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Ilkka Taipale (Hrsg.): 100 soziale Innovationen aus Finnland

Cover Ilkka Taipale (Hrsg.): 100 soziale Innovationen aus Finnland. Ennsthaler (Steyr) 2015. 395 Seiten. ISBN 978-3-85068-955-7. D: 18,00 EUR, A: 18,00 EUR, CH: 25,90 sFr.
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Thema

Spätestens nachdem Finnland im Vergleich der Bildungssysteme, in den sog. PISA-Studien, so hervorragende Ergebnis erzielte, gilt das Land auch bei technischen, gesellschaftlichen, politischen Entwicklungen als vorbildlich. Mit diesem Selbstbewusstsein stellen Autorinnen und Autoren aus Finnland 100 solcher Innovationen vor.

Herausgeber und Autorinnen/Autoren

Ilkka Taipale (Jg. 1942) war Chefarzt einer psychiatrischen Klinik, Professor für Sozialpsychiatrie in Tampere und in den 1970er Jahren sowie von 2000-2007 Parlamentsabgeordneter.

Der aktuelle Präsident und die frühere Präsidentin Finnlands haben Vorworte geschrieben. Die Beiträge stammen von 28 ehemaligen oder aktuellen Ministern oder Ministerinnen, 10 derzeitigen oder ehemaligen Abgeordneten (inklusive dem Herausgeber). Etliche Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen haben sich beteiligt, das Gros der Artikel stammt indes von Personen, die in der Leitung einer staatlichen Behörde, der Geschäftsführung einer Stiftung, dem Vorstand eines Verbandes tätig waren oder noch sind – eben jener Behörde, jener Stiftung oder jenes Verbandes, um deren oder dessen Leistung es geht.

Entstehungshintergrund

Nach einer ersten Ausgabe 2006 hat der Autor die Sammlung aktualisiert. Zahlreiche Übersetzungen sind inzwischen erschienen, die erste deutschsprachige Fassung hat nun der oberösterreichische Verlag besorgt.

Aufbau

Der Band besteht aus einhundert Beiträgen von jeweils 3-5- Seiten Länge. Die Beiträge sind verschiedenen Themenbereichen zugeordnet, nämlich

  • Verwaltung (13),
  • Sozialpolitik (24),
  • Gesundheit (11),
  • Kultur (12),
  • grenzüberschreitende Innovationen (7),
  • Zivilgesellschaft (13),
  • Hi-Tech (4) und
  • Freuden des Alltags (16).

Ausgewählte Inhalte

Im Themenreich „Verwaltung“ wird die Tatsache gewürdigt, dass Finnland am 1.10.1906 und damit als erstes Land in Europa das Frauenwahlrecht einführte. Die Kommunen nehmen eine zentrale Stellung in der Demokratie ein und sollen hochwertige Dienstleistungen erbringen. Dazu zählen u.a. die fast 400 kommunalen Gesundheitszentren.

Schwedisch ist wie Finnisch Amtssprache. Die Samen sind als Urvolk mit eigenen Rechten ausgestattet; in ihrer Region können sie alle Angelegenheiten in ihrer Muttersprache erledigen.

Am umfangreichsten ist der Themenbereich „Sozialpolitik“ ausgestaltet. Der finnische Wohlfahrtsstaat hat in den 1950er und 1960er Jahren Wohnungseigentum stark gefördert, indem er günstige Kredite vergab; Mietwohnungen sind zumeist Besitz der Kommune. Damit kann diese auch darauf Einfluss nehmen, dass in einem Wohngebiet Familien aus allen Schichten zusammenleben. Die Y-Stiftung mietet mittendrin Ein-Zimmer-Wohnungen an, in denen vormals obdachlose oder psychatrieerfahrene Personen oder Flüchtlinge betreut werden.

Seit 1937, mit vielen Anpassungen des Inhalts und Ausweitung auf alle Eltern, bedenkt der Staat Mütter nach der Geburt eines Kindes mit einem sog. Mutterschaftspaket (z.B. Strampelanzug, Pflegemittel). Alle Schülerinnen und Schüler der Gemeinschaftsschule, der Oberstufe wie der Berufsschule erhalten an jedem Schultag eine kostenfreie Mahlzeit. Seit 1973 sind die Kommunen verpflichtet, Kindertagesbetreuung anzubieten. Der unmittelbare Rechtsanspruch wurde 1993 gesetzlich verankert. Eltern können aber auch einen Zuschuss für die Betreuung zuhause in Anspruch nehmen. Väter haben das Anrecht auf Vaterschaftsurlaub seit 1978, nämlich bis zu vier Wochen.

Das Grundgesetz garantiert eine Mindestsicherung, die allerdings, wie der Autor feststellt, nicht über die 60%-Armutsgrenze hinweghilft. Eine Stiftung hilft jedoch dadurch, dass sie Bürgschaften übernimmt. Die Kommune vergibt sog. Sozialkredite, sodass verschuldete Haushalte durch Umschuldung oder Starthilfe wieder handlungsfähig werden,.

