eigenen Schwerpunkt, der über die kommentierten Artikel hinausweist. In diesem Fall geht es – passend zu Artikel 26 der Menschenrechtserklärung- um das Thema Menschenrechtsbildung.

Ein „Special“ am Ende des Bandes beleuchtet – am Beispiel der Menschenrechtsstadt Nürnberg – die Menschenrechte als kommunales Entwicklungsfeld.

Der vorliegende Band wird durch ein Gesamtinhaltsverzeichnis des fünfbändigen Kommentarwerkes beschlossen.

Inhalt

„Freie Zeit und das damit verbundene Recht auf Ruhe und Erholung sind elementar für eine würdevolle Ausgestaltung des individuellen Lebens ebenso wie einer Gemeinschaft“ (S. 41). Artikel 24 garantiert die Beschränkung der Arbeitszeit auf ein vernünftiges Maß, damit der Arbeitnehmer die Möglichkeit hat, sich zu erholen und an gemeinsamen Feiern teilzunehmen, ohne die auf Dauer ein lebendiges gesellschaftliches Leben ersterben würde. Kommentiert wird der Artikel durch Stephan Doll vom Deutschen Gewerkschaftsbund. Die Verfasser des Kommentars weisen in ihrer Auslegung darauf hin, dass sich das Recht auf Ruhe und Erholung komplementär zum vorhergehenden Recht auf Arbeit verhalte. Beide Rechte waren in Zeiten des Ost-West-Gegensatzes politisch umstritten: Entsprechende Rechte fanden sich in den Verfassungen nahezu aller sozialistischer Staaten. Im Westen hingegen standen beide Rechte im Verdacht, einer einseitig „sozialistischen Grundausrichtung“ der Menschenrechte Vorschub zu leisten.

Artikel 25 sichert das Recht auf einen menschenwürdigen Lebensstandard. Der Artikel macht – vor dem Hintergrund befähigungsorientierter Gerechtigkeitsansätze – deutlich, dass die Sicherung der unabdingbaren Grundbedürfnisse (z. B. Nahrung, Wasser, Unterkunft, medizinische Versorgung kein Gnadenakt der Gemeinschaft ist, sondern ein Grundrecht der Betroffenen. Umstritten erweist sich allerdings immer wieder, was als „ausreichend“ und „angemessen“ zu betrachten ist. Der Kommentar folgt einem weiten Menschenrechtsverständnis und greift mit seinen Ausführungen zum „Landgrabbing“ oder zu den ökologischen Perspektiven der Menschenrechtssicherung bis in den Bereich der äußerst umstrittenen Drittgenerations- oder internationalen Solidaritätsrechte über.

Mit Artikel 26 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 wurde erstmals ein individuelles Recht auf Bildung im internationalen Menschenrechtsregime formuliert. In diesem Zusammenhang nutzt der Kommentar die Gelegenheit, das 4-A-Schema des Sozialpaktausschusses einzuführen, das viel dazu beigetragen hat, die Sozialrechte seit den Neunzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts zu präzisieren und deren Justiziabilität zu steigern. Die Auslegung von Artikel 26 macht zwei Stoßrichtungen deutlich: Individuell gehe es um den Abbau von Diskriminierungen im Bildungssystem, gesellschaftlich um den Kampf gegen sogenannte „Bildungsarmut“. Bei Auseinandersetzungen zwischen Elternrecht und Kinderrechten, beispielsweise bei „Homeschooling“ oder muslimischen Vorbehalten gegenüber Sportunterricht, plädieren die Verfasser des Kommentars für „eine pragmatische und fallweise Lösung derartiger Konflikte“ (S. 108).

Artikel 27 sichert dem Einzelnen das Recht, am kulturellen Leben teilzunehmen. Mit dem späteren Zivilpakt von 1966 wurde betont, dass dieses Recht auch für Minderheiten („minorities“) zu gelten habe, deren Ansprüche sich nicht mit der vorherrschenden Nationalkultur decken. Probleme, die sich aus der Abgrenzung und Konstruktion nationaler Minderheiten und der Auslegung ihres kulturellen Selbstbestimmungsrechtes ergeben, werden breit diskutiert (z. B. im Blick auf indigene Völker, Sinti und Roma, Tibet oder autochthone Minderheiten wie die Dänen und Sorben in Deutschland). Eine staatliche Aufgabe besteht darin, kulturelle Werte zu achten, zu schützen und zu pflegen Der freiheitliche Kulturstaat könne dabei keine geschlossene Definition von Kultur mehr vorgeben, vielmehr halte er Freiräume für die Differenzierung kultureller Identitäten offen, was – wie die Verfasser ausdrücklich betonen – auch die Kritik gegenüber bestehenden Werten als Audruck gelebter kultureller Teilhabe einschließe. Die Kommentierung zum Artikel 27 schließt mit Überlegungen zum spannungsreichen Verhältnis zwischen dem Recht auf geistiges Eigentum und Forderungen nach „open sources“ (für das Gemeineigentum im digitalen Zeitalter wurde der überkommene Begriff der „Allmende“ wieder reaktiviert).

