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Paul Rameder: Die Reproduktion sozialer Ungleichheiten in der Freiwilligenarbeit

Cover Paul Rameder: Die Reproduktion sozialer Ungleichheiten in der Freiwilligenarbeit. Theoretische Perspektiven und empirische Analysen zur sozialen Schließung und Hierarchisierung in der Freiwilligenarbeit. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2015. 263 Seiten. ISBN 978-3-631-66434-6. D: 51,95 EUR, A: 53,50 EUR, CH: 59,00 sFr.
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Thema

Das Buch widmet sich dem oftmals wenig beleuchteten Thema der sozialen Ungleichheit in der Freiwilligenarbeit. Anstatt dem landläufigen Argument der sozialintegrativen Funktion von ehrenamtlicher Tätigkeit zuzuspielen, geht die Arbeit der Frage auf den Grund, ob und wie sich gesellschaftliche Ungleichheiten in der Freiwilligenarbeit widerspiegeln oder gar verstärken. Der Freiwilligensektor, und hier insbesondere der Zugang zu und die Aufgabenverteilung in Freiwilligenorganisationen, wird hier als Feld der Entstehung und Reproduktion sozialer Ungleichheit analysiert und ein Stück weit in seiner Funktion als Heilsbringer für die Integration sozial schwacher Bevölkerungsgruppen demystifiziert.

Autor

Paul Rameder ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Nonprofit Management der Wirtschaftsuniversität Wien. Er lehrt und forscht zu den Themengebieten Freiwilligenarbeit, Freiwilligenmanagement, Service Learning sowie soziale Ungleichheit.

Aufbau

In der Einleitung werden die Problemstellung, Hintergrund und Aufbau der Arbeit erläutert.

  1. Der darauffolgende erste Teil widmet sich den theoretischen Perspektiven auf soziale Ungleichheit und Freiwilligenarbeit.
  2. Der zweite Teil beschäftigt sich mit dem Stand der Forschung zu den Determinanten und Auswirkungen der Freiwilligenarbeit.
  3. Im dritten Teil folgen empirische Analysen zur sozialen Schließung und Hierarchisierung in der Freiwilligenarbeit in Österreich.
  4. Das letzte Kapitel beinhaltet die Schlussfolgerungen der Studie.

Inhalt

Im Vordergrund der in Buchform vorliegenden Dissertation Paul Rameders steht die Motivation soziale Ungleichheit innerhalb des Feldes der Freiwilligenarbeit zu analysieren. Damit soll der politischen Rhetorik, die einseitig nur die Entfaltung der sozial integrativen Wirkung von ehrenamtlichen Engagements betont und diese mit dem Postulat der Leistungsgerechtigkeit verknüpft, um empirisiche Evidenz zur Verteilungs(un)gleichheit ergänzt und gesellschaftstheoretisch eingebettet werden. Denn die verkürzte Perspektive auf die integrativen und inklusiven Potentiale führe zu einer Überfrachtung des Potentials freiwilliger Arbeit, so Rameder, die zudem die Voraussetzungen für ehrenamtliches Engagement verkenne. Die niedrigen Beteiligungsquoten von MigrantInnen, Erwerbslosen und älteren Menschen deutet vielmehr darauf hin, dass gesellschaftliche Ungleichheit sich in der Freiwilligenarbeit fortschreibe bzw. widerspiegelt. „So wird auch in diesem Fall das individuelle „Wollen“ vor das strukturelle „Können“ gestellt.“ (S. 22) Rameder zufolge liegt in der Dominanz der ökonomischen Dimension von Ungleichheit in aktuellen Diskursen, insbesondere in Hinblick auf die sich zunehmend öffnende Schere zwischen Arm und Reich in Zusammenhang mit Fragen der Verteilungsgerechtigkeit, ein wesentlicher Grund für die Vernachlässigung anderer Dimensionen der Ungleichheit, wie der sozialen, kulturellen oder symbolischen Ungleichheit.