Bereits 1868 hat die Stadt Helsinki ein Rechtshilfebüro eingerichtet. Heutzutage können nicht nur mittellose Personen, sondern auch Durchschnittsverdiener auf einen kostenlosen Rechtsbeistand zurückgreifen. Nach Pilotprojekten seit 1981 betreiben alle Kommunen heute Mediationsbüros, die gut angenommen werden; auch nicht strafmündige Kinder unter 15 Jahren nehmen teil.

Im Themenbereich „Gesundheit“ werden Suizid, Verkehrstote, Herz-Kreislauferkrankungen, Alkohol- und Tabakmissbrauch angesprochen – und die jeweils entwickelten Gegenstrategien aufgezählt. Im Themenbereich „Kultur“ stellen die Autorinnen und Autoren die Erforschung finnisch-ugrischer Sprachen, die Versorgung mit Bibliotheken, die Gemeinschaftsschulen, Hochschulen, Musikschulen, Erwachsenenbildung vor, aber auch das sog. Storycrafting, das die „Erfinderin“ gleich selbst präsentiert (Kinder erzählen, was sie beschäftigt. Die Psychologin hört aktiv zu, aber ohne wertende Interventionen).

Hohen Stellenwert hat die Zivilgesellschaft: gewaltfreier Widerstand, das vielfältige Vereinsleben, Eigentümergemeinschaften für Privatstraßen (letztere haben mehr Kilometer als die öffentlichen), die Gewerkschaften, Frauenverbände, Spendenaktionen, Lobbies für Entwicklungshilfe etc. gehören dazu.

Beim Thema „Hi-Tech“ steht Linux an erste Stelle: das PC-Betriebssystem mit sog. offenem Quellcode, das Linus Torvalds anfangs der 1990er Jahre startete. Ein Beitrag ist aber auch den Molotow-Cocktails gewidmet, die im sog. Winterkrieg 1939/1940 zu Hunderttausenden in den Abfüllanlagen des Alkoholmonopols hergestellt und gegen die Panzer der Roten Armee eingesetzt worden sind.

Das letzte Kapitel stellt die ebenso skurrilen wie auch sympathischen Traditionen vor, für die Finnland berühmt ist. Das beginnt bei der Sauna, dem Tango und dem Eisangeln, geht über das Jedermannsrecht zum Teppichwaschen im See und Küchenschrank zum Geschirrabtropfen.

Diskussion

Das originelle Format sorgt für angenehme Lektüre. Taipale hat beeindruckend viel Sachverstand abgerufen, auch wenn manche Beiträge nicht so ganz anschaulich geraten (Wodurch genau konnte die Suizidquote reduziert werden?).

Etliche Beiträge stammen von Autorinnen und Autoren, die „ihr“ Produkt anpreisen, ob das nun ein Brettspiel oder ein Plumpsklo, ein Konzept zur Behandlung von Schizophrenie oder Neutralitätspolitik ist. Einige Innovationen erscheinen doch diskussionswürdig: Was soll eine Krankenversicherung nur für Studierende bringen? Ist es nicht doch das Ende der informationellen Selbstbestimmung, wenn jede/r eine Personenkennziffer hat, die allseits bekannt ist und von allen Ämtern verwendet wird?

Eine der großen Errungenschaften ist, jedenfalls nach Ansicht des früheren Direktors einer Rentenversicherungsgesellschaft, das hochkomplexe Rentensystem, das die allgemeine Volksrente (Mindestrente) mit der einkommensbezogenen Erwerbsrente kombiniert,ebenso die Kapitaldeckung mit dem Umlageverfahren (das auch die Inflationsanpassung abbilden muss). Dabei werden die Renten von verschiedenen Anstalten, Kassen und Stiftungen verwaltet… Es zeigen sich bei einer hochkomplexen Sachlage wie dieser dann aber doch schnell die Grenzen des Formats: Drei Seiten reichen da nicht.

Fazit

Ebenso vielgestaltig wie unterhaltsam informiert dieses Buch über das politische System, die Geschichte und Traditionen, das gesellschaftliche Leben in Finnland, speziell auch über die Sozial- und Gesundheitspolitik. Ob diese nun immer so innovativ ist oder auch nicht: Es spricht daraus ein überzeugendes, klares Bekenntnis zu Demokratie und Menschenwürde.

English version, translated from German version by Claudia Mehlmann

Subject

Since Finland achieved excellent results in the comparison of educational systems, in the so-called PISA study, the country is considered to be exemplary also in technical, social and political developments. With this self-confidence authors from Finland introduce 100 of these innovations.

Editors and authors

Ilkka Taipale (born 1942) was head physician of a psychiatric hospital, Professor of social psychiatry in Tampere, and in the 1970s, as well as from 2000 to 2007, a Member of Parliament.

The current President and the former President of Finland have written forewords. The contributions were made by 28 former or current Ministers, 10 current or former members of Parliament (including the editor). Several scientists have taken part, the majority of the articles comes meanwhile from persons who are or were active in the management of a state authority, the management of a foundation, the board of an association – just of the authority, foundation or association, which is in focus here.