Artikel 28 eröffnet die drei Schlussartikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948: „Jeder hat Anspruch auf eine gesellschaftliche und internationale Ordnung, in der die Rechte und Freiheiten dieser Erklärung voll verwirklicht werden können.“ Dabei ergeben sich immer wieder Spannungen, die im Rahmen einer umfassenden Menschenrechtsordnung bearbeitet werden müssen: beispielsweise zwischen dem Anspruch auf allgemeinen Frieden und dem Anspruch auf individuelle Sicherheit, zwischen nationalstaatlichen und globalen Bezügen im Menschenrechtsdenken oder zwischen einer kulturgebundenen oder kulturrelativistischen Auslegung der Menschenrechte. Dabei fällt an der Kommentierung von Artikel 28 auf, dass in diesem Fall einseitig allein eine selektive Auslegung der Menschenrechte seitens des „Westens“, namentlich der USA, kritisiert wird.

Artikel 29 verdeutlicht, dass die Zuerkennung der Menschenrechte zwar nicht von der Erfüllung individueller Pflichten abhängig gemacht werden könne – dann wären die Menschenrechte letztlich wertlos. Doch würden die Menschenrechte auf Dauer auch nur dann gesichert werden können, wenn Menschen auch bereit seien, Pflichten gegenüber der Gemeinschaft zu übernehmen. Daniel Bogner, Christlicher Sozialethiker aus Freiburg i. Ue., sieht in Artikel 29 ein „Gegenargument gegen den Individualismusvorwurf“ (S. 214), der gegen die vermeintlich „westlich geprägten Menschenrechte“ mitunter erhoben wird: Die Menschenrechte stellten die individuelle Freiheit als unhintergehbar in den Mittelpunkt, seien aber nicht ohne gemeinschaftliche Bezüge zu denken. Dahinter steht ein Menschenbild, das davon ausgeht, dass der Mensch nur in seiner Individualität wie Sozialität zusammen angemessen gedacht werden kann.

Artikel 30 widmet sich der Unteilbarkeit der Menschenrechte, und zwar in Form einer abschließenden Auslegungsregel, die festhält, dass kein Einzelrecht dazu hergenommen werden kann, andere Einzelrechte aufzuheben. Die Kommentierung an dieser Stelle weicht vom üblichen Schema ab: Der Kommentar bietet an dieser Stelle ein Schlussinterview mit dem bereits oben erwähnten Bardo Fassbender.

Diskussion

Soll Menschenrechtsbildung der Idee der Selbstbestimmung entsprechen, kann sie sich ihre Ziele oder Zwecke nicht von außen, beispielsweise der Politik oder dem Recht, vorgeben lassen. Diese müssen vielmehr aus dem, was Bildung sein soll, abzuleiten sein. Wenn Bildung nicht allein Aneignung von Kenntnissen sein soll, sondern weitergehend die Fähigkeit umfasst, auch das erworbene Wissen zu beurteilen und nach der Bedeutung dieses Urteils für das eigene Handeln zu fragen, so muss dies auch für die Menschenrechtsbildung gelten – oder es wäre in diesem Fall nicht im umfassenden Sinne von Menschenrechtsbildung, sondern beispielsweise nur von Menschenrechtskenntnis zu sprechen. Für eine umfassend verstandene Menschenrechtsbildung ergeben sich im Wesentlichen drei Ziele: erstens ein Wissen über die eigenen Menschenrechte; zweitens die Erkenntnis, dass auch die anderen schutzwürdige Menschenrechte im selben Umfang besitzen, und den festen Willen, für deren Wahrung einzutreten; drittens schließlich die Fähigkeit, die Menschenrechte auch als Werte der eigenen Moral anzuerkennen, und den Willen sie zum Maßstab des eigenen Handelns zu machen.

Wenn die Menschenrechte aber sowohl dem Recht als auch der Moral zugehören und moralisch begründete Rechtsansprüche darstellen, wird die Auseinandersetzung mit ihnen nicht auf politisch-rechtliche Aspekte beschränkt bleiben können. In der Bildungsarbeit wird es vielmehr darauf ankommen, die Menschenrechte in zweifacher Hinsicht zu erschließen: einerseits als material gehaltvolle Rechtspraxis, um die historisch gekämpft und gerungen werden muss(te), andererseits als individuell-sittliche Wertbindung. Im ersten Fall ist der normative Anspruch des Rechts zu verdeutlichen, der grundsätzlich auch dann Gefolgschaft beansprucht, wenn jemand die Sinnhaftigkeit eines bestimmtes Ge- oder Verbots (noch) nicht einzusehen vermag. Im zweiten Fall wird nach dem sittlich oder religiös begründeten Ethos zu fragen sein, das die Menschenrechte trägt und ohne das der gelebte Wille zum Recht auf Dauer kraftlos wird. Ein handlungspropädeutischer Unterricht, der auf die Bewährung in bestimmten Teilpraxen zielt, wird die jeweils zu fördernden Kompetenzen niemals allein technologisch verstehen dürfen. Vielmehr wird es darauf ankommen, die Lernenden zum sittlich verantwortlichen Handeln zu befähigen.

