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Heike Böhmer, Janet Simon: Metastudie. Demografische Entwicklung und Wohnen im Alter

Cover Heike Böhmer, Janet Simon: Metastudie. Demografische Entwicklung und Wohnen im Alter. Auswertung ausgewählter wissenschaftlicher Studien unter besonderer Berücksichtigung des selbstgenutzten Wohneigentums ; [Forschungsbericht]. Fraunhofer IRB Verlag (Stuttgart) 2015. 59 Seiten. ISBN 978-3-8167-9464-6. D: 19,50 EUR, A: 20,10 EUR, CH: 34,00 sFr.
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Thema

Die Thematik „Wohnen im Alter“ hat etwas Janusköpfiges an sich, denn sie enthält mehrere Aspekte bezogen auf die Bewohner: einerseits die Kompetenz zum selbständigen Wohnen und anderseits zugleich die implizite Fragestellung, wie lange diese Fähigkeit bei den Betroffenen noch erhalten sein wird. Damit der Verbleib in den eigenen vier Wänden so lange wie möglich gewährleistet werden kann, gilt es eine Reihe von Anpassungsleistungen zu realisieren: zum Beispiel Barrierefreiheit für die Wohnung und die Schaffung wohnortsnaher Dienst- und Versorgungsleistungen (u. a. auch ambulante Pflege- und Betreuungsdienste). Zusätzlich sind gegenwärtig Modelle technisch unterstützten Wohnens (Assistenzsysteme auf der Grundlage einer IT-Technologie) in der Entwicklung. Die vorliegende Studie befasst sich mit diesen Fragestellungen unter dem Gesichtspunkt des Wohneigentums im Alter.

Autorinnen

Dipl.-Ing. Heike Böhmer, Geschäftsführerin und Direktorin, und Dipl.-Ing. Janet Simon, Dipl.-Ing., wissenschaftliche Mitarbeiterin, arbeiten im Institut für Bauforschung e. V. in Hannover.

Entstehungshintergrund

Die Studie wurde als Auftragsarbeit für den Bauherren-Schutzbund e. V. in Berlin angefertigt.

Aufbau und Inhalt

Die Studie ist in fünf Kapitel und einem Literatur- und Quellenverzeichnis unterteilt.

Kapitel 1 – Aufgabenstellung und Ziele der Studie (Seite 4 – 5). Die folgenden Punkte standen im Fokus der Untersuchung:

  • Die Herausforderungen der demografischen Entwicklung der Bevölkerung
  • Die Entwicklung des Wohnungsbedarfs und Tendenzen des Wohnungsmarktes
  • Die gegenwärtige Situation und Entwicklung des Bedarfs an barrierefreiem Wohnraum
  • Die Bezahlbarkeit von Wohnen und Wohneigentum unter Berücksichtigung der Entwicklung von Einkommen und Wohnkosten / Kostentreiber
  • Das selbstgenutzte Wohneigentum als private Altersvorsorge
  • Das selbstgenutzte Wohneigentum im ländlichen Raum
  • Die Förderung und Erhaltung von Wohneigentum

Kapitel 2 - Grundlage (Seite 6 -7). Die Studie bestand aus der Auswertung von 15 Untersuchungen aus der Zeit von 2010 bis 2014 mit folgenden Themenschwerpunkten:

  • Gebäude- und Wohnungsbestand in Deutschland
  • Ein Sozialbericht für die Bundesrepublik Deutschland
  • Wohntrends 2030
  • Der Vierte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung
  • Wohnen der Altersgruppe 65Plus
  • Wohnimmobilien zur Altersvorsorge
  • Wohnungsangebot für arme Familien in Großstädten
  • Bedarf an seniorengerechten Wohnungen in Deutschland
  • Die Zukunft der Dörfer
  • Wohnen im Alter
  • Wohnwünsche im Alter
  • Wohnungsmärkte im Wandel
  • Wohnungsmangel in Deutschland
  • Erben in Deutschland
  • Wohnatlas

Kapitel 3 - Auswertungsstruktur (Seite 8 – 9). Auf der Grundlage der Aufgaben und Fragestellungen der Studie wurde ein Kriterienkatalog mit den folgenden Elementen erstellt: Eigentümer / Bewohner – Gebäude / Wohnraum – Anforderungen an Wohnen, haushaltsnahe Dienstleistungen und Pflege – Finanzen – Entwicklung Wohnumfeld / Infrastruktur – Allgemeines / Sonstiges / Trends – Information / Unterstützung / Förderung / Kommunikation.