Background

After a first edition in 2006 the author has updated the collection. Numerous translations have been published, the first German version is now provided by the Upper Austrian publisher.

Structure

The volume consists of 100 contributions, each 3-5- pages long. The contributions are assigned to different thematic areas, namely,

  • administration (13),
  • social policy (24),
  • health (11),
  • culture (12),
  • transnational innovations (7),
  • civil society (13),
  • Hi-tech (4) and
  • pleasures of everyday life (16).

Selected content

In the issue of “Administration“ the fact that Finland introduced women„s suffrage on the 1.10.1906 and thus became the first country in Europe is recognised. Local authorities play a central role in democracy and to provide top quality services. These include, inter alia, the almost 400 municipal health centers.

Swedish like Finnish is the official language. The Sami are equipped with their own rights as natives; in their region they can do all affairs in their own language.

The largest is the theme of “Social policy“. The Finnish welfare state has strongly promoted condominium in the 1950s and 1960s by giving favorable loans; apartments are mostly a possession of the local authorities. Thus they can take influence, that in a residential area families from all backgrounds live together. The Y-Foundation rents one-bedroom apartments amidst, where formerly homeless or psychiatry experienced persons or refugees are looked after.

Since 1937, with many adjustments to the content and extension to all parents, the state provides mothers after the birth of a child with a so-called. maternity package (e.g. romper suit, care products). All students of the school community, the college as well as vocational school receive a free meal every day. Since 1973 municipalities are obliged to offer day care for children. The immediate legal right was enshrined by law in 1993. But parents can also take up a subsidy for the care at home. Fathers have the right to paternity leave since 1978, namely up to four weeks.

The basic law guarantees a minimum income, which doesn„t help though over the 60%-poverty line, as the author notes. A foundation helps by taking over guarantees. The municipality provides so-called social loans so that households in debt become capable of acting again by conversion of debts or start-up support.

In 1868 already, the city of Helsinki has established a redress office. Nowadays, not only destitute people but also average earners have access to free legal counsel. After pilot projects since 1981 all local authorities run mediation offices that are well accepted; not criminally responsible children under 15 years also take part.

The subject area “Health“ deals with suicide, traffic deaths, cardiovascular disease, alcohol and tobacco abuse – and the developed counter-strategies are specified. In the subject area „Culture“ the authors introduce research of the Finno-Ugric languages, the provision of libraries, the community schools, universities, music schools, adult education, but also the so-called. storycrafting which the "inventor" immediately presents herself (children tell what bothers them. The psychologist listens actively, but without evaluating interventions).

High priority is attached to Civil society: non-violent resistance, the diverse clubs and societies, communities of owners of private roads (the latter have access to more kilometers than the public), the trade unions, women„s organizations, fundraisers, lobbies for development aid, etc. are also included.

On the subject of “Hi-tech“ Linux is in first place: the PC operating system with a so-called. Open source code, which was launched by Linus Torvalds in the early 1990s. A contribution is also dedicated to the Molotov cocktails that have been made in the so-called Winterwar 1939/1940 at hundreds of thousands in the fillings of the alcohol monopoly and used against the tanks of the Red Army.

The last chapter presents the equally whimsical and sympathetic traditions, for which Finland is famous. This starts with the sauna, the tango and the ice fishing, going on to the right of public access for carpet washing in the lake and the kitchen cupboard for drainage.

Discussion

The original format ensures comfortable reading. Taipale has called away impressively a lot of expertise, even if some contributions are not so colourful (How exactly could the suicide rate be reduced?).

Several contributions come from authors who promote „their“ product, whether it is a board game or an outhouse, a concept for the treatment of schizophrenia or policy of neutrality. Nevertheless, some innovations seem worthy of discussion: What should bring a health insurance for students only? Is it not the end of informational self-determination, if everyone has his/her personal identification number, which is well known and used by all offices?

One of the great achievements is the highly complex pension system, at least according to the former Director of a pension insurance company, which combines the General state pension (minimum pension) with earnings-related employment pensions, as well as the funding with the PAYG (which must also reflect the inflation adjustment). Besides pensions are managed by different institutions, funds and foundations… The boundaries of the format at a highly complex situation like this arise but quickly: three pages are not enough here.

Summary

Equally diverse as entertaining, this book informs about the political system, history and traditions, the social life in Finland, especially about the social and health policy. Whether this is always innovative or not: it reflects a compelling, clear commitment to democracy and human dignity.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Kommentare

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Die Übersetzung wurde gefördert durch den Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. (FFS). Ermöglichen Sie weitere Übersetzungen durch Ihre Spende an den FFS.


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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 26.01.2016 zu: Ilkka Taipale (Hrsg.): 100 soziale Innovationen aus Finnland. Ennsthaler (Steyr) 2015. ISBN 978-3-85068-955-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20061.php, Datum des Zugriffs 23.10.2019.


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