Implizite Menschenrechtsbildung vollzieht sich überall dort, wo das pädagogische Handeln selbst menschenrechtlichen Ansprüchen genügt und eine Kultur der Prävention gelebt wird, die Verletzungen der Menschenwürde entgegenwirkt. Zudem hat Menschenrechtsbildung einen eminent politischen Charakter. Sie kann Unrechtsbewusstsein wecken, Solidarität wachrufen und Energien zur Veränderung bestehender Realitäten freisetzen.

Jedes Recht aber findet seine Grenze an den berechtigten Ansprüchen des anderen. Umgekehrt sind daher auch die sachlichen und moralischen Grenzen zu beachten und pädagogisch einsichtig zu machen, die der Wahrnehmung eigener Rechte und Beteiligungsansprüche gesetzt sind.

Schließlich muss damit gerechnet werden, dass in der Beschäftigung mit den Menschenrechten gleichfalls ein gewaltiges Frustrationspotential schlummern kann. Dieses kann geweckt werden, wenn Lernenden die Widersprüche zwischen Menschenrechtsideal und politischer Realität oder zwischen den eigenen Wünschen und den begrenzten politischen Handlungsmöglichkeiten bewusst werden. Lähmung, Erstarrung, Politikverdrossenheit oder politisches Desinteresse können mögliche Reaktionsweisen sein, mit derartigen Widersprüchen und daraus erwachsenden Enttäuschungen und Desillusionierungen umzugehen. Zur pädagogischen Aufgabe gehört es, mit solchen Erfahrungen zu rechnen, die Lernenden dazu zu befähigen, die zutage tretenden Widersprüche konstruktiv zu bearbeiten, und ihnen zu helfen, sich Sinnpotentiale zu erschließen, die trotz Enttäuschungen weiterhin zum Einsatz für das Gemeinwohl motivieren. In keinem Fall wird sich eine Formel finden lassen, mit der sich die genannten Konflikte mathematisch exakt und widerspruchsfrei lösen ließen.

Zur Menschenrechtsbildung im weiteren Sinne muss es daher auch gehören, jene Fähigkeiten zu moralisch vernünftigem Urteilen und Handeln zu vermitteln, die es möglich machen, die bleibenden Grundkonflikte zu bearbeiten und immer wieder von Neuem nach einem Mehr an Gerechtigkeit im gemeinsamen Zusammenleben zu streben. Solange Menschen, realistisch betrachtet, immer wieder über die notwendige Überwindung von Leid, Ungerechtigkeit und Ausgrenzung reflektieren müssen, werden die Menschenrechte stets ein offenes Projekt bleiben.

Soll Menschenrechtsbildung in der politischen Bildung ihren festen Ort finden, gehört das Thema auch in die Aus- und Fortbildung der Pädagogen – und zwar ausdrücklich in einer doppelten Perspektive: Menschenrechtsbildung erschöpft sich nicht allein in einer Einführung für Dozenten in die später zu vermittelnden menschenrechtlichen Inhalte, sondern ist immer auch Menschenrechtsbildung mit ihnen, also Reflexion über die eigenen Menschenrechte sowie die eigene (berufliche) Situation.

Der didaktische Zugang über die eigenen Erfahrungen ist für jede berufsgruppenspezifische Menschenrechtsarbeit zentral und sollte in seinem Wert nicht unterschätzt werden: Über die eigenen Rechte, Gefühle und Reaktionen auf selbst erlittenes Unrecht zu reflektieren, ist ein entscheidender Schritt, der dem Einzelnen zu mehr eigenständiger Handlungsfähigkeit verhelfen kann. Er kann Anstoß sein, für die eigenen Rechte politisch aktiv zu werden, und zugleich dazu beitragen, Sensibilität gegenüber der Situation anderer zu erwerben.

Wird von Lehrenden erwartet, die ihnen anvertrauten Educandi im Geist der Menschenrechte und zum selbstverantwortlichen Einsatz für diese zu erziehen, so kann erwartet werden, dass auch ihnen selbst Würde und Respekt entgegengebracht wird, nicht zuletzt seitens des Arbeitgebers, der Politik und der Öffentlichkeit. Dabei geht es nicht allein um die Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen, sondern auch um die strukturellen, materiellen oder rechtlichen Rahmenbedingungen der pädagogischen Arbeit.