Um dem etwas entgegenzusetzen, konstruiert Rameder mit Rekurs auf Pierre Bourdieus Arbeiten über soziale Schließung „Freiwilligenarbeit (…) nicht als neue Ungleichheitsdimension (…), sondern die Felder, in denen Freiwilligenarbeit geleistet wird, werden als Orte der Reproduktion bzw. Genese sozialer Ungleichheit verstanden.“ (S. 80) Der Fokus der weiteren Ausführungen liegt somit nicht nur auf Ungleichartigkeiten, sondern auf Ungleichwertigkeiten, sprich der Fortschreibung bestehender gesellschaftlicher Ungleichbehandlungen durch/in der Freiwilligenarbeit. Anhand der Daten einer Mikrozensuserhebung zur Freiwilligenarbeit, die mit 11.661 Befragten den bis dato umfangreichsten Datensatz für Österreich darstellt, will Rameder die Frage nach sozialer Ungleichheit beim Zugang zu und innerhalb des Feldes der Freiwilligenarbeit einer Beantwortung zuführen.

Hier zeigt sich erstens, und zwar wenig überraschend, dass „gesellschaftliche Integration primär über die Integration in die (Erwerbs-)Arbeit erfolgt (…) und Freiwilligenarbeit derzeit vielmehr Ausdruck gelungener Integration als Mittel zur Integration ist.“ (S. 150) Zweitens wird deutlich, dass Menschen mit niedrigerer Ausstattung an kulturellem Kapital, sprich niedrigeren Bildungsabschlüssen, sowie niedrigerer Ausstattung an ökonomischen Kapital und zudem alleine lebend einen erschwerten Zugang zu Freiwilligenarbeit haben, während bei schon freiwillig Tätigen, v.a. in Führungsfunktionen, eher Mehrfachengagements vorkommen – d.h. auch hier zeigt sich der Matthäus-Effekt: Wer hat, dem wird gegeben oder mit Mark Granovetter gesprochen, ‚the strength of weak ties‘ (S. 156). Darüber hinaus „dürfte es (…) vor allem für unverheiratete, erwerbstätige Frauen der untersten Bildungsschicht besonders schwierig sein, Zugang zu formeller Freiwilligenarbeit zu finden.“ (S. 158)

Hinsichtlich der angeborenen (oder askriptiven) Merkmale zeigt sich, dass Frauen, ältere Personen und MigrantInnen in Österreich seltener Freiwilligenarbeit nachgehen und somit „sozialen Schließungstendenzen (…) ausgesetzt [sind].“ (S. 162) Bei den erworbenen Merkmalen zeigt sich, dass ein höherer Bildungsgrad durchwegs positiv auf das freiwillige Engagement wirkt, aber auch Wohnungseigentum in Österreich einen zentralen Einfluss aufweist. Weiters zeigt sich auch, dass die subjektive Einschätzung der Befragten im Hinblick auf Barrieren zur Freiwilligenarbeit sich vielfach mit den objektiven Kriterien, hier die empirischen Evidenzen, decken. Daraus schlussfolgert Rameder, dass „die in den sozialen, ökonomischen, kulturellen und symbolischen Dimensionen benachteiligten Bevölkerungsgruppen (…) ihre diesbezügliche Schlechterstellung auch subjektiv als Barrieren beim Zugang zur Freiwilligenarbeit wahr[nehmen].“ (S. 163f.) Für eine bessere Integration dieser Personen sei somit der Abbau von Barrieren relevant. Dies sollte primär über die Förderung des Zugangs zu den benötigten Kapitalien erfolgen, anstatt das Pferd von hinten aufzuzäumen und auf die ‚Integrationswilligkeit‘ bereits benachteiligter Personen zu pochen.

Neben der Frage nach sozialen Schließungstendenzen in der Freiwilligenarbeit untersucht Rameder zudem auch den Zugang zu Leitungspositionen in der Freiwilligenarbeit (‚Hierarchisierung‘) und vergleicht in einem weiteren Schritt die Ergebnisse unterschiedlicher Felder ehrenamtlicher Tätigkeit, wie Soziales und Gesundheit, Kirche und Religion, Sport und Bewegung, sowie Katastrophenhilfs- und Rettungsdienste, untereinander. Bei der Frage nach der Hierarchisierung zeigt sich – neben dem schon erwähnten Matthäus-Effekt, der sich in einer hohen Korrelation von Mehrfachengagement und leitenden Positionen äußert –, dass „Erwerbsarbeit und Freiwilligenarbeit auch betreffend der Regeln der internen Positionsbesetzung vergleichbare Kontextebenen“ darstellen (S. 176). Für Frauen ist vor allem ein hoher Bildungsgrad ausschlaggebend, ob sie eine leitenden Funktion innehaben, für Männer begünstigt eine leitende Funktion im Beruf den Weg dahin.