Kapitel 4 - Vergleichende Gegenüberstellung (Seite 10 – 55). Die folgenden Ergebnisse besitzen bezogen auf das Wohnverhalten älterer Menschen für die Sozial- und Wohnungsbauplanung erhebliche Bedeutung:

  • Fast die Hälfte aller Seniorenhaushalte wohnt in selbstgenutztem Wohneigentum.
  • Bis zum Jahr 2025 sollten bedingt durch die demografische Alterung ca. 2 Millionen Wohnungen seniorengerecht gestaltet sein. Bei dem heutigen Stand von 400.000 bis 500.000 Wohnungen müssten jährlich ca. 100.000 seniorengerechte Wohnungen geschaffen werden.
  • Von den ca. 37 Millionen Haushalten in Deutschland sind ca. 31 Prozent Haushalte mit Senioren, davon ca. 22 Prozent reine Seniorenhaushalte.
  • 93 Prozent der älteren Menschen (65 Jahre und älter) leben in normalen Wohnungen, die restlichen 7 Prozent verteilen sich auf Sonderwohnformen (Heim 4 Prozent, Betreutes Wohnen 2 Prozent und Altenwohnungen 1 Prozent).
  • 60 Prozent der Senioren verfügen über eine Wohnfläche von 100 qm und mehr. Diese Wohnflächen werden von jedem fünften als zu groß empfunden. Fast ein Drittel der Senioren mit Wohneigentum fühlt sich mit der Größe der Wohnung überfordert.
  • Die Wohndauer von Senioren beträgt bei etwa 1/3 zwischen 10 und 29 Jahren, bei einem weiteren Drittel zwischen 30 und 49 Jahren und jeder zehnte Senior lebt bereits länger als 50 Jahre in der angestammten Wohnung. Eine Wohndauer von mehr als 30 Jahren überwiegt bei den Eigentümern (mehr als 50 Prozent). Bei den Mietern hingegen beträgt der Anteil ungefähr ein Drittel.
  • Laut einer Bedarfsberechnung sind von den ca. 11Millionen Seniorenhaushalten ungefähr 23 Prozent „mobilitätseingeschränkte Seniorenhaushalte“. Bis 2020 wird die Zahl der „Mobilitätseingeschränkten“ auf ca. 3 Millionen ansteigen. Ein immenser Bedarf an Anpassungsmaßnahmen in den nicht seniorengerechten Wohnungen geht damit einher.

Kapitel 5 - Zusammenfassung der Ergebnisse (Seite 56 – 58). Es wird u. a. herausgearbeitet, dass das Wohnen im Alter durch eine Vielzahl von Rahmenbedingungen (u. a. Rechts- und Förderinstrumente, Beratungsstrukturen, Festsetzung technischer Mindeststandards) erleichtert werden kann. Ergänzend für das selbständige Wohnen im Alter ist eine unterstützende wohnortsnahe Infra- und Versorgungsstruktur erforderlich, die auch entsprechende Hilfe- und Pflegeleistungen mit einschließt.

Diskussion und Fazit

Den Autorinnen ist es gelungen, aus einer Reihe von unterschiedlichen statistischen und empirischen Erhebungen und Befragungen wesentliche Fakten bezüglich des Wohnens im Alter herauszuarbeiten. An vielen Stellen weisen sie nach, dass Wohneigentum im Alter auch eine Last und Bürde darstellen kann, wenn die körperlichen und manchmal auch die finanziellen Mittel für eine angemessene Erhaltung des Eigentums spürbar nachlassen. Besonders im ländlichen Raum verlieren Immobilien an Wert und können daher nicht im erhofften Umfang als eine zusätzliche materielle Sicherung im Alter verwendet werden. Wiederholt konnte gezeigt werden, dass das alltagstaugliche Konzept „Wohnen im Alter“ ein komplexes Gebilde aus barrierefreier Wohnung, einem angepassten Wohnumfeld und wohnungsnahen Leistungsangeboten und Versorgungsstrukturen darstellt. Anhand des umfangreichen ausgewerteten Datenmaterials ließen sich Belege für einen gewaltigen Nachholbedarf an altersgerechtem Wohnraum als Neubaumaßnahme finden. Ergänzend und parallel hierzu wurde ein umfangreicher Bedarf an Anpassungsleistungen im oft schon älteren Bestand ermittelt. Mittels dieser bau- und sozialpolitischen Maßnahmen wird der Anspruch auf ein selbständiges Wohnen im Alter einzulösen sein.

Es kann das Fazit gezogen werden, dass die vorliegende Studie wertvolle Ergebnisse bezüglich des Wohnens im Alter angesichts des demografischen Wandels zusammengefasst hat. Die Arbeit kann daher vor allem Verantwortlichen in der Wohnungswirtschaft und der kommunalen Sozial- und Stadtplanung als Lektüre empfohlen werden.


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 11.05.2016 zu: Heike Böhmer, Janet Simon: Metastudie. Demografische Entwicklung und Wohnen im Alter. Auswertung ausgewählter wissenschaftlicher Studien unter besonderer Berücksichtigung des selbstgenutzten Wohneigentums ; [Forschungsbericht]. Fraunhofer IRB Verlag (Stuttgart) 2015. ISBN 978-3-8167-9464-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20071.php, Datum des Zugriffs 08.12.2019.


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ISSN 2190-9245

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