Der nunmehr abgeschlossene „Grundkurs Menschenrechte“ ist ein wichtiges Instrument, ein umfassendes Programm der Menschenrechtsbildung – wie vorstehend skizziert – zu fördern. Die Ausführungen sind auch für Nichtjuristen verständlich geschrieben. Hier liegt dann aber auch ein entscheidendes Problem des Kommentarwerks: Zwar basieren die Auslegungen auf dem juristischen Kommentar Fassbenders, im Gesamtduktus wird aber der politische oder moralische Charakter der Menschenrechte dann deutlich stärker betont als deren juridischer. Der „Grundkurs Menschenrechte“ folgt damit dem Mainstream der gegenwärtigen Menschenrechtsdebatte: Die Menschenrechte erscheinen als ein Instrument umfassender Gesellschaftsreform. Damit erweckt der Kommentar den Eindruck, als könnten immer weitere Teile der politischen Debatte mit menschenrechtlich hergeleiteten Forderungen bestritten werden (z. B. die Debatte um das richtige Bildungssystem, die politischen Kontroversen um internationale Freihandels- und Dienstleistungsabkommen oder die Klimadebatte). Unterbestimmt bleiben bei einer solchen Perspektive die juridischen Grenzen der Menschenrechte. Denn wer wollte einer politischen Forderung ernsthaft widersprechen, wenn diese mit dem Nimbus der Menschenrechte daherkommt!?

Zu welchen Schwierigkeiten das führt, soll exemplarisch an zwei Kontroversen beleuchtet werden, die im Band diskutiert werden: Bei Artikel 27 lässt die Darstellung deutliche Sympathien für die Open-sources- und Piratenbewegung erkennen. Digitales Gemeineigentum erscheint als Dienst am gesellschaftlichen Fortschritt, das Recht auf geistiges Eigentum vorrangig als Bremse bei der Lösung anstehender Zukunftsaufgaben. Nahezu ausgeblendet bleibt, dass bestimmte Berufsgruppen zentral darauf angewiesen sind, dass geistige Urheberschaft auch angemessen vergütet wird. Ohne geistige Urheber gebe es am Ende auch nichts mehr, das als digitale Allmende geteilt werden könnte.

Bei der Kommentierung von Artikel 26 – Recht auf Bildung – wird die übliche Sicht einer hohen „sozialen Selektivität“ des deutschen Bildungssystems kolportiert, ohne dass dieser Vorwurf näher belegt oder konturiert wird. So bleibt der diffuse Eindruck, das Bildungssystem müsste irgendwie „gerechter“ werden. Hier wäre genauer zu diskutieren, welche bildungspolitischen Forderungen tatsächlich menschenrechtsrelevant sind und welche vielleicht allenfalls wünschenswert wären. Hier wäre eine differenziertere Debatte notwendig; beispielsweise müsste diskutiert werden, inwieweit der Staat die „Chancen zur Bildung“ steuern kann, ohne dass er dadurch die Freiheit des Einzelnen wiederum einschränkt, die ihm eröffneten Chancen ohne staatliche Bevormundung in Freiheit zu nutzen. Auch wäre näherhin zu diskutieren, inwiefern Bildung als Befähigung zur Selbstbestimmung überhaupt dazu taugt, eine sozialstaatliche Funktion zu übernehmen.

Nur am Rande: Als albern und sprachlich peinlich erweist sich der Anglizismus „highlightet“ im Klappentext des Bandes. Ironisch könnte man davon sprechen, dass hier das Recht auf kulturelle Identität, zu dem auch eine angemessene Sprachpflege gehört, unterlaufen wird.

Fazit

Der „Grundkurs Menschenrechte“ ist ein interessantes und hilfreiches Instrument für die Menschenrechtsbildung. Politisch „neutral“ ist seine Auslegung der Menschenrechte allerdings nicht. Die Kommentierung folgt einer stark sozialrechtlich dominierten, in der Tendenz überschießenden Auslegung der Menschenrechte. Dies sollte bei der Arbeit mit diesem Kommentarwerk stets mitbedacht und reflektiert werden.


Rezensent
Dr. theol. Dipl.-Päd. Axel Bernd Kunze
Privatdozent am Bonner Zentrum für Lehrerbildung (BZL) der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Homepage www.axel-bernd-kunze.de
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Zitiervorschlag
Axel Bernd Kunze. Rezension vom 20.04.2016 zu: Otto Böhm, Doris Katheder: Grundkurs Menschenrechte, Band 5 (Artikel 24-30). Echter Verlag GmbH (Würzburg) 2015. ISBN 978-3-429-03525-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20060.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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