Der Feldervergleich zeigt, dass das Feld Gesundheit und Soziales „primär über kulturelles Kapital zu selektieren [scheint]“ (S. 190) und „Leitungsfunktionen überdurchschnittlich oft mit Männern zwischen 50 und 64 Jahren besetzt sind (…), [während die] Kernaufgaben (.) überdurchschnittlich oft von Frauen (…) ausgeführt werden (…) [und] Erwerbslose [überwiegend sonstige Aufgaben übernehmen]“ (S. 196) Während beim Zugang das Geschlecht keine Rolle spielt, ist die Aufgabenverteilung somit als ‚klassisch‘ zu bezeichnen.

Im Feld der Kirche und Religion spielen neben dem Bildungsgrad – auch hier wirkt sich ein hoher Bildungsgrad positiv auf das freiwillige Engagement aus -der Familienstatus (verheiratet) und das Wohnrechtsverhältnis (Wohneigentum) eine zentrale Rolle. Auch hier werden Leitungsfunktionen von Männern zwischen 30 und 49 Jahren besetzt, während Frauen im Alter zwischen 50 und 64 administrative Aufgaben übernehmen, und Freiwillige mit niedrigem kulturellen Kapital und/oder erwerbslos sind sonstige Aufgaben übernehmen (vgl. S. 197).

Das Feld des Sports weist einerseits einen niedrigen Frauenanteil auf (31 %), der in Führungspositionen noch weiter sinkt (17 %). Charakteristisch für das männerdominierte Feld des Sports ist die „Illusion der Chancengleichheit“, mit der Rameder in Anlehnung an Pierre Bourdieu folgendes meint: „Unter dem Deckmantel der Chancengleichheit und der Leistungsgerechtigkeit, die durch den Wettkampf (…) abgesichert und objektiviert wird, haben ungleichheitsgenerierende Prozesse (…) freie Hand und sind nur durch eine bewusst gestaltete Regeländerung (…) veränderbar.“ (S. 199)

Das vierte und letzte betrachtete Feld der Katastrophenhilfs- und Rettungsdienste weist den niedrigsten Frauenanteil (17 %) auf, der unter den leitenden Positionen weiter sinkt (8 %). Das könnte, Rameder zufolge, an der „quasi-militärischen hierarchischen Struktur“ liegen, die viele Organisationen dieses Feldes aufweisen. Neben dem Geschlecht ist auch der Bildungsabschluss relevant für die Erlangung von Führungsfunktionen, während die Erledigung von Kernaufgaben meist von Personen mit mittleren Bildungsabschlüssen erfüllt werden.

Fazit

In seinen Schlussfolgerungen resümiert Rameder nochmals, dass Freiwilligenarbeit weniger als Mittel zur Integration dient, als vielmehr Nachweis bereits erfolgter Integration ist. Denn das Feld oder die Felder der Freiwilligenarbeit erweisen sich in ihren Zugangsregeln und ihren internen Strukturierungen als kongruent zum Feld der Erwerbsarbeit. Vor dem Hintergrund dessen, dass beide Teil der Gesellschaft sind und sich in ihnen daher gängige soziale Ungleichheitsmuster manifestieren, die auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen, wie der Wissenschaft oder der Kunst wirken, nimmt das kaum Wunder. Für die Debatte um die Möglichkeiten und Grenzen dessen, was Freiwilligenarbeit vermag, ist die Studie jedenfalls ein wertvoller, empirisch fundierter Beitrag, der hoffentlich seinen Niederschlag in evidenzbasierter einschlägiger Politik findet.


Rezensentin
Laura Sturzeis
Sozioökonomin und Programmkoordinatorin des Masterstudiums Sozioökonomie an der Wirtschaftsuniversität Wien
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Zitiervorschlag
Laura Sturzeis. Rezension vom 23.08.2016 zu: Paul Rameder: Die Reproduktion sozialer Ungleichheiten in der Freiwilligenarbeit. Theoretische Perspektiven und empirische Analysen zur sozialen Schließung und Hierarchisierung in der Freiwilligenarbeit. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2015. ISBN 978-3-631-66434-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20064.php, Datum des Zugriffs 22.09.2019